Freitag, 31. Dezember 2021

Leichtsinn und Scharfsinn.

   Verkleinerungsglas                                                                 zu  Philosophierungen

Dem logischen Prinzip der Gattungen, welches Identität postuliert, steht ein anderes, näm-lich das der Arten entgegen, welches Mannigfaltigkeit und Verschiedenheiten der Dinge, un-erachtet ihrer Übereinstimmung unter derselben Gattung, bedarf, und es dem Verstande zur Vorschrift macht, auf diese nicht weniger als auf jene aufmerksam zu sein. Dieser Grundsatz (der Scharfsinnigkeit, oder des Unterscheidungsvermögens) schränkt den Leichtsinn des er-steren (des Witzes) sehr ein, und die Vernunft zeigt hier ein doppeltes, einander widerstrei-tendes Interesse, einerseits das Interesse des Umfanges (der Allgemeinheit) in Ansehung der Gattungen, andererseits des Inhalts (der Bestimmtheit), in Absicht auf die Mannigfaltigkeit der Arten, weil der Verstand im ersteren Falle zwar viel unter seinen Begriffen, im zweiten aber desto mehr in denselben denkt. 

Auch äußert sich dieses an der sehr verschiedenen Denkungsart der Naturforscher, deren einige (die vorzüglich spekulativ sind), der Ungleichartigkeit gleichsam feind, immer auf die Einheit der Gattung hinaussehen, die anderen (vorzüglich empirische Köpfe) die Natur un-aufhörlich in so viel Mannigfaltigkeit zu spalten suchen, daß man beinahe die Hoffnung auf-geben müßte, ihre Erscheinungen nach allgemeinen Prinzipien zu beurteilen. 
______________________________________________________________________Kant, Kritik der reinen Vernunft, A 654/B 682 

 

Der Witz ist der Finder (finderund der Verstand der Beobachter.
______________________________________________________________________ Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft J, N° 1288

 
Wenn Scharfsinn ein Vergrößerungsglas ist, so ist Witz ein Verkleinerungsglas. Glaubt ihr denn, dass sich bloß Entdeckungen mit Vergrößerungsgläsern machen ließen? Ich glaube mit Verkleinerungsgläsern, oder wenigstens durch ähnliche Instrumente sind wohl mehr Entdeckungen gemacht worden. 

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ders., Heft D, N° 465

 

 

 

Auf einmal und mit einem Schlag.

                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Wenn es erlaubt ist, den Weg des Denkens als einen einzigen, in sich ununterschiedenen und stetigen systemischen Prozess aufzufassen, dann ist es auch statthaft, ihn außerhalb und jenseits der Zeit, a-chronisch, als einen einzigen Moment anzusehen. Im Modell geschieht alles immer und nie. Und ist es erlaubt, wie Fichte es tut, die Vernunft als auf einmal und "mit einem Schlag" gegeben zu denken.

Gerade, weil sie in der Wirklichkeit eine halbe Ewigkeit brauchte, um zu sich selbst zu kom-men - und die Ewigkeit brauchen wird, um an ein Ziel zu gelangen,

 

Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE.

Die Farben der Tiere.

aus welt.de, 31. 12. 2021                Grünflügelaras in Brasilien.                     zu Geschmackssachen;  zuJochen Ebmeiers Realien

Evolutionsbiologie 
Wie schillernde Farben den Planeten eroberten
Mit Pracht und Prunk hat die Evolution nie gegeizt. Schon Urzeitgeschöpfe wussten die Macht der Farben für sich zu nutzen. Doch warum ist unsere Tier- und Pflanzenwelt so bunt? Eine kleine Farbenlehre der Natur – als Lichtblick an einem Silvester ohne Spektakel am Nachthimmel. 
 

Ein buntes Feuerwerk der Farben, so soll ein Silvesterabend ausklingen. Doch pandemiebedingt wird das in diesem Jahr nur auf Sparflamme stattfinden können. Zeit, sich daran zu erinnern, woher die Natur ihre Farbpalette hat, und warum Tiere und Pflanzen sich schon seit Jahrmillionen mit prächtigen Farben schmücken. Eigentlich ist die Natur eher gedeckt unterwegs, denn wer in der Wildbahn überleben will, der sollte eher Tarnmuster bevorzugen.

