Donnerstag, 30. September 2021

Die Immanenz des Bewusstseins, oder Die gläserne Decke.

                                                       zu Wissenschaftslehre: die fast vollendete Vernunftkritik

Es wird vorausgesetzt, dass man das Dasein der Dinge außer sich annehme; bei dieser An-nahme beruft man sich auf seinen inneren Zustand. Man geht bei dieser Überzeugung in sich zurück in das Innere, man ist sich bewusst eines Zustands, aus welchem man auf das Dasein der Dinge außer sich schließt. 

Nun ist man aber, sofern man bewusst ist, ein vorstellendes Wesen, man kann also nur sa-gen, man sei sich der Vorstellung von Dingen außer uns bewusst, und weiter wird eigentlich auch nichts behauptet, wenn man sagt, es gebe Gegenstände außer uns. Kein Mensch kann unmittelbar behaupten, dass er Sinne habe, sondern nur, dass er notgedrungen sei, so etwas anzunehmen. 

Das Bewusstsein geht nur auf das, was in ihm vorkommt, aber dies sind Vorstellungen.
_______________________________________________________________________J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 198 2, S. 3



Nota. - Wie, was? Sagt er uns hier, links sei da, wo der Daumen rechts ist?!

Ein bisschen mehr sagt er schon: Gerade weil es sich von selbst versteht, sagt er es, es blie-be sonst unbemerkt. Wir wissen nur, was in unserm Bewusstsein vorkommt - aber das sind eben nicht Dinge, Sachverhalte oder sonstige Realien, sondern immer nur: Vorstellungen. 

Das ist der springende Punkt der ganzen Transzendentalphilosophie - dass sie nicht von Et-was handelt, das außerhalb unseres Bewusstseins - "an sich" - vorkommt, sondern allein von dem, was wir vor finden, nämlich da, wo allein wir etwas finden können: in den Bildern, die unser Bewusstsein ausmachen - und wo von Dingen geredet wird, sind es stets die Bil-der, die wir uns von den Dingen machen. In unserem Bewusstsein kommen wir nirgends aus unseren Vorstellungen heraus, und mit unserm Bewusstsein kommen wir nie über unser Vorstellen hinaus.

JE




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Wie du in den Wald reinrufst, schallt es zurück.

Einbildung                                                                                                      aus Philosophierungen:

Sein ganzes wissenschaftliches Instrumentarium – das Denkzeug ebenso wie seine Labor-einrichtung – ist auf 'ursächlich wirkende' Res extensa angelegt. Was anderes bleibt gar nicht darin hängen. 

VersuchsanordnungWer zum Schöpfen ein Sieb nimmt, wird finden, dass Wasser eine bloße Einbildung unserer Vorfahren war.

2. 9. 18

 

 

 
 
 
 
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Gedankenlesen?


aus spektrum.de, 21. 9. 2021                                                                                                     zu Jochen Ebmeiers Realien

Gehirn-Computer-Schnittstellen und der (Alb-)Traum vom Gedankenlesen
Letzte Chance für Patienten, letzte Hürde vorm gläsernen Menschen?
 

“Heute sind es noch Geheimzeichen, morgen wird man vielleicht Geistes- und Hirnerkrankungen aus ihnen erkennen und übermorgen sich gar schon Briefe in Hirnschrift schreiben.” Dieser Satz könnte aus der Ankündigung der morgigen Tagung “Privatsphäre Gehirn! Können Maschinen unsere Gedanken lesen?” am Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg stammen.

Tatsächlich ist er aber schon über 90 Jahre alt: Er stand im Stadt-Anzeiger Düsseldorf vom 6. August 1930 und feierte die Entwicklung der Elektroenzephalographie (EEG) durch den Jenenser Hirnforscher Hans Berger (1873-1941).

Der Traum, Menschen an einen EEG-Apparat oder ein neueres Verfahren (etwa die Positronenemissionstomographie, PET; oder funktionelle Magnetresonanztomographie, fMRT) anzuschließen und so psychische Störungen zu diagnostizieren, ist bis heute unerfüllt (Psychiatrie: Gebt das medizinische Modell endlich auf!). Nach wie vor müssen Psychiater oder Psychotherapeuten vor allem mit den Patienten reden.

Wie steht es ums Gedankenlesen, Voraussetzung für die “Briefe in Hirnschrift”? Für Patienten in einem fortgeschrittenen Locked-In-Zustand ist dies mitunter die letzte Möglichkeit, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Wenn nach und nach die Kontrolle von immer mehr Muskeln versagt, buchstabieren sie mit Augenbewegungen ihre Gedanken und Wünsche. Und wenn selbst das nicht mehr geht?

Gehirn-Computer-Schnittstellen (englisch Brain-Computer-Interfaces, BCI) könnten hier eine große Rolle spielen. Leider erfuhr diese Forschung durch den Skandal um den Neurowissenschaftler Niels Birbaumer einen Dämpfer (System-Logik: Der Fall Professor Birbaumers). Schließlich wiesen ihm die Universität Tübingen und die Deutsche Forschungsgemeinschaft wissenschaftliches Fehlverhalten nach.

Ein entscheidendes Problem hierbei verrät uns etwas Wesentliches über die Arbeitsweise solcher Schnittstellen: Ein Computeralgorithmus versucht, in der Gehirnaktivierung von Menschen Muster zu erkennen, die sich sinnvoll interpretieren lassen. Hierfür müssen die Forscherinnen und Forscher oft die Parameter anpassen, bis die Erkennungsrate zufriedenstellend ist.

Wenn es nun darum geht, dass gesunde Versuchspersonen einen Cursor steuern, Wörter buchstabieren oder “Brain Pong” spielen, kann man die Personen einfach fragen, ob ihre Gedanken richtig erkannt wurden. Das ist bei den Patienten im schweren Locked-In-Zustand aber gerade nicht möglich, denn für die ist die Gehirn-Computer-Schnittstelle ja die letzte bleibende Verbindung. Und hier warf man Birbaumer und seinen Kollegen unter anderem vor, die Daten der Patienten falsch interpretiert zu haben.

Was wäre echtes Gedankenlesen?

Um zu entscheiden, ob echtes Gedankenlesen möglich ist, muss man mehr über die Funktionsweise solcher Verfahren wissen. Wenn wir etwa einen Text lesen, dann erfassen wir die Bedeutung von aus Buchstaben zusammengesetzten Wörtern, die wiederum Sätze bilden. Was gültige Sätze sind, definieren die Regeln einer Sprache (Pragmatik, Semantik, Syntax).

