Donnerstag, 31. März 2022

Freiheit und Beschränktheit sind ursprünglich vereinigt.

pinselpark                                        zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
            
Wir finden also Freiheit und Beschränktheit ursprünglich vereinigt in der kategorischen Forderung, die notwendig angenommen werden muss, wenn Bewusstsein erklärt werden soll: Freiheit, indem angefangen werden soll, Beschränktheit, indem über die bestimmte Sphäre nicht hinausgegangen werden soll.
_______________________________________________________________________J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  
S.143
 

Nota I. - Nicht Begriffe sollen definiert, sondern Vorstellungen auseinander entwickelt werden. Den Begriff der Freiheit mag man positiv formulieren, als Vermögen, zwischen den Mannigfaltigen zu wählen. Vorstellen kann man sich Freiheit aber nicht ohne ihr Ge-genteil, 'fühlen' wird man die Beschränktheit nicht ohne den Drang zur Freiheit. (Das Wol-len ist ja immer vorausgesetzt.
15. 12. 15 
 

 
Nota II. - Und immer klingts im Hintergrund: Das Ich ist nicht mal das Eine, mal das An-dere, nicht entweder Subjekt oder Objekt; sondern stets und uno actu Subjektobjekt. So kann man es tätig anschauen, aber nicht in Begriffen denken. In der Reflexion kommt es entweder als dieses vor, oder als jenes; entweder beschränkt oder vom Trieb zur Freiheit bedrängt. Was nicht einerseits eine theoretische Einsicht ist und andererseits ein praktisches Postulat, sondern das eine als das andere.
JE
 

Das Absolute ist eben nicht von dieser Welt.

Daniel-Pascal Zorn: "Die Krise des Absoluten": "Die Vielheit unter einem Gemeinsamen denken, das kein Absolutes sein kann." - Inntel-Hotel in Amsterdam, entworfen von WAM Architects.
aus Süddeutsche.de, 30. 3. 2022                                   "Die Vielheit unter einem Gemeinsamen denken, das kein Absolutes sein kann."

"Die Krise des Absoluten"                                                                                  zu  Jochen Ebmeiers Realien
Verkannter Knotenpunkt 
Daniel-Pascal Zorn rettet die philosophische Postmoderne.

Von Christoph Möllers

Bei einem Gespräch über die Zukunft der Demokratie im Schloss Bellevue beklagten sich vor Kurzem gleich mehrere Rednerinnen und Redner angesichts des Grassierens politischer Falschmeldungen über die herrschende "postmoderne Beliebigkeit". Nun mag man über Beliebigkeit lamentieren, doch was an dieser genau "postmodern" ist, bleibt die Frage. Die Vorstellung, den einst wahrheitsliebenden westlichen Gesellschaften sei durch eine kleine Schar französischer Denker der Relativismus eingeflößt und der Drang nach faktischer Richtigkeit ausgetrieben worden, wird ja eigentlich in der Sekunde abwegig, in der man sie ausspricht. Trotzdem findet sie weiterhin Anklang.

Der Philosoph Daniel-Pascal Zorn hat dieser schlichten Geschichte nun auf mehr als 600 Seiten eine gewaltige und komplexe Gegenerzählung gewidmet. Anhand einer kollektiven intellektuellen Biografie von acht Philosophen zeichnet er die Denkbewegung eines unübersichtlichen und vielfältigen intellektuellen Projekts nach, das weniger eine geschlossene Schule darstellt als einen repräsentativen Knotenpunkt im Denken unserer Zeit.

Die philosophische Postmoderne wird damit zu einem tief in die Geschichte der Philosophie eingebetteten Unternehmen

Unter den dargestellten Autoren findet sich zunächst die klassische vierköpfige Kernmannschaft der französischen Philosophie der Siebziger und Achtziger: Jacques Derrida, Gilles Deleuze, Michel Foucault und Jean-François Lyotard. Ergänzt werden diese - und hierin liegt ein Clou des Buches - durch vier weitere Denker: zwei deutsche Philosophen einer früheren Generation, Theodor W. Adorno und Joachim Ritter, dazu dem Kybernetiker Heinz von Foerster und den amerikanischen Neo-Pragmatisten Richard Rorty.

Die Spuren, die Zorn in seinem Buch legt, führen dabei weit in die Philosophiegeschichte zurück, sie verästeln sich nicht allein in den mal intellektuellen, mal realen Begegnungen der Protagonisten miteinander, sondern beziehen ein riesiges Nebenpersonal ein, Lehrer, Lehrer von Lehrern, intellektuelle Milchbrüder- und schwestern, Förderer und mitunter Begleitfiguren von außerhalb der Philosophie. Die Länge der Liste der dramatis personae, die dem Buch leider ebenso fehlt wie ein Personen- oder Sachregister, kann mit jedem russischen Roman konkurrieren: Wer war noch gleich Jean Cavaillès? Es lohnt sich, ihn kennenzulernen.

Daniel-Pascal Zorn: "Die Krise des Absoluten": Daniel-Pascal Zorn: Die Krise des Absoluten - Was die Postmoderne hätte sein können. Klett-Cotta, Stuttgart 2022. 648 Seiten, 38 Euro.

