Dienstag, 31. Mai 2022

Das Paradox des Schulsports.


aus spektrum.de, 23. 5. 2022                                                                                                         
zu Levana, oder Erziehlehre

Was im Sportunterricht schiefläuft
Viele Menschen haben schlechte Erinnerungen an den Schulsport. Woran liegt das? Ist es inzwischen besser geworden? Und: Wie sieht guter Sportunter-richt aus?


von Annika Röcker

Schulsport am Gymnasium: Die Kinder sollen Teams bilden. Sie rufen einen Namen nach dem anderen auf. Zuerst werden die sportlichen und beliebten Kinder in die Mannschaften gewählt. Dann die mittelmäßigen. Am Ende bleiben nur die pummeligen, weniger beliebten und vermeintlich unsportlichen Kinder übrig. Dazu habe ich immer gehört. Zum Rest. Ich kann mich noch genau an dieses Gefühl erinnern, an die abschätzigen Blicke der anderen. Manche stöhnten auf, wenn ich in ihr Team gewählt wurde. »Mit der gewinnen wir nie.«

Mit solchen Erfahrungen bin ich nicht allein. Die Journalismus-Plattform »Krautreporter« hat Anfang 2022 ihre Community zu ihren Erfahrungen mit dem Schulsport befragt. Mehr als 5000 Menschen haben geantwortet – ein Rekord. Das Ergebnis: viele traurige und schockierende Geschichten. Mehr als 80 Prozent der Teilnehmenden gaben an, ihre Erfahrungen im Sportunterricht hätten dazu beigetragen, dass sie noch immer nicht gern Sport treiben. So viele vertane Chancen.

Laut einem Bericht der Deutschen Krankenversicherung DKV verbringen die Deutschen durchschnittlich 8,5 Stunden pro Tag im Sitzen – so viel wie nie zuvor. Doch der Körper ist nicht fürs Sitzen, sondern für Bewegung gemacht. Bewegen wir uns zu wenig, werden wir krank. Laut Daten des Statistischen Bundesamts haben 61 Prozent der Männer und 47 Prozent der Frauen in Deutschland Übergewicht. Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck und Arteriosklerose sind auf dem Vormarsch.

Anlass genug, um über Ausrichtung und Gestaltung des Schulsports nachzudenken. Wäre es nicht Aufgabe des Sportunterrichts, Kinder für Sport und Bewegung zu motivieren, anstatt sie zu vergraulen? Was läuft hier schief? Oder ist es längst besser geworden?

Letzterem würden 60 bis 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen zustimmen, sagt Stibbe, der schon viele Jahre zum Schulsport forscht. Bleiben 30 bis 40 Prozent, die das Schulfach Sport nicht so sehr mögen, vielleicht sogar Angst davor haben. Woran liegt das? Schlechte Erfahrungen. Das zeigen Befragungen wie die der Krautreporter, aber auch internationale Daten. In einer gemeinsamen Studie der Universitäten Paderborn, Augsburg und Löwen (Belgien) berichten Kinder aus verschiedenen europäischen Ländern, sie seien von Mitschülerinnen, Mitschülern oder Lehrpersonen beleidigt worden oder hätten zur Strafe Übungen vormachen müssen. Aus empirischen Studien weiß man zudem, dass die Begeisterungsfähigkeit für Bewegung mit dem Alter abnimmt. In der Pubertät wird vieles schwieriger.

                                      Der Sportunterricht berührt intim und existenziell                                                                           Günter Stibbe, Sportwissenschaftler                                          

»Der Sportunterricht berührt intim und existenziell«, sagt Stibbe. In keinem anderen Fach sei man körperlich so exponiert. Zwar gibt es noch keine Studien, die die Auswirkungen von traumatischen Erfahrungen im Schulsport auf die Psyche untersucht haben. Gut belegt ist jedoch, dass Menschen, die in jungen Jahren Mobbing erlebt haben, später häufiger von Depressionen und anderen psychischen Beschwerden betroffen sind.

Besonders für Teenager ist Zugehörigkeit und Anerkennung durch Gleichaltrige sehr wichtig. Ausgeschlossen zu sein aktiviert dieselben Hirnareale wie körperlicher Schmerz. Während der Pubertät finden im Gehirn bedeutende Umbauprozesse statt. Fachleute vermuten, dass wiederholte Kränkungen während dieser Zeit die Art und Weise beeinflussen, wie die Menschen Schmerz verarbeiten. Hirnscans haben gezeigt, dass es strukturelle Unterschiede zwischen den Gehirnen von gesunden Jugendlichen und von Mobbing-Opfern gibt. Die Demütigungen bleiben unvergessen.

Demütigungen im Schulsport prägen dauerhaft

Ich erinnere mich an schier endlose Schulstunden, die wir mit Boden- und Geräteturnen zubrachten. Viele der vorgeschriebenen Übungen habe ich nie hinbekommen. Insbesondere nach einem Wachstumsschub in der Pubertät waren meine Arme und Beine zu lang. Ich schaffte es einfach nicht, sie richtig zu sortieren. Irgendwann galt es immer, eine Kür zusammenzustellen und diese vor allen anderen vorzuturnen. Natürlich misslangen meine Versuche. Es reichte meist gerade so für eine Drei. Bei mir blieb hängen: Ich bin unsportlich.

Diesen Satz hat Günter Stibbe schon oft gehört. Bei einer Studie, die er gemeinsam mit Kollegen an Berufsfachschulen in Nordrhein-Westfahlen durchführte, gaben zwar viele der überwiegend weiblichen 16-jährigen Teilnehmenden an, gerne Sport zu machen. Sie hielten sich aber nicht für sportlich. Schließlich gab es in der Schule nie ein »gut« oder »sehr gut«. Dahinter stecke die Annahme, nur gesunde, topfitte und leistungsfähige Menschen könnten Sport treiben, sagt Sportpädagoge Stibbe. »Das ist eine Katastrophe. Der Sport ist für den Menschen da und nicht umgekehrt.«

»Sportliche Aktivitäten können dazu beitragen, dass schwierige Lebenssituationen besser bewältigt werden«, heißt es im »Memorandum Schulsport« von 2019, einem Papier, das mehrere Sportverbände gemeinschaftlich verfasst haben. Insbesondere Wohlbefinden, Fitness und Selbstvertrauen der Kinder, aber auch gesellschaftliche Prozesse wie Integration und Inklusion können dadurch gestärkt werden. Geschieht das auch – oder ist vielmehr das Gegenteil der Fall?

