Donnerstag, 30. April 2020

Der Genter Altar, II.


aus nzz.ch                                                                                                             Seitenflügel von Jan van Eycks Genter Altar (1432).
Trotz in den Augen
Um 1430 hat Jan van Eyck eine Vision der himmlischen Herrlichkeit geschaffen und ein radikal neues Menschenbild entworfen. 

von Dominique Provost

Der Flame Jan van Eyck hat die Malerei revolutioniert. Sein Meisterwerk, der Genter Altar, zeigt den Menschen in seiner Hinfälligkeit – und seiner Grösse.

War Joos Vijd ein frommer Mann? Nun ja, zweifellos. Wahrscheinlich hätte niemand, der ihn kannte, etwas anderes behauptet. Aber vielleicht hätten seine Zeitgenossen die Frage genauso wenig verstanden wie er selber. Fromm sein, was hiess das schon? Glauben, das war im Gent des frühen 15. Jahrhunderts etwas wie Essen und Trinken. In die Messe ging man so selbstverständlich, wie man den Rock anzog, bevor man das Haus verliess, und das Vaterunser betete man mit der gelassenen Routine, mit der man sich nach dem Essen den Mund abwischte.

Fromm sein, das hiess für Joos Vijd: tun, was man tun musste. Tun, was alle taten. Und es so tun, dass alle sahen, dass man es tat. Schliesslich war Vijd ein Mann von Welt. Er gehörte zu den Happy Few des burgun-dischen Flandern, seine Frau entstammte einer angesehenen Genter Familie, er war wohlhabend, hatte Ein-fluss. Joos’ Vater war ein Vertrauter des letzten Grafen von Flandern gewesen. Er selber war Mitglied des Rats von Gent, einmal wurde er zum Bürgermeister gewählt. Einer also, auf den man hörte.

Und einer, der etwas auf sich hielt. Um 1420 beschloss Joos Vijd mit seiner Frau Elisabeth Borluut, etwas für sein Seelenheil zu tun und seinen Ruhm zu mehren. Mit der Stiftung eines Kunstwerks, das die Namen des kinderlosen Paars in Erinnerung halten sollte. Die Gelegenheit dafür war günstig. Die Pfarrkirche Sankt Johannes war zu klein geworden für die boomende Stadt und musste erweitert werden. Der romanische Bau wurde in eine gotische Kathedrale umgebaut. Dabei entstanden neue Seitenkapellen, und das Paar be-schloss, eine davon zu finanzieren und sie mit einem Altar auszustatten.

Es sollte nicht irgendein Altar sein, sondern ein Werk, das Massstäbe setzte: der grösste Flügelaltar in ganz Flandern. Als Künstler wählten Joos Vijd und Elisabeth Borluut dafür einen der renommiertesten Maler der Zeit: Hubert van Eyck. Wie der Auftrag für das Werk lautete, wie Huberts Entwürfe aussahen und wie weit er in der Ausführung kam, wissen wir nicht. Mitunter wird sogar bezweifelt, dass Hubert über die Konzep-tion hinaus überhaupt eine Rolle spielte. Fest steht, dass er im September 1426 starb – zu einem Zeitpunkt, als der Altar bei weitem noch nicht fertig war.

Das war ärgerlich. Die Arbeit wurde zwar von Huberts jüngerem Bruder Jan übernommen, allerdings nicht sofort. Denn Jan war ein vielbeschäftigter Mann: Als Kammerherr und Hofmaler Philipps des Guten, des Herzogs von Burgund, hatte er weit mehr zu tun als Bilder zu malen. Jan war eine Art Eventmanager, ver-antwortlich für den optischen Auftritt des burgundischen Hofs. Er entwarf Inszenierungen für Feste, fertigte Dekorationen und malte Schilde für öffentliche Auftritte. Auch eine Weltkarte soll er gezeichnet haben, wahrscheinlich als Grundlage für die Planung eines Kreuzzugs, der im Kopf seines Dienstherrn herum-spukte.