Doch in manchen Bereichen trumpfen Lebewesen mit bunten, manchmal sogar schrillen Farben auf. Vögel wie die Kolibris etwa, die nicht nur selbst ein Faible für buntes Gefieder haben, sondern auch von Pflanzen mit bunten Blüten angelockt werden, denen sie als fliegende Fortpflanzungshelfer dienen. Ihr Leben ist ein einziger Farbenrausch.

Doch nicht nur bei den Vögeln schmücken sich viele Arten mit bunten Federn. Bereits die sogenannten Trilobiten nutzten Farben – allerdings nicht um zu imponieren, sondern vor allem, um sich vor Feinden zu schützen. Diese Organismen gehörten wie die noch heute lebenden Insekten, Spinnen und Krebse zu den Gliedertieren und wanderten meist über den Meeresgrund, konnten aber mit ihren Beinen auch durchs Wasser paddeln. Dabei schützte ein mit dem Mineral Calcit verstärkter, farbig gemusterter Panzer ihren Rücken.

Trilobiten tauchten bereits vor 520 Millionen Jahren in den damaligen Ozeanen auf und verschwanden mit dem größten bekannten Artensterben vor rund 252 Millionen Jahren wieder vom Globus. Vor gut 400 Millionen Jahren wurden die Tarnfarben ein weiteres Mal entdeckt: Die Kalkschale der Ammoniten war gemustert und schütze die Tiere so vor ihren Feinden. Diese Lebewesen, die genau wie die Tintenfische der heutigen Ozeane zu den Kopffüßern gehören, verschwanden vor 66 Millionen Jahren gemeinsam mit den Dinosauriern.

Von all diesen Tarnfarben weiß die Wissenschaft heute nicht viel. Denn die Tiere sind ausgestorben, und mit ihnen ging das Geheimnis ihrer Farben verloren: Bunte Pigmenten sind wenig beständig, an ihnen nagt der Zahn der Zeit besonders heftig. Spuren von Carotinoiden, also fettlöslichen Pigmenten, die auch heutzutage in Tieren und Pflanzen vorkommen, lassen sich daher kaum in Fossilien nachweisen. Ob die Vorzeit also tatsächlich vornehmlich grau war – bis heute kann keiner das mit Sicherheit sagen.

Viel besser überstehen dagegen Melanine die Jahrmillionen. Das liegt daran, dass Wirbeltiere im Laufe der Evolution diese Farbstoffe mit einer Membran einhüllen. So entstandenen spezielle Organellen, die runden oder ovalen „Melanosomen“. So existieren sie heute bei vielen Tieren, auch die Haut der Menschen bräunt sich dank der Melanosome in der Sonne – oder sind sogar dauerhaft dunkel gefärbt.

Die Farben der Vergangenheit

Die Geschichte der Melanosome haben die Forscher Gerald Mayer vom Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main und Jakob Vinther von der Universität Bristol untersucht. Sie fanden die kleinen Farborganellen bei den Überresten eines 130 Millionen Jahre alten Dinosauriers. Die Melanosomen waren bei dem Psittacosaurus, der etwa die Größe eines Hundes hatte, so angeordnet, dass das Raubtier mit einem relativ hellen Bauch und einem dunklen Rücken durch den Urwald auf dem heutigen Gebiet Chinas lief.

„Diese Konterschattierung tarnt aber auch in unserer Zeit viele im düsteren Licht des Waldes lebende Arten hervorragend“, erklärt der Vogel-Evolutionsforscher Gerald Mayr. Die Psittacosaurier nutzten für diese Tarnung also einen physikalischen Effekt: Ihre kugel- oder eiförmigen Melanosomen lassen die Haut dunkel erscheinen. Genau der gleiche Effekt verleiht auch vielen Vogelfedern ihren dunkelbraunen und oft gut tarnenden Grundton. Solche Federn kann man sich wie einen winzigen Baum vorstellen, aus dessen Stamm Äste und feine Zweige wachsen. So gehen vom Schaft der Feder kleine Äste ab, aus denen die Federstrahlen ragen.