Das Memorandum kommt zu dem Schluss, dass sich der Schulsport in Deutschland in einer »ausbaufähigen Situation« befindet. Weiter heißt es: »Die Rahmenbedingungen und Wirkungsmöglichkeiten (…) könnten besser ausfallen, sie sind aber – verglichen mit früheren Zeiten und anderen Ländern – auch nicht so schlecht.«

Der Leistungsgedanke sitzt bereits bei Kindern tief

»Es hat sich schon eine Menge getan«, sagt Stibbe, der künftige Sportlehrerinnen und Sportlehrer ausbildet. Repräsentative Untersuchungen zum Schulsport in Deutschland gibt es wenige; die neuesten Daten stammen von 2006. Darin fragten die Forschenden rund 9000 Schüler und Schülerinnen aus 4., 7. und 9. Klassen sowie deren Sportlehrerinnen und -lehrer, worin ihrer Meinung nach die Ziele des Sportunterrichts liegen.

 

 

Die Antworten überraschen: Für die Lehrkräfte stand der Gedanke, den fairen Umgang miteinander zu fördern, an erster Stelle, gefolgt von der Absicht, die Kinder zum weiteren Sporttreiben zu motivieren. Auf dem dritten Platz: »Gesundheit und Fitness fördern«. Dieser Punkt stand bei den Kindern an erster Stelle, gleich auf Platz zwei folgte: »Die Leistung in einzelnen Sportarten verbessern.« Offenbar hat sich der Leistungsgedanke tief in die Köpfe der Kinder eingeprägt – obwohl die Lehrenden dies gar nicht beabsichtigen.


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Die so genannte SPRINT-Studie ergab außerdem: Das Notenspektrum im Schulsport erstreckt sich im Wesentlichen von eins bis drei. Die Noten »ausreichend« und »mangelhaft« gibt es so gut wie gar nicht. Dahinter stecke vermutlich die Absicht, die Kinder nicht durch schlechte Noten zu demotivieren, sagt Stibbe. Damit erreicht man unter Umständen genau das Gegenteil, denn sie stellen fest: Egal, wie sehr ich mich anstrenge, es gibt schlimmstenfalls eine Drei. Und die anderen Kinder wissen trotzdem: Der oder die ist schlecht. Den wähle ich besser nicht. 

 

    Man kann auch eine Note vergeben für Anstrengungsbereitschaft, Fairness oder Empathie                        Julia Besch, Grundschullehrerin


Braucht es im Schulsport überhaupt Noten? Schließlich sind die körperlichen Voraussetzungen individuell verschieden. Wer klein ist, kann in der Regel nicht so hoch springen wie jemand, der groß gewachsen ist. Ein übergewichtiges Kind tut sich oft mit vielem schwerer, schließlich hat es mehr Gewicht zu schleppen. Eine gewisse Art von Bewertung und Wettkampf gehöre zum Sport, sagt Sportwissenschaftler Stibbe. Schließlich gehe es auch darum, gewinnen und verlieren zu lernen. Aber nicht nur die absolute Leistung, auch den Leistungsfortschritt könne man bewerten: Wie sehr hat sich jemand im Rahmen seiner individuellen Voraussetzungen und Möglichkeiten verbessert?

»Als Lehrkräfte haben wir eine pädagogische Freiheit, die sollten wir nutzen«, stimmt Julia Besch zu. Und: »Man kann auch eine Note vergeben für Anstrengungsbereitschaft, Fairness oder Empathie.« Wichtig sei, die Notengebung transparent zu machen und mit den Kindern über diese Themen zu sprechen. Etwa: Wie gehe ich mit jemandem um, der nicht so gut werfen oder turnen kann? In ihrer Klasse habe sie damit gute Erfahrungen gemacht, sagt die Grundschullehrerin.

Wenn jemand eine bestimmte Übung nicht könne, dürfe er auch etwas anderes machen, erzählt meine elfjährige Bekannte, die ein Gymnasium besucht. Oder die Lehrerin helfe. Zwar müsse man vor den anderen vorturnen, man könne sich aber aussuchen, ob in der einen oder der nächsten Woche. »Dann hat man noch ein bisschen Zeit zum Üben.« Ihr Lehrer mache die Noten ganz nebenbei, meistens merke sie gar nichts davon, sagt die neunjährige Grundschülerin. Insgesamt höre ich von Kindern, die ein Gymnasium besuchen, häufiger vom Vorturnen und relativ strikten Notentabellen als von Kindern an Grund- und Realschulen. Die Art der Benotung hängt wohl auch von der Schulart ab.

Am Gymnasium steht oft die Leistung im Vordergrund

Wer am Gymnasium unterrichten will, muss in der Regel ein Universitätsstudium absolvieren. Das sei deutlich leistungsorientierter und biete weniger pädagogische und didaktische Inhalte als die Ausbildung von Grund-, Haupt-, Realschul- und Förderschullehrkräften, sagt Besch. Sie selbst hat an einer Pädagogischen Hochschule studiert – eine Institution, die es nur in Baden-Württemberg gibt. Derzeit unterrichtet sie vier Tage in der Woche, ist Klassenlehrerin an einer Grundschule. Am fünften Tag fährt sie an die Universität Saarbrücken, wo sie sich Forschung und Lehre widmet – und auch künftigen Gymnasiallehrkräften begegnet.

»Viele kommen aus dem Vereinssport und gehen mit einem Trainerverständnis in den Sportunterricht. Aber ein Trainer ist kein Lehrer«, sagt sie. Das zu Grunde liegende Problem: Wer Sport studiert, war in der Regel gut im Schulsport und gibt den Leistungsgedanken, dem er oder sie entsprochen hat, unter Umständen an seine Schülerinnen und Schüler weiter. »Manche Studierenden können nicht verstehen, dass jemand Sport nicht mag«, bestätigt Stibbe, der an der Deutschen Sporthochschule Köln Lehrkräfte für alle Schularten ausbildet.

Eigentlich sollten gerade diejenigen, die früher schlecht im Sportunterricht waren – oder dies zumindest nachvollziehen können –, Sportlehrer werden. »Ich sage meinen Studierenden immer: Ihr müsst bei den Stärken der Schülerinnen und Schülern ansetzen und den Sport verändern. Nicht die Menschen so verändern, dass sie den Sport treiben können.« Seinem Eindruck nach sind auch die ambitionierteren unter den Studierenden schon deutlich sensibler und empathischer geworden.