Dabei kann ein Satz wie: “Das Fenster ist ja offen.”, je nach Situation und Sprecher ganz unterschiedliche Bedeutungen haben: Etwa als Antwort auf die Bitte, das Fenster zu öffnen; als Hinweis darauf, dass es drinnen zu kalt ist; oder auch als Vorwurf der Energieverschwendung, während die Heizung auf dem Maximum steht.

Gehirn-Computer-Schnittstellen suchen in der Regel aber nicht nach den Mustern von Buchstaben in der Gehirnaktivierung, geschweige denn ganzen Wörtern oder Sätzen in einem bestimmten Kontext. Sie arbeiten vielmehr indirekt und machen sich zunutze, dass Menschen durch ihre Vorstellung bestimmte Gehirnregionen stärker aktivieren können. Beliebt sind hierfür motorische Areale, die für Körperbewegungen zuständig sind.

Das EEG-System, mit dem Studierende an der Virginia Tech ein Brain Pong-Turnier spielten, erkannte beispielsweise das Öffnen und Schließen der Augen als binäres Signal, um den Balken nach oben oder unten zu steuern. Erst in diesem Jahr machte Elon Musks Neuralink damit Schlagzeilen, einen Affen über implantierte Elektroden Pong spielen zu lassen.

Man sieht im Video, dass der Affe gleichzeitig einen Joystick bedient. Den Tieren kann man wohl schlechter Vermitteln, sich Bewegungen nur vorzustellen. Das Computersystem hat aber offenbar mit recht guter Genauigkeit gelernt, die elektrische Aktivierung im motorischen Kortex des Affen als entsprechende Joystickbewegung zu interpretieren.

Klinische Realität

Für eine vielzitierte Studie von Mariska Vansteensel von der Universitätsklinik Utrecht und Kollegen im renommierten New England Journal of Medicine wurden einer Patientin im fortgeschrittenen Locked-In-Zustand Elektroden direkt auf das Gehirn gelegt. Das erlaubt auch beim Menschen bessere Aufnahmen als mit einem störanfälligen EEG-System auf der Kopfhaut, bei dem Schädelknochen, Flüssigkeit und mehrere Hautschichten dazwischenliegen.

Über viele Wochen hinweg lernte die Patientin damit, einen Computer zu bedienen. Die Elektroden registrierten Aktivität im motorischen Kortex, die mit der Vorstellung, die linke Hand zu bewegen, einhergingen. Aber nicht nur die Patientin lernte, das System zu bedienen, sondern auch die Forscherinnen und Forscher passten die Parameter immer wieder an.

Schließlich konnte die Betroffene mit einer Geschwindigkeit von nur rund einem Zeichen pro Minute Wörter buchstabieren. Durch die Verwendung der Wortvorhersage, wie wir sie vom Smartphone kennen, ließ sich dieser Wert in etwa verdoppeln. Das war für die Patienten nützlich, wenn sie mit ihrer Pflegerin beispielsweise im Freien war, wo die Lichtverhältnisse das Erkennen ihrer Augenbewegungen zum Buchstabieren nicht mehr zuließen.

Interpretationsvorgänge

Es zeigt uns aber auch zwei Dinge: Erstens sind die Möglichkeiten relativ bescheiden, auch wenn sie für einen einzelnen Patienten von großer Bedeutung sein mögen; zweitens werden auch hier keine Buchstaben oder gar Wörter, mithin auch keine Gedanken gelesen. Vielmehr interpretiert man Gehirnsignale dahingehend.

Dieser – philosophisch wie wissenschaftlich – wesentliche Zwischenschritt wird in der Darstellung von Gehirn-Computer-Schnittstellen in der Öffentlichkeit meist übergangen. Das System erkennt beziehungsweise liest also keine Gedanken, sondern registriert nur eine Gehirnaktivität, die (beispielsweise) mit Körperbewegungen einhergeht.

Erst durch die Regeln des Algorithmus wird dann ein Signal auf bestimmte Weise definiert: beim System der Patientin als Auswahl des zurzeit hervorgehobenen Buchstabens (man könnte auch sagen: als “Klick”); beim Pong-Spiel als Rauf- oder Runter-Bewegung.

So gesehen ist das Gehirn dann schlicht ein anderes Eingabegerät. Denn auch wenn man einen klassischen Joystick verwendet, wird das elektrische Signal A beispielsweise als “nach oben” definiert, das Signal B aber als “nach unten”. Auch hier steht dann Signal A dafür, dass der Spieler den Balken nach oben bewegen will, also für einen Gedankenvorgang. Direkt gelesen werden Gedanken so aber nicht.

Fazit

Der schon 1930 in den Medien geäußerte Traum vom Gedankenlesen bleibt meiner Einschätzung nach bis auf Weiteres ein Traum. Insbesondere werden Gedanken nicht direkt gelesen, sondern immer nur indirekt hergeleitet. Es sind Interpretationsvorgänge.

Das sollte vorläufig diejenigen beruhigen, die fürchten, dass Hirnforscher ihr innerstes Seelenleben erkennen können. Wahrscheinlich verraten unsere Gewohnheiten, unsere Einkaufslisten oder unsere “Likes” auf sozialen Medien sehr viel mehr über uns als – beim heutigen Stand der Forschung – unsere Gehirnaktivitäten. Deshalb unterliegen solche Verhaltensdaten dem Datenschutz.

Leute wie Elon Musk, selbsternannter “Techno King” des Autoherstellers Tesla, sind es gewohnt, mit Übertreibungen Aufmerksamkeit für ihre Projekte zu erzeugen. Das greifen bestimmte Medien dankenswert auf. Regelmäßig beteiligen sich aber auch Wissenschaftler an diesem Spiel.

Dabei könnten uneingelöste Versprechen auf Dauer die Glaubwürdigkeit der Forschung beschädigen (Hirnforschung in den Medien). Es ist aber auch eine Systemeigenschaft, diejenigen mit den blumigsten Versprechen zu belohnen – wie auch der Affe im Neuralink-Video wahrscheinlich mit Saft belohnt wird, wenn er mit dem Pong-Balken den Ball zurückspielt.

1930, 2020… Wie weit wird man im Jahr 2110 wohl mit dem Gedankenlesen sein? Und werden die Menschen dann über unsere heutigen Vorstellungen schmunzeln?

Hinweis: Dieser Beitrag erscheint auch auf Telepolis. Titelgrafik: Gerd Altmann auf Pixabay.