Ausserdem war Jan van Eyck mehrmals in diplomatischer Mission unterwegs. In den Archiven des Hofs ist von «geheimen Reisen» die Rede. Wohin sie führten, ist naturgemäss meist unbekannt. Doch bei der Reise, die er Anfang 1428 unternahm, weiss man es. Da war Jan im Auftrag des Herzogs am Hof des Königs von Portugal, als Mitglied einer Delegation, die Verhandlungen über eine Heirat Philipps mit Isabella, der por-tugiesischen Infantin, zu führen hatte. Seine Aufgabe bestand darin, zwei Porträts der Prinzessin zu malen, von denen eines zu Land und eines auf dem Seeweg an den Hof geschickt wurde, damit sich der Herzog ein Bild von seiner zukünftigen Gattin machen konnte.

Es scheint, dass Philipp mit van Eycks Arbeit zufrieden war – und vielleicht noch mehr mit den dynasti-schen Perspektiven, die er sich von seiner dritten Ehe versprach. Rund zwei Jahre später, im Januar 1430, vermählte er sich mit Isabella. Wichtige Entscheidungen brauchen Zeit, und eine Hochzeit, wie sie der Herzog feierte, lässt sich nicht von heute auf morgen organisieren. Glaubt man den zeitgenössischen Chronisten, war die Inszenierung gewaltig, der Aufwand, der getrieben wurde, fast unvorstellbar. Auch dazu dürfte Jan einiges beigetragen haben.

Bereits vorher hatte er die Arbeit am Altar begonnen, den sein Bruder unvollendet zurückgelassen hatte. Was von den zwölf grossformatigen, zum Teil beidseitig bemalten Holztafeln auf Jan zurückgeht und was von Hubert angelegt war, lässt sich nicht mehr entscheiden. Generationen von Kunsthistorikern haben sich um eine Klärung bemüht – mit wenig überzeugenden Resultaten. Am Ende wird es so sein, wie es die latei-nische Versinschrift auf der Aussenseite der Altartafeln sagt: «Der Maler Hubert Eyck, der bedeutender war als alle anderen, hat dieses Werk begonnen, und sein Bruder Johannes, in der Kunst der zweite, hat die schwere Aufgabe vollendet.»

Eine einfache Aufgabe war das tatsächlich nicht. Der Genter Altar ist ein Riesenwerk, und es ist vom ma-jestätischen Hauptbild mit Christus, Maria und Johannes dem Täufer und der Verehrung des Lamms Gottes über die hinreissende Verkündigungsszene bis zu den anrührenden Darstellungen von Adam und Eva so aufwendig gemalt, dass ein Einzelner damit kaum zurande kam. Allein das Zepter, das der thronende Chri-stus auf der Haupttafel in der Hand hält, dürfte einen Maler rund einen Monat lang beschäftigt haben. Ohne Hilfe einer ausgezeichneten Werkstatt hätte Jan die Aufgabe nie bewältigt.


Jan van Eyck zeigt nicht nur das Äussere der Menschen, auch wenn es um Adam und Eva geht: Seitenflügel des Genter Altars (1432).

Er schaffte es, und wie! Am 6. Mai 1432 wurde der Altar geweiht, und die Festlichkeiten dürften für Joos Vijd ein Triumph gewesen sein. Alles spricht dafür, dass sogar Philipp der Gute zugegen war. Der Herzog kannte Vijd. Einige Jahre zuvor hätte dieser in seinem Auftrag in Den Haag über einen Frieden zwischen Philipp und Jakobäa von Bayern verhandeln sollen. Dazu kam es allerdings nie: Jakobäa floh, statt Gesprä-chen gab es Krieg.

Vijds Verbindung zum Herzog lässt sich über mehrere Generationen verfolgen. Sein Vater hatte im Dienst von Philipps Grossvater gestanden, bis man ihn beschuldigte, Geld veruntreut zu haben, und des Amts ent-hob. Gut möglich, dass der Sohn mit der Stiftung des Altars auch die Absicht verband, die Schuld seines Vaters zu tilgen und die Verbindung zum Herzog zu festigen.