Am Gefieder des Temmincktragopans, einem farbenfrohen Vertreter aus der Familie der Fasanenartigen, kann man den Aufbau von Federn gut erkennen

In diesen sitzen wiederum die Melasonomen, die der Feder die dunkle Farbe geben. Dort können sich aber auch andere Farbstoffe wie Carotinoide befinden, die die Lichtstrahlen bestimmter Farben absorbieren. Das Zusammenspiel der physikalischen Effekte und Farbpigmente gibt den Federn dann ihre typischen Farben und färbt etwa Pirol-Männchen vom Kopf über den Bauch bis zum Schwanz leuchtend gelb. Aber auch die knallroten Federn an der Unterseite des Buntspecht-Schwanzes verdanken ihrer Farbe Carotinoiden.

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Verschiedene Papageien-Arten wiederum haben in ihren Federn winzige Luftbläschen. An diesen streut das Licht und lässt so einen blauen Ton entstehen. Manche Arten nutzen auch noch ein gelbes Pigment und erhalten so Federn, in denen sich Blau und Gelb zu einem satten Grün mischen. Auch Kolibris haben häufig grüne Federn, die das Gefieder allerdings zusätzlich metallisch schimmern lassen. „Nur nutzen sie eine andere Gruppe von Melanosomen, die eher winzigen Würstchen oder Rollen ähneln“, erklärt Gerald Mayr. Auch Metallic-Farben sind also keine Erfindung der Neuzeit, sondern ein altes Erbe der Vogelwelt.

Eine Calciavis grandei genannte Vogelart, die vor 52 Millionen Jahren im heutigen US-Bundesstaat Wyoming lebte, hatte lange und schmale Melanosome, die unter einem Rasterelektronenmikroskop einer Miniatur-Bohne ähneln. Höchstwahrscheinlich dürften diese Vögel also ebenfalls kräftig schillernde Federn gehabt haben. Sie gehören übrigens ebenso wie die heute lebenden Kasuare mit ihren metallic-blau-schwarzen Federn oder wie die neuseeländischen Kiwis zu den Straußenvögeln. Deren Entwicklung hat sich bereits vor hundert Millionen Jahren vom großen Rest der Vogelwelt abgespalten. Die Natur scheint solche Schillerfarben bereits vor dieser Abspaltung erfunden zu haben, da sie auch in anderen Vogelgruppen vorkommen.

Nur lassen sich Farben in Fossilien dieses Alters, wie das Beispiel der Trilobiten zeigt, leider kaum nachweisen. „Einige Dinosaurier und die aus Sicht der Evolutionsbiologie zu ihnen gehörenden Vögel können also ähnlich wie etliche heute lebende Vogelmännchen durchaus bunte Hautstrukturen gehabt haben“, meint Gerald Mayr. „Welcher genaue Farbton das war, lässt sich aber oft kaum nachweisen, und die bunten Farben einiger Dino-Darstellungen bleiben daher meist Spekulationen.“ Für die jedoch die Evolutionstheorie plausible Gründe liefert - denn es geht vor allem um Kommunikation.

Farben als Kommunikationsmittel

Selbst Laien fällt auf, dass viele Vogelmännchen mit bunten Federn protzen, während bei Säugetieren sowohl Männchen als auch Weibchen oft ein schlicht gefärbtes Fell bevorzugen. Dabei haben auch Säuger Melanosomen in ihren Haaren. Ein Grund für diesen Unterschied könnte das Sehvermögen der Tiere sein. So haben Vögel und einige andere Wirbeltiere in ihren Augen meist vier unterschiedliche Typen von Farb-Rezeptoren, mit denen sie buntes Gefieder sehr detailliert wahrnehmen können.

Menschen und Affen besitzen den Rezeptor für ultraviolettes Licht nicht und sehen die Welt daher wesentlich weniger bunt als Vögel. Da in den Augen der meisten anderen Säugetiere auch noch der für Rot zuständige Farbrezeptor fehlt und so nur die Rezeptoren für Grün und Blau übrig sind, nehmen sie Farben gar nicht wahr. Aus den Augen eines Vogels ist die Sicht der Säuger ein tristes Trauerspiel.