Mittwoch, 29. September 2021

Das notwendige Verfahren beim Vorstellen.

hansnatur                       aus Wissenschaftslehre: die fast vollendete Vernunftkritik

Ich bin mir bewusst von der Vorstellung von irgendetwas, das weiß ich, nun behaupte ich: Dieser Vorstellung entspricht ein Ding, das da sein würde, wenn ich auch die Vorstellung davon nicht haben würde. 

Nun ist der Zusammenhang zwischen der Vorstellung und dem Ding auch nur eine Vor-stellung auch in mir [sic]. Nun aber behaupten wir nicht nur, dass wir Vorstellungen haben, sondern dass diesen Vorstellungen auch Dinge außer ihnen entsprächen; sonach wäre die Vorstellung von dem Zusammenhange beider eine notwendige Vorstel-/lung. Also es geht schon hier eine Verknüpfung vor; ob wir und schon der Handlung des Verknüpfens nicht bewusst sind, so ist es doch notwendig. 

Dies Verfahren, dass ich nämlich von der Vorstellung zu der Vorstellung übergehe, dass Dinge wirklich existierend da sind, ist notwendig; alle Vernunftwesen verfahren so.

Also es gibt in den denkenden Wesen notwendige Vorstellungen. Die Philosophie fragt nun nach den Gründen dieser notwendigen Vorstellungen der Intelligenz.
_______________________________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 11f.


Nota. - Wem Fichte noch neu ist, der wird überrascht sein: Es geht der Transzendentalphi-losophie nicht darum, die Falschheit der Vorstellung von einer wirklichen Welt zu demon-strieren, sondern, im Gegenteil, ihre Notwendigkeit. (Außerdem handelt sie nicht von förm-lichen Konstruktionen aus Begriffen, sondern von dem, was sie erfassen: der materialen Entwicklung von Vorstellungen.)
JE, 23. 3. 15


Nichtmal das 'kann Schule'.


aus FAZ.NET, 29. 9. 2021                                                                                                            zu  Levana, oder Erziehlehre

Studie zur Sprache an Schulen 
Wer arm ist, lernt schlechter
Die deutsche Politik hat es nicht geschafft, die Kluft zwischen Schülern aus bildungsnahen und bildungsfernen Familien zu schließen. Im Gegenteil: Der Abstand wird größer. Das zeigt eine neue Studie.

Die deutsche Bildungspolitik steht vor großen Herausforderungen. Das ist die Bilanz des „Dritten Berichts zur Lage der deutschen Sprache“, der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Die Studie, die im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften entstand, be­schäftigt sich mit der Situation der Sprache an den Schulen in Deutschland. In ihren Zahlen und Analysen wird besonders die immer größer werdende Kluft in der Sprachbeherrschung zwischen Kindern aus bildungsnahen und solchen aus bildungsfernen Familien sichtbar.

So vergrößerte sich etwa der Ab­stand zwischen jenen Schülergruppen, die in Prüfungstex-ten die Groß- und Kleinschreibung am besten und am wenigsten beherrschten, zwischen 1972 und 2012 um das Dreifache. Zu­gleich nahm die Fehlerquote in schriftlichen Arbeiten insgesamt zu. Während 1978 noch fast hundert Prozent der Interpunktionen in Abiturs-aufsätzen richtig waren, stimmten im Jahr 2008 nur noch gut neunzig Prozent. Im gleichen Zeitraum hat sich die Textlänge der Aufsätze dagegen fast verdoppelt.

Rechtschreibfehler Nummer eins

Die Unterscheidung zwischen „dass“ und „das“ fällt weiterhin vielen Schülern schwer. Die Verwechslung der beiden Wörter sei „Deutschlands Rechtschreibfehler Nummer eins“, sagte der Gießener Linguist Helmuth Feilke bei der Vorstellung der Studie. Feilke wollte die häufige Fehlschreibung aber nicht auf die Rechtschreibreform von 1996 zurückführen. Der Einfluss der Reform auf den aktuellen Zustand der Orthographie sei „gleich null“.

Bei der sprachlichen Aus­drucks­fähig­keit öffnete sich die Schere zwischen Gymnasial- und Gesamtschülern ebenfalls noch weiter. So er­reich­ten letztere selbst in der neunten Klasse nicht das sprachliche Ni­veau, über das Gym­­na­si­asten bereits als Fünftklässler verfügten. Die Experten der Studie führen die großen Unterschiede vor allem auf das familiäre Umfeld der Kinder zurück. Wenn in den Familien keine „Anschlusskommunikation“, also kein vertie-fendes Gespräch über schulische Lerninhalte stattfinde, könnten diese weniger gut verarbei-tet werden, sagte die Wuppertaler Germanistin Vivien Heller. Beim Abbau von Ungleichhei-ten sei man an diesem Punkt „nicht viel weitergekommen“, so Heller.

Ein Teil der Schüler hat konstant hohe Fehlerquoten

Dirk Betzel, Professor für Sprachdidaktik in Ludwigsburg, stellte eine „gestiegene Hetero-genität“ zwischen Schülern mit und ohne familiären Bildungshintergrund fest. Ein Teil der Schüler habe konstant hohe Fehlerquoten beim Umgang mit der deutschen Rechtschrei-bung, die sich auch in den höheren Klassen nicht verbesserten. Ein Grund sei der ständige Strategiewechsel im Deutschunterricht der Grundschulen, der das Erlernen der Grammatik erschwere. Entsprechend fordern die Verfasser der Studie eine „obligatorische und evalu-ierte Fortbildung im Lehrerbereich“. Denn man wisse noch viel zu wenig darüber, wie sich die Kompetenz des Lehrpersonals im Lauf der Jahre entwickle. Der Einstellung von Seiten-einsteigern, wie sie an Berliner Schulen seit Jahren betrieben wird, stehen die Experten skeptisch gegenüber.

Der „Dritte Bericht zur Lage der deutschen Sprache“ unter dem Haupttitel „Die Sprache in den Schulen – Eine Sprache im Werden“ folgt auf die Vorgängerbände von 2013 und 2017, die sich mit „Reichtum und Armut der deutschen Sprache“ und „Vielfalt und Einheit der deutschen Sprache“ befassten.

„Die Sprache in den Schulen – Eine Sprache im Werden.“ Dritter Bericht zur Lage der deutschen Sprache. Hrsg. von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2021. 328 S., Abb., geb., 29,95 €.