Daniel-Pascal Zorn: Die Krise des Absoluten - Was die Postmoderne hätte sein können. Klett-Cotta, Stuttgart 2022. 648 Seiten, 38 Euro.

Derart wird die philosophische Postmoderne zu einem tief in die Geschichte der Philosophie eingebetteten Unternehmen der Suche nach einem Begriff des Absoluten, das sich nicht, wie Habermas wirkmächtig behauptete, schlicht als Antithese zu aufklärerischer Rationalität verstehen lässt. Wie Zorn deutlich macht, erweisen sich nicht nur Nietzsche und Heidegger als Vordenker der Postmodernisten, sondern auch der Empirist Hume, der Neukantianer Cassirer oder der Analytiker Quine.

Das Bild, das so entsteht, ist abschreckend kompliziert. Weil das Buch nicht streng chronologisch vorgeht, sondern sich mit vielen Rück- und Seitenschritten von den Anfängen der Protagonisten mal in deren näheren und weiteren Vorgeschichten, im Ganzen dann aber doch wieder von hinten in die Gegenwart vorarbeitet, ist die Lektüre auch dann anspruchsvoll, wenn man versucht, den Faden des verlorenen Absoluten im Kopf zu behalten. Denn, wie Zorn schön formuliert, startet die Krise des Absoluten mit jeder Figur neu, in die sich das Absolute zurückzieht.

 

 

Geordnet sind die Abschnitte und Unterabschnitte nach bestimmten Problemen, deren Darstellung durch Schnitte unterbrochen wird, die sich erst bei weiterer Lektüre durch Rückverweise erklären. Man vertraut dem Autor, dass er über den Aufbau des Buchs lange nachgedacht hat, ist sich aber nicht immer sicher, diesen nachvollziehen zu können. Dabei werden Argumente in der Sache vorbildlich klar und lesbar entwickelt. Es bleibt kein anderer Weg als die langsame, konzentrierte und lineare Lektüre eines Buches, das man sich als Netz- und Verweisstruktur hätte denken können. Diese wird nicht dadurch erleichtert, dass die Überschriften der Abschnitte und Unterabschnitte eigentlich gar keinen Hinweis auf ihren Inhalt geben. Im Abschnitt "Hügel 937" geht es übrigens um den Studentenaufstand 1970 in Paris Nanterre.

Die Postmodernisten sind hier Helden eines Denkens, das frei ist, ohne seine genuin intellektuelle Rigorosität aufzugeben

Zorn bezieht die politischen Umstände der Debatten mit ein, konzentriert sich aber zumeist auf die eigentlichen Argumente. Das Konzept der "Dekonstruktion" auf zwei Seiten auch aus seiner philosophischen Herkunft zu erklären, setzt eine intellektuelle Fähigkeit voraus, die sich im Buch an unzähligen Stellen zeigt. Dass die Philosophie hier nicht als ein Nebeneinander großer Systeme erscheint, sondern als ein Gegeneinander argumentativer Elemente, ist natürlich kein Zufall - aber es wäre eben ein Fehler, das als "typisch postmodern" zu klassifizieren. Wie Zorn lakonisch bemerkt: "Die philosophische Postmoderne ist, so verstanden, einfach Philosophie."

Die konsequente Verschiebung bekannter Frontlinien wird damit zu einer der wichtigen Einsichten von Zorn. Der "Kontinent der Postmoderne" ist nicht rein europäisch, er steht in keinem Gegensatz zum amerikanischen, er richtet sich auch nicht gegen naturwissenschaftliche Erkenntnisformen oder analytische Zugänge. Und die intellektuellen Begegnungen zwischen Adorno und Ryle, Deleuze und Hume oder die Parallelen zwischen Genealogiekonzepten bei Foucault und Koselleck, die Zorn uns vorstellt, schließen es aus, die Postmoderne von der restlichen Geschichte der Philosophie zu isolieren.

Der etwas rätselhafte Untertitel des Buchs "Was die Postmoderne hätte sein können", wird zu Beginn kaum erklärt und erst ganz am Ende wirklich verständlich. Hier erst kommt die Zuneigung zutage, mit der sich Zorn wie mit anderen Wertungen auch ansonsten angenehm zurückhält. Für ihn sind die Postmodernisten Helden eines Denkens, das frei ist, ohne seine genuin intellektuelle Rigorosität aufzugeben, ein Denken, das - nicht zufällig auch in den Schuhen des amerikanischen Pragmatismus stehend - den Weg für eine philosophische Praxis frei machen will, in der durch freie Gedanken freie Institutionen entstehen, die sich nicht der Beliebigkeit eines anspruchslosen Pluralismus verschreiben: "Der Schritt von der Pluralität zum - bequemeren - Relativismus ist klein. Er besteht darin, das Unternehmen aufzugeben, die Vielheit unter einem Gemeinsamen zu denken, das kein Absolutes sein kann."

Fehlt uns die Geduld, uns mit der Komplexität dieser Entwürfe wirklich zu beschäftigen?

