gutefrage aus Philosophierungen
Eine Intelligenz, die so handelt, wie es in der
Wissenschaftslehre dargestellt ist, soll vernünf-tig
heißen.
Zur
westlichen Großmacht stieg die Vernunft im siebzehnten Jahrhundert,
genau: nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges auf. Sie sollte an
die Stelle der Glaubensbekenntnisse tre-ten, die Europa in Zwietracht und
Verheerung geführt hatten.
Zu
uneingeschränkter Herrschaft wollte die französische Revolution sie
bringen: Im No-vember 1793 wurde in Notre Dame de Paris statt der
christliche Kulte die Fête de la Raison gefeiert. Doch dem Wohlfahrtsausschuss grauste vor ihrer atheistischen Tendenz und setzte ihr im Juni 1794 die Fête le l'Être Suprème entgegen - die Vernunft nicht länger als handeln-des Subjekt, sondern als Attribut der Gottheit.
Da hatte in Deutschland die Vernunftkritik
bereits begonnen: die Reflexion der Vernunft auf sich selbst, die Frage
nach ihrer Reichweite und ihren Bedingungen. Kant war beim Apriori
als einem Vorauszusetzenden steckengeblieben. Die Wissenschaftslehre führt auch dieses auf den Voraussetzenden selbst zurück: das tätige Ich.
Doch leider ist die Wissen-schaftslehre ihrerseits im Atheismusstreit steckengeblieben. Aber der hat sich erübrigt und nichts hindert uns, sie wieder aufzunehmen.
I. Vernunft ist nicht an sich, sondern sie dient einem Zweck. Für diesen Zweck ist sie in die Welt gekommen und nur für den ist sie da.
II. Mit andern Worten: Vernunft ist immer da an ihrem Platz, wo Übereinstimmung ange-bracht ist. Alles andere liegt nicht in ihrem Zweck.
III. Im sittlichen Bereich ist Übereinstimmung nicht nötig. Das Sittengesetz lautet: Tu das, was dein Gewissen dir gebietet, oder, mit andern Worten: Handle aus Freiheit. Aus Freiheit kann ich nicht handeln, wenn ich zuerst frage, was den andern ihr Gewissen gebiete, und mich mit ihnen darüber ins Benehmen setze. Es kommt auch gar nicht darauf an, ob es dasselbe gebietet, sondern darauf, dass es das Gewissen ist, das gebietet.
IV. Übereinstimmen müssen wir nicht über Gott und die Welt. Es reicht, wenn wir in dem Teil der Welt, in dem wir miteinander verkehren, übereinstimmen über die Angelegenheiten des Teils der Welt, in dem wir miteinander verkehren. Übereinstimmen müssen wir nicht über Gott und nicht über jenen Teil der Welt, in dem ein jeder von uns nur für sich ist.
Bedenkend immer: Die Welt ist keine Gegend, sondern lediglich ihr Horizont.
Woher und wozu wir vernünftig wurden.
spiegel
Einem isolierten Individuum hat sie sich in der Geschichte nie gestellt. Defoes Robinson hat-te den Zweckbegriff aus der Zivilisation mitgebracht, und wenn er gelegentlich einem Ding, das er noch nicht kannte, einen neuen Zweck anerfunden hat, so hatte er die Idee, Dinge an ihren Zwecken zu erkennen, doch nicht selber erfinden müssen.
Die Menschen und ihre Vorläufer in der Gattungsgeschichte konnten nicht leben, ohne zu-sammenzuleben. Dinge fanden sie nicht als Einzelne vor, sondern gemeinsam. Die Frage nach ihren Zwecken stellte sich nicht jedem allein, sondern allen zusammen. Oder auch: Als geltend bewährt haben sich diejenigen Zwecke, die sie teilten, die andern gingen wieder ver-loren. So entstanden Begriffe von den Dingen.