 

Sehe ich den Menschen als Produkt seiner Leistungen? Oder möchte ich den          Menschen in seiner Persönlichkeit weiterentwickeln?                                                 Julia Besch, Sportwissenschaftlerin


Das Menschenbild sei entscheidend, sagt Besch: »Sehe ich den Menschen als Produkt seiner Leistungen? Ist er nur gut, wenn er weit werfen, schnell rennen und hoch springen kann? Oder möchte ich den Menschen in seiner Persönlichkeit weiterentwickeln?« Sportlehrerinnen und Sportlehrer haben Besch zufolge einen Doppelauftrag: »Wir erziehen die Kinder sowohl zum als auch durch den Sport«.

Weil Sportarten wie Fußball, Leichtathletik oder Turnen zu unserer Kultur gehören, müssten sie in gewisser Weise gelehrt werden, findet die Pädagogin. Genauso wichtig, wenn nicht wichtiger sei aber, durch den Sport die persönlichen Kompetenzen und das soziale Miteinander zu stärken. Das klappe schon ganz gut – zumindest an Grundschulen.

»Während in der Klassenstufe 4 die Palette vielfältig scheint (…), reduziert sich in den Sekundarstufen die inhaltliche Gestaltung auf Leichtathletik, Turnen und Gymnastik sowie die Sportspiele Fußball, Basketball und Volleyball«, heißt es in der Studie von 2006. Die Befragungen ergaben: Die Kinder wünschen sich mehr Abwechslung im Schulsport.

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Damit Kinder ihre Stärken und die Freude am Sport entdecken, reicht es oft nicht, sie die altbewährten Übungen turnen lassen. Die aktuellen Bildungspläne machen Hoffnung, dass sich dies gerade ändert. Zwar ist Bildung in Deutschland Ländersache, doch es finden sich viele Gemeinsamkeiten. Im Bildungsplan für Grundschulen in Baden-Württemberg gibt es beispielsweise neun Felder: Sie reichen von »Körperwahrnehmung« über »Tanzen – Gestalten – Darstellen« bis hin zu »Bewegen in erweiterten Erfahrungsfeldern«. »Da kann man zum Beispiel Raufen und Kämpfen als Thema nehmen, Inlinerfahren oder Klettern«, sagt Julia Besch. So manche Trendsportart habe Eingang in den Sportunterricht gefunden. Anstatt großen Wert auf einzelne Sportarten und deren korrekte Ausführung zu legen, versuche man heute, den Kindern ein breites, vielfältiges Bewegungsangebot zu machen. »Ich möchte, dass jedes Kind seine Sportart, seinen persönlichen Zugang zur Bewegung findet«, sagt die Grundschullehrerin.

Trendsportarten statt Unterricht nach alter Schule

Sein Sportlehrer habe gemerkt, dass er eine Begabung für Kampfsport habe, erzählt mir ein 13-Jähriger. Daraufhin meldeten ihn seine Eltern beim Taekwondo an. Mit Begeisterung trainiert er nun zweimal die Woche. Auch bei mir hat es schließlich noch geklappt. Am Gymnasium hatte ich eine rührige Sportlehrerin, die mit uns verschiedenste Sportarten ausprobiert hat. Wir waren bowlen, klettern – und auch joggen. Draußen, in der Natur. Da habe ich gemerkt: Ausdauer ist voll mein Ding. Heute laufe ich Ultramarathons und steige mit Skiern auf 3000er. Ich würde mich also durchaus als sportlich bezeichnen.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Kindern und Jugendlichen mindestens 60 Minuten Bewegung von moderater bis hoher Intensität pro Tag. Zwar gab es bereits Modellprojekte mit einer täglichen Sportstunde. Eine dauerhafte Umsetzung scheitere jedoch häufig am Lehrermangel, sagt Besch.

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Sie ist der Ansicht, dass Bewegung nicht nur im Sportunterricht stattfinden sollte, sondern auch in anderen Fächern, in den Pausen und am Nachmittag. Hier sind die Eltern gefragt: Statt das Kind im Auto zur Schule zu kutschieren, sollten sie ihm ein Vorbild in Sachen Bewegung sein, beispielsweise gemeinsam mit ihm hinradeln und es bei weiteren sportlichen Aktivitäten unterstützen. Doch auch Sportlehrer und Sportlehrerinnen können Wegweiser in ein bewegteres, gesünderes und glücklicheres Leben sein.

Gewählt wird im Sportunterricht leider noch immer, wie mir meine elfjährige Bekannte berichtet. »Und ich komme immer fast ganz zum Schluss.« Bei diesen Worten wird das lebhafte Mädchen leiser. Lehrerin Besch sagt, es gebe viele bessere Möglichkeiten, zu fairen Teams zu kommen. »Wenn man sie fragt, haben die Kinder oft selbst ganz tolle Ideen.« Kürzlich habe ein Kind vorgeschlagen, die Teams nach Sockenfarbe einzuteilen. »Das hat super gepasst«, erzählt Besch. Sollten die Teams doch zu ungleich sein, kann die Lehrkraft nachjustieren. Oder sie teilt die Kinder von vornherein selbst ein, vergibt zum Beispiel farbige Bänder oder lässt Kärtchen ziehen. Wissen und Konzepte, den Sportunterricht besser zu machen, gibt es zu Genüge. Man muss sie nur umsetzen. 

 

Nota. - SPORT gibt es überhaupt nur an der Schule. Im wirklichen Leben gibt es Fußball, Turnen, Hockey, auch Schwimmen, Ringen und Rudern. Und weil man das alles nicht alleine machen kann, gibt es das typischerweise im Verein. 'Sport' ist Körperertüchtigung und hat einen öffentlichen Zweck. Angefangen hat er an den adligen englischen Privat Schools, wo ein jeder erstmal Offizier wurde, bevor er sich ins Geschäftsleben herabließ. Nicht anders an den kontinentalen Gymnasien. Die waren nicht ganz so aristokratisch, die schielten gleich aufs bürgerliche Erwerbsleben, und das geschah sitzend, da fielen nichtmal Reserveleutnants ab; die musste man mit Leibesübung in Form halten.

Und als dann die allgemeine Schulpflicht kam, ließ der allgemeine Wehrdienst nicht auf sich warten, und als die Rekruten aus den Arbeitervierteln alle schon krumme Rücken hatten, musste auch in den Volksschulen SPORT her. 

Die Schule ist eine Anomalie, der Sportunterricht ist es erst recht. So wenig es einen Sinn hat, für eine Anomalie nach einer Idealvariante zu suchen, so wenig hat es Sinn, einen ide-alen Schulsport auszuhecken. Kinder, die sich bewegen wollen und in unsern Städten nicht genügend Platz dafür finden, gehören in die Sportvereine, wo sie wenigstens von den Er-werbspädagogen verschont bleiben, und wo sie sich ohne Komplexe und ohne verschämtes Rationalisieren auf Wettkampf und Kraftproben einlassen dürfen: Das ist, woran man wächst. Nämlich wenn man sich selber erprobt; nicht von andern erbrobt wird.