 


Nota. - Die xte empirische Untersuchung zur Leistungsfähigkeit unserer Schulen - aber be-wirken wird sie, wie alle vorangegangenen, nix - Die Schlussfolgerung der Fachleute stand vorab fest: Wenn 'Schule' nicht leistet, was sie soll, dann brauchen wir schlicht und einfach mehr davon; nämlich insbesondere an den einstweilen noch freien Nachmittagen: Wir las-sen uns auch vom größten Sachverstand nicht von unsrer politischen Meinung abbringen. Die politische Mei-nung heißt: Nichts ist besser für die Kinder und für das Gemeinwesen als eine immer lük-kenlosere Kümmerung der Kinder durch erwerbsmäßige Pädagogen - unter behördlicher Aufsicht, versteht sich. Es sollen schließlich alle auf ihre Kosten kom-men, und Kinder haben ja noch keine Kosten, sondern verursachen sie bloß.

JE

 

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Denkzeug.

Allar, Enfant des Abruzzes                                                

So wie Hämmer, Zangen und Sägen Werk-Zeuge sind, so sind Begriffe und logische Regeln Denk-Zeuge und keine Werke. Werke sind erst die mit ihrer Hilfe kom ponierten 'Bilder', deren 'Bedeutung' angeschaut wird.*

Soll heißen, das Denken beginnt nicht nur in der Anschauung, sondern läuft auch darauf hinaus.

Freilich sind auch die Werk- und Denk-Zeuge ihrerseits komponiert; aber zu einem forma-len Zweck. Die Form ist die Gebrauchsanleitung.

*) Ebendas ist die Rechtfertigung der Dialektik: Sie lässt die Verselbständigung der Begriffe im diskursiven Zusammenhang durch ihr Widerspiel deutlich werden - und macht ihren an-schaulichen Gehalt kenntlich!

aus e. Notizbuch, 30. 4. 07



Nota. - 
Sie sind vor allem ersteinmal Behältnisse (und ihre Henkel). So können die An-schauungsgehalte - 'das Gemeinte' - für späteren Gebrauch aufbewahrt und, wenn nötig, Anderen mitgeteilt werden. Verschiedene Gefäße taugen für verschiedene Inhalte, und Henkel - oder Räder, Schienen, Kräne - ermöglichen verschiedenen Transport. Ob die Ge-fäße zu groß sind oder zu klein, so dass etwas danebenfällt, und ob der Inhalt unterwegs Schaden nimmt - immer ist es der anschauliche Inhalt, auf den es ankommt, und darauf, wie er ankommt; aber nicht die Gefäße und nicht der Transport.

28. 9. 14 
 
 
 

Das Normalgedächtnis und seine Lücken.

aus spektrum.de, 29. 9. 2021                                                                                                       zu Jochen Ebmeiers Realien

Ganz normale Vergesslichkeit
Jeder verlegt hin und wieder Dinge, vergisst Namen oder verpasst einen Termin. Muss man sich deshalb Sorgen machen? Nein, sagen Hirnforscher. Der Grund dafür liegt in der Arbeitsweise des Gedächtnisses
.

von Martin Korte

Neulich fiel mir ein Leserbrief in einer Modezeitschrift in die Hände. Er bezog sich auf einen Beitrag, der den Mangel an Covermodels mit »normalen« Körpermaßen monierte. Die Leserin fragte: »Was ist das? Ich bin nicht klein, ich bin nicht kurvig, auch nicht zierlich und schon lange nicht groß.« Ob sie deshalb normal gebaut sei?

Ähnliches fragen sich die meisten von uns wohl hin und wieder in puncto Erinnerungsver-mögen: Bin ich besonders vergesslich? Oder liegen meine Gedächtnislücken noch im Be-reich des Normalen? Spätestens, wenn wir über Menschen wie Kim Peak lesen, der 12 000 Bücher wiedergeben konnte, oder Suresh Kumar Sharma, der rund 70 000 Nachkommastel-len der Zahl Pi auswendig gelernt hat, wirkt die eigene Merkfähigkeit in der Regel eher ma-ger.

Dabei übersehen wir meist, was unser Gedächtnis Tag für Tag zu leisten vermag. Die etwa 87 Milliarden Nervenzellen mit ihren rund 15 Trillionen Synapsen im Gehirn verfügen über eine gigantische Speicherkapazität. Da das Denkorgan nicht wie ein Computer arbeitet, ist es schwer, sie in Zahlen zu fassen, doch eine grobe Schätzung von Experten lautet: 2,5 Pe-tabyte! Wäre unser Gehirn ein Videorekorder, könnte es etwa drei Millionen Stunden Filme speichern, was für rund 300 Jahre nonstop fernsehen reichen würde.

 

Zugegeben, der Vergleich hinkt. Denn das Gehirn hält Erinnerungen in Netzwerken von Neuronen fest und nicht auf binären Chips. Die Nervenzellen verändern beim Speicher-vorgang die Stärke der synaptischen Verbindungen zu den Nachbarneuronen. Das geschieht graduell, was verglichen mit einem binären »An-oder-Aus-Modus« die Speicherkapazität noch einmal stark erhöht.

Allerdings kommt es beim Gedächtnis längst nicht nur auf das Fassungsvermögen an. Autobiografische Erinnerungen zum Beispiel sind viel mehr als eine reine Ansammlung von Fakten und Schulwissen, nicht nur Datenpunkte auf einer Lebenslinie. Sie sind der Stoff, aus dem unser Selbst gestrickt ist, in dem unsere Erlebnisse und Erfahrungen ebenso verwoben sind wie unsere Gewohnheiten und Gefühle. Das Gedächtnis verleiht uns eine individuelle Persönlichkeit und macht uns zu kulturellen Wesen. Dazu müssen wir bei Weitem kein World Memory Champion sein!

Der gigantische Speicher im Gehirn arbeitet wie ein verdeckter Ermittler – er verrichtet seine Arbeit im Verborgenen. So prägen etwa vergangene Erlebnisse und Erfahrungen unsere aktuelle Wahrnehmung. Wie Wegweiser helfen sie, neue Eindrücke zu sortieren: Was kennen wir schon, und was könnte gefährlich sein?

10/2021 Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 10/2021

Schätzungsweise 400 000 Reize treffen jede Sekunde auf unsere Sinnesorgane ein. Das Gehirn muss sie sortieren, bewerten und in einen Bewusstseinsstrom einordnen, der die meisten von ihnen untergehen lässt. Die wenigsten Signale werden tatsächlich gespeichert. Das ist auch gut so, denn sonst würden wir in kürzester Zeit von der Informationsflut überwältigt.