Richtig ist wohl, dass die Zwecke, die unsere Vorläufer erfanden, sich hauptsächlich aufs nackte Überleben bezogen haben dürften - auf ihren Erhaltungswert für die Individuen in ihren Lebensgesgemeinschaften. Materielle Zwecke teilen sich regelmäßiger mit, ideelle Zwecke bleiben länger individuell. Aber das ist ein gradueller Unterschied, der mit der Hö-he der Kultur abnimmt; im Prinzip ist ein Zweck ein Zweck.
Historisch ist es zwar eine bedeutsame Frage, wie immaterielle und daher fernerliegende Zwecke für Homo sapiens eine so viel mächtigere Kraft gewinnen konnten als in allen andern Gattungen. Aber dass es so ist, ist ein Faktum, das aller Anthropologie richtung-weisend zugrundeliegt. Denn umstritten sind die Zwecke nur, wenn und weil sie geteilt werden sollen.
Es ist diese historische Gegebenheit, die wir seit gut drei Jahrhunderten als Vernunft be-zeichnen. Sie aktualisiert sich alltäglich im Streit.
30. 8. 17
Auch dies ist nicht transzendental und im Konjunktiv gesprochen, sondern realistisch im Indikativ. Dass die Vernunft in der Welt ist, dass alle Vernünftigen darin übereinkommen, dass sie allenthalben zu gelten hat und dass die Vernünftigen den Meinungskampf überall da beherrschen, wo er öffentlich stattfindet, ist das Faktum, von dem die Transzendentalphi-losophie ausgeht. Nicht nur ausgeht: ist das Faktum, das sie verstehen will; das Faktum, auf das sie hinausläuft.
Das wirkliche Aufkommen der Vernunft im Laufe der Geschichte kann wohl mit den In-strumenten der Vernunft - Begriff und logische Schlussregeln - beschrieben werden. Aber da sie sich selber voraussetzen, können sie nicht sichtbar machen, was an dem beschriebenen Geschehen das Vernüftige gewesen sein soll: Es ist ein Petitio principii, durch die nichts ver-ständlicher wird.
Verstehen, 'wie die Vernunft zur Welt gekommen ist', will der Transzendentalphilosoph ja, um einen Maßstab zu finden, nach dem er beurteilen kann, ob dieses oder jenes vernünftig ist. Er will nicht aus Neugier entdecken, wo die Vernunft herkam, sondern er will wissen, wie sie begründet ist. Dass sie begründet ist, muss er aus heuristischen Gründen vorausset-zen, sonst hätte er ja nichts, wonach er suchen kann. So wird er von der Vernunft ein Modell entwerfen. Mit dem ist es wie mit allen Modellen: Sie bestehen, wenn sie in Bewegung die Leistungen erbringen, die von ihnen erwartet werden. Vorausgesetzt ist die Leistung, aufge-sucht werden die Bedingungen, unter denen sie möglich ist. Leistet das Modell, was es soll, so wird es selber Kriterium der Vernünftigkeit: Was nicht ins Modell passt, ist aus dem Verkehr vernünftiger Wesen auszuscheiden.
Die Transzendentalphilosophie ist Vernunftkritik. Hat sie ihre Arbeit besorgt, kann sie sich der wirklichen Geschichte davon zuwenden, wie die Vernunft nach und nach die Köpfe von immer mehr Menschen erfasst hat, und kann beurteilen, ob ihr Anspruch auf Weltherr-schaft realistisch ist. Dieser zweite Arbeitsgang heißt Anthropologie.
6. 6. 18
Aktualisieren und Fortschreiben der Vernunftkritik ist nicht nur möglich, sondern dringend geboten. Die gegenwärtige Philosophie ist festgefahren in dem unfruchbaren und ausweglo-sen Gegensatz zwischen der sprachanalytisch-'systematischen' Partei und den historisieren-den 'Kontinentalen'. Den Gegensatz überwinden, indem sie ihn gegenstandslos werden lässt, kann allein die Transzendentalphilosophie.