Das heißt aber auch, dass Vögel mit einem bunten Gefieder untereinander viel mehr anfangen können als Säugetiere mit einem farbigen Fell. Kleine Nagetiere und viele andere Säuger verzichten daher weitgehend auf Farben. Sie setzen, wie Tiger und Zebras demonstrieren, allenfalls auf Muster. Bei Vögeln hingegen rentiert sich die Pracht der Farben. Vor allem die Männchen nutzen ein buntes Gefieder, um Weibchen ihre Fitness zu demonstrieren oder um Nebenbuhler zu beeindrucken und zum Rückzug zu bewegen. Die bunten Federn der Vogelwelt haben also eine ähnliche Funktion wie das große, aber meist braun getarnte Geweih vieler Hirsch-Arten.

Das überlegene Farbensehen der Vögel beeinflusst die Evolution aber nicht nur innerhalb der Art, sondern auch in der gesamten Umwelt. „So leben viele Vögel in Bäumen und Büschen und fressen dort Früchte und Insekten“, erklärt Gerald Mayr und weist damit auf einen wichtigen Zusammenhang hin. Werden Früchte wie die Kirschen rot, entdecken die Vögel sie leichter, fressen bevorzugt diese farbigen Früchte und verbreiten so deren Samen, die sie mit ihrem Kot oft einige Kilometer weiter ausscheiden. Mit der Zeit setzen sich Pflanzen mit Früchten in solchen Signalfarben immer mehr durch. Einen ähnlichen Evolutionsdruck haben wohl auch Affen ausgeübt, die Farben ebenfalls relativ gut sehen: Viele Arten leben in den Bäumen und fressen bevorzugt Früchte, die durch ihre intensive Farbe leicht zu finden sind.

Ähnlich beeinflusst wohl auch die gute Farbwahrnehmung der Kolibris das Aussehen der von ihnen gesuchten Blüten. Dort finden die kleinen Vögel nicht nur energiereichen Nektar, den sie für ihren immer energiehungrigen Organismus benötigen, sondern tragen auch Pollen von einer Blüte zur nächsten und unterstützen so die Vermehrung der Pflanzen. „Im Laufe der Evolution entwickelten von Kolibris besuchte Blüten meist rote oder orange Farben, während etwa die von den weniger gut Farben sehenden Fledermäusen bestäubten Blüten oft weiß sind“, erklärt Gerald Mayr eine weitere Theorie.

Insekten reagieren auf hungrige Vögel dagegen eher mit Tarnung. Es sei denn, sie warnen ihre gefiederten Feinde mit leuchtend gelben Streifen vor ihrem Gift. Wobei manche Insekten mit dieser Warnfarbe nur Giftigkeit vortäuschen. Solche Warnungen nutzen übrigens nicht nur Insekten, sondern auch Amphibien wie zum Beispiel Pfeilgiftfrösche, Gelbbauchunken oder Feuersalamander. Auch sie zeigen durch intensive Farben, dass sie giftig oder zumindest ungenießbar sind. Die Natur hat also im Gegensatz zum Menschen triftige Gründe für ein buntes Feuerwerk der Farben. Wir können im besten Fall unseren Nachbarn zeigen, was für einen tollen Farbenzauber wir uns zu Silvester leisten können. Zumindest, wenn die Knallerei wieder möglich ist.

 

Nota. - Das ist gut gemeint und unterhaltsam zu lesen: dass die Farben der Tiere hier mal diesen, dort mal jenen evolutionsbiologischen Zweck erfüllen. Wissenschaftlich interes-santer sind aber die Färbungen (und Gestalten) jener Tiere, bei denen ein solcher Zweck eben nicht iden-tifizierbar ist. Adolf Portmann hat dafür seinerzeit eine ganze Reihe von Beispielen gesammelt.* Er nimmt sie zum Anlass, 'der Evolution' eine Neiguung zur "Hy-pertelie" zuzuschreiben: ein tendenzielles Über-das Ziel-hinaus-Schießen; denn je vielfältiger die Auswahl von Varianten, umso effektiver das Spiel der Selektion.

*) Neue Wege der Biologie, München [1960] 

JE



Donnerstag, 30. Dezember 2021

Diskursives und wirkliches Denken.

                                     zu  Philosophierungen

Das diskursive Denken geschieht in Stufen. Begriffe werden durch logische Operationen zu einander in ein Verhältnis gesetzt. Auf Operation a folgt Operation b, und so weiter. Die Reihe a>b>c>d... ist der Diskurs. Jede einzelne Operation lässt sich überprüfen, ebenso das logische Folgen der einen aus der anderen.