Dazu ist es erforderlich, die Schulzeit zu verkürzen und den Nachmittag freizuhalten - und den Wunsch, sich persönlich zu bewähren, nicht länger genderologisch zu verunglimpfen.

Man kann auch Noten für gutes Deutsch, gepflegte Umgangformen und treuen Blick ge-ben; lauter Sachen, die die Schule schätzt und mit dem Produzenten von Leistung, pfui Deibel, gar nichts zu tun haben. Kinder sollen nicht toben, sondern sich sinnvoll beschäf-tigen.
JE

 

 

Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Übergehen.

                           zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

"Übergehend" - das ist das Schlüsselwort. Nichts ist bestimmt oder unbestimmt, begriffen oder unbegriffen, noch Anschauung (Vorstellung...) oder schon Begriff; sondern nur jeweils im Verhältnis zum vorangegangen und zum folgenden Vorstellungsschritt. Ebensowenig ist 'das Ich' noch dieses oder schon jenes, sondern es 'ist' schlechterdings übergehend.

Von diesem 'Standpunkt' aus, auf dieser Reflexions/Abstraktionseben erscheint Eines so, eine Stufe höher oder tiefer erscheint es anders. Das ist nicht zufällig und Sache der Laune, sondern die Stufe muss gewählt und ge-wollt, muss bestimmt werden.  


Wollend ist das Ich allezeit "im Übergang".

 22. 7. 20

Sein ist Tätigsein. Tätigsein ist Übergehen von der Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit. Etwas ist überhaupt nur, indem es übergeht von einem Vorher zu einem Nachher. Real ist das Übergehen. Vorher und Nachher sind lediglich Reflexionsbestimmungen.

 

Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Um ihrer selbst willen.

Ajax und Achilles                                                                           aus Philosophierungen

Dies hat das Philosophieren mit Kunst und dem Spielen gemeinsam: dass es um seiner selbst willen geschieht.
 

Wozu sie in der Welt taugen, kann man die Resultate des Philosophierens fragen - sofern es zu solchen kommt; nicht aber das Philosophieren selbst. Der Philosophierer muss sich vor der Welt rechtfertigen, sofern sie ihn bezahlt, sonst nicht.

Für die Art des Philosophierens macht das einen Riesenunterschied. 

2. 7. 17

Die Art des Philosophierens... 

Ich kann fragen, was Wahrheit ist, kann fragen, ob es sie überhaupt gibt, kann fragen, ob die Welt wirklich ist und, wenn ja, was ich in ihr soll. Ich kann fragen, ob ich wissen kann und was wissen überhaupt bedeutet. Das lässt sich endlos fortspinnen. Schließlich muss ich fragen, was philosophieren überhaupt ist, und alles fängt von vorne an. 

Es läuft nämlich immer darauf hinaus, dass ich einen Sinn finden will - in allem, was es auch sei. Anders als ein gegenständliches Ding, das ich, wenn ich will, links liegen lassen kann, kann mir ein Sinn nicht gleichgültig bleiben, denn je nachdem, wie er ausfällt, muss ich mein Wollen selbst danach bestimmen. Für mich, der ich mein Leben zu führen habe, ist der Sinn immer "eher da" als die Welt und die Dinge.

Wenn aber keiner 'da' wäre, wären in gewissem Sinn auch die Dinge nicht da.

Ich spiele um des Spielens willen. Aber ich philosopophiere, um mein Leben - so oder anders - führen zu können. Das ist offenbar nicht dasselbe.
5. 5. 19 
 
 
 
 

Abstrakter Expressionismus im Potsdamer Barberini.


aus welt.de, 30.05.2022                                   Judit Reigl, Dominanzzentrum 1958                                     zu Geschmackssachen   

Mentale Aufrüstung im Kalten Krieg
Abstraktion war nach 1945 das Versprechen eines radikalen Neubeginns. Das galt zumal für Deutschland, wo sie gegen die feindliche Kunstsprache des sozialistischen Realismus jenseits des Eisernen Vorhangs antrat. Eine Potsdamer Ausstellung zeigt, wie Kunst zur weltanschaulichen Waffe wurde.

Sieht so die Freiheit aus? Wie ein Protein, dessen molekulare Zellen bunt eingefärbt sind? Wie das Bild, das Ernst Wilhelm Nay 1956 gemalt hat? Alles rund, alles bunt, alles erfunden. Figur erfinden sei die Freiheit des Künstlers, sie zu genießen die Freiheit des Betrachters. Es war viel von Freiheit die Rede damals im Jahrzehnt nach dem großen Krieg.

Auch die Freiheit braucht ihre Form. Von ihr, von der „Form der Freiheit“, erzählt eine große Epochenausstellung, die im Potsdamer Museum Barberini an die internationalen Triumphe der gegenstandslosen Malerei erinnert. Für die Jüngeren, die mit Hito Steyerl, Anne Imhof und Maria Eichhorn kunstsozialisiert worden sind, ist es wie eine Zeitreise in die Vergangenheit, Besuch in einem ehrwürdigen Museum voller ferner Dinge, in dem die Väter und Großväter noch weitgehend unter sich waren. Ahnen wie der Maler Ernst Wilhelm Nay, der sein bunt kreisendes Bild „Stunde Ypsilon“ genannt hat. Andere haben die Zeit als „Stunde null“ in Erinnerung.

Auch wenn die Städte noch in Ruinen lagen und die boomende Wirtschaft so wenig zimperlich auftrat wie zuvor, und die schon wieder selbstzufriedene Gesellschaft keine Mühe hatte, den überlebenden Nazis Unterschlupf zu gewähren – in der Kunst zumindest müsse es einen gewaltigen und vor allem sichtbaren Schnitt geben, so forderte es der avancierte Zeitgeist der jungen Bundesrepublik. Gerade in Deutschland West wäre Anerkennung von der skeptisch gewordenen Welt nur zu erreichen, wenn man die Malerei und Bildhauerei von allem gegenständlichen Erbe, von den inhaltlichen Verführungen frei machte, die sich in der Hybris der Dreißigerjahre-Tyrannei so sehr diskreditiert hatten. Zumal in Deutschland Ost die alten Realismusnummern weiterhin gelten sollten und Kunst ohne politisch korrekte Bestimmung gegen die Staatsdoktrin verstieß. Gegenstandslose Malerei war erklärte Integration ins Westbündnis, mentale Aufrüstung im Kalten Krieg.

desgl.