Sie will nicht nur Begriffe bestimmen, sondern das Bestimmen selber durchsichtig machen. Da hat sie noch einiges zu erledigen und Philosophen mit dem historischem Blick sind reichlich bedient. Sie will aber zu ihrer eigenen Bestimmung gelangen: der Begründung einer kritischen Anthropologie. Da haben die mit dem systematischen Verlangen zu tun bis ans Ende ihrer Tage.
Vernunft wird als gegeben vorgefunden.
rp-online
Ich finde mich also als Objekt, bin mir gegeben.
Das Bestimmbare ist ein Reich
vernünftiger Wesen außer mir. Aber vernünftige Wesen außer mir werden
nur gedacht, um das Mannigfaltige zu erklären. Die Vernunft und den
freien Willen anderer außer mir nehme ich nicht wahr, ich schließe nur
darauf aus einer Erscheinung in der Sinnenwelt; sie gehören daher nicht
in die Sinnen-, sondern in die intelligible Welt, in die der Noumene.
____________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 150
Nota I. -
Dass Vernunft sei, nehme ich nicht wahr in der Begegnung mit andern
Wesen, die ich hinterher als vernünftig ansehen werde wie mich selber.
Wahr nehme ich bloß, dass sie da sind neben mir. Aus diesem bloßen Umstand schließe ich - finde ich? postuliere ich? -, dass da ein Medium sein muss, in dem wir miteinander bestehen.
Mit andern Worten, die 'vernünftigen Wesen' sind eher da - in meiner Vorstellung -, als die Idee der Vernunft. Ich finde, dass sie 'in gewisser Hinsicht' mir gleich sind, oder ich ihnen. Dieses Tertium will ich Vernunft nennen. Wie weit es reicht, wird man sehen; was es ist, muss man dann nicht wissen.
29. 12. 16
Nota II. - Dass irgendwo 'Vernunft
herrscht', ist der faktische Ausgangspunkt der Wissen-schaftslehre, den
sie zu erklären beabsichtigt. Ihn hat sie vorgefunden. Dass Vernunft
herrscht, ist mir gegeben durch die Gegenwärtigkeit einer 'Reihe vernünftiger Wesen'. Mit ihnen verkehre ich als mit meinesgleichen. Diese Art von
Verkehr nenne ich vernünftig.
Bestimmbar ist nur das Sinnliche, denn das Ideale ist selber bestimmend. Die Reihe der vernünftigen Wesen begegnete mir in der sinnlichen Welt. Indem ich sie als vernünftig (an)-erkenne, rechne ich sie der intelligiblen Welt zu. Insofern sind sie durch mich nicht bestimm-bar,
sondern bestimmt. Das ist die Bestimmtheit des vernünftigen Verkehrs:
dass in ihm sich die vernünftigen Wesen gegenseitig teils als
bestimmbar und teils als bestimmt behan-deln (und 'keines das andere
lediglich als Objekt auffasst').
Vernunft wird als
gegeben vorgefunden heißt: Vernunft wird nicht bestimmt, sondern
be-stimmt sich selbst - als Wechselwirkung einer Reihe vernünftiger
Wesen.
JE, 20. 10. 18
Vernunft ist ein Vorurteil
*) ...für all ihr Urteilen wohlbemerkt ein Maß.
Nachtrag. – Dieses Vorurteil hat nicht immer geherrscht und tut es noch heute nicht überall. Wo Vernunft nicht das allgemeingültige Maß aller Urteile ist, hält man es für möglich, dass der Zugang zur Wahrheit (oder auch nur zu Wahrheiten) dem besonders Eingweihten oder von überirdischer Fügung – von göttlicher Gnade – oder von Geburt Bevorzugten vorbe-halten sei.
Nur unter der Herrschaft der Vernunft ist, zumindest hinsichtlich der Urteilsfähigkeit, die prinzipielle Gleichheit Aller überhaupt denkbar. Man könnte selbst vermuten, dass es die wachsende Gleichberechtigung Aller durch den bürgerlichen Markt war, die die Vorstellung einer allen gemeinsamen Vernunft erst möglich und zweckmäßig gemacht hat.