Das zentrale Motiv des Genter Altars, das Lamm Gottes, steht symbolisch für den leidenden Christus und verbindet die Hoffnung auf Vergebung aller Sünden mit einer Vision der himmlischen Herrlichkeit. Es konnte aber auch als Anspielung auf den Orden vom Goldenen Vlies verstanden werden, den Philipp kurz zuvor gestiftet hatte. Als der Altar geweiht wurde, dürfte der Herzog das Ordenszeichen, das goldene Wid-derfell, auf seiner Brust getragen haben.

Vielleicht sollte der Genter Altar also auch ein heimliches Zeichen der Verbundenheit des arrivierten Bürgers mit dem Herzog sein. Und zugleich Ausdruck für das fragile Selbstbewusstsein eines Mannes, der nicht von altem Adel war und sich stets etwas zurückgesetzt fühlte. Mit dem Altar hatte Joos Vijd nicht nur Gottes All-macht verherrlicht, sondern auch sich selbst und seiner Frau ein Denkmal gesetzt. Niemand kam an den le-bensgrossen Porträts der beiden Stifter vorbei, die rechts und links knien und für ihr Seelenheil beten.

...war ein selbstbewusstes Statement. Und es waren Bilder, wie sie noch niemand gesehen hatte. Schon die Zeitgenossen waren fasziniert. An Feiertagen, wenn die Altarflügel geöffnet waren, sollen sich die Besucher in der Kapelle gedrängt haben. Der Realismus, den Jan van Eyck erreicht, ist das eine. Man sieht jedes Fält-chen auf Elisabeths Stirn, jedes Äderchen auf Joos’ Schläfe und jedes Härchen auf seinem schlecht rasierten Kinn. Das Licht modelliert die Gesichtszüge in feinsten Schattierungen, und die technisch perfektionierte Ölmalerei lässt Haut und Gewänder so lebendig erscheinen, als ob wir den beiden gegenüberstehen würden.

Doch Jan van Eyck zeigt nicht nur das Äussere, sondern entwirft ein neues Menschenbild. Joos und Elisabeth sind nicht einfach sündige Geschöpfe, denen auf Erden nichts bleibt als Glaube und Hoffnung. Es sind Men-schen, die die Spuren ihres Lebens in sich tragen. Sie sind sich der Nichtigkeit ihres Daseins bewusst. Aber sie wissen auch um die Freiheit, die sie zu Menschen macht. Aus ihren Augen spricht nicht mehr nur die Angst vor den Strafen, die im Jenseits warten, sondern eine trotzige Skepsis, die sagt: Ich weiss, wer ich bin!

Das Museum der Schönen Künste in Gent zeigt Jan van Eycks Gesamtwerk und Teile des frisch restaurierten Altars zurzeit in einer wunderbaren Ausstellung, die Corona-bedingt geschlossen ist. Zur Ausstellung ist im Belser Verlag ein hervorragender, reich illustrierter Katalog erschienen, der im Buchhandel bezogen werden kann
(Fr. 89.90).

Die Sackgasse der antiken Sklavenwirtschaft.

Römischer Soldat führt Kriegsgefangene in die Sklaverei;                     aus Marxiana   

Im Sklavenverhältniß tritt dadurch keine gêne für die Herren ein, daß die Arbeiter nicht als Consumenten mit ihnen concurriren. (Die Luxusproduction, wie sie bei den Alten auftritt, indeß nothwendiges Resultat des Skla-venverhältnisses. Nicht Ueberproduction, aber Ueberconsumtion und verrückte Consumtion, die ins Ungeheu-erliche und Bizarre ausschlagend den Untergang des alten Staatenwesens bezeichnet.)
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.1 S. 345 [MEW 42, S. 347]    
 


Nota. - Der springende Punkt: Das Produkt der antiken Sklavenwirtschaft konnte nicht akkumuliert, d. h. pro-duktiv konsumiert, nämlich in neue Produktionsmittel  umgewandelt werden. Das hat mit der Formbestimmung nichts zu tun, sondern mit der unentwickelten Technologie, der 'Gebrauchswertseite'. Das Mehrprodukt muss-te zum größeren Teil auf "verrückte" Weise vergeudet oder als toter Schatz angehäuft werden.