Wie leistungsfähig unser »normales« Gedächtnis ist, demonstriert auch folgendes Gedan-kenexperiment: Überlegen Sie einmal, was geschähe, wenn Ihre autobiografischen Erinne-rungen, Ihre Gewohnheiten, Routinen und Ihr Wissen verloren gingen. Sie wären hilflos verloren in der Gegenwart!

Wo die Erlebnisse gespeichert sind

Doch was passiert eigentlich in unserem Gehirn, wenn wir uns Dinge merken? Beim Thema »Gedächtnis« denken viele Menschen zuerst an das explizite oder auch deklarative Gedächtnis. Es speichert Fakten sowie episodische und autobiografische Erinnerungen. Dabei nehmen Gewohnheiten, Routinen, das so genannte Wahrnehmungslernen sowie motorisches und Nachahmungslernen wahrscheinlich einen deutlich größeren Anteil des Hirnspeichers in Anspruch – Experten gehen von rund 70 Prozent aus.

Auch wenn es keinen eindeutigen Ort gibt, an dem unsere Erinnerungen wie in einer Bibli-othek abgelegt sind, so sind doch bestimmte Hirnareale für das explizite Gedächtnis unab-dingbar. Dazu gehört an erster Stelle der Hippocampus (siehe »Orte der Erinnerung«).

Grafik Orte der Erinnerung

Orte der Erinnerung | Unser Gehirn verarbeitet Erinnerungen nicht in einem einzigen Areal, sondern nutzt dafür verschiedene Regionen. Der Hippocampus ist wohl das berühmteste »Gedächtniszentrum«. Zusammen mit Teilen des präfrontalen Kortex und des Schläfenlappens speichert er autobiografische Ereignisse und hilft bei deren Abruf. Der vordere Teil des Hippocampus hält vor allem Details von Episoden fest, während der hintere Teil die gemeinsame Essenz verschiedener Ereignisse (Forscher nennen das »gist«) gespeichert. Die Amygdala gibt den Erinnerungen eine emotionale Färbung, und der Thalamus sorgt dafür, dass besonders wichtige Erlebnisse vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis überführt werden.

Gemeinsam mit Teilen des Stirnlappens und des Schläfenlappens ist er für das Speichern und das Abrufen autobiografischer Ereignisse verantwortlich. Durch so genannte neuronale Oszillationen – das regelmäßige Auf und Ab der Hirnaktivität – schwingt er im wahrsten Sinn des Wortes mit den Sinnes-, Gefühls- und Bewusstseinszentren des Gehirns im Gleichtakt. Das hilft sowohl beim Abspeichern von Erinnerungen als auch beim orchestrierten Abruf.

Der Hippocampus spielt also die Rolle eines Dirigenten, der die Stimmen der einzelnen Instrumente zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügt. Zudem dient er als eine Art Filter für deklarative Gedächtnisinhalte: Nur mit seiner Hilfe gelangen sie in die Großhirnrinde, wo sie sich zu anderen, ähnlichen Erinnerungen gesellen – entweder, weil sie im selben Kontext entstanden sind, von demselben Gefühl, derselben Musik begleitet waren, oder weil sie Teil derselben Geschichte sind. Das passiert oft sogar an mehreren Orten der Hirnrinde parallel.

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Ein Schleppnetz voller Erfahrungen


Rufen wir unsere Erinnerungen wieder ab, so verhalten sie sich wie ein Schwarm Stare: Sie bleiben eng beieinander in einer schwer vorhersehbaren Formation. Wollte man bestimmte Gedächtnisinhalte einfangen, würde man gleichzeitig auf diverse miteinander verknüpfte Erinnerungen stoßen.

Sobald wir etwas Ungewohntes erleben, etwa ein neues Restaurant besuchen, muss unser Gehirn viele unbekannte Reizkonstellationen verarbeiten. Zum Beispiel gibt es Speisen, die wir nicht kennen, und die Räumlichkeiten sind uns fremd. Aber wir können auf alte Erfahrungen zurückgreifen: Vielleicht wissen wir bereits, dass uns Nudelgerichte gut schmecken und dass der Weg zu den Toiletten in der Regel ausgeschildert ist. So verbindet unser Gehirn die neuen Erlebnisse mit unserem Vorwissen zu einer Art Schleppnetz, das immer mehr Erfahrungen aufnimmt und mit sich zieht.

Alle ankommenden Reize gelangen über die Sinnessysteme zum Hippocampus sowie zur Amygdala – einem Kerngebiet im Schläfenlappen, das die Ereignisse auf ihren emotionalen Gehalt hin überprüft. Der Hippocampus wiederum ordnet die Informationen nach Relevanz: Während wir schlafen, sortiert er Unwichtiges aus und verschiebt Wichtiges in Bereiche der Hirnrinde.

Der wesentliche Kern einer Erinnerung, der auf viele unterschiedliche Situationen anwendbar ist – im Englischen auch als »gist« bezeichnet –, bleibt im Hippocampus gespeichert. Das kann beispielsweise die Erkenntnis sein, dass dampfende Flüssigkeiten in der Regel heiß sind oder dass ein Stuhl eine Sitzfläche und eine Rückenlehne besitzt. So können wir auch künftig blitzschnell eine neue Situation einordnen und darauf reagieren.

 

Erinnerungen setzen sich aus vielen kleinen Teilen des ursprünglichen Ereignisses zusammen, die wieder abgerufen und erneut zu einer Erinnerung zusammengesetzt werden (Eleanor Maguire, University College London)

 

Wie Studien der Neurowissenschaftlerin Eleanor Maguire und ihres Teams vom Londoner University College nahelegen, trägt der vordere Teil des Hippocampus zur Spezifität des Gedächtnisses bei. Er speichert vorübergehend Details von Episoden, etwa die Erinnerung an den ersten Kuss, und verschiebt sie im Lauf der Zeit in die Großhirnrinde.

Der hintere Bereich wiederum hält die gemeinsame Essenz verschiedener Ereignisse, also den »gist«, dauerhaft fest – deshalb sprechen Experten hier auch von »gist memory«. Neuroforscher um Susumu Tonegawa vom Massachusetts Institute of Technology in Boston identifizierten sogar spezifische Neuronenpopulationen, die solche Gedächtnisinhalte codieren. Sie werden immer dann aktiviert, wenn wir erneut eine ähnliche Erfahrung machen.

Diese Form der Organisation könnte dem Gehirn dabei helfen, blitzschnell mit unbekannten Situationen zurechtzukommen und neue Informationen rasch in bestehende Netzwerke einzubauen. Die Neuronengruppen für das »gist memory« sind wahrscheinlich auch für das Transferlernen verantwortlich: Sie ermöglichen es uns, bereits vorhandenes Wissen zu nutzen, um neue Zusammenhänge zu lernen.