10. 2. 16
Ich weiß nur…
Jusepe de Ribera , Saints Peter and Paul, um 1616.
…das, was ich einem Andern zwingend beweisen kann. Alles andere nehme ich nur an, wenn auch vielleicht mit größt möglicher Gewissheit.
Die Annahme einer Intelligenz außer mir ist nicht erst eine empirische, sondern schon eine logische Voraussetzung der Vernunft.
Juli 20, 2009
Das Zeitalter der Vernunft begann, als sich unter den Menschen die Annahme verbreitete, dass es für alle unsere Urteile ein gemeinsames Maß gäbe, an dem sich deren Gültigkeit be-währen muss. Dieses Objektive nennen wir Vernunft. Nur unter ihrer Voraussetzung hat Argumentieren überhaupt einen Sinn. Ohne sie könnte man auch würfeln oder die Fäuste entscheiden lassen - wie es bis dahin meistens geschah.
In Europa hatte zuvor die geoffenbarte Religion diesen Dienst erweisen sollen, doch un-bestritten - wenigstens seitens der weltlichen Mächte - waren ihre irdischen Vertreter als Schiedrichter nie; und gar nicht mehr in Betracht kamen sie nach der Reformation und den Glaubenskriegen.
Der 30jährige Krieg hatte halb Europa in Schutt und Asche gelegt. Ohne Obersten Ver-mittler hätte die eben in Holland erblühende bürgerliche Gesellschaft nie ein Zukunft ge-habt. Der Zusammenhang der beiden ist kein bloß historischer, sondern ein genetischer. "Vernunft nennen wir die Annahme, dass es ein Urteilsvermögen gibt, welches als einem Jeden in gleichem Maße gegeben vorausgesetzt, und dessen Betätigung einem Jeden in gleichen Maße zuzumuten ist." Der Westfälische Frieden war ein Vertrag, und auf dem Vertrag zwischen zwei als gleich-souverän geltenden Kontrahenten beruht die ganze bürgerliche Zivilisation: Austauschen heißt einen Vertrag schließen.
Zurück zum Ausgangspunkt: Dass ich das uns allen gemeinsame vernünftige Urteilsver-mögen im konkreten Fall regelmäßig angewendet habe, mag ich alleine glauben; aber ver-tragsstiftend kann mein Glauben erst sein, wenn er von den andern Gesellschaftsteilhabern bestätigt wurde.
Wo die Vernunft wirklich herkam.
Vernunft im Leben
Ihren Aufstieg zur westlichen Großmacht verdankt die Vernunft weder Galileo und Des-cartes noch Newton und Leibniz. Sie war vielmehr die Folge des Europäischen Bürger-kriegs, der im 17. Jahrhundert weite Teile des Kontinents verheerte. Ob die konfessionelle Zersplitterung seine Ursache oder mehr ein Vorwand war, wird kaum zu entscheiden sein, gewiss ist aber: Wer seinen Glauben ins Feld führte, goss Öl ins Feuer. Eine Rückkehr zu friedlichem Waren- und Geistesverkehr konnten nicht die verfeindeten Bekenntnise, son-dern nur eine geistige Autorität vermitteln, die über ihnen stand.
Ohne die geistigen Vorarbeiten von Hugo Grotius hätten die in Münster und Osnabrück versammelten europäischen Diplomaten sich kaum auf den Westfälischen Frieden ver-ständigen können: "Etsi deus non daretur" - so, als ob es Gott nicht gäbe. Und auch Thomas Hobbes' Entwurf eines absolutistischen Zwangsstaats war ein rationalistisches Friedensprojekt, denn ob Leviathans Haupt nun ein militärischer Usurpator oder ein legitimer Erbfürst war, interessierte ihn gar nicht. Sowohl das auf Naturrecht gegründete vertragliche Völkerrecht als auch die Absolute Monarchie waren Kinder der Vernunft. Ohne sie kein Vernunftzeitalter, keine Aufklärung.