Das Feudalsystem war insofern ein Fortschritt, als durch eine Beteiligung des Ackerbauern am Mehrprodukt in dessen Arbeitskraft investiert wurde. Das hat den Boden qualitativ fruchtbarer gemacht; die Urbarmachung Euro-pas nördlich und östlich der Alpen wäre anders nicht möglich gewesen.

(Sklaven zeugen wenig Nachwuchs. Die Arbeitskraft konnte im römischen Reich nur erhalten werden durch immer neue militärische Siege und immer neue Kriegsgefangene. Der leibeigene Bauer dagegen zeugte so viele Kinder, wie er sich leisten konnte, und investierte in die Qualifikation ihrer Arbeitskraft.)
JE, 28. 2. 16

Das Ding an sich ist eine bloße Erdichtung.

                                          aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Object des Dogmatismus im Gegentheil gehört zu den Objecten der ersten Klasse, die lediglich durch freies Denken hervorgebracht werden; das Ding an sich ist eine blosse Erdichtung, und hat gar keine Realität. Es kommt nicht etwa in der Erfahrung vor: denn das System der Erfahrung ist nichts Anderes, als das mit dem Gefühle der Nothwendigkeit begleitete Denken, und kann selbst von dem Dogmatiker, der es, wie jeder Philosoph, zu begrün-den hat, für nichts Anderes ausgegeben werden. Der Dogmatiker will ihm zwar Realität, das heisst, die Nothwen-digkeit, als Grund aller Erfahrung gedacht zu werden, zusichern, und er wird es, wenn er nachweist, dass die Erfah-rung dadurch wirklich zu erklären, und ohne dasselbe nicht zu erklären ist; aber gerade davon ist die Frage, und es darf nicht vorausgesetzt werden, was zu erweisen ist.
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J. G. Fichte, Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre, SW I, S. 448


Nota. - Transzendentalphilosophie ist die Beantwortung der Frage: Was ist Vernunft und wie ist sie möglich.? In concreto heißt eas nichts anderes als: Wie ist Erfahrung möglich? Denn wirkliche Vernünftigkeit, wie sie in der Reihe vernünftiger Wesen verwirklicht ist, geschieht durch des Austausch von Erfahrungen, punctum. Alles andere zählt unter deren Bedingungen.

Es gibt eine Reihe von Denkfiguren, deren Gebrauch unverzichtbar ist, wenn man Erfahrungen machen will. Diese Denkfiguren beruhen nicht auf Erfahrung, sondern sind von der Einbildungskraft frei erdichtet. Man nennt sie Noumena. Ob sie zum Machen von Erfahrung notwendig sind, kann nur der praktische Versuch er-weisen. (Die Transzendentalphilosophie rechtfertigt sie durch Rekonstruktion aus der zweckhaften Täigkeit des Ich.)

Die Idee von einem Ding an sich stammt nicht nur nicht aus der Erfahrung und ist für die Möglichkeit von Erfahrung ohne Belang, sondern macht, da sie aus zweckhafter Tätigkeit es Ich nicht rekonstruierbar ist, rück-wirkend die Möglichkeit von Erfahrungen ganz unverständlich. Sie ist nicht nur mutwillig wie eine beliebige Phantasie, sondern stört den Vernunftgebrauch.
JE
 




Nota - Obiges Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE

Einbilden und urteilen, empirisch.

naturfotografen                                                                           zu Philosophierungen 

Wer immer das Denken geschäftsmäßig betreibt, bemerkt irgendwann, dass es in zwei Phasen geschieht. Zuerst schweifen die Gedanken freizügig nach rechts und links - und manchmal geht plötzlich ein Licht auf. Dann stürzt sich wie ein Habicht die Reflexion darauf, hält es fest und gibt keine Ruhe, ehe sie nicht alles bis auf die Knochen seziert hat. Manchmal hat sie Pech und muss es wieder verwerfen.