Die Utopie eines solchen Denkens, dessen Verwirklichungsmöglichkeiten Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger kurz aufblitzen, wird in Zorns vielleicht etwas kulturpessimistischer Lesart durch die kapitalistische Wende der Achtziger unmöglich gemacht. Sie endet also in dem Moment, in dem der Ausdruck "Postmodernität" überhaupt erst in einen breiteren Gebrauch kommt. Dass die Postmodernisten, wenn man Zorn folgt, Opfer einer durch den Kapitalismus geschaffenen Aufmerksamkeitsökonomie wurden, in der es an Geduld fehlt, sich mit der Komplexität ihrer Entwürfe zu beschäftigen, und in der stattdessen preiswerte Moralisierung nachgefragt wird, erscheint aber zumindest leicht undialektisch.

Denn es dürfte nicht zuletzt der Popstar-Status von Figuren wie Derrida und Foucault sein, der dazu geführt hat, dass sie von vielen ernsthaft und gründlich gelesen wurden. Wie es überhaupt etwas seltsam anmutet, einer Gruppe so ausnehmend erfolgreicher Autoren den Status einer verkannten Kleinsekte zuzuweisen. Wenn Zorns Buch hoffentlich viele Leserinnen findet, dann auch, weil die Philosophen, über die er schreibt, viele Leserinnen gefunden haben. Dies wünscht man ihm auch deswegen, weil es wahrscheinlich keine Disziplin gibt, in der es größeren Muts bedarf, ein solches Buch zu schreiben.

Heute scheint die Philosophie in großer Sorge um ihren wissenschaftlichen Status zu sein, obwohl sie doch gerade die Bedeutung dieses Status infrage stellen sollte. Auch deswegen hat sie zu öffentlichen Debatten bemerkenswert wenig beizutragen. Dass Zorn sich um intelligente Vereinfachung bemüht, die im Ergebnis immer noch nicht "einfach" genannt werden kann, um das Anliegen der Philosophie zu erklären, wird sie ihm hoffentlich nicht übelnehmen, sondern danken.

 

Nota. - Die postmodernen Denker hätten bis 1780 in der Welt auftreten dürfen. Ab 1781 nicht mehr. Da ist die Kritik der reinen Vernunft erschienen. Seither sind sie veraltet, bloß wissen die Franzosen davon bis heute nichts.

Ein Real-Absolutes ist seit Kant so etwas wie ein schwarzer Schimmel. Das war am Vor-abend der Revolution - der französischen. Die hat, ein Jahr, nachdem sie auf ihrem Höhe-punkt den Kult der Vernunft gefeiert hat, dem Höchsten Wesen gehuldigt. Da gings schon längst mit ihr bergab.

Die Romantik, die wie die Transzendentalphilosophie ihr deutsches Echo gewesen ist, hielt der Rückkehr des Absoluten in Politik und Philosophie nicht lange stand, die eine verblühte zum Biedermeier, die andere zu Deutschem Idealismus. Immer wieder gab es danach Ver-suche, zur Stunde Null - Revolution, Romantik, Transzendentalphilosophie - zur-ückzukehren. Deren Hardware ruht inzwischen auf dem Müllberg der Geschichte. So müsste die Software nun umso dringlicher auch für sie eintreten.

Mit andern Worten, den wahren Knotenpunkt verkennt auch Christoph Mölders. Die Viel-heit ist nicht unter einem Gemeinsamen zu denken, das allerdings ein reales sein müsste, aber nicht kann; sondern aus einem Ursprung zu denken: der Einbildungskraft, denn der Gegenstand ist an sich ununterschieden und kennt keine Vielheit.
JE

Mittwoch, 30. März 2022

Ich fühle nicht etwas, sondern ich fühle mich.

suncrest                       zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkriti

Wie kann nun das Gefühl Gegenstand eines Begriffs werden? Bei der Anschauung wird eine Realität vorausgesetzt, aber beim Fühlen nicht, das Fühlen ist selber Realität, die vor-kommt. Ich fühle nicht etwas, sondern ich fühle mich. – Welches ist nun der Übergang aus dem Gefühl zur Anschauung? Ich kann kein Gefühl anschauen außer in mir; soll ich ein Gefühl anschauen, so muss ich doch fühlend sein. Es wird schlechthin reflektiert. Das Ich erhebt durch eine neue Reflexion, die mit absoluter Freiheit geschieht, sich über sich selbst, sich das Anschauende über sich, inwiefern es fühlend wird, es wird dadurch selbstständig.
_______________________________________________________________________J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 71 

 

Nota. - Nicht mein Gefühl situiert mich in der sinnlichen Welt, sondern meine Anschauung: die Reflexion auf es. Sinnlich ist das Sinnliche. Aber als eine Welt wird das Sinnliche nur vor-gestellt. Die Vorstellung verbindet mich mit ihr, denn ein Ich bin ich nur als Vorstellender. Als bloß Fühlender wäre ich bloß sinnlich unter lauter bloß Sinnlichem.
JE

Ein erster, letzter Grund oder: Der schöne Schein des Wahren

Helixnebel alias God's eye                                       aus Die Wendeltreppe, oder Philosophische Propädeutik.