Was ist Vernunft? 'Das, was bleibt, wenn das Dogma entfällt': ein Medium, das erlaubt, unterschiedslos über Alles zu urteilen, während die religiösen Dogmen immer wieder nur Besonderungen hervorriefen. Die elementare Vorstellung von Vernunft ist die einer abso-luten Geltung.
Die Sache selbst war nicht neu, eine grobe Ahnung davon längst da, so dass eine Definition sich erübrigte. Denn was vernünftig in specie war, würde sich immer im täglichen Gebrauch einer Fähigkeit konkretisieren, die allen gemeinsam war, sensus communis.
- Vernunft, fernunst von ahd. ferniman, vernehmen. Wahrheiten hören, verstehen [=emp-fangen, passiv!]
- ratio, raison, reason: von lat. reor, rechnen, später: kombinieren, erwägen [ratiocinatio bei Cicero: vernünftige philosophischer Überlegung; Römer: Juristik und Anwaltsrhetorik wichtiger als Philosophie; Recht bekommen vor Recht haben [aktiv!]
- bei ratio wird eher an messbare Verhältnisse gedacht, bei Vernehmen eher an Qualia; das eine aktiv konstruierend, das andere mehr passiv 'nehmend'.
Vernunft der Gelehrten
- Wogegen ratio/Vernunft in ihrem Gebrauch den Anspruch auf Wahrheit schon mitbrin-gen, im ersten Fall mathematisch konstruierend, im zweiten dunkel raunend.
Plato hatte dóxa von epistémê unterschieden, aber eine Vernunft im kategorialen Unter-schied zu anderen intellektiven Modi kannten die Griechen nicht; die Grenzen etwa zwi-schen noûs und lógos blieben fließend. Noûs und davon abgleite nóein bezeichnet eher die subjektive Seite des Für-wahr-Erkennens. Die christliche Dogmatik bevorzugte daher den Logos als GOttes Wort. Neben der Theologie war für eine selbstständige philosophische Spekulation kein Platz.
von einem Notizblatt, vermutl. Sommer 2009
Das Obige sollte anscheinend fortgesetzt werden: mit dem Eingang der Vernunft in die spekulative Philosophie. Davon bin ich wohl abgekommen und der Zettel verlor sich in meinen Papieren. Hier nur soviel:
Den Versuch, Vernunft zu kodifizieren und ihren Gebrauch unter den Gelehrten verbind-lich zu machen, hatte René Descartes schon 1637, mitten im Dreißigjährigen Krieg, mit dem Discours de la méthode unternommen. Seine Absicht war es ausdrücklich, jenseits der widerstreitenden Einzelmeinungen einen allgemeinen und zwingenden Maßstab zu setzen, an dem der Meinungsstreit schlechterdings und für jeden einsichtig entscheidbar wäre. Er war als Reiteroffzier am Krieg selber beteiligt gewesen und stand dem Problem noch näher als die in Münster und Osnabrück versammelten europäischen Diplomaten.
JE
Der wundeste Punkt der Vernunft ist ihre Selbstverständlichkeit.
Dass die Transzendentalphilosophie mit den Tatsachen gar nichts zu tun hätte, ist eine aka-demische Legende. Sie bildet sie zwar nicht ab wie die realen Wissenschaften, so dass sie in ihr als Gegenstand vorkämen; aber sie will sie darstellen in ihren Sinnbezügen.
Der Elemtenarfakt, von dem die Wissenschaftslehre ausgeht, ist, "dass es Vernunft gibt". Nämlich im herrschenden Bewusstsein ihrer Zeit, in der bürgerlichen Welt. "Vernunftzeit-alter" ließ sich die Epoche nennen, die der Kunsthistoriker als Rokoko kennt.