Jedes Mal, wenn wir etwa zu Abend essen, werden demnach Gedächtniszellen im Hippocampus aktiviert – unabhängig davon, wo wir uns befinden und was wir zu uns nehmen. Um Speicherplatz zu sparen, zieht der hintere Bereich des Areals so viel generalisierbares Wissen (gist) wie möglich aus der Situation heraus und gleicht es mit alten Erfahrungen ab. Zugleich versucht der vordere Teil zusammen mit dem Schläfenlappen, möglichst viele Details und unverwechselbare Informationen abzuspeichern. Sobald wir nun die Gedächtnisinhalte wieder abrufen, kehren die Aktivitätsmuster zurück, die zum Zeitpunkt der Codierung aufgetreten waren.

Loci-Methode

Gedächtniskünstler nutzen häufig die so genannte Loci-Methode. Dabei verknüpfen sie die sich zu merkenden Inhalte – etwa eine Reihe von Gegenständen oder Zahlen – gedanklich mit ihnen bekannten Orten. Laut einer aktuellen Studie können auch Laien von der Methode profitieren. Nutzen sie diese Technik bei Gedächtnistests, arbeiten der Gyrus parahippocampalis sowie Teile des Frontalkortex effizienter. Außerdem verstärkt sich die neuronale Verbindung zwischen Hippocampus und Hirnrinde, was die Gedächtnisleistung auch langfristig steigert.

Wagner, I. C. et al.: Durable memories and efficient neural coding through mnemonic training using the method of loci. Science Advances 7, 2021

Wie Forscher auf Grund von Computersimulationen und Experimenten an Versuchstieren schon länger wissen, spielen dabei insbesondere die so genannten Theta-Rhythmen eine wichtige Rolle. Diese langsamen Wellen der Hirnaktivität durchlaufen das Gehirn mit einer Frequenz von drei bis sieben Hertz. 2019 gelang dem Mediziner Srinivas Kota und seinen Kollegen an der University of Texas in Dallas der Beweis, dass die Theta-Oszillationen auch bei Menschen eine solche Aufgabe haben. Die Forscher untersuchten 19 Erwachsene, denen auf Grund einer schweren Epilepsie Elektroden ins Gehirn implantiert worden waren. Die Messfühler dienten in erster Linie dazu, den neuronalen Ursprung der Anfälle zu ermitteln, boten den Medizinern aber zudem die Möglichkeit, weitere Hirnfunktionen zu untersuchen.

Kota und sein Team ließen die Patienten eine assoziative Erkennungsaufgabe ausführen, bei der sie sich zusammenhängende Wortpaare merken mussten. Gleichzeitig zeichneten die Forscher die neuronale Aktivität im Hippocampus auf. Dabei entdeckten sie Theta-Wellen, die nur dann auftraten, wenn die Teilnehmer ihr assoziatives Gedächtnis bemühten.

Die oszillatorischen Muster, die während der Codierung auftraten, wiederholten sich beim Abruf des Gemerkten – und zwar umso deutlicher, je besser sich die Probanden erinnerten. Konnten sie die korrekte Assoziation nicht mehr herstellen, war auch das ursprüngliche Theta-Muster nur schwach ausgeprägt.

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Verschiedene Hirnbereiche sind also über neuronale Rhythmen zeitlich miteinander gekoppelt. Die Eindrücke werden im Arbeitsgedächtnis zwischengespeichert, wo mitentschieden wird, welche von ihnen ins Langzeitgedächtnis gelangen und welche wir getrost vergessen können.

Bisher nahm man an, das Arbeitsgedächtnis beruhe lediglich auf einem Zusammenspiel von Hippocampus und präfrontalem Kortex. Neueste Studien zeigen aber, dass auch der Thalamus hier einen wichtigen Beitrag leistet. Ursprünglich hielt man ihn für eine schlichte Schaltstation zwischen Sinnesorganen und Hirnrinde. Doch wie wir nun wissen, verstärkt er zudem bestimmte neuronale Rhythmen und erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, dass ein Erlebnis oder neues Wissen vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis überführt wird.

Kann man ein fremdes Gedächtnis auslesen?


Obwohl es sich unzählige Forschergruppen zur Aufgabe gemacht haben, das Gedächtnis zu erforschen, hat es noch niemand geschafft, einzelne Erinnerungen einer Person oder eines Versuchstiers zu entschlüsseln. Das wird auch nicht so leicht möglich sein, denn die gespeicherten Informationen sind höchst subjektiv und mit persönlichen Emotionen belegt. Außerdem ist das Wissen über verknüpfte Gedächtnisinhalte für Außenstehende kaum zu begreifen.

Kann man aber wenigstens Spuren von Erinnerungen im Gehirn sehen? Tatsächlich ist es Forschern um Susumu Tonegawa gelungen, so genannte Engramme im Mäusegehirn sichtbar zu machen und sogar zu manipulieren. Die Forscher nutzten dazu die Technik der Optogenetik, mit deren Hilfe man die Aktivität einzelner Nervenzellen im Gehirn durch Licht steuern kann. Sie veränderten das Genom von Labormäusen derart, dass deren Nervenzellen sich verfärbten, sobald sie eine Erinnerung abspeicherten. So konnten die Neurobiologen später unter dem Mikroskop erkennen, welche Zellen Teil des Engramms waren.

Außerdem fügten Tonegawa und seine Kollegen ein Gen ein, das die Nervenzellen immer dann feuern ließ, wenn sie mit blauem Licht bestrahlt wurden (siehe »Manipulierte Erinnerungen«). Anschließend setzten die Forscher die Mäuse in einen ihnen unbekannten Käfig, wo sie in Ruhe herumlaufen konnten. Während die Tiere die Umgebung erkundeten, nutzten die Wissenschaftler den oben beschriebenen Trick, um die für diese Erinnerung zuständigen Gedächtniszellen anzufärben. Am nächsten Tag kamen die Mäuse in eine zweiten Kammer, wo sie einen leichten Elektroschock an den Pfoten erhielten, während die Forscher diejenigen – nun farblich markierten – Zellen mit Licht aktivierten, die die Erinnerung an den ersten Käfig codierten. Einen weiteren Tag später wurden die Nagetiere erneut ins erste Gehege gesetzt. Und siehe da: Sie erstarrten vor Angst, obwohl sie dort nie gepeinigt worden waren. Es war also eine falsche Erinnerung entstanden!

