Dienstag, 31. August 2021

Phänomenologie und Vernunftkritik.

                                                                   zu Philosophierungen

Alles, was wirklich ist, ist erfahrbar; anders wäre sein nur ein Hilfsverb - Kopula - und kein Zeit-Wort. Erfahrbar ist eines nur als Dieses oder irgend ein Anderes. Es kann Dieses nur sein im Verhältnis zu einem Anderen: als dessen Anderes.

Woran unterscheide ich sie? An den Merk malen, die ich an ihnen - be merke. Sie selber un-terscheiden sich gar nicht, sie bemerken nichts. Nicht einmal, dass sie in einem Verhältnis stehen, und schon gar nicht zu einander. Merkmale gibt es nur, wenn und wo einer sie be-merkt.

Dieses Bemerken ist das Phänomen. Wohl wird das Wort im außerphilosophischen Ge-brauch verwendet als das, was bemerkt wird. Im philosophischem Gebrauch hat es aber nur Sinn als das Bemerken selber: als das, was geschieht.

In diesem Sinn rede ich immer wieder vom phänomenologischen Verfahren der Transzen-dentalphilosophie; bei Kant erst noch vorwiegend, strictu sensu dann bei Fichte.

Das wirft die Frage auf nach dem Verhältnis zu der philosophischen Schule, die diesen Na-men ausdrücklich reklamiert, der Husserl'schen Phänomenologie (den Ausdruck 'transzen-dental' hat sie ebenfalls in Anspruch genommen). Die Ähnlichkeiten beider philosophischer Richtungen sind wiederholt herausgestellt worden, so als würde einer der beiden Stifter da-durch gewinnen. Entscheidend ist aber der eine und große Unterschied.

Die "Phänomene", nämlich das, was im Denken erscheint, sind für Husserl schlicht und bedenkenlos die Begriffe, wie sie im Bewusstsein eines gebildeten Westlers nun eben vor-kommen. Von ihnen zieht er, wie die Häute von einer Zwiebel, die äußeren Bedeutungs-schichten, die von einer profanen Reflexion nach und nach aufgetragen wurden, wieder ab und legt so am Schluss, wo's nach eidetischer Reduktion dann doch nicht mehr weitergeht, in intuitiver Wesenssschau den eigentlichen Sinnkern frei - das Noema.

So weit war er in umfänglichen Detailstudien gekommen, als in den zwanziger Jahren seinen Kritikern und wohl ihm selber eine fatale, nämlich enttäuschende Ähnlichkeit mit Platos Id-en auffiel: So viel Aufwand, um fast zweieinhalb Jahrtausende Geistesgeschichte zurück zu spulen?

Er fing nochmal neu an, und es war die berühmte Krisis-Schrift von 1935, die dann durch Einführung des Lebenswelt-Begriffs vor allem die - marxisierende - Neubelebung der phä-nomenologischen Schule in den siebziger Jahren inspirieren sollte.

Der Grund der Verlegenheit hat einen Namen. Es ist die Begriffshuberei. Wie konnte ein deutscher Professor im 19. Jahrhundert das Materiel des Denkens anders auffassen denn als Begriff? Wittgenstein ist Anfang des 20. Jahrhunderts dem neukantianischen Wien ins prag-matische Cambridge entwichen und ist bei dem Mathematiker Russell auch nicht tiefer ge-langt. Mit diesem Vorgehen kann man nicht weiter kommen als bis zu der Vorstellung mik-rologischer Bedeutungsatome, die sich auf wundersame Weise - Sprachspiel  heißt die Ver-legenheitslösung - in das Bewusstsein der Sterblichen infiltriert und dabei - Geh nicht mit fremden Männen mit! - prompt die Unschuld verloren haben.

Die dumpfe Sterilität der heutigen "systematischen" Richtung wäre das unvermeidliche Schicksal auch der Husserl'schen Phänomenologie geworden, wäre sie nicht rechtzeitig entschlafen. Das steht den Systematikern erst noch bevor.

Aber darauf braucht keiner zu warten.

 

PS. Ein phänomenologisches Ansetzen am Sprachspiel, nämlich an den natürlichen Spra-chen von dir und mir, ist Wittgenstein wohlbemerkt nie in den Sinn gekommen. Er greift sich aus dem Sprachmaterial heraus, was ihm grad ins Auge springt. Systematiker können in ihm kaum ein Vorbild finden. 


 

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Das problematisch-pragmatische System.

oder doch nicht?                              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Es ist gleich tödlich für den Geist, ein System zu haben, und keins zu haben. Er wird sich also wohl entschließen müssen, beides zu verbinden. 
_________________________________________
Friedrich Schlegel, Athenaeums-Fragmente N° 53


Nota. - Die Athenaeums-Fragmente stammem aus der Zeit, als das Ehepaar Schlegel mit Fichte unter einem Dach wohnte. Dieses hier kommentiert offenbar die Wissenschaftslehre: Sie ist ein System und ist doch keins. Genauer gesagt, sie ist ein probematisches System; nämlich eins, das nur unter einer Bedingung möglich ist. Und sie ist ein pragmatisches System, nämlich eines, dessen Bedingung man sich selber setzen muss.
JE, 20. 2. 19


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Dogmatische und kritische Philosophie.

                                                                                              aus Philosophierungen

Die begründende Frage (sic) aller Metaphysik lautet: Was kann ohne alle Bedingung sein? 
Da bleibt das An-sich mit sich allein; der Fragende kann dort nicht einmal anklopfen.

Die begründende Frage (resic) der Transzendentalphilosophie lautet: Was kann ohne alle Bedingung gelten? 

Da ist von vornherein der, der fragt, mit im Spiel: Nur für ihn kann etwas gelten. Da muss er zu suchen anfangen: Woher? und Wozu? So findet sich auch das Was.


23. 12. 16

Woher und wozu sind Bestimmungen. Sie sind nicht, sondern gelten. Ein Was ist nicht schon das, was da ist, sondern erst noch* das, als was es gilt.
15. 2. 19
 
*) Noch - bevor nämlich die Reflexion seine lebensweltlichen Vor-Bestimmungen wieder abgezogen hat.

 
 
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Montag, 30. August 2021

Kann die Vernunft sich rechtfertigen?

Escher                                                  aus Philosophierungen

Unter Vernunft vestehen wir - unausgesprochen, denn das ist seine Bedingung - unser System geprüfter und im geistigen Verkehr bewährter Begriffe. Es ist ein System in pro-cessu und nur darum sind wir bereit, es als System anzunehmen: Begriffe, die ihren Dienst nicht mehr tun, werden ausgemustert oder als zu vieldeutig einstweilen auf die Reservebank verwiesen (aber wir haben ein gutes Gedächtnis, und mancher Begriff, der verworfen wur- de, kommt gelegentlich wieder zu Ehren). Und: Es kommen allezeit neue hinzu.

So aber nehmen wir das System als gegeben an - so selbstverständlich, dass die Frage Wo-her? und Wozu? seit gut einem Jahrhundert als 'metaphysisch' schon gar nicht mehr statt-haft ist. Ist es vom Himmel gefallen, hat es sich autopoietisch ex nihilo selbst kreiert? Hat es sich aus bloßer Erfahrung angesammelt?

Das wäre völlig gleichgültig, wenn seine Geltung heute nur pragmatisch gerechtfertigt ist. Tut es den Dienst, den man ihm vernünftiger Weise unterstellen darf?

Die Frage lässt sich nicht erörtern, wenn wir die Begriffe, aus denen es besteht, zu seiner Überprüfung auf das System selber anwenden. Es könnte immer nur antworten Ick bün all do. Wir müssen vielmehr eine Vorausset- zung aufsuchen, unter der allein die Begriffe zu dem werden konnten, was sie (uns heute) sind.

Die Wissenschaftslehre behauptet, die allgemeine Prämisse aufgefunden zu haben, auf der alle unsere Begriffe in letzter Instanz beruhen, auf die sie alle letzendlich zurückzuführen sind, und vor der sie sich alle praktisch bewäh- ren müssen. Sie heißt: Vernünftig ist der Mensch, wenn und insofern er sich ursprünglich als wollend vorstellt. Lässt sie sich über-prüfen? Historisch, empirich, faktisch nicht; nur pragmatisch: Lässt sich unter dieser Vor-aussetzung das Leben vernünftig führen?


Das wäre ein Zirkelschluss?

Nun ja. Aber es ist ein zirkulärer Rückschluss, und das ist, worum es uns zu tun war: Hat Vernunft einen Grund? Quod erat demonstrandum: Ihr Grund ist ihr Zweck.


19. 12. 17


Die rationale Fiktion
 

Dem diskursiven Denken liegt als Prämisse die ungeahnte Fiktion zugrunde, der logische Raum – Ein und Alles sei eine geschlossene Sphäre,  deren Umfang lückenlos von Be-griffen angefüllt ist, die einander wechselseitig bestimmen.
 

In unserer wirklichen Vorstellung ist die Welt hingegen ein – 'zwar endlicher, aber unbe-grenzter' – Raum, in dem Bedeutungen teils so nah bei einander liegen, dass sie einander berühren, ineinander verfließen und bei genauem Hinschauen gar nicht recht zu unter-scheiden sind; und teils ganz beziehungslos neben einander liegen ohne ein Drittes, an dem sie wenigstens zu vergleichen wären.

Das logische Ein und Alles verhält sich zum wirklichen Vorstellen etwa so, wie die Welt des naturwissenschaftlichen Labors zu den Dingen unseres Mesokosmos.

ca. 2009



Die ungeahnte Fiktion nehmen wir in Anspruch, wenn und wo wir uns vernünftig verhalten wollen. Nicht, dass wir glaubten, dass es wirklich so ist; aber wir handeln doch so, als ob es so sei. 

Das sind die sonntäglichen Momente in unserm geschäftigen Alltag. Normalerweise reicht uns ein Ungefähr, um tagein tagaus zurechtzukommen. Der scharfe Konflikte, der nur auf Messer Schneide zu entscheiden wäre, ist gottlob die Ausnahme. Doch nur, weil Vernunft uns ausnahmsweise in jedem Fall zuhanden oder doch zu Kopfe ist, können wir unser all-tägliches Ungefähr riskieren.*

Das ändert nichts daran, dass ein fertiges System der Vernunft immer eine Fiktion bleibt. Nur weil wir meinen, an sich sei die Welt ein wechselwirkendes System aus realen Teilchen, die zugleich Bedeutungs-Partikel darstellen, und insgesamt einen Sinn hat, der unabhängig davon ist, ob ihn jemand einsieht - nur darum ist es möglich, dass wir und in unserer All-tagsroutine regelmäßig verständigen und nach heftigem Kampf am Ende meist noch eine Friedenslösung finden. Indem sie zeigt, wie sie zustande kam, stellt die Transzendentalphi-losophie klar, dass es sich um eine Fiktion handelt.

Wozu ist das gut? Um dem Missverständnis abzuhelfen, im Sein der Dinge sei irgend ein Sinn eingeschlossen.

"Ihr Hauptnutzen ist negativ und kritisch. Es mangelt in dem, was nun gewöhnlich für Lebensweisheit gehalten wird, nicht daran, daß sie zu wenig, sondern daran, daß sie zu viel enthält. Man hat eben die erräsonierten Sätze der oben beschriebenen erschaffenden Meta-physik hereingetragen – und diese sollen [wieder heraus] gesondert werden. Sie hat die Bestim-mung, die gemeine Erkenntnis von aller fremden Zutat zu reinigen... Für die theoretische Philosophie, Erkenntnis der Sinnenwelt, Naturwissenschaft ist sie regulativ. Sie zeigt, was man von der Natur fragen müsse.

Ihr Einfluß auf die Gesinnung des Menschengeschlechts überhaupt ist, daß sie ihnen Kraft, Mut und Selbstvertrauen beibringt, indem sie zeigt, daß sie und ihr ganzes Schicksal ledig-lich von sich selbst abhängen; indem sie den Menschen auf seine eignen Füße stellt."

*) Das so genannte Zeitalter der Vernunft begann, als in den Verträgen von Münster und Osnabrück der Westfälische Frieden geschlossen wurde. Nachdem GOtt dreißig Jahre lang für Mord und Verwüstung gesorgt hatte, musste als glaubwürdiger Bürge die Vernunft nachrücken. 

23. 1. 19


Anwendung



Der gesunde Menschenverstand ist die pragmatische Gebrauchsform der Vernunft. Sie ist überall an ihrem Platz, wo es um Fragen geht, die aus der Erfahrung zu beantworten sind. Im täglichen Leben geht es um Ungefähres, und die Erfahrungen, die es haben kann, sind ebenso ungefähr. Darum werden im Alltag Fragen gar nicht gelöst, sondern konsensuell unschädlich gemacht; das reicht in den meisten Fällen, äußersten Falls versucht man es nochmal.

Um in Genua oder sonstwo eine Brücke zu bauen, reicht kein Ungefähr. Technische Fragen müssen gelöst werden. Dafür haben wir die Wissenschaft. Die nimmt es, anders als der All-tagsverstand, ganz genau. Darum ist ihr grundlegendes Verfahren das Experiment - was sie vor Irrtümern nicht schützt: Tatsachen können auch mal übersehen werden. 

Doch grundsätzlich steht auch die exakteste Wissenschaft im Modus des gesunden Men-schenverstands. Das hindert sie nicht am abstrakten Theoretisieren. Wo praktische Versuche nicht machbar sind wie im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich, entwirft sie Modelle, wo begriffliche Extrapolationen die empirischen Daten ersetzen müssen, und denkt sich an und mit ihnen das Faktische, das ihr unmittelbar nicht zugänglich ist. So aber auch in der Theo-retischen Physik. Was in der Wirklichkeit nicht anschau- und folglich nicht messbar ist, wird zusammen mit bekannten reellen Daten in eine mathematische Formel gebracht, mit der sich rechnen lässt. Die so neu gewonnenen Daten lassen sich wenn nicht direkt, dann mit-telbar experimentell überprüfen - und sei es nur, dass das Modell den Rechnungen stand-hält. So ist es möglich, dass wir uns Dinge denken, die wir uns doch nicht vorstellen kön-nen.

Denn unterste Grundlage bleiben ja die experimentell gesicherten reellen Daten.

Die grundsätzlichen Fragen der Menschheit - Wie sollen wir unsere Welt einrichten? - sind nicht experimentell zu klären. Da reicht es nicht, zu erproben, wie was funktioniert; es kommt darauf an, Zwecke zu setzen. Modellrechnungen mögen erst recht notwendig wer-den, und die konkreten Daten, die in sie eingehen, müssen erst recht gesichert sein. Das bleibt Sache der realen Wissenschaft und ihres gesunden Menschenverstands. Aber die Frage, welches Modell man will und welche Gefahren man zugunsten welcher Möglich-keiten einzugehen bereit ist, ist eine Frage der Vernunft im strengen Sinn. Da gilt kein Ungefähr und kein Konsens, das wird man entscheiden müssen.

*

Muss sich aber die Vernunft rechtfertigen - etwa um ihrer selbst willen?
Dazu ist sie gar nicht da. Mich soll sie rechtfertigen, dafür habe ich sie zur Welt gebracht.
 
3. 3. 19 
 
 
 
 
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Auf das Vernunftwesen kann nicht anders eingewirkt werden als durch seinen Leib

  Pankration                          zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
 
§ 6. Fünfter Lehrsatz
 
Die Person kann sich keinen Leib zuschreiben, ohne ihn zu setzen als stehend unter dem Einfluss einer Person außer ihr, und ohne ihn dadurch weiter zu setzen.

Beweis

I. Die Person kann zufolge des zweiten Lehrsatzes sich gar nicht setzen, sie setze denn, dass eine Einwirkung auf sie geschehen sei. Das Setzen einer solchen Einwirkung war ausschlie-ßende Bedingung aller Bewusstseins / und der erste Punkt, an den das ganze Bewusstsein angeknüpft wurde. Diese Einwirkung wird gesetzt als die bestimmte Person, das Individu-um als solches, denn das Vernunftwesen kann sich, wie gezeigt worden, nicht etwa als Ver-nunftwesen überhaupt, es kann sich nur als Individuum setzen. Eine von ihm gesetzte Ein-wirkung auf sich selbst ist daher notwendig eine auf das Individuum, weil es für sich nichts anderes ist noch sein kann, als ein Individuum.

Es ist auf ein Vernunftwesen gewirkt heißt, gleichfalls nach den oben angeführten Bewei-sen, so viel: Seine freie Tätigkeit ist zum Teil und in einer gewissen Rücksicht aufgehoben. Erst durch diese Aufhebung wird für die Intelligenz ein Objekt, und sie schließt auf etwas, das nicht durch sie da ist.

Es ist auf das Vernunftwesen als Individuum gewirkt, heißt sonach: eine Tätigkeit, die ihm als Individuum zukommt, ist aufgehoben. Nun ist die umfassende Sphäre seiner Tätigkeit als Individuum sein Leib; die Wirksamkeit in diesem Leibe demnach das Vermögen in ihm, durch den bloßen Willen Ursache zu sein, müsste gehemmt, oder kürzer, es müsste auf den Leib der Person eingewirkt sein.

Man nehme demzufolge an, dass eine in der Sphäre der an sich möglichen Handlungen der Person liegende Handlung aufgehoben, für den Augenblick unmöglich gemacht sei, so wäre die geforderte Einwirkung erklärt.
_____________________________________________________________________________________
J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 61f.

 

Nota. - Noch so eine Pedanterie? Nein. Es wird gezeigt, dass körperlicher Zwang nicht den freien Willen aufhebt, sondern den Leib daran hindert, dem Willen zu folgen. Der Leib kann allerdings nicht gezwungen werden, etwas anderes zu tun, als indem der Willen ge-beugt wurde.
JE, 2. 4. 19
 
 
 

Kreativitätsmythen.

Daumier               zu  Levana, oder Erziehlehre; zu Jochen Ebmeiers Realien
aus spektrum.de, 30. 8. 2021


Können Sie Mythen und Fakten zur Kreativität unterscheiden?
Sind Kinder kreativer als Erwachsene? Oder braucht es für kreative Höchstleistungen zehn Jahre harte Arbeit? Eine internationale Studie prüft das Allgemeinwissen zum Thema Kreativität und zeigt, welche Irrtümer verbreitet sind.


von Christiane Gelitz

Um kreative Köpfe ranken sich viele Geschichten. Ihre Ideen erscheinen so wundersam und magisch wie der Moment, wenn sich im Theater der Vorhang hebt. Dabei weiß die Wissenschaft längst mehr über den vermeintlichen Zauber. Welche Mythen rund um das Thema Kreativität dennoch fortbestehen, hat eine internationale Forschungsgruppe jetzt in mehreren Ländern untersucht

Mathias Benedek von der Universität Graz und sein Team warben auf Online-Plattformen rund 1300 Erwachsene unter anderem aus Deutschland, Österreich, China sowie den USA an. Die Versuchspersonen bekamen 30 Aussagen über Kreativität vorgelegt, zum Beispiel »Kreatives Denken spielt sich überwiegend in der rechten Hirnhälfte ab«, vermischt mit anderen Aussagen etwa aus der Hirnforschung sowie Fragen zu ihrer Person.

»Die Kreativitätsmythen wurden im Schnitt von jedem Zweiten für wahr befunden«, berichten Benedek und seine Kollegen. Wie sie in der Fachzeitschrift »Personality and Individual Differences« schreiben, stimmten rund vier von fünf Befragten der falschen Aussage zu, dass Brainstorming in Gruppen mehr Ideen hervorbringt, als wenn jeder für sich nachdenkt. Fast zwei Drittel hielten Kinder für kreativer als Erwachsene, und fast ebenso viele glaubten fälschlich, dass die meisten Menschen abstrakte Kunst nicht von abstrakten Kinderzeichnungen unterscheiden können. Jeweils mehr als die Hälfte hingen außerdem dem Irrglauben an, dass vor allem die rechte Hirnhälfte fürs kreative Denken zuständig sei.

1 Kreative Leistungen sind in der Regel das Ergebnis einer plötzlichen Eingebung.

58 %

2 Beim Brainstorming in der Gruppe entstehen mehr Ideen, als wenn jeder für sich nachdenkt.

80%

3 Die erste Idee, die jemand hat, ist oft nicht die beste.

49%

4 Damit etwas als kreativ gilt, muss es sowohl neuartig als auch nützlich oder zweckdienlich sein.

46%

5 Kreative Menschen sind meist offener für neue Erfahrungen.

87%

6 Kreative Ideen sind von Natur eine gute Sache.

59%

7 Die meisten Menschen könnten abstrakte Kunst nicht von abstrakten Kindermalereien unterscheiden.

63%

8 Ob etwas als kreativ angesehen wird, hängt vom Zeitgeist und den sozialen Normen ab.

81%

9 Kreative Ideen basieren typischerweise auf Informationen, die auf eine neue Weise kombiniert werden.

83%

10 Kreatives Denken spielt sich überwiegend in der rechten Gehirnhälfte ab.

54%

11 Menschen verfügen über ein gewisses Maß an Kreativität und können daran nichts ändern.

20%

12 Kreativität kann man nicht messen

58%.

13 Wenn man bei einem Problem nicht weiterkommt, hilft es, eine Pause zu machen und es dann erneut zu versuchen.

97% 

14 Kinder sind kreativer als Erwachsene.

68%

15 Für einen kreativen Durchbruch (z.B. einen erfolgreichen Roman) braucht es in der Regel mindestens zehn Jahre Übung und Arbeit.

37%

 

Mit den Fakten taten sich die Befragten weniger schwer: Hier erkannten beispielsweise 97 Prozent richtig, dass eine Pause hilft, auf neue Ideen zu kommen. Aber auch nur rund jeder Zweite wusste, dass die erste Idee oft nicht die beste ist und dass kreativen Höchstleistungen typischerweise zehn Jahre Arbeit vorausgehen.

Kreativität ist veränderlich

»Laienvorstellungen waren gekennzeichnet durch eine Überschätzung von Zufall und kindlichem Verhalten«, fassen die Autoren zusammen. Die Rolle der strategischen Steuerung und Expertise beim kreativen Denken werde unterschätzt. Diese Naivität sei problematisch, denn die Mythen ignorierten, wie viel harte Arbeit hinter kreativen Leistungen stecke. Sie legten nahe, dass man nur zu warten brauche, bis die Kreativität wie ein Blitz einschlage. Immerhin hielten die meisten Kreativität nicht für eine seltene Begabung, und nur wenige dachten fälschlicherweise, sie sei ein festes Maß und unveränderlich.

Spektrum Kompakt:  Kunst, Kitsch und Kreativität Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Kompakt: Kunst, Kitsch und Kreativität

Ob die Befragten an Kreativitätsmythen glaubten, hing weder mit ihrem Alter noch ihrem Geschlecht zusammen. Allerdings waren die Befragten, die vermehrt Irrtümern anhingen, weniger gebildet. Sie bezogen ihr Wissen auch eher aus dem Fernsehen, den sozialen Men und dem Freundeskreis anstatt aus Büchern, Zeitschriften und Vorträgen.

Dennoch wollen Benedek und seine Kollegen den Glauben an Kreativitätsmythen nicht einfach mit fehlendem Wissen erklären. Vielmehr sehen sie darin die Tendenz, sich auf Meinungen oder einfache Heuristiken zu verlassen, wenn sie plausibel und wissenschaftlich klingen. Selbst Fachleute seien sich nicht immer einig, welche Annahmen hinreichend belegt oder widerlegt seien, räumt die Forschungsgruppe ein. Doch Wissenschaft zeichne sich gerade dadurch aus, die geltende Lehrmeinung immer wieder zu überarbeiten. Der Stand der Forschung, auf dem die folgende Auflösung gründet, kann deshalb auch nur einen – wenn auch gut begründeten – Zwischenstand abbilden.

Auflösung zu »Fakt oder Mythos«<

Die Nummern verlinken auf Studien, die Mathias Benedek und sein Team beispielhaft als Beleg oder Gegenbeleg zur jeweiligen Aussage anführen.

Korrekte Aussagen: 3, 4, 5, 8, 9, 13, 15

Falsche Aussagen: 1, 2, 6, 7, 10, 11, 12, 14

 
 
Nota. - Es ist wie mit der Intelligenz: Jeder stellt sich darunter was vor, doch wenn er es als Begriff bestimmen soll, kommt er in Verlegenheit. Aber in umgangssprachlichem Zusam-menhang braucht man selten wohldefinierte Begriffe; Ungefähres reicht, um den andern anzuzeigen, was man meint. Mit andern Worten, streng wissenschaftlich ist diese Unter-suchung zweifelhaft. Ist sie jedoch plausibel genug, um allgemein darüber reden zu können?
 
Nehmen wir die Frage der Messbarkeit. Dass Intelligenz nicht messbar wäre, wird heute keiner mehr frischheraus sagen - da sie ja bekanntlich seit hundert Jahren gemessen wird. Wenn man nämlich einen Begriff absichtsvoll aus Parametern zusammensetzt, die alle messbar sein müssen, dann... wird wohl der Begriff auch messbar sein. Doch als Erläute-rung muss man sich mit der Antwort begnügen, Kreativität sei das, was der Kreativitätstest misst...
 
So. Und dann fragen Sie das große Publikum mal, ob es wohl alles für objektiv hält, was man messen kann - oder ob das nicht eher ein populärwissenschaftlicher Irrtum sei.
 
PS. Der Zufall will es, dass heute in der Neuen Zürcher zwei Beiträge erscheinen, die darauf hinweisen, dass ein Übermaß an Expertise und Erfahrung die Kreativität auch hemmen könnten [ad 15)].
JE

Stress durch zu viel Nachdenken.


aus Süddeutsche.de,                                       zu  Levana, oder Erziehlehre; zu Jochen Ebmeiers Realien

Affen unter Leistungsdruck 

Wenn Affen psychologisch gestresst sind, sinkt ihre Leistungsfähigkeit - sie vermasseln Aufgaben, die sie sonst gut können. Bisher hielt man das für ein menschliches Problem.

Von Charlotte Geißler

Die Chancen stehen gut, bisher hat es immer geklappt. Jetzt ist endlich die seltene Gelegenheit da, so richtig groß abzusahnen, volle Konzentration ist angesagt - und dann: vermasselt. Was mancher Athlet gerade bei den olympischen Spielen erlebt haben mag, passiert Rhesusaffen ebenfalls. In einer neuen Studie, die in der Fachzeitschrift PNAS erschienen ist, hat ein amerikanisches Forschungsteam untersucht, ob Tiere unter psychologischem Stress ebenfalls zum Scheitern neigen. Die überraschende Antwort: Ja, auch Affen leiden an Leistungsdruck.

Bei den Versuchen mussten drei Rhesusaffen verschiedene Greifübungen ausführen, die von ihnen viel Präzision, Geschwindigkeit und Konzentration erforderten. Vor jedem Durchgang wurde den Affen mithilfe von Zeichen mitgeteilt, wie ihr Erfolg belohnt werden würde.

Hatten sie lediglich eine kleine Belohnung in Aussicht, waren die Affen unaufmerksam, bei etwas größerem Lohn verbesserte sich ihre Leistung. Einen Leistungsabfall gab es dagegen beim Jackpot, der selten und besonders lohnend war: Er lockte nur in fünf Prozent aller Durchgänge und bot den Affen die Chance auf das Zehnfache der mittleren Futtermenge. "Futter ist für die Affen so wie Geld für Menschen", sagt Studienautor Aaron Batista, Bioingenieur an der US-amerikanischen Universität Pittsburgh.

Gerade in entscheidenden Momenten wurden die Tiere übervorsichtig - und zu langsam

Hatten sie den Jackpot vor Augen, verbrachten die Rhesusaffen mehr Zeit mit genauem Zielen - und waren deshalb häufiger zu langsam. Die Wahrscheinlichkeit, die Aufgabe erfolgreich auszuführen, fiel um etwa zehn bis 25 Prozent - verglichen mit der Bestleistung bei mittelgroßer Belohnung. Auch weitere Kontrollversuche weisen recht eindeutig darauf hin, dass die Tiere unter psychologischem Druck ihre Aufgaben vermasseln, dass ihre Leistungsfähigkeit also abnimmt.

Das Phänomen kannte man bisher nur von Menschen: Gerade wenn besonders viel auf dem Spiel steht, wird Scheitern häufiger. Dass die Rhesusaffen das gleiche Problem haben, überraschte die Wissenschaftler. "Ich hatte gedacht, dass es ausschließlich Menschen passiert, weil wir die Fähigkeit haben, lange vorausschauend über die Konsequenzen unseres Handelns nachzudenken. Aber ich habe mich getäuscht", sagt Batista.

Besonders erstaunlich war der Grund des Vermasselns. Autor Steven Chase, Bioingenieur an der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh, hatte erwartet, dass die Affen scheitern würden, weil sie die Ruhe nicht bewahren können: "Es hat sich stattdessen herausgestellt, dass sie es vermasseln, weil sie übervorsichtig sind und zu viel nachdenken."

 

 

Dass Tiere bei hohem Einsatz ebenfalls dazu tendieren, schlechtere Leistungen zu erbringen, ist für die Forscher eine wertvolle Erkenntnis. Sie bietet die Chance, die Auswirkungen von Leistungsdruck nun auch in Tierversuchen näher zu beleuchten.

Es gibt Hinweise, dass das unglückliche Verhalten erlernt wird. Ein Ausrutscher könnte so zu einer permanenten Angewohnheit werden. Indem man die Gründe für das stressbedingte Scheitern näher untersucht, können - so die Hoffnung der an der Studie beteiligten Wissenschaftler - auch Strategien oder Behandlungen dagegen entwickelt werden.

"Es wäre ein gutes Resultat dieser Forschung, wenn sie dazu führen könnte, dass Athleten weniger vermasseln, insbesondere da ihre Karrieren davon abhängen können - aber noch wichtiger wäre es, wenn wir Menschen, die an Zwangsneurosen leiden, helfen könnten", sagt Batista.

 

Nota. - Liebe Frau Geißler, das Wort 'lohnenswert' gibt es nicht. Sehn Sie im Duden nach, wenn Sie mir (m) nicht glauben.

JE