Dann ist es still geworden um die Vernunft. Zum Thema ist sie allerdings selbst in dem Zeitalter nicht geworden, das sich nach ihr nennen ließ; vielmehr blieb sie überall schwei-gende, weil selbstverständliche Voraussetzung - bis Kant die transzendentale Denkweise in die Welt gebracht hat. Was die Vernunft sei, worin sie bestehe, woher sie komme, hat auch er nicht gefragt. Er hat sie genommen, wie er sie gefunden hat, und nach immanenten Ge-sichtspunkten untersucht.
Allein Fichte ist den entscheidenden Schritt gegangen: zu fragen, was sie ist. Die Wissen-schaftslehre ist das allgemeine Modell der Vernunft: so, wie er sie vorfand.
Woher sie kommt, hat auch er nicht direkt zu fragen gewagt. Er schwankte zwischen zwei Annahmen, die einander ausschließen: dass sie entweder 'sich selber mache' und recht eigentlich nur in diesem ewigen sich-selber-Machen bestünde, oder dass sie latent schon immer da (wo?) gewesen sei und von den lebendigen Intelligenzen nur noch aufgefunden werden müsse.
An dieser Frage ist er gescheitert, der Atheismusstreit hat es lediglich an den Tag gebracht, aber nicht verursacht. Er hat sich mit einem hiatus irrationalis in die dogmatische Lösung geworfen, und damit war das Problem nicht gelöst, aber entsorgt. Hegel konnte die Ver-nunft zur Substanz machen und so tun, als habe er die Notwendigkeit, die Substanz "auch als Subjekt zu fassen", selber entdeckt.
Tatsache ist, dass nach ihm die Vernunft ganz still aus dem philosophischen Vokabular ausgeschieden wurde.
Nicht aber aus dem gesunden Menschenverstand, ganz im Gegenteil. Noch zu Hegels Zeiten musste nicht jeder Hinterwäldler sich zur Vernunft verpflichtet wissen und durfte seinem Köhlerglauben huldigen. Das macht den westlichen Menschen in seinem Selbst-verständnis gegenüber allen Andern aus: dass er sich und alle seinesgleichen der Vernunft verpflichtet fühlt. Das ist die Grundlage der abendländischen Kulur.
Und auch der schrillste postmoderne Konstruktivist verlangt von sich und und den andern im alltäglichen Umgang ganz entschieden Vernunft in Denken und Handeln und wird schonmal einen Gedanken als ganz unvernünftig rügen, und wenn er sich auch im wissen-schaftlichen Verkehr vor diesem Wort hütet wie der Teufel vorm Weihwasser, wird er ge-rade dort auf seine Vernunft den größten Wert legen. Nur weil sie zur selbstverständlichen Prämisse des Alltags geworden ist, konnte die Vernunft aus der Philosophie schwinden.
Aber das ist auch ihre Schwäche. Denn was nur selbstverständlich ist, ohne ausgesprochen zu werden, kann von neuen, aber ebenso unausgesprochenen Prämissen durchsickert und unterwandert werden, das geschieht alle zwanzig, dreißig Jahre immer mal wieder. Dann ist die Vernunft wort- und namenlos. Aber das ist die Stunde der Kritischen alias Transzenden-talphilosophie.
Denn wennauch Vernunft kein objektiv Gegebenes ist, so besteht Vernünftigkeit eben darin, sie als solche auf- zufassen. Wer - sei's wegen der Transzendentalphilosophie, sei's wegen des Konstruktivismus - meint, jeder mache sich seine Vernunft selber, kann nicht vernünftig denken und schon gar nicht handeln. Vernunft "gibt es" nur im Tun: in einem Tun, das zu einem gemeinsamen wird, weil und indem alle Handelnden davon aus- gehen, dass ein oberster Zweck ihnen allen vorausgesetzt ist. Welcher das ist, wird sich unter dieser Vorausset-zung von selbst herausstellen - immer wieder.
13. 2. 17
Apologie des gesunden Menschenverstands.