Weltlose Zeichen

Das Wort „Abstraktion“ war längst in den bürgerlichen Sprachschatz eingegangen. Wer es erfunden hat, ist nicht überliefert. Aber seit den Zehnerjahren gehört es zu den Erklärmustern der kompliziert gewordenen Künste. Als die Maler noch Herrscher in Rüstungen, verklärte Heilige und Sonnenuntergänge malten, waren die Dinge übersichtlich, und man hat allenfalls Stile unterscheiden müssen. Schwierig wurde es erst, als es Bilder gab, auf denen ganz offensichtlich weder Herrscher in Rüstungen noch verklärte Heilige und nicht einmal Sonnenuntergänge zu sehen waren. Wie nennt man Bilder, die über ihre Gegenstände erhaben scheinen, befreit von der Mimesis, vom Darstellungszwang, wie er seit den Anfängen gegolten hat? Wie hieße eine Kunst freier Formen, weltloser Zeichen, selbstgenügsamer Farben, unzugänglicher Gesten?

Diese neue Kunst, die sich alle Freiheit nahm, ist als „abstrakte“ in die Wortgeschichte eingegangen. „Abstraktion“ ist, was ständiger Erklärung, unausgesetzter Rechtfertigung bedarf. Ein schwarzes Quadrat ist nichts anderes als vollendete Leere und wird zum spirituellen Wahrzeichen überhaupt erst dadurch, dass Kasimir Malewitsch voller Überzeugtheit behauptet hat, der Unendlichkeit nun endlich so nahe zu sein wie noch keiner vor ihm. Und niemand wüsste, wann Nays „Stunde Ypsilon“ schlägt, wenn der Künstler nicht immer wieder sein Mantra wiederholt hätte: „gegen die Geometrie, gegen die Illusion, gegen den Mythos“.

Judit Rreigl, Sans titre, 1963

Als die Abstraktion nach 1945 zum kunstbetrieblichen Dresscode wurde und mehr als ein Jahrzehnt lang bleiben sollte, war es also nichts weniger als willentlicher Rückgriff auf das inzwischen museal gewordene Heroenkapitel der frühen Moderne. Tatsächlich waren ja die Abstraktionen, mit denen noch die Zehnerjahre ihr Publikum schockte, schon im Ersten Weltkrieg erloschen und hatten einer neuen, wieder gegenständlich orientierten Malerei Platz gemacht. Zur Reflexion der aufgebrochenen gesellschaftlichen Widersprüche brauchte die Weimarer Republik argumentierende Bilder, eine Malerei, die sich aggressiv sarkastisch einmischt und die Dinge, wie sie sind, beim Namen nennt. Dass dann in der faschistischen Epoche die Gegenstände im Banalen verkommen sind, hat der Abstraktion nach 1945 den Siegeszug leicht gemacht.

Es ist schon ein bisschen wie Aufmarsch, wie Besichtigung einer ehemaligen Front, wenn man durch das gewaltige Panorama der Potsdamer Ausstellung spaziert. Und wenn die deutschen „Abstrakten“ im Kreis der europäischen und amerikanischen bella figura machen, so, als seien die freien Formen, weltlosen Zeichen, selbstgenügsamen Farben, unzugänglichen Gesten nicht eben noch in Hitler-Deutschland verächtlich gemacht und verboten worden. Die Lerngeschwindigkeit jedenfalls kann immer noch erstaunen. Und wenn man Winfred Gaul, Rupprecht Geiger neben Arshile Gorky und Adolf Gottlieb sieht, Karl Otto Götz, Gerhard Hoehme zusammen mit Lee Krasner oder Willem de Kooning, wenn es von George Mathieu, Alberto Burri, Jean Dubuffet oder Jean-Paul Riopelle immer nur ein paar Schritte zu Mark Rothko und Ad Reinhardt sind, wenn man neu entdeckt, wie souverän sich Bernard Schultze neben den auftrumpfenden Bildern des Sam Francis und den lyrisch zarten der Helen Frankenthaler ausnimmt, dann ist das Bild der Phalanx wirklich zwingend.

Judith Reigl, Écriture en masse, 1963

Einen Audioguide braucht man beim Rundgang durch die überwältigend eingerichtete Bilderwelt kaum. Was sollte auch erzählt, erklärt werden, was man nicht selbst und nicht gleich erkennt, diesen unbedingten Weltkunstanspruch einer einst dominanten Kunstmode, die die deutschen Maler wieder satisfaktionsfähig und die Kunst zur Bühne der – westlichen – Freiheitsbehauptungen machte.

Kulturelle Schutzmacht

Vielmehr noch als in Frankreich, in Italien und vor allem in den USA verbanden sich mit den Werken der deutschen Abstrakten utopische Autonomievorstellungen. Je weniger die Malerei bedeuten wollte, desto mehr galt sie als Anwendungsfall unbändiger Freiheit. Dass die Kunstrichtung auch als „informelle Malerei“ überliefert wird, ist nur ein anderes Wort für die „Form der Freiheit“. Und ganz anders als die politisch kritische Malerei der 20er-Jahre brauchten sich die ungegenständlichen Westdeutschen nun nicht groß zu rechtfertigen. Dass sie auf der richtigen Freiheitsseite standen, ließ sich vor aller Welt beweisen: zum einen im Widerstand gegen die feindliche Kunstsprache des sozialistischen Realismus und zum anderen treu an der Seite der kulturellen Schutzmacht USA – unter Supervision der amerikanischen abstrakten Expressionisten, die als World Leader die westliche Kulturüberlegenheit repräsentierten.

Mit hegemonialer Attitüde traten diese amerikanischen Maler an, die Geschicke der Moderne zu übernehmen. Sie, die alle in ihren Frühwerken einer surrealen Gegenständlichkeit huldigten, Mustern, die sie Europa entliehen hatten, banden nun all ihre Nabelschnüre zur Avantgarde des alten Kontinents ab, traten als selbstbewusste Freidenker der Malerei auf, die auf ihren weit geöffneten Bildbühnen abstrakte Wunder zauberten, die Nachkriegseuropa wie ein unerschöpfliches Care-Paket vorkamen.

Vielleicht war es das erste und das letzte Mal, dass Kunst als Weltsprache auftrat. Obschon es nach Lage der politischen Dinge nur die halbe Welt sein konnte, die sich im internationalen Idiom übte. Seine Reichweite endete am Eisernen Vorhang. Aber diesseits war es wie eine abstrakte Großwetterlage, die sich vor allem dank der Bauhaus-Emigranten bis nach Lateinamerika ausbreitete. Und verstehen lässt sich die enorme Attraktion wohl nur, wenn man sich bewusst macht, wie es keiner anderen ästhetischen Praxis – weder der Musik noch der Literatur noch dem Film – gegeben ist, sich ähnlich grundstürzend wie die Malerei neu zu erfinden.