Das wirklich Denken geschieht in Vorstellungen, als ein Strom von unbestimmten Bildern, die in der Anschauung zu Diesem oder Jenem verdeutlicht werden. 

Man soll nicht sagen, dass es so ist. So kann man es sich vorstellen. So muss man es sich vorstellen, wenn man auf etwas hinauswill. Nämlich auf ein Verständnis von der wirklichen Ausbildung der Vernunft. Das ist kein Stufengang, sondern ein systemischer Prozess. Es 'ist' vielleicht nicht so, aber 'so kann man es sich vorstellen'...

Die Darstellung dieses Prozesses ist wiederum nur diskursiv möglich - so, als ob er sich als eine Abfolge von unterscheidbaren Etappen vollzöge. Es wird so getan, als ob in einer er-sten Etappe ein (!) undeutliches Bild durch Momente, Agentien, Kunstgriffe in sich unter-schieden und 'bestimmt' würde. 

So nämlich erscheint es der Reflexion eines entwickelten vernünftigen Bewusstseins, das bereits über ein ganzes Repertoire solcher 'Momente' verfügt: Erinnerungen, Ahnungen, Probleme und - Begriffe. Man kann (sic) es so vorstellen, als würden sie prozessierend in die je erreichte Ausprägung der Vorstellung eingebracht, in deren Stoff sie zu einander in ein Verhältnis der Wechselbestimmung gebracht werden. 

Tatsächlich greifen sie ununterbrochen ineinander, sowohl die 'Momente' als die Etappen.

*

Um aber zu beurteilen, ob die mitttlerweile bestimmten Vorstellungen was taugen - und wozu -, ist der ganze diskursive Apparat unverzichtbar. Und nur in diskursiver Darstellung kann ich die Resultate meines Denkens im Gedächtnis behalten - und andern mitteilen, die sie ihrerseits beurteilen können.

Das ist dann wirklich eine neue Etappe.

PS.- Sowohl der Begriff der Systemik als die Vorstellung von einem Prozess waren zu Fichtes Zeit unbekannt. Er hat ihnen erst den Boden bereitet, aber es wird ihm nicht ge-dankt.

JE

 

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Erst das Sollen schafft das Bestimmbare.

                                    zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Vor der Hand wollen wir das Bestimmbare ansehen. - Das Denken des Sollens setzt sonach ein System des Bestimmbaren voraus. Dieses Bestimmbare würde nicht sein ohne die Auf-gabe, das Sollen zu denken, und diese würde nicht sein ohne das Sollen selbst. (Lediglich durch das Denken wird das Bestimmbare herbeigeführt.)  

Aus diesem notwendig zu setzenden Bestimmbaren werden wir alle Elemente des Bewusst-seins ableiten als Mittelbares, herbeigebracht durch das Bewusstsein des Sollens.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 146
 



Nota I. - Nicht schon durch das Wollen, wie es bisher schien, entsteht das Bestimmbare, son-dern erst durch das Sollen als seine höhere Potenz: Das Unbestimmte ist nun nicht mehr bloß (bei gutem Willen) bestimmbar, sondern gilt kategorisch als ein Zu-Bestimmen-des. (So erst wird es endlich, und so wird es wirklich.)

Im Sinne einer kritischen Anthropologie gedeutet, hat das Sinn. Das Zeitalter der Vernunft hob an, als die Menschen nicht mehr bloß okkasionell in je bestimmter Absicht das ihnen Begegnende zu begreifen suchten, sondern dazu übergingen, das Begreifen als eine Anfor-derung anzusehen, die von Rechts wegen generell an sie gestellt wird.

Es klingt bei F. aber die Absicht an, an das Verb sollen das Sittlichkeitsgebot zu knüpfen - in Verbindung womöglich mit der Neigung, 'die Vernunft' als vor gegeben aufzufassen. Es wird nötig sein, sich die Einführung des Sollens daraufhin noch einmal anzusehen.