... Blindlings auf unsere Sinneseindrücke vertrauen - das tun nur ganz kleine Kinder. Schon Schulkinder wissen, dass manches auch täuschen kann. Aber im täglichen Leben ist das doch die Ausnahme, im Alltag reichen unsere fünf Sinne schon aus. Erst wenn man sich an was Gesuchtes und Ausgefallenes macht, muss man auf der Hut sein; und natürlich in Ge-sellschaft von Taschenspielern.
Es ist nicht der gesunde Menschenverstand, der den Alltagsmenschen vom Wissenschaftler unterscheidet.
- Wissenschaft und gesunder Menschenverstand.
- Die Wirklichkeit der Vernunft ist der gesunde Menschnverstand.
Es ist dies, dass sich der Wissenschaftler regelmäßig mit Gesuchtem und
Ausgefallenen beschäftigt und zu methodischer Skepsis angehalten ist -
weshalb er die stete Konkurrenz der Kollegen braucht, die ihm missgün-
stig auf die Finger schauen.
Aber Achtung! Das Gesuchteste und Ausgefallenste ist nicht unbedingt das
Verborgenste. Es ist im Gegenteil regelmäßig das, was allzu flach auf
der Hand liegt: das Gewöhnliche, das Selbstverständliche. Wissen heißt -
im Unterschied zum Glauben und allen andern Arten des Fürwahrhaltens -
für seine Meinungen geprüfte Gründe haben. Das Selbstverständliche
versteht sich von selbst und braucht keine Gründe. Wenn wir für jedes,
buchstäblich jedes unserer Urteile geprüfte Gründe bräuchten, würden
wir keine vierundzwanzig Stunden durchstehen, vielleicht nicht einmal
eine halbe. Wir meistern das tägliche Leben nur, weil wir (ungefähr)
neunundneunzig Prozent der Dinge, die wir wahrnehmen, als
selbstver-ständlich behandeln - weil sie im Großen und Ganzen immer so
sind und es auf die feinen Unterschiede im Alltag nicht ankommt.
Die Selbstverständlichkeiten unseres Sensoriums sind die Erbschaft von
fast vier Milliarden Jahren Anpassung - so wie all unsere
Hirnleistungen. So wie unser Denkvermögen, das ge-wissermaßen ihr
Filetstück ist. Davon leben die täglich akribisch kritischen
Wissenschaftler ebenso wie der unbefangene gesunde Menschenverstand. Sie
unterscheiden sich nicht in ihrer Substanz, sondern lediglich nach der
Art und Weise und nach den Gegenständen, wie und worauf sie angewendet
werden.
Was sich wirklich vom gesunden Menschenverstand unterscheidet -
allerdings auch nur nach dem Gegenstand und der Art und Weise, wie sie
angewendet werden -, ist die Kriti-sche alias Transzendentalphilosophie,
die nach den Gründen nicht dieses oder jenes Wissensakts, sondern nach
dem Grund unseres Wissen überhaupt fragt und sozusagen hinter sich greift. Da muss der gesunde Menschenverstand über seinen Schatten springen.
21. 6. 2016
Ihr Grund ist ihr Zweck.
Escher aus Philosophierungen.
Unter Vernunft vestehen
wir - unausgesprochen, denn das ist seine Bedingung - unser System
geprüfter und im geistigen Verkehr bewährter Begriffe. Es ist ein System
in pro-cessu, und nur darum sind wir bereit, es als System
anzunehmen: Begriffe, die ihren Dienst nicht mehr tun, werden
ausgemustert oder als zu vieldeutig einstweilen auf die Reservebank
verwiesen (aber wir haben ein gutes Gedächtnis, und mancher Begriff, der verworfen wur- de, kommt gelegentlich wieder zu Ehren). Und: Es kommen allezeit neue hinzu.