Das transzendentale Vernunftmodell der Wissenschaftslehre wäre ohne allen Sinn, würde man ihre Abstraktionen nicht in den Gestalten des wirklichen Vorstellens wiederfinden können.
 

Das ist nicht Denkpsychologie. Wenn die Denkpsycholgie darin etwas für sie Brauchbares finden kann, sei es ihr unbenommen. 




Mittwoch, 29. April 2020

Das Mädchen mit dem Perlenohrring.

aus derStandard.at, 29. April 2020                                                                                zu Geschmackssachen

Einige Geheimnisse des "Mädchens mit dem Perlenohrring" gelüftet
Das berühmte Gemälde verrät Erkenntnisse über Arbeitsweise Vermeers, aber nicht, wer das porträtierte Mädchen ist


Die aktuellen Scanns enthüllten unter anderem einen grünen Vorhang im Hintergrund  

Den Haag – Zwischen 1665 und 1667 malte Jan Vermeer van Delft eines der bekanntesten Bilder der Kunstgeschichte. Obwohl das 45 Zentimeter hohe und 40 Zentimeter breite, mit Öl auf Leinwand gemalte Porträt "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" bereits mehrfach genauer untersucht worden ist, blieben bis heute einige Fragen offen. So weiß man bis heute nicht, wen das Gemälde tatsächlich darstellt.

Daran konnte auch die bisher größte wissenschaftliche Untersuchung des berühmten Bildes nichts ändern. Immerhin aber erbrachten die umfassenden Analysen neue Erkenntnisse über den Maler und seine Arbeitsweise. "Wir sind dem Bild sehr viel näher gekommen als jemals zuvor", sagte die Direktorin des Den Haager Mauritshuis, Martine Gosselink.

Verschwundener Vorhang

Die Forscher entdeckten nach Angaben des Museums, dass Vermeer hinter dem Mädchen ursprünglich einen grünen Vorhang gemalt hatte. Der war im Laufe der Zeit verschwunden. Außerdem sahen sie mit Hilfe von Röntgen-Scannern die feinen Wimpern des Mädchens, die mit dem menschlichen Auge nicht zu sehen sind.

Der "Perlenohrring", so das Museum, sei nur "eine Illusion". Der Ohrring schwebe, denn es gebe keinen Haken, mit dem er am Ohr befestigt sein müsste. Dank der Untersuchung ist nun erstmals auch die Farbpalette Vermeers detailliert beschrieben.



Ein internationales Forscherteam hatte das Bild im März 2018 mit den neuesten Scannern und Techniken untersucht. Jetzt machte das Museum auf einer virtuellen Pressekonferenz die Ergebnisse bekannt. Es war nach 1994 die zweite große wissenschaftliche Untersuchung des Meisterwerkes. (red, APA,) 

Links

Nota. - Wer das Meisje war, ist in ästhetischer Hinsicht nicht erheblich, und schon gar nicht, ob es wirklich eine Perle sein soll oder irgend ein metallisches Anhängsel. Vermeers Maltechnik ist da in einem vermittel-ten Sinn schon eher von Belang. Zum Beispiel ist Vermeers Pinselführung längst nicht so akribisch präzise, wie es auf kleineren Reproduktionen erscheint. Dazu allerdings braucht es keine Expertise. Doch unter nor-malen Umständen dürfen Sie im Museum gar nicht nah genug an das Bild ran, um es zu erkennen. Da sind solche Ereignisse ganz nützlich, denn es gelangen gute Bilder ins Internet...
JE