Grafik Manipulierte Erinnerungen<
Manipulierte Erinnerungen | Um die neurobiologischen Spuren von Erinnerungen im Gehirn von Versuchstieren sichtbar zu machen, entwickelten Forscher Techniken, mit denen sie die beteiligten Nervenzellen markieren sowie an- und abschalten können.

Die Forscher haben hierfür natürlich tief in die Trickkiste der Biotechnologie greifen müssen. Doch auch unser eigenes Gedächtnis lässt sich immer wieder täuschen. Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen, hortet jeder von uns falsche Erinnerungen, die er für echt hält. Manchmal vermischen sich sogar neue Eindrücke mit alten, oder sie verfärben sich durch veränderte Gefühle und Meinungen. Wie Wikipedia-Einträge werden sie immer wieder umgeschrieben. Und manchmal landen dabei auch völlig falsche Erinnerungen wie ein Kuckucksei in unserem Kopf.

Das Gedächtnis ist demnach keine Festplatte, kein Filmarchiv aus unserem Leben, aus dem wir Episoden nach Belieben abspielen können. Wir schaffen ständig Platz im Gehirn und bewahren nur eine Auswahl an Momenten auf – andernfalls würden wir wohl in unseren Erinnerungen versinken.

In der Rückschau macht unser Gedächtnis also viele Fehler. Das kann mitunter ärgerlich sein und so manchen Streit entfachen. Doch die Vergangenheit spielt für unseren Speicher im Gehirn eine viel geringere Rolle, als man meinen mag. Denn worauf es vor allem ankommt, ist die Planung künftiger Verhaltensweisen. Selbst unsere episodischen Erinnerungen setzen wir ein, um die Zukunft zu gestalten, um Szenarien gedanklich durchzuspielen und um kreativ zu sein. Sie sind der Rohstoff für unsere Visionen.

Die Fähigkeit unserer Vorfahren, sich Gefahren oder Jagdstrategien vorzustellen, war im Zuge der Evolution möglicherweise der erste Schritt hin zu unserer beachtlichen Gabe, neue Ideen zu entwickeln und Pläne zu schmieden. Und je mehr ein Mensch über die Welt weiß, je mehr vergleichbare Szenarien er zuvor erlebt hat, desto leichter wird es ihm fallen, dieses Wissen in die Zukunft zu projizieren.

Leuchtende Gedächtnisspuren (Mikroskopaufnahme eines Mäuse-Hippocampus)
 

Leuchtende Gedächtnisspuren | In dieser Mikroskopaufnahme eines Mäuse-Hippocampus leuchten diejenigen Zellen grün, die eine Kurzzeiterinnerung gespeichert haben. Die Neurone waren zuvor gentechnisch so verändert worden, dass sie jedes Mal ein fluoreszierendes Protein bilden, sobald die Tiere etwas Neues lernen.

Dass unser episodisches Gedächtnis dabei hilft, bevorstehende Ereignisse oder Verhaltensweisen zu simulieren, zeigen auch Untersuchungen an Menschen, deren Hippocampus geschädigt ist. Einer davon war der berühmte Patient H. M. (1926–2008). Wegen schwerer epileptischer Anfälle hatten seine Ärzte sich damals dafür entschieden, jeweils einen Teil der beiden Schläfenlappen zu entfernen, darunter den Hippocampus. Fortan litt er unter einer anterograden Amnesie: Er konnte sich zwar noch an vergangene Erlebnisse erinnern, sich nach der Operation jedoch weder neue Dinge merken noch die Zukunft vorstellen.

Die Erinnerungen an frühere Ereignisse waren zudem eher semantischer Natur, also reine Fakten ohne verknüpfte Sinnesempfindungen oder Gefühle – so wie es bei einem intakten episodischen Gedächtnis üblich wäre. Das verdeutlicht auch ein Gesprächsprotokoll des Gedächtnisforschers Endel Tulving mit seinem Patienten N. N., dessen Hippocampus ebenfalls geschädigt war:

Tulving: »Eine Frage die Zukunft betreffend: Was werden Sie morgen machen?«
N. N: »Ich weiß es nicht.« (Lächelt ausweichend, 15 Sekunden Pause)
T.: »Erinnern Sie sich noch an meine Frage?«
N. N.: »War es nicht, was ich morgen machen werde?«
T.: »Ja. Wie würden Sie beschreiben, wie es ist, wenn Sie versuchen, daran zu denken?«
N. N.: »Leere, nehme ich an. Es ist, als wäre man in einem Raum ohne Gegenstände und würde gebeten, sich einen Stuhl zu suchen, es dort aber keinen gibt.«

Wie viel Vergessen ist normal?

Allerdings ist selbst mit intaktem Hippocampus kein Gedächtnis perfekt: Vergesslichkeit und Fehler sind systemimmanent, sie gehören also zur Natur der Sache und haben erst einmal nichts mit dem Alter zu tun. Dennoch beginnen ältere Menschen oft, ihre Erinnerungsfähigkeit zu hinterfragen.

Dabei zeigen eine Reihe von Untersuchungen, dass zwar das semantische Gedächtnis für Fakten und Namen im Alter langsamer und weniger präzise arbeitet – wie verschiedene andere Abläufe im Gehirn auch –, die Gedächtnisleistung insgesamt jedoch nur unwesentlich abnimmt.

Aber Achtung: Wenn wir glauben, immer vergesslicher zu werden, kann das schnell zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden! Denn die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns hängt auch davon ab, was man sich zutraut, wie Studien an Senioren gezeigt haben. Während die Teilnehmer auf den Beginn eines Gedächtnistests warteten, lauschten einige von ihnen unfreiwillig einem Gespräch der Versuchsleiter im Vorraum. Diese unterhielten sich darüber, wie schlecht alte Menschen in dem Test abschneiden. Und tatsächlich machten die Kandidaten anschließend deutlich mehr Fehler als die Senioren einer Kontrollgruppe, die einem solchen Gespräch nicht zugehört hatten.

Wer meint, das eigene Gedächtnis würde nachlassen, richtet sein Augenmerk stärker auf Momente, in denen es fehlerhaft gearbeitet hat. Irgendwann leidet darunter die Motivation, die grauen Zellen weiterhin anzustrengen, und die Leistung nimmt wirklich ab.