Nichts trügt weniger als der Schein.
Max Liebermann

Ursprung und Angelpunkt des abendländischen Denkens war die Frage nach dem Wahren. In der Sinnenwelt ist alles Trug. Sie scheint mal so, mal so, je nach Standort. Alles, was wird, wird vergehen. Wahr ist, was währt, das ewige Sein; doch es liegt unterm Werden verhüllt. Nur dem Denken ist es kenntlich, "denn dasselbe ist Denken und Sein", sagt Parmenides. Die Frage nach dem wahren Sein ist die Frage, wonach sich mein Leben in der Mannigfal-tigkeit trügerischer Erscheinungen richten soll. 

Man erkennt es beim Vergleich mit Heraklit, gegen den Parmenides angetreten war: Nicht zweimal könne man in einen Fluss steigen; der Fluss sei ein anderer geworden und der Mensch auch. Hinter dem Werden ist Nichts, wahr ist der Schein: Das möchte man einen heroischen Nihilismus nennen; ein aristokratisches Leben auf eigne Faust, das sich nicht jeder leisten kann. Die Vermutung, daß der Sinn der Welt zwar verborgen, aber jedenfalls in ihr liegt, macht dagegen auch kleinen Leuten Mut. Nicht anders konnte die Arbeitsgesell-schaft siegen, nicht anders konnte Europa die Welt erobern.

Die Erkenntnis, dass nach dem Sinn gefragt werden muss, war die Geburtsstunde des Abendlands.

Der ebenbürtige Zeitgenosse von Heraklit und Parmenides war Aischylos – der als erster die Schuld der Menschen zum Thema gemacht hat; nämlich dass sie ihre Wege selber wäh-len. Es wurde zum Thema der westlichen Kultur. Man mag auch meinen, es sei die Con-ditio humana selbst. Nur wurde sie nicht überall ihrer bewusst.

Das Wahre, das Ansich-Seiende, das Absolute; Wert, Bedeutung, Geltung, Sinn – das alles sind verschiedene Worte für ein Problem. Nämlich dies, dass der Mensch sich nicht mit dem Leben begnügen kann, sondern immer sein Leben führen muss. Führen wo hin, wo lang? Er muss sich orientieren. Das, woran er sich orientiert hat, um dessentwillen er ge-lebt hat, nennt er, rückblickend, 'das Wahre’, 'das Absolute', den 'Sinn'. Das Erkennen ist zirkulär.

Warum? Es kommt a posteriori. Denn gesetzt wird der Sinn immer 'in actu', hier und jetzt, an jedem Wegkreuz neu. Dem (nachträglichen) Erkennen erscheint es darum als a priori. 'Das Wahre', 'das Absolute', der 'Sinn' ist – reell wie ideell – eben keine Sache, son-dern ein Problem. Es ist aber keins, worauf die Menschen ebenso gut verzichten könnten. Sie waren tätig, bevor sie erkennend wurden. Aber sie müssen erkennend sein, um selbst-tätig zu werden.

Nur weil der Mensch ein Leben führt, dessen Sinn weit über seine bloße Erhaltung hin-aus reicht (wenn er es will), hat er das Problem der Freiheit. Ob er es will, ist damit noch nicht entschieden. Wenn einer sagt: Die Befriedigung meiner Bedürfnisse ist mir genug – wie kann ich ihm widersprechen? Es gibt noch viele, die sich mehr gar nicht leisten kön-nen. 

Aber eine Kultur, wo verknappter Luxus schon wie Not erscheint, lebt im Überfluss. Die-ses ist eine Sinnbehauptung: Es sollte eine Welt des Reichtums entstehen, damit Men-schen in die Lage kommen, ihre Freiheit bestimmen zu können. Nur darum gibt es die Frage nach der Wahrheit. Aber die ist ein Paradox. 

Was ich tun soll, ist eine Frage von Bedeutungen. Ist Sache eines Urteils. Und dafür brau-che ich Gründe, die gelten. Deren Geltung muss ihrerseits begründet sein, und so fort. Machen wir’s kurz: Wenn überhaupt etwas gelten soll, muss es irgendwo einen Grund ge-ben, der schlechterdings gilt und in letzter Instanz, ohne alle Bedingung – die Bedingun-gen von Ort und Zeit zumal. In der Welt, die 'der Fall ist’', wird man ihn nicht antreffen. Er ist "nicht von dieser Welt", ich muss ihn mir hinzu denken .