Das Kapital kommt zunächst aus der Zirkulation her.

wasistwas                                                                        aus Marxiana

Das Capital kömmt zunächst aus der Circulation her und zwar vom Geld als seinem Ausgangspunkt. Wir haben gesehn, daß das in die Circulation eingehende und zugleich aus ihr in sich zurückgehende Geld die lezte Form ist, worin das Geld sich aufhebt. Es ist zugleich der erste Begriff des Capitals, und die erste Erschei-nungsform desselben. Das Geld hat sich negirt als blos in der Circulation aufgehend; es hat sich aber eben so negirt als selbstständig ihr gegenübertretend. Diese Negation zusammengefaßt, in ihren positiven Bestimmun-gen, enthält die ersten Elemente des Capitals. Geld ist die erste Form, worin das Capital als solches erscheint. G – W – W – G; daß das Geld gegen Waare und die Waare gegen Geld ausgetauscht wird; diese Bewegung des Kaufens um zu verkaufen, die die Form-/ bestimmung des Handels bildet, das Capital als Handelscapital, fin-det sich in den frühsten Zuständen der ökonomischen Entwicklung; ist die erste Bewegung worin der Tausch-werth als solcher den Inhalt bildet, nicht nur Form ist, sondern sein eigner Gehalt. 

Die Bewegung kann vorgehn innerhalb von Völkern und zwischen Völkern, für deren Production keineswegs der Tauschwerth noch zur Voraussetzung geworden ist. Die Bewegung greift nur das Surplus ihrer auf unmit-telbaren Gebrauch berechneten Production an und geht nur an ihrer Grenze vor sich. Wie die Juden innerhalb der altpolnischen oder überhaupt mittelaltrigen Gesellschaft, so können ganze Handelsvölker, wie im Alter-thum, und später die Lombarden, diese Stellung zwischen Völkern einnehmen, deren Productionsweise noch nicht der Tauschwerth als Grundvoraussetzung bedingt hat. 

Das commercielle Capital ist blos circulirendes Capital und das circulirende Capital ist die erste Form dessel-ben; in der es noch keineswegs zur Grundlage der Production geworden. Eine weiter entwickelte Form ist das Geldcapital und der Geldzins, Wucher, dessen selbstständiges Auftreten ebenfalls einer frühen Stufe angehört. 

Endlich die Form W – G – G – W, worin das Geld und die Circulation überhaupt als bloses Mittel erscheint für die circulirende Waare, die ihrerseits wieder aus der Circulation heraustritt und direkt das Bedürfniß befrie-digt, ist selbst die Voraussetzung jenes ursprünglichen Erscheinens des Handelscapitals. 

Die Voraussetzungen erscheinen an verschiedne Völker vertheilt oder innerhalb der Gesellschaft das commer-cielle Capital als solches nur bedingt durch diese rein auf die Consumtion gerichtete Circulation. Andrerseits ist die circulirende Waare, die Waare, die sich nur dadurch realisirt, daß sie die Form einer andren Waare annimmt, die aus der Circulation heraustritt, und unmittelbaren Bedürfnissen dient, ebenfalls als erste Form des Capitals, das wesentlich Waarencapital ist.
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.1, S. 175f. [MEW 42, S. 178f.]   
 


Nota. – Ursprünglich stammt 'das Kapital' – eine große Menge Geldes, in einer Hand konzentriert – aus der Zirkulation; ursprünglich ist es peripher. Aber aus der Peripherie dringt es ins Zentrum vor, es "ergreift die Produktion". Die Produktion wird zu einem Moment der Zirkulation, die Zirkulation zu einem Moment der Produktion. Alle Momente der gesellschaftlichen Reproduktion bilden sich zu einem System. Kapital, das 'ur-sprünglich' nichts als eine große Menge Geldes war, entwickelt sich zu einer 'Systemeigenschaft'. 