Ich bin 56 Jahre alt, während ich diesen Text schreibe, geboren genau 400 Jahre nachdem Arantius den Hippocampus im menschlichen Gehirn entdeckte. Wie vielen meiner Generation fällt es mir schwer, mir Namen zu merken, und hin und wieder muss ich zweimal in die Küche zurückgehen, um mich zu erinnern, was ich aus dem Keller holen wollte. Das Problem ist hier weniger mein Langzeitgedächtnis als eine zu große Ablenkbarkeit. Denn mit zunehmendem Alter reduziert sich die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses, das die selektive Aufmerksamkeit im Gehirn steuert. Es hält den Inhalt unserer Gedanken und Sinneseindrücke für wenige Sekunden fest, darunter das, was wir im nächsten Augenblick zu tun gedenken.

Aber auch Zerstreutheit ist kein reines Ü-50-Phänomen. Laut Studien nimmt bereits ab dem 30. Lebensjahr die Leistungsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses ab. Jede Ablenkung – ein neuer Gedanke, ein vibrierendes Smartphone, eine Zwischenfrage – kann bewirken, dass wir den Faden verlieren. Das passiert in jedem Alter, allerdings zunehmend öfter, je betagter wir werden.

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Wie unter anderem junge Eltern, Schichtarbeiter und Menschen mit bestimmten psychischen Erkrankungen wissen, schränken zudem andere Faktoren das Arbeitsgedächtnis ein. Dazu zählen beispielsweise Schlafmangel, Stress und seelische Belastung. Nicht ohne Grund hat sich bei übermüdeten Müttern der Begriff »Stilldemenz« etabliert, der mit einer echten Demenz rein gar nichts zu tun hat.

Letztere betrifft fast ausschließlich Senioren: Rund zwei Prozent aller 60-Jährigen entwickeln eine Form von Demenz, wobei sich das Risiko von da an etwa alle fünf Jahre verdoppelt. Mit 80 liegt es bereits bei über 30 Prozent. Dennoch deutet nicht jede verlegte Brille im Alter zwangsläufig auf eine biologische Störung hin. Bei den meisten Menschen jenseits der 60 ist vor allem das Langzeitgedächtnis noch intakt, wie Neurologen von der University of Pittsburgh feststellten.

Es gibt sogar Komponenten unseres inneren Speichers, die sich im fortgeschrittenen Alter noch verbessern können – darunter das Expertenwissen, das von möglichst viel Erfahrung profitiert. Senioren punkten vor allem, wenn es darum geht, Muster und Regelmäßigkeiten zu entdecken sowie in komplexen Situationen korrekte Vorhersagen zu treffen.

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5 Tipps für ein besseres Gedächtnis

Das erste Mal Toskana riechen


Alterungsprozesse machen den Denkapparat mit der Zeit langsamer, daran geht kein Weg vorbei. Gibt man älteren Menschen aber etwas mehr Zeit, schneiden viele von ihnen in kognitiven Tests immer noch überraschend gut ab. Schließlich müssen sie einen deutlich größeren Datenbestand durchforsten als jüngere, um die gesuchten Fakten oder die gesuchte autobiografische Erinnerung zu finden.

Und manchmal fehlt schlicht die Neugier, noch etwas Neues zu lernen. Unser Gehirn speichert Dinge, die wir zum ersten Mal erleben, mit hoher Priorität und mit besonders vielen Details ab, egal in welchem Alter. So kann ich mich noch gut daran erinnern, wie ich das erste Mal an einem echten Liga-Fußballspiel teilnehmen durfte oder wie ich erstmals den Duft der Toskana eingeatmet habe. Damals waren solche Dinge neu und aufregend. Beim zweiten und dritten Mal jedoch blieb schon deutlich weniger von den Erlebnissen hängen. Im Alter gibt es freilich nicht mehr viel, das komplett neu für uns ist.

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Ein altes Gehirn beherbergt eine große Zahl an generalisierbaren Erinnerungen. Erleben wir nun vor allem Dinge, die daran anknüpfen, achten wir nicht mehr so sehr auf die Details. Der hintere Teil des Hippocampus macht die Arbeit, während der vordere ruht. So gelangen im Alltag vieler Senioren nur noch wenige neue Erinnerungen in den Langzeitspeicher der Großhirnrinde.

Damit dieser weiterhin möglichst detailreichen Input erhält, sollten alte Menschen aktiv nach frischen Eindrücken suchen; nach unbekannten Aromen im Essen, nach neuen Ausflugszielen oder Bekanntschaften. Denn Forscher wissen schon lange: Neue Erlebnisse zu sammeln ist der beste Weg, um das Gehirn jung, plastisch und wachsam zu halten. Aber auch die alten Geschichten sollten nicht in Vergessenheit geraten, daher erzählt man sie am besten immer mal wieder jemand anderem.

Martin Korte ist Professor für Neurobiologie an der TU Braunschweig. Er erforscht die zellulären Grundlagen von Lernen und Erinnern und beschäftigt sich mit der Frage, wie das Gehirn Gelerntes wieder vergisst.

 

Nota. - Das ist mehr als ein Kontinent, das ist ein ganzes Universum. Statt dass ich einen Kommentar übers Knie breche, halte ich lieber erstmal zwei Kernpunkte fest:

1. Meine sogenannte Identität ist nichts anderes als mein Gedächtnis. Nämlich alles, woran ich mich erinnern kann. Man muss es nur aussprechen, damit man sich erinnert: Ja was denn sonst?

2. Einer meiner Lieblingssprüche lautet, Intelligenz sei Gedächtnis plus Humor. Das Ge-dächtnis ist nämlich das Vermögen des Unterscheidens. Nur was ich von anderm unter-scheiden konnte, kann ich behalten; was immer ich behalten will, muss ich unterschieden haben.

Ja, das ist klar - Intelligenz muss unterscheiden. Aber Intelligenz muss auch zusammenfü-gen können: Dieses ist dasselbe wie jenes, oder doch fast. Und das Vermögen, Ähnlichkei-ten an Dingen zu erkennen, wo sie ganz und gar nicht ins Auge springen, ist die Leistung des Humors. Übrigens auch, Unterschiede wahrzunehmen, wo sie nicht ins Auge springen! 

Also keine Addition von Gedächtnis und Humor, sondern eine gegenseitige Durchdrin-gung. Ist eine Mehrdeutigkeit erkennen und eine Mehrdeutigkeit setzen am Ende dasselbe? - An Mehdeurigkeiten Gefallen haben muss man in beiden Fällen.

NB.  Eine Mehrdeutigekeit kommt vor, wo ein Begriff auf verschiedene Vorstellungen passt: nämlich nur in diskursivem Zusammenhang. Humor ist offenbar nicht überall möglich. 

 

 

 

 

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