FlaschenzugDass der menschliche Geist "notwendig etwas Absolutes außer sich setzen muss und dennoch von der andern Seite anerkennen muss, dass dasselbe für ihn da sei, ist derjenige Zirkel, den er ins Unendliche erwei-tern, aus welchem er aber nicht heraustreten kann. Es ist nur da, inwie-fern man es nicht hat, und entflieht, sobald man es auffassen will", schrieb Johann Gottlieb Fichte. Es "kann nur eine Idee sein; ein bloßer Gedanke in uns, von welchem gar nicht vorgegeben wird, dass ihm in der wirklichen Welt außer uns etwas entspreche. Ideen können unmittelbar nicht gedacht werden. Sie sind Aufgaben eines Denkens, und nur, inwie-fern wenigstens die Aufgabe begriffen werden kann, kommen sie in un-serm Bewusstsein vor." Eine Aufgabe nannten die Griechen ein Problem. Aber dieses Pro-blem ist so gestellt, dass es schlechterdings nicht lösbar ist: Die Freiheit soll sich ihren Be-stimmungsgrund außer sich suchen! Es ist ein Paradox. 

Das ist nicht bloß eine Idee. Das ist eine ästhetische Idee. Es ist, recht besehen, die ästheti-sche Idee schlechthin, die in alle tatsächlich vorkommenden Bestimmungen nach Ort und Zeit vorgängig hineingreift, die all die Qualitäten vereint, die ich an den Dingen "wertneh-me", bevor ich sie wahrnehme, und von der ich erst durch eine besondere Anstrengung des reflektierenden Verstandes wieder abstrahieren kann. 

Es "ist" nicht so. Aber so muss ich es mir vorstellen, wenn ich mir überhaupt Etwas vorstel-len will. Das Wissen kann seinen eignen Grund nicht erkennen. Es muss ihn sich einbilden. Der höchste Akt der Vernunft sei ein ästhetischer, hieß es im 'Ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus'. Ob er wirklich stattgefunden hat, ist nicht entscheidend. Es scheint uns so, als ob er stattgefunden hätte. Er ist so wahr wie ein Mythos sein kann. Will sagen, er muss sich bewähren.

Bewähren in Sonderheit in meinem täglichen Tun und Lassen – als Sittlichkeit. "Die Ethik ist transzendental", schrieb Ludwig Wittgenstein, um gleich hinzu zu fügen: "Ethik und Ästhetik sind eins." Und es sei klar, dass sie sich als solche "nicht aussprechen" lassen.

In den Wörtern unserer Welt lassen sie sich nicht aussprechen. Denn sie gehören zu meiner Welt. Den andern kann ich sie allenfalls zeigen – in den Bildern der Kunst. In Wörtern lässt sich das Problem immer nur so formulieren: Der Sinn des Lebens ist, dass du nach ihm fragst. Eben ein heroischer Nihilismus oder, wenn man will, “Artisten-Metaphysik”. Auf jeden Fall ist es eine romantische Anschauung der Welt, und eine fröhliche.

in 2007

Fata Morgana

Dienstag, 29. März 2022

Was sich bestimmen soll, muss sich selbst haben, und was sich selbst hat, ist eine Intelligenz.

                             aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
          
2) Dieses x ist nun selbst das Produkt der absoluten Freiheit, d. h. teils, dass überhaupt et-was in dieser Verbindung des Bewusstseins da ist, teils, dass es gerade x und nicht (-x) ist, davon soll der Grund in der Selbsttätigkeit liegen.

(Das Wort Grund muss hier sofern erklärt werden, dass der Sinn  deutlich wird; weiter un-ten wird deduziert, was Grund sei.)

Die ideale Tätigkeit ist gebunden, teils, dass sie für ein x da ist, teils, dass es so bestimmt ist. In sofern ist die ideale Tätigkeit leidend. Es muss etwas hinzu gedacht werden, was sie bin-de und gerade an das x binde, das ist x nicht selbst, / sondern die Freiheit, diese hat x selbst hervorgebracht; dies heißt nun: Die Freiheit enthält den Grund von x. Was ists nun, wel-ches macht, dass in unserm Fall das Begründende gesetzt wird als Ich? Das Ideale ist es, welches setzt und welches das Praktische setzt als sich selbst. Das Ideale muss so verfahren, da es nur kennt, was in ihm ist. – 

Es ist bildend, es muss das Praktische sonach auch setzen als bildend. Es sieht gleichsam ein Bilden in das Praktische hinein, und dies Bild ists, wodurch das Praktische dem Idealen zu sich selbst wird. Das Zuschreiben der Anschauung ist der Punkt, der es vereinigt. Nun aber ist das Praktische als frei anfangend kein Nachbilden, jenes Bild des Praktischen ist daher kein Nachbild, sondern ein Vorbild.

Das Anschauende als solches ist gebunden, es folgt nur einem anderen nach; das realiter Tätige ist absolut frei, es kann nicht folgen, es muss mit absoluter Freiheit sich einen Begriff entwerfen, dies heißt ein Zweckbegriff, ein Ideal, von dem man nicht behauptet, dass ihm etwas entspreche, sondern dass ihm zufolge etwas hervorgebracht werden soll. Wir können ein freies Handeln nur denken als ein solches, das zufolge eines freien Begriffes vom Han-deln geschieht; wir schreiben also dem praktischen Vermögen Intelligenz zu. Freiheit kann nicht ohne Intelligenz gedacht werden; Freiheit kann ohne Bewusstsein nicht stattfinden. Absprechen des Bewusstseins und Absprechen der Freiheit sind eins, ebenso das Zuschrei-ben des Bewusstseins und Zuschreiben der Freiheit. Im Bewusstsein liegt der Grund, dass man mit Freiheit handeln kann.