Hat 'es selbst' sich verändert? Die 'Rolle', die es spielt, hat sich verändert. Die Voraussetzung war eine rein historische: die Erzeugung einer großen Masse von Eigentumslosen. So konnten die großen Massen Geldes zu 'Kapital' überhaupt erst werden: zu Geld, das mehr Geld produziert.
JE, 7. 3. 16




Bestimmung des Unbestimmten.

                                                                               zu Philosophierungen

Tätigsein heißt fortschreiten im Bestimmen des noch Unbestimmten, und sonst nichts. Aber es ist auch wirklich alles, was man sich nur darunter vorstellen kann.
3. 5. 17


Marx schrieb in den Pariser Manuskripten, der Idealismus habe die tätige Seite des Men-schen wohl mehr herausgearbeitet als der Materialismus, aber eine reale, materielle Produk-tion habe er nicht gekannt. 
 
Das mag für die kleineren Geister gelten, die bei Fichte abgeschrieben haben, ohne seinen Namen zu nennen, aber eben für Fichte, den ersten der Reihe, nicht. Wohl ist es so, dass die noumenale Tätigkeit-überhaupt nicht als materielle bestimmt ist; weil sie eo ipso gar nicht bestimmt ist. Doch ist es ein Missverständnis, dass, wenn er nicht ausdrücklich die materiel-le Tätigkeit, dann nur die ideelle Tätigkeit gemeint haben kann; aus der kindlichen Vorstel-lung, dass die materielle Produktion die untere, primitivere Stufe der Tätigkeit sei und die ideelle Tätigkeit die höhere, feinere. Oder umgekehrt: das Denken die sachliche Vorausset-zung materieller Produktion sei - auf jeden Fall zwei Stufen, die aufeinander bauen und von denen eine eher da sein muss als die andere. Das setzt aber voraus eine vorgängige meta-physische Parteinahme, an die hier noch gar nicht zu denken ist.

Tätigkeit-überhaupt ist ein Begriff der Transzendentalphilosophie und als solcher ein Nou-menon wie das Ich und die Welt. Sie ist, wenn sie nicht als das eine bestimmt ist, nicht notwendig als das andere bestimmt, sondern überhaupt nicht bestimmt, weil sie noch gar nicht als real gedacht ist. 

14. 6. 19 





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Dogmatische Vernunft oder problematische Vernünftigkeit?

                                                 aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik  

Es soll ein reiner Wille zu Grunde liegen, nicht ein empirisches Wollen, oder Vernunft überhaupt, oder Abso- lutheit des Vernunftreichs, welches bis jetzt noch unverständlich ist; dieses / ist das Bestimmbare zu einem Be-stimmten, letzteres bin ich als Individuum, ich erkenne mich als Individuum, diese Erkenntnis ist oben ein Fort-gehen vom Bestimmbaren zum Bestimmten, ich bin - ein durch sich selbst herausgegriffener Teil aus dem Ver-nunftwesen; jetzt wird stillegestanden beim Hervorgehen der Individualität aus der Vernunft, welche so hervor-geht, dass ich mich finde als etwas nicht könnend oder dürfend,* was doch eigentlich für mich sein muss.

Der bestimmte Akt ist hierbei ist Aufforderung zur freien Tätigkeit, diese kommt her und wird so beurteilt von einem anderen vernünftigen Wesen meinesgleichen. Das Selbstbewusstsein hebt also an von einem Herausgrei- fen aus einer Masse vernünftiger Wesen überhaupt.
*) [='beschränkt']
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 176f. 


Nota. - Es ist zweierlei, ob ich die Vernunft - 'real' - als ein sich selber bestimmendes Subjekt zur Voraussetzung mache, oder - 'ideal' - die Vernünftigkeit als ein Bestimmbares an  wirklich daseienden Individuen. Letzteres wäre eine problematische Bestimmung, die sich im Weiteren zu bewähren hätte; ersteres wäre ein dogmatischer Glau-benssatz. Ist die Undeutlichkeit an dieser Stelle bloße Fahrlässigkeit (womöglich des Protokollanten Krause), oder gehört sie in das Kapitel "seine schwankende Vernunft"?