Portrait de Judith Reigl

Davon erzählt die Geschichte der Abstraktion: Von der Form der Freiheit, von der gloriosen Okkupation der Westkunst, von Bildern, die in ihrer unzugänglichen Unbedingtheit auch ein wenig erkaltet scheinen. Nirgendwo Spiel wie bei Picasso, keine Luftschlösser, wie sie Miró bewohnt hat. Nirgendwo Brüche, Fragmente, Inversionen. Das Verwundete, Unheilbare, es bleibt tunlichst verborgen. Noch immer eine Zierde, dieser abstrakte Anzug. Und doch ist er in allen privaten Kostümierungen auch eine perfekte Tarnung gewesen.

Die Form der Freiheit. Museum Barberini Potsdam, 4. Juni – 25. September

 

Nota. - Wenigstens einmal zu viel habe ich auf diesem Blog geschrieben, die Ungegenständ-lichkeit sei eine unumgängliche Versuchung der Malerei gewesen, habe sich aber schon bald ebenso unumgänglich in einer Sackgasse festgefahren. Das war eine europäische Sichtweise, die mit dem imperialen Comeback der Abstraktion nach dem II. Weltkrieg nicht gerechnet hat. 

Die war aber, wie der Sieg über die Wehrmacht, aus Amerika herübergekommen - wo sie allerdings gerade erst brandneu das Licht der Welt erblickt hatte. Der Abstrakte Expressi-onismus war in der Tat die erste wirklich autochthone Kunstrichtung Nordamerikas ge-wesen - alles zuvor Echo oder Randbemerkung zu europäischen Vorgängen. Dieser explo-dierte am Kriegsende förmlich, und dass er wie alles Amerikanische, z. B. Cool Jazz und Boogie Woogie, nach Europa schwappte, war weniger ein spezifisch malerisches als viel-mehr allgemein politisches, gesellschaftliches und kulturelles Phänomen; und betraf den öffentlichen Geschmack überhaupt. Nicht eine Neuerfindung der Ungegenständlichkeit durch die befreiten Maler, sondern ein weltpolitischer Umschwung allererster Ordnung hat die fast totalitäre Herrschaft der Abstraktion in den fünfziger und sechziger Jahren begrün-det.

Eine Lücke in meinem Horizont habe ich erst anlässlich von Helen Frankenthaler bemerkt. Vor einer näheren Anschauung des Abstrakten Expressionismus haben mich Pollock und Motherwell (mit dem Helen F. verheiatet war) abgeschreckt. Doch Willi Baumeister hatte meine [kriegerische] Aversion gegen die Fünfziger Jahre, in denen ich aufgewachsen bin, bereits aufgeweicht.

Bevor ich obigen Ausstellungsbericht las, war mir der Name Judit Reigl nie begegnet. Im Barberini ist nur das eine Dominanzzentrum von 1958  - es gibt davon etliche Varianten - zu sehen, die andern Bilder von Judit Reigl habe ich im Internet zusammengesucht. Die Freude über eine weitere ganz unerwartete Offenbarung wurde gedämpft von der Erkennt-nis, dass die Künstlerin eine ganze Reihe von Malweisen versucht hat, von denen manche dann doch so läppisch ausfielen wie das meiste ihrer zeitgenössischen Kollegen. 

Und zum Abschluss doch noch ein Pollock:

Jackson Pollock, Painting, 1943        Wie Sie sehen, mehr surreal als abstrakt. Vom Himmel gefallen sind die Abstrakten Expressionisten auch nicht; nicht einmal aus ihrer Mutter Erde gesprossen.
JE



Montag, 30. Mai 2022

Neuronales Netzwerk I; Wie funktioniert das Gehirn?


aus spektrum.de, 29. 5. 2022                                                                                                              zuJochen Ebmeiers Realien

Neuronale Netzwerke oder “Wie funktioniert das Gehirn?”
Hirn & Weg startet in einen Themenmonat rund um Künstliche Intelligenz und Neuronale Netzwerke. Was sind (künstliche) neuronale Netzwerke? Wie lebt ein Pilz ohne Gehirn? Und was macht KI mit uns Menschen? All das und noch viel mehr erfahren Sie in den kommenden vier Beiträgen.

In Beitrag 1 geht es zunächst darum, wie unser eigenes neuronales Netzwerk – unser Gehirn – funktioniert. 

Von Martje Sältz


Smartphones können unsere Gesichter inzwischen sogar mit Maske erkennen – wow! Apples FaceID löste schon bei Markteinführung eine riesige Faszination aus. Während wir uns für solche technischen Fortschritte schnell begeistern können, denken wir selten darüber nach, was unser eigenes Gehirn für eine Leistung vollbringt, wenn wir auf der Straße zwischen hunderten Gesichtern unseren besten Freund entdecken. Oder ein Wort lesen. Oder einen Apfel von einer Banane von einer Mandarine unterscheiden.* Und das Ganze mit einer Leichtigkeit und Geschwindigkeit, die selbst im Jahr 2022 noch Maschinen vor Neid erblassen lassen (Moment – dafür bräuchten Maschinen ja erstmal eine emotionale Intelligenz…).

* (Schwieriger wird es natürlich bei Mandarine, Apfelsine, Clementine – ääh, was war nochmal der Unterschied?)

Nervenzellen: Grundbausteine des Gehirns

Hauptakteure der Höchstleistungen des Gehirns sind die Nervenzellen, Neuronen genannt. Schauen wir uns einmal an, wie so ein Neuron aufgebaut ist. Ich weiß, das klingt jetzt gefährlich nach Biounterricht in der Schule – aber keine Sorge, niemand muss hier ein Neuron malen. Stattdessen gibt es eine fertige Grafik:

Vereinfachter Aufbau einer biologischen Nervenzelle

Grober Aufbau eines Neurons. Quelle: Unknwon author, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
 
Ein Neuron besteht also aus einem Zellkörper (Soma). Dieser ist vor allem für die Energieversorgung der Nervenzelle zuständig. Dazu besitzt das Neuron viele Dendriten. Dendriten sind quasi die Ohren des Neurons, sie empfangen also die Informationen von anderen Neuronen. Weil ein Neuron meist sehr viele Dendriten hat und diese sehr verzweigt sind, spricht man auch vom Dendritenbaum.