Das Ich bestimmt sich selbst. Das Wörtchen selbst bezieht sich auf es. Es bestimmt sich, aber indem es sich bestimmt, hat es sich schon; das sich bestimmen soll, muss sich selbst haben, und was sich selbst hat, ist eine Intelligenz.

Es hat sich; es ist etwas Doppeltes, das aber unzertrennbar ist. So ein unzertrennbar Dop-peltes ist aber Subjektobjektivität, oder das Bewusstsein. Dies ist das einzige, welches ursprünglich synthetisch vereinigt ist. Alles andere wird erst synthetisch vereinigt. Ein sich Bestimmendes ist für sich, und darum schreibt man der Intelligenz Freiheit zu.
______________________________________________ 
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 52f.


 
Nota. -Intelligenz ist eo ipso produzierend: Sie ist Einbildungskraft
 JE, 7. 5. 16 
 
 
 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Postmoderne Erste Philosophie.

cpricop                                                                 aus Philosophierungen

Eine rein theoretische Philosophie, die eruiert, wie die Welt beschaffen ist, müsste doch früher oder später die Frage beantworten, wie es die Welt anstellt, in das Subjekt hinein-zukommen, denn nur in der Antwort darauf kann sich die ganze theoretische Vorarbeit rechtfertigen.

Um das Subjekt kommt man also auch in diesem Fall nicht herum. Wenn es schon nicht der erste Anfang ist, müsste es immer noch der zweite Anfang sein.

Es gibt zwei Möglichkeiten, das Subjekt als sein Objekt bestimmendes – und nur so ist es Subjekt – aufzufassen.

Erstens als Bedürfnis, das in sich aufnimmt. Zweitens als Drang, der aus und über sich hin-aus will. (Denn eine homöostatische Nullsumme, wo Input und Output sich ausgleichen, wäre kein Subjekt.) Und beides gilt sowohl, wenn ich das Subjekt bloß als Intelligenz, als wenn ich es als ganze Physis auffasse. 


Insofern trifft jede Erste Philosophie, wo immer sie anfängt, eine anthropologisch-theoreti-sche und ipso facto eine praktisch-transzendentale Vorentscheidung. Und so auch die Wis-senschaftslehre. Sie versteht das Subjekt apriori als Drang nach außen.
 

Die Alternative ist nicht: 'Dogmatismus oder Idealismus'; der Dogmatismus kann unser Wissen vom Objekt ja nicht erklären. Die allein mögliche - idealistische - Alternative ist vielmehr:

das Ich als ein sich-Setzendes 

oder
das Ich als ein Reinziehendes.

Mit andern Worten, das praktische Prinzip kommt vor dem theoretischen.

*


Mit nochmals andern Worten, alle Erste Philosophie ist anthropologisch; wenn nicht in ihren Aussagen, dann in ihren Prämissen.

An aller postmoderner Denkelei, angefangen bei Michel Foucault,* fällt auf, dass sie das Wesen des Menschen ebenso sorgfältig meiden, wie sie ihre Voraussetzungen vertuschen. Und doch liegt ihnen allen so verstohlen wie entschieden ein Menschenbild zu Grunde – das Ich, das Ansprüche stellt, Bedürfnisse hat und Erlebnisse braucht; ein forderndes, ein zehrendes Subjekt. Seine Objekte 'selber setzend' durchaus – aber nur als die ihm zustehen-den, ihm angemessenen, ihn befriedigenden. Seine
Tathandlung ist Einverleiben und Assi-milieren.

*) Berichtigen Sie mich, wenn ich falsch liege.
23. 8. 14

Montag, 28. März 2022

Über den Veitstanz der Postmoderne.

Hat das Wissen aus der Ordnung befreit: Michel Foucault                
aus welt.de, 28. 3. 2022                                                                     zuJochen Ebmeiers Realien; zu öffentliche Angelegenheiten.
 
Was wir der Postmoderne verdanken
Was ist postmodernes Denken? Und wohin hat es uns geführt? Der Philosoph Daniel Pascal-Zorn erinnert an eine Denkrevolution, die durch Auswüchse der Identitätspolitik in Verruf geraten ist. Bei einem Punkt haben die Postmoderne-Kritiker jedoch recht.