So aber nehmen wir das System als gegeben an - so
selbstverständlich, dass die Frage Wo-her? und Wozu? seit gut einem
Jahrhundert als 'metaphysisch' schon gar nicht mehr statt-haft ist. Ist
es vom Himmel gefallen, hat es sich autopoietisch ex nihilo selbst
kreiert? Hat es sich aus bloßer Erfahrung angesammelt?
Das wäre völlig gleichgültig, wenn seine Geltung heute nur pragmatisch
gerechtfertigt ist. Tut es den Dienst, den man ihm vernünftiger Weise
unterstellen darf?
Die Frage lässt sich nicht erörtern, wenn wir die Begriffe, aus denen es besteht, zu seiner Überprüfung auf das System selber anwenden. Es könnte immer nur antworten Ick bün all do. Wir müssen vielmehr eine Voraussetzung aufsuchen, unter der allein die Begriffe zu dem werden konnten, was sie (uns heute) sind.
Die Wissenschaftslehre
behauptet, die allgemeine Prämisse aufgefunden zu haben, auf der alle
unsere Begriffe in letzter Instanz beruhen, auf die sie alle letzendlich
zurückzuführen sind, und vor der sie sich alle praktisch bewähren
müssen. Sie heißt: Vernünftig ist der Mensch, wenn und insofern er sich ursprünglich als wollend
vorstellt. Lässt sie sich über-prüfen? Historisch, empirich, faktisch
nicht; nur pragmatisch: Lässt sich unter dieser Vor-aussetzung das Leben vernünftig führen?
Das wäre ein Zirkelschluss?
Nun ja. Aber es ist ein zirkulärer Rückschluss, und das ist, worum es uns zu tun war: Hat Vernunft einen Grund? Quod erat demonstrandum: Ihr Grund ist ihr Zweck.
19. 12. 17
zu Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem
...die Frage ist: Wie kann ein Vernunftwesen sein Bewusstsein erklären?
______________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 167.
Das ist die Frage, der die Wissenschaftslehre nachgeht. Seit anderthalb Jahunderten - seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges - waren
die Gebildeten Europas sich einig: Von nun an sollte die Vernunft
regieren. Vernunft wurde zur selbstverständlichen Grundlage von Al-lem.
Selbstverständlich, denn was sie sei, wurde nicht gefragt. Es hätte die Vernunft ja von sich selbst reden müssen. So fragte schließlich auch Kant nicht: Was ist Vernunft? Sondern le-diglich: Wo sind ihre Grenzen?
Die Grenze, an der er
selber stehenblieb, waren die zwölf Kategorien und die beiden
An-schauungsformen. Er nannte sie das Apriori, womit auch gemeint war,
dass man hinter sie nicht zurückfragen könne, nämlich solange man in
der Wissenschaft bleiben wolle; dahinter begänne das Reich des Glaubens.
Kant war auf halbem Wege stehen geblieben, Fichte wollte ihn zu Ende gehen. "Wie kann ein Vernunftwesen sein Bewusstsein erklären?" Es ist nicht die Vernunft, die
von sich selber singen soll. Es ist ein wirkliches, lebendiges,
endliches Bewusstsein, das sich klarmachen will, wie es zu dem gelangte,
was es als seine Vernunft erkennt. Sie sind von Anbeginn zwei, ein
Subjekt und ein Objekt. Wer von beiden ist dieses, wer jenes? Begreifen
können sie... einander? - nein: sich nur, indem sie die Stelle wechseln.
Doch wohlgemerkt: Nicht die Vernunft hat sich erklärt, sondern ein wirkliches Bewusstsein hat 'sich' seine Vernünftigkeit erklärt. Daher ist diese Erklärung "nicht an sich gültig"(ebd.), nämlich nicht für ein etwaiges unendliches oder überirdisches Vernunftwesen oder womög-lich den Schöpfergott selbst, sondern gilt nur für besagtes Bewusstsein selbst; aber für die-ses gilt sie.
5. 6. 17
Nota. Das
obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie
der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht
wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.


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