Nachtrag. Als menschliche Wesen, die bestimmt sind, sich als Ich zu setzen, sind sie vorausgesetzt als an-sich wollend. Die Vernünftigkeit kommt hinzu, sofern und indem sich alle gegenseitig (im selben Raum) als wollend anerkennen: Es ist die Selbstbegrenzung der Freiheit. Sie muss erst noch geschehen, damit wirkliche Vernünftig- keit=handelnde Vernunft zustande kommt. Vernunft ist Terminus ad quem.
JE 30. 3. 15





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Das Herz im Hirn.

aus spektrum.de, 29.04.2020                                                                                             zu Jochen Ebmeiers Realien

Wie der Herzschlag unsere Wahrnehmung beeinflusst
Während unser Herz Blut durch den Körper pumpt, werden Hirnwellen gedämpft, die Reize ins Bewusstsein dringen lassen. Dadurch können uns Informationen durch die Lappen gehen.

Unser Herzschlag gibt auch den Takt vor, in dem unser Gehirn arbeitet. Auf dieses spannende Phänomen sind Wissenschaftler bereits in früheren Studien gestoßen. Es hängt mit den zwei Phasen zusammen, in die Mediziner unseren Herzrhythmus unterteilen: Während der systolischen Phase zieht sich das Herz zusam-men und pumpt Blut in den Körper. In der anschließenden diastolischen Phase fließt das Blut dann wieder zum Herzen zurück. Das wirkt sich anscheinend auch auf Gehirn aus. So konnten Forscher etwa beobach-ten, dass Menschen Reize, mit denen sie während der systolischen Phase konfrontiert werden – etwa einen milden Elektroschock – mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit wahrnehmen.


Woher das rührt, hat ein Team um Esra Al vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissen-schaften in Leipzig und von der Humboldt-Universität zu Berlin nun genauer untersucht. Die Wissen-schaftler rekrutierten dazu 37 Freiwillige, denen sie im Labor schwache Elektroschocks an den Fingern verabreichten. Die Teilnehmer mussten dabei angeben, ob sie die Stromschläge gespürt hatten oder nicht. Parallel dazu maßen Al und ihre Kollegen den Herzschlag der Probanden per EKG und die Hirnwellen per EEG.

Dabei entdeckten sie wie schon zuvor, dass die Versuchspersonen Stromstöße, die ihnen während der Systole verabreicht wurden, etwas seltener bemerkten als solche, die sie in der diastolischen Phase er-reichen. Der Unterschied war zwar klein, aber statistisch signifikant, wie die Forscher im Fachmagazin »PNAS« schreiben. Das Phänomen schien dabei mit der so genannten P300-Komponente in der Hirnakti-vität zusammenzuhängen. Diese Ausbuchtung im EEG tritt genau 300 Millisekunden nach der Wahrneh-mung eines Reizes auf und wird auch mit Bewusstsein assoziiert. Während der systolischen Phase war P300 bei den Teilnehmern tendenziell unterdrückt – Informationen wurden also nicht bewusst wahrgenom-men. Je stärker das Gehirn dabei auf den Herzschlag reagierte, desto seltener registrierten die Teilnehmer die Reize.

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Die Forscher vermuten, dass dieser Prozess eigentlich verhindern soll, dass wir unseren Puls ständig wahrnehmen. Als Nebeneffekt bleiben dabei aber offenbar auch schwache äußere Reize auf der Strecke. Außerdem könnte der Zusammenhang zwischen Herzrhythmus und Hirnaktivität erklären, warum Herz- und Hirnleiden oft Hand in Hand gehen, sagen Al und ihre Kollegen. So leiden Menschen mit Herzerkran-kungen etwa oft auch unter kognitiven Einbußen, obwohl die dafür zuständigen Hirnregionen eigentlich gar nicht betroffen sind.