Von Wolf Lepenies 

Obwohl sie sich an Pariser Elite-Gymnasien wie dem Lycée Louis-le-Grand und dem Lycée Henri IV vorbereitet haben, fallen Jackie, Paul-Michel, Jean-François und Gilles beim ersten Anlauf in der Aufnahmeprüfung für die École Normale Supérieure durch oder werden zur Prüfung gar nicht erst zugelassen. Die Rede ist von den Philosophie-Studenten Jacques Derrida, Michel Foucault, Jean-François Lyotard und Gilles Deleuze. Alle vier haben Schwierigkeiten, den starren Anforderungen des französischen Bildungssystems gerecht zu werden. Über einen von ihnen urteilt der Prüfer: „Soll wiederkommen, wenn er bereit ist, die Regeln zu akzeptieren und nicht zu erfinden, wo man sich informieren muss. Ein Durchfallen wird diesem Kandidaten von Nutzen sein.“

Derrida & Co. fallen durch – aber der Nutzen, den sie davon haben, zeigt sich nicht in nachholender Anpassung, sondern in intellektueller Revolte. Nun erst recht, lautet die Devise. Bald gelingt es ihnen, „die Regeln der Akademie“ mit der „kreativen Regellosigkeit des intellektuellen Diskurses“ zu verbinden. Aus dieser Melange formt sich das Milieu der postmodernen Philosophie. Seit den 1960er Jahren prägt sie die intellektuelle Debatte nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa und in den USA.

Statt Wahrheit nur noch Meinungen

„Die Postmoderne ist an allem schuld“ – mit diesem Satz beginnt Daniel-Pascal Zorns Buch „Die Krise des Absoluten. Was die Postmoderne hätte sein können“. Ein opus magnum – sowohl was den Umfang als auch den Anspruch des Autors angeht. Schuld ist die Postmoderne angeblich daran, spottet Zorn, dass wir die Welt nicht mehr als eine uns allen gemeinsame Realität, sondern lediglich als Konstruktion verschiedener Wirklichkeiten wahrnehmen. Statt Wahrheit gibt es nur noch Meinungen: „Auch Verschwörungstheorien und Fake News, ‚political correctness’ und ‚cancel culture’, also die weitverbreitete Tendenz, unliebsame Meinungen zu unterdrücken, haben wir der Postmoderne zu verdanken.“ Zorn nutzt diesen Lasterkatalog als Folie, um davon seine emphatische Schilderung der Postmoderne abzuheben, die in vielen Passagen einer Heroengeschichte ähnelt.

 

 

Dabei ist „Postmoderne“ nicht das Etikett einer durch Anfang und Ende bestimmten historischen Epoche oder Episode. Sie ist vielmehr ein „kompletter Zeit- und Erfahrungsraum“, der wie die Moderne durch eine „Krise des Absoluten“ geprägt wird, wie Zorn es nennt. Es geht um die Reaktion auf den Verlust fragloser Gewissheiten in Kultur, Gesellschaft und Ökonomie. Diese Verlustgeschichte, die stets von Versuchen zur Wiedergewinnung von Gewissheiten begleitet wird, vergleicht Zorn in seinem Metaphern-starken, manches Mal auch Metaphern-verliebten Buch mit „einer Bergwanderung, einem Rundweg durchs philosophische Gebirge.“ In seinem Zentrum „thronen natürlich die großen Vier der französischen Philosophie: der Historiker und Psychologe Michel Foucault, die beiden Philosophen Jacques Derrida und Gilbert Deleuze, und der Theoretiker Jean-François Lyotard.“

Nach ein paar Wegstunden stößt der Wanderer auf den Höhenzug der deutschen Philosophie, „die als ältere Formation durch starke Verwitterung ausgezeichnet ist“. Von oben herab schaut der Münsteraner Philosoph Joachim Ritter auf die bürgerliche Gesellschaft, Theodor W. Adorno dagegen – natürlich redet ihn Zorn mit „Teddie“ an – setzt sich mitten in diese Gesellschaft, „um ihre Widersprüche und Paradoxien aus nächster Nähe zu beschreiben“. Die deutsche Philosophie bildet den Hintergrund für das Panorama der postmodernen Autoren. Dazu gehören auch Richard Rorty, ihr „US-amerikanischer Zwilling“ und Heinz von Foerster, der österreichische Physiker, Philosoph und Pionier der Kybernetik.

Diese acht Philosophen markieren die wichtigsten Stationen der postmodernen Wanderung. Daniel-Pascal Zorn, der Bergführer, findet eine treffende Metapher, um seine eigene Methode zu kennzeichnen: Er hat dem Leser keine Postkarte präsentiert, auf der das Bergmassiv der Postmoderne aus einer einzigen Perspektive erscheint. Er hat ihm vielmehr eine Wanderkarte an die Hand gegeben, mit der sich die Perspektivwechsel der Postmoderne und die Veränderungen ihres Hintergrunds Schritt für Schritt nachvollziehen lassen.

Foucault, Michel; französischer Philosoph, Psychologe, Soziologe (Begründer der Diskursanalyse); Poitiers 15.10.1926 Paris 25.6.1984. Foucault in seinem Arbeitszimmer im Collège de France, Paris, 1970 (1970 1984 Professur für die Geschichte der Denkysteme am Collège de France). Foto. |Jahrhundertvorlesung

An zwei herausragenden Publikationen lässt sich die Fruchtbarkeit der postmodernen Perspektivwechsel exemplarisch zeigen. Es sind Michel Foucaults „Les Mots et les Choses“ („Die Ordnung der Dinge“) von 1966 und Richard Rortys 1979 erschienenes Buch „Philosophy and the Mirror of Nature“ („Der Spiegel der Natur. Eine Kritik der Philosophie“).

