Freitag, 30. April 2021

Zählen und messen und werten und schätzen.

S. Hofschlaeger, pixelio.de                                                           aus Philosophierungen
 
Dieser Gedanke ... setzt als selbstverständlich voraus, daß Qualität und Quantität Grund-eigenschaften der wirklichen Naturvorgänge sind. Das ist aber eine durchaus oberflächliche Anschauung. In unseren Erlebnissen sind uns nur qualitative Unterschiede gegeben. Den Unterschied zwischen 'Groß' und 'Klein' erleben wir zunächst nicht anders als den zwischen rot und blau. Erst durch die Zuordnung von Zahlen zu den Erlebnissen wird ein System von Zustandsgrößen geschaffen, zwischen denen quantitative Beziehungen bestehen.
Philipp Frank, Das Kausalgesetz und seine Grenzen (Wien 1932)*, **

Erst die Arbeitsgesellschaft hat Messen und Kombinieren so in den Vordergrund treten lassen, daß der eigentlich-poietische 'Anteil' des Geistes - der eigentlich sein Grund ist - als ein uneigentliches Residuum in den Hintergrund tritt. Vollends mit dem Beginn der indu-striellen Kultur, wo Fragen nach dem "Wesen" (quale) im Zuge der 'Entmythologisierung' und 'Entzauberung der Welt' als "metaphysisch" direkt abgewiesen werden. Das postmo-derne Anything goes ist nur der Punkt auf dem i. Es ist überhaupt nicht "post". Es verweist die Frage nach den Qualitäten endgültig unter die Spielereien; freilich - wenn sie "funktio-nieren", why not?

Dieses "Residuum" wird 'bestimmt' (ex negativo: als das uneigentlich-Überschüssige) als "das ästhetische Erleben".

Daher die Unmöglichkeit, das Ästhetische positiv zu "definieren": Es ist eben nicht "posi-tiv", sondern negativ bestimmt: als Ausschluß von dem, was für die Welt der Arbeit "nicht nötig" ist. Im Laufe der Entfaltung der Arbeitsteilung und galoppierend seit der Industria-lisierung wurde das immer mehr.

Nota. Die Bereitschaft, Bedeutungen zu erfinden über das unbedingt Nötige hinaus - Abenteuer, Spiel, Risiko - ist stammesgeschichtlich auf der männlichen Seite der Gattung stärker ausgeprägt; weshalb der Umstand, daß allein