Einen besonders eindrucksvollen Dendritenbaum haben die Purkinje-Neuronen in der Kleinhirnrinde.
Bild: Project leader: Maryann Martone. Experimenters: Andrea Thor & Diana Price

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uletzt hat das Neuron noch ein Axon. Dieses entspringt am Axonhügel des Zellkörpers. Wenn Dendriten die Ohren des Neurons sind, ist das Axon der Mund: Es trägt die Information des eigenen Neurons an andere Neurone weiter.
 
Zwischen den Neuronen: Synapse
 
Wo das Axon eines Neurons auf die Dendriten eines weiteren Neurons trifft, findet die Übertragung von Signalen statt. Diese Verbindungsstelle zweier Neurone nennt man Synapse. Eine Synapse ist quasi das WhatsApp der Nervenzellen. Ihr Text besteht aus chemischen Botenstoffen wie Dopamin oder Serotonin. Synapsen sind die Grundlage für eine Kommunikation zwischen den einzelnen Neuronen und damit auch Grundlage für neuronale Netzwerke.

Synapsen bestehen aus:

  • einem synaptischen Spalt: das ist die Lücke zwischen dem Axon des einen Neurons und einem Dendriten eines anderen Neurons
  • der Präsynapse: Das ist der Teil vor dem synaptischen Spalt. Also meist das Axon des sendenden Neurons. Hier liegen schon kleine Bläschen bereit, die mit dem jeweiligen Botenstoff der Nervenzelle gefüllt sind. 
  • der Postsynaps: Liegt hinter dem synaptischen Spalt. Meist ein Dendrit der empfangenden Nervenzelle. 

Stark vereinfachte Darstellung einer Synapse. Gelb die Präsynapse (das Axon). Blau die Postsynapse (ein Dendrit).

Ein Beispiel für eine Kommunikation, bei der nur eine einzige Synapse im Spiel ist, ist der Kniesehnenreflex. Trifft die Handkante (oder ein Reflexhammer) auf die Kniesehne, werden die Sehne und der daran hängende Oberschenkelmuskel minimal gedehnt. Ein Sensor im Muskel nimmt diese Dehnung auf und sendet die Information über eine Synapse direkt an die Nervenzelle, die den Oberschenkelmuskel anspannen lässt. Man bezeichnet den Kniesehnenreflex deshalb auch als “monosynaptischen Reflex” (mono = eins).

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Den Kniesehnenreflex kann man leicht Zuhause überprüfen. GIF: via Giphy


Genug zur Anatomie – wie funktioniert nun die Kommunikation zwischen den Nervenzellen?

Beginnen wir dafür im synaptischen Spalt zwischen zwei Nervenzellen:
Nervenzelle 1 schüttet Botenstoffe (Neurotransmitter) in den synaptischen Spalt aus. Dopamin, Serotonin oder Acetylcholin sind Beispiele für solche Botenstoffe. Sie binden an den Dendriten von Nervenzelle 2, genauer gesagt an die postsynaptische Membran des Dendriten. 

Die Bindung des Botenstoffs führt dazu, dass sich kleine Kanäle in der postsynaptischen Membran öffnen. Durch diese Kanäle können dann geladene Teilchen (Ionen) in die Dendriten gelangen. Solche geladenen Teilchen sind zum Beispiel Kalium, Natrium oder Chlorid. Sie führen dazu, dass die postsynaptische Membran etwas “positiver” oder etwas “negativer” geladen wird. Kalium zum Beispiel ist ein positiv geladenes Teilchen. Wenn der Botenstoff im synaptischen Spalt also zur Öffnung von Kaliumkanälen führt, dann wird die postsynaptische Membran positiver. Chlorid hingegen ist negativ geladen und führt dazu, dass die Membran negativer wird. 

Egal ob positiv oder negativ – die Spannungsänderung fließt von der postsynaptischen Membran über den Dendriten Richtung Axonhügel. Dendriten senden ihre Botschaften also in Form kleiner Spannungsänderungen.

Axonhügel


Wenn nur ein einziger Dendrit einmal so eine Botschaft überbringt, ignoriert der Axonhügel das meist einfach. Wenn euch jemand fragt “Kannst du mal das Geschirr abwaschen?”, springt ihr ja auch nicht direkt auf (falls doch: Chapeau!).

Was ist aber, wenn euch diese Person jede Minute wieder fragt: “Kannst du mal das Geschirr abwaschen?”. Oder wenn plötzlich noch drei weitere Personen dazu kommen, die das auch fragen: “Kannst du mal das Geschirr abwaschen?”. Vermutlich geht euch das irgendwann so “auf die Nerven”, dass ihr aufsteht und das Geschirr abwascht. 

Genauso macht das die Nervenzelle auch. Wenn entweder sehr viele Dendriten oder aber ein Dendrit sehr schnell hintereinander die gleiche Botschaft überbringen, dann wird am Axonhügel ein Aktionspotential ausgelöst. 

Dafür muss aber erst ein bestimmter Schwellenwert erreicht werden. Schickt zum Beispiel ein Dendrit eine positive Spannungsänderung, ein anderer Dendrit aber eine negative Spannungsänderung („du kannst das Geschirr auch einfach später spülen“), so heben sie sich gegenseitig auf. Der Axonhügel verrechnet also alle einkommenden negativen und positiven Signale miteinander. Erst wenn die Summe aller eingehenden Signale den Schwellenwert erreicht, wird ein Aktionspotential ausgelöst.

Dabei gilt das “Alles-oder-nichts-Prinzip”: Wird der Schwellenwert am Axonhügel nicht erreicht, passiert “nichts”. Wird er hingegen erreicht, wird ein Aktionspotential ausgelöst (“alles”). Dabei ist es dann ganz egal, ob der Schwellenwert gerade eben erreicht oder um ein Vielfaches übertroffen wurde – das entstehende Aktionspotential ist immer gleich. Um bei dem vorherigen Beispiel zu bleiben: Wenn ihr euch einmal für das Abwaschen entschieden habt, dann wascht ihr auch das ganze Geschirr. Und nicht nur einen Teller, weil nur eine Person genervt hat oder zwei Teller, wenn zwei Personen genervt haben. Alles oder nichts – ein dazwischen gibt es nicht.

Was ist ein Aktionspotential?

Wird der Schwellenwert am Axonhügel erreicht, öffnen sich (wieder einmal) Kanäle für geladene Teilchen (Ionen). Das führt dazu, dass die normalerweise negativ geladene** Zellmembran an dieser Stelle kurzzeitig positiv wird. 

Ein Aktionspotential läuft immer gleichförmig ab, weil nacheinander spannungsabhängige Kanäle geöffnet und geschlossen werden. Die “Stärke” eines Aktionspotentials ist deshalb auch immer gleich – Stichwort “Alles-oder nichts-Prinzip”. 

Das Aktionspotential breitet sich auch auf die benachbarte Zellmembran aus. Und hier folgt ein weiterer Trick der Natur: Das Axon ist von sogenannten Myelinscheiden umhüllt, die eine Art Isolierung bieten. In regelmäßigen Abständen ist diese Isolierung unterbrochen: an den Ranvier’schen Schnürringen. Diese Bauweise ermöglicht, dass die Aktionspotentiale nur an den unterbrochenen Stellen entstehen. Auf diese Weise “springt” das Aktionspotential das Axon entlang bis zur Präsynapse.  

Vereinfachter Aufbau einer biologischen Nervenzelle
Nochmal das Bild von oben: Das Aktionspotential “springt” von Schnürring zu Schnürring. Quelle: Unknwon author, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

**Genau genommen kann man nicht sagen, dass die Zellmembran “negativ geladen” ist. Man schaut sich viel mehr die “Spannungsdifferenz” zwischen dem Inneren der Zelle und dem äußeren freien Raum an. Also den Unterschied in der Menge geladener Teilchen zwischen Außen und Innen. Die Beschreibung dient hier lediglich der Vereinfachung.

Die Synapse

Hier, im Bereich der Präsynapse, liegen sogenannte spannungsgesteuerte Calciumkanäle. Spannungsgesteuert heißt, dass sie sich öffnen, wenn die Oberflächenspannung sich ändert – zum Beispiel durch ein ankommendes Aktionspotential. Durch den offenen Kanal können dann Calcium-Teilchen in die Präsynapse einströmen. Der Calciumeinstrom wiederum führt dazu, dass die kleinen Bläschen mit den Botenstoffen, die ja schon vorbereitet in der Zelle umherschwirren, durch die Zellmembran wandern und die Botenstoffe in den synaptischen Spalt freisetzen.

Hier sind wir also wieder am Ausgangspunkt der Erklärung angekommen – im synaptischen Spalt. Die Botenstoffe binden wieder an die Rezeptoren des nächsten Dendriten, Kanäle öffnen sich und das ganze Spiel beginnt von vorn.

Nach einiger Zeit lösen sich die Botenstoffe übrigens wieder von den Rezeptoren, ansonsten gäbe es ja eine dauerhafte Erregung der Nervenzelle. Die Botenstoffe werden dann entweder von der Präsynapse wieder aufgenommen oder von einer Müllabfuhr in Form von Enzymen abgebaut. 

Nochmal zusammengefasst: Das elektrische Signal des Axons wird an der Synapse in ein chemisches Signal umgewandelt, um dann am Dendriten der nächsten Nervenzelle wieder in ein elektrisches Signal umgewandelt zu werden. Diese Übertragung dauert etwa eine Millisekunde.

Übrigens: Wenn man weiß, wie chemische Synapsen funktionieren, dann ist auch die Wirkung von Medikamenten gegen Depressionen verständlich. Diese Medikamente sind nämlich häufig “Serotonin”- oder auch “Noradrenalin”-Wiederaufnahmehemmer. Serotonin und Noradrenalin sind beides Botenstoffe, die eher aktivierend und stimmungsaufhellend wirken. Normalerweise werden sie aus dem synaptischen Spalt wieder in die Präsynapse aufgenommen. Antidepressive Medikamente hemmen genau diese Aufnahme jedoch. Dadurch bleiben die Botenstoffe länger im synaptischen Spalt verfügbar.

Es geht auch anders

Neben den oben beschriebenen chemischen Synapsen gibt es nämlich noch eine andere Art von Synapsen: elektrische. Diese erwähnt man neben ihren berühmten chemischen Artgenossen meist gar nicht. Zu Unrecht, denn auch wenn elektrische Synapsen bisher weitaus weniger erforscht sind, kommen auch sie in allen Teilen des Gehirns vor. Außerdem funktionieren elektrische Synapsen schneller, weil keine Umwandlung elektrisch-chemisch-elektrisch stattfinden muss. Voraussetzung dafür ist aber, dass der synaptische Spalt um ein vielfaches kleiner ist, damit die elektrische Erregung von einer Nervenzelle zur nächsten “springen” kann.

Neuronales Netz


Das neuronale Netz ist nun nichts anderes als eine Gruppe von Neuronen, die miteinander kommunizieren und auf diese Weise eine bestimmte Funktion ausüben. Jedes Neuron gibt dabei Informationen an beliebig viele andere Neuronen weiter und erhält gleichzeitig Signale von beliebig vielen anderen Neuronen. Schnittstellen sind immer die Synapsen. 

Dieses neuronale Netz wird aber nicht etwa einmal geknüpft und dann für immer so belassen. Vielmehr ist es im Laufe des Lebens in ständiger Veränderung. Man spricht von neuronaler Plastizität: Neue Verbindungen zwischen Synapsen werden geschaffen (z.B. wenn wir etwas Neues lernen) und bestehende Verbindungen gekappt. Wird eine Synapse sehr häufig benutzt, verändert sich zudem ihre Struktur. Zum Beispiel werden mehr Rezeptoren an der postsynaptischen Membran eingebaut oder die Menge an ausgeschütteten Botenstoffen erhöht sich. Dadurch verbessert sich die synaptische Übertragung. Diesen Mechanismus bezeichnet man als Langzeitpotenzierung. Sie ist vermutlich die Grundlage dafür, dass wir Dinge erlernen oder langfristig im Gedächtnis abspeichern können, wenn wir sie in regelmäßigen Abständen wiederholen. Andersherum werden nicht genutzte Verbindungen mit der Zeit immer schwächer

Mehr Sport = mehr Hirn?

Durch die neuronale Plastizität werden aber nicht nur neue Verbindungen zwischen bereits bestehenden Neuronen geschaffen und verstärkt. Vielmehr werden auch komplett neu gebildete Neuronen an das bestehende Netz angeschlossen. 

Lange Zeit ging man davon aus, dass im Erwachsenenalter keine neuen Neurone mehr gebildet werden können. Inzwischen ist man der Meinung, dass das sehr wohl möglich ist und auch regelmäßig passiert. Das Phänomen nennt man “adulte Neurogenese”. Vor allem im Hippocampus, dem zentralen Ort für die Entstehung neuer Erinnerungen, kommt es wohl zur regelmäßigen Neubildung von Nervenzellen. Und wir können diese Neubildung vermutlich sogar selbst beeinflussen: So soll Stress die Neubildung eher behindern, während Sport sie begünstigt. Forschung in diesem Bereich wird zukünftig hoffentlich weitere Erkenntnisse über dieses spannende Thema bringen.