Foucault ersetzt das Nacheinander der herkömmlichen Disziplingeschichte durch eine Archäologie des Gleichzeitigen. Er zeigt, dass vor der Herausbildung von Philologie, Ökonomie und Biologie die allgemeine Grammatik, die „Analyse der Reichtümer“ und die Naturgeschichte im 17. Jahrhundert die gleichen Strukturmerkmale aufweisen. In ihnen spiegeln sich die Wissensmöglichkeiten eines Zeitabschnitts. Es sind die Unterschiede, die sich ähneln, nicht die Ähnlichkeiten, so hat Claude Lévi-Strauss diese Sichtweise in eine Formel gefasst.

Theoriebildung hinterfragen

Richard Rortys erklärte Absicht ist es, das Vertrauen des Lesers in die traditionelle Philosophie zu untergraben. Er entwirft eine andere Philosophie. „Große systematische Philosophen“, schreibt Rorty, „sind konstruktiv und liefern Argumente. Große bildende Philosophen reagieren und schreiben Satiren, Parodien und Aphorismen“. Es geht nicht darum, Theorien durch Theorien zu ersetzen, sondern den ganzen Prozess der Theoriebildung ironisch in Frage zu stellen.

Rorty war selbst ein „großer bildender Philosoph“, beeinflusst vom sogenannten „linguistic turn“ der in seiner Zeit immer mehr an Bedeutung gewann. Bei Rorty zeigte sich diese „Wende“ nicht nur in der Aufmerksamkeit für die Sprachphilosophie, sondern auch in der Annäherung an die Literatur und in einer literaturnahen Schreibweise. Es war nur folgerichtig, dass Rorty gegen Ende seiner Karriere von der Philosophie auf einen Lehrstuhl für Vergleichende Literaturwissenschaft in Stanford wechselte. Der „große bildende Philosoph“ war dabei ein hellsichtiger Chronist politischer Ereignisse. In seinem 1998 erschienenen Buch „Achieving Our Country“ („Stolz auf unser Land“) würdigte Rorty den amerikanischen Patriotismus – und sah Entwicklungen voraus, die einen Donald Trump ins Weiße Haus führen würden.

In einer Zeit des Übergangs von der Elitenbildung zur Massenuniversität stellten die Philosophen der Postmoderne nicht nur die herkömmlichen Weisen der Wissensproduktion infrage. Sie versuchten auch, auf die Institutionen der Wissensproduktion Einfluss zu nehmen – in einer Zeit, da vor allem in Frankreich die Humanwissenschaften zunehmend an Bedeutung gewannen. Michel Foucault beschäftigte sich so intensiv mit den Planungen für eine Universitätsreform, dass der zuständige Minister überlegte, ihm einen Posten im Erziehungsministerium anzubieten.

Jean-François Lyotard schrieb als Antwort auf die Bitte des Universitätsrates von Québec einen Bericht über „die Lage des Wissens in den höchstentwickelten Gesellschaften“ zu verfassen, seinen Essay „Das postmoderne Wissen“. Dieser Text wurde zu einem Manifest der Postmoderne. Lyotards These, die Zeit der „großen Erzählungen“, der allumfassenden geschichtsphilosophischen Entwürfe sei vorbei, wurde zum Standardargument der Gegenwartsdiagnose. Die Postmoderne ist eben, wie Zorn konstatiert, „keine Lösung für ein Problem, sie ist das Symptom eines Übergangs, der Ausdruck einer Krise“.

Postmoderne-Kritik durch Habermas

Zorns Kritik an der Kritik der Postmoderne ist heftig. Am stärksten wettert er gegen Jürgen Habermas, dessen Vorlesungen von 1983/84 („Der philosophische Diskurs der Moderne“) eine Abrechnung mit der Postmoderne und ihrem „Irrationalismus“ waren. Dagegen verteidigte Habermas „die moderne Rationalität und das pragmatisch-liberale Paradigma der kommunikativen Vernunft“. Dass der so Metaphern-bewusste Zorn Habermas als „Diskurswächter“, „Gerichtsdiener“ und „Kriegsberichterstatter“ tituliert, zeigt, dass die Kritik von Habermas einen Nerv getroffen hat.

Zorn hat ein ebenso faszinierendes wie manches Mal ermüdendes Buch geschrieben. Es endet mit einer Vision, einer Beschreibung, „was die Postmoderne hätte sein können“. In einem kreisrunden, transparenten Glaspalast in der Antarktis haben sich acht Männer um einen Tisch zum Gespräch und Austausch der Argumente versammelt. Der „Diskurswächter“ Habermas hätte von „herrschaftsfreier Kommunikation“ gesprochen. Wer nicht sofort erkennt, um wen es sich bei Jackie, Jean-François, Richard und Gilles, Teddie und Joachim, Heinz und Michel handelt, hat auf der Tour durch das postmoderne Gebirge die Wanderkarte verloren.

Daniel-Pascal Zorn: Die Krise des Absoluten. Was die Postmoderne hätte sein können. Klett-Cotta, 656 Seiten, 38 Euro