 24. 12. 16

 
Nota. - 1) Als schlechterdings wollend soll das Ich aufgefasst werden. 2) Reales Wollen heißt, in der Sinnenswelt tätig-sein-Wollen. 3) Tätigsein heißt bestimmen. 4) Mich selbst real als schlechterdings bestimmen wollend auffassen heißt, mich ideal als bestimmen sollend auffassen. 5) Wenn Ich sich als schlechterdings bestimmensollend auffasst, fasst es eo ipso alles Nicht-Ich als bestimmbar auf. Umkehren lässt es sich nicht: Vom ich wird ausgegan-gen; wäre das Ich von irgendetwas ableitbar, wäre die Wissenschaftslehre hinfällig.
JE




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Mittwoch, 29. Dezember 2021

Bilden Spiele gesellschaftliche Normen ab?

aus derStandard.at, 27. 12. 2021       Seilziehen wird in Asien bereits seit Jahrtausenden praktiziert.         zuJochen Ebmeiers Realien  

Wettbewerb oder Kooperation
Was bevorzugte Spiele über eine Kultur verraten
Historische Daten lieferten Hinweise darauf, dass Spiele das real praktizierte Verhalten einer Gesellschaft abbilden

Spielverhalten kommt bei vielen Tierarten vor und ist damit evolutionär wohl deutlich älter als der Mensch. Als "eine Form aktiven Lernens", wie der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt meinte, hilft es Jungtieren dabei, später lebensnotwendige Fähigkeiten und Bewegungsabläufe zu trainieren. Beim Menschen könnte das Spiel zur Entwicklung seiner Intelligenz beigetragen haben. In anspruchsvolleren Varianten hat das Spiel auch kulturbildende Funktionen.

Umgekehrt könnten sich die Arten von Spielen, die von Menschen bevorzugt werden, zwischen Kulturen unterscheiden. Zumindest zeigte sich bisher, dass nicht überall auf die gleiche Art und Weise gespielt wird. Ein internationales Forscherteam hat nun historische Daten ausgewertet, um herauszufinden, ob die Spiele, die in verschiedenen Kulturen gespielt werden, Rückschlüsse darauf zulassen, wie kooperativ diese Kulturen sind.

Wettbewerbsorientierte oder kooperative Spiele

"Wir denken, dass Spiele Aspekte menschlicher Kulturen widerspiegeln, etwa wie kompetitiv oder kooperativ eine bestimmte Kultur ist", sagt Sarah Leisterer-Peoples, Forscherin am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Frühere Studien deuteten bereits darauf hin, dass in sozial hierarchischen Kulturen mit Unterschieden hinsichtlich Status und Wohlstand häufig wettbewerbsorientierte Spiele gespielt werden. In egalitären Kulturen mit geringen oder keinen Unterschieden bei Status und Wohlstand werden hingegen eher kooperative Spiele bevorzugt.

 

 

Bisher wurden diese Beziehungen jedoch nur anhand einiger weniger Kulturen untersucht. In der nun im Fachjournal "Plos One" veröffentlichten Studie, die sich auf historische Daten stützt, haben Forschende aus Leipzig, Jena, Gera und Australien analysiert, ob die Spiele, die verschiedene Kulturen praktizieren, Rückschlüsse darauf zulassen, wie kooperativ diese Kulturen sind.

 
Das altägyptische Schlangenspiel oder Senet wird seit mindestens 5000 Jahren gespielt. Dieses Spielset von Amenophis III. wurde um etwa 1350 vor unserer Zeitrechnung hergestellt.
Pazifische Kulturen und ihre Spiele

In einem ersten Schritt sichtete das Forschungsteam eine Datenbank mit historischen Spielen, die von verschiedenen Kulturen aus dem Pazifikraum gespielt wurden. Im nächsten Schritt ermittelten die Wissenschafter Merkmale von Kulturen, die auf deren Kooperationsbereitschaft schließen lassen. Das Team untersuchte zum Beispiel, wie sozial hierarchische Kulturen strukturiert waren, wie oft Mitglieder einer Kultur miteinander in Konflikt gerieten, wie oft die Kulturen mit anderen Kulturen in Konflikt gerieten und wie häufig Mitglieder einer Gemeinschaft gemeinschaftlich jagten und fischten.

"Dies sind reale Indikatoren für kooperatives Verhalten", sagt Leisterer-Peoples. So konnten die Forschenden schließlich 25 unterschiedliche Kulturen identifizieren, für die historische Informationen sowohl zu den vorhandenen Spielen als auch zu relevanten kulturellen Merkmalen verfügbar waren.

Überraschendes Ergebnis

Bei ihrer anschließenden Analyse erlebten die Forschenden eine Überraschung: Es zeigte sich, dass Kulturen, die häufig Konflikte mit anderen Kulturen austrugen, mehr kooperative als kompetitive Spiele aufwiesen. Andererseits hatten Kulturen, in denen es häufig zu Konflikten innerhalb der Gemeinschaft kam, stärkere Tendenzen zu kompetitiven im Vergleich zu kooperativen Spielen. Darauf, wie sozial hierarchisch Kulturen aufgebaut waren und wie Fischerei und Jagd gesellschaftlich begangen wurde, konnten die Forschenden anhand der von diesen Kulturen praktizierten Spiele nicht schließen.

"Auf den ersten Blick erscheinen diese Ergebnisse nicht intuitiv, ergeben aber im Zusammenhang mit Theorien zur Evolution der Kooperation in kulturellen Gruppen einen Sinn", sagt Leisterer-Peoples. "In Zeiten des Konflikts mit anderen Gruppen sind Individuen aufeinander angewiesen. Kooperation ist hier besonders wichtig." Dies spiegelte sich in der Art der Spiele wider, die gespielt wurden – Spiele, in denen Gruppen im Wettstreit mit anderen Gruppen stehen, meinen die Wissenschafter.

Ein Spiegel realen Verhaltens

Wenn es hingegen zwischen Mitgliedern innerhalb einer Gruppe häufiger zu Konflikten kam, wurden häufiger kompetitive Spiele gespielt. Demnach deuten die Resultate tatsächlich darauf hin, dass Spiele die kulturellen Merkmale der jeweiligen Gesellschaft widerspiegeln. Oder mit anderen Worten: Spiele bilden real praktiziertes Verhalten ab und könnten ein Weg sein, wie Kinder gruppenspezifische Normen lernen und trainieren.

"Zukünftige Studien sollten aber nicht nur untersuchen, wie kooperativ oder kompetitiv ein Spiel ist, sondern welche spezifischen Fähigkeiten durch Spiele erlernt werden können", sagt Leisterer-Peoples. "Dies ist erst der Anfang, wenn es um Studien über Spiele in verschiedenen Kulturen geht. Es gibt noch viel mehr zu entdecken!" (red.)

Studie
Plos One: "Games and enculturation: A cross-cultural analysis of cooperative goal structures in Austronesian games."

 

Nota. - Dass man Spiele, die für eine bestimmte Gesellschaft typisch sind, danach unter-sucht, ob sie für diese Gesellschaft nützliche Funktionen erfüllen - und welche -, ist gut und richtig. Nicht gut und ganz unrichtig wäre, die kulturelle Bedeutung des Spielens damit für erschöpft zu halten. Nicht nur für die Ausbildung, sondern auch für die Bewährung und Entfaltung der Persönlichkeiten sind sie von Bedeutung - ganz individuell und nicht erst kollek- oder korporativ: Spielen weitet den Horizont allein schon dadurch, dass es erfreut. Und sein geselliger Charakter ist nicht nur nutzbringend, sondern erfreut seinerseits; und das hebt die Kultur auf breitester Front.  Das sollte man wenigstens als Fußnote immer wieder anmerken.
JE

 

Dienstag, 28. Dezember 2021

Einbildungskraft.

  knipseline  / pixelio.de            zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Dieser Wechsel des Ich in und mit sich selbst, da es sich endlich und unendlich zugleich setzt - ein Wechsel, der gleichsam in einem Widerstreite mit sich selbst besteht, und dadurch sich selbst reproduziert, indem das Ich Unvereinbares vereinigen will, jetzt das Unendliche in die Form des Endlichen aufzunehmen versucht, jetzt, zurückgetrieben, es wieder außer derselben setzt, und in dem nämlichen Momente abermals es in die Form der Endlichkeit aufzunehmen versucht - ist das Vermögen der Einbildungskraft. 
_______________________________________________________________________J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW I, S. 215
 
 
Nota. - Man möchte vermuten, er redet von dem, was Kant als die Grundkraft in Erwägung gezogen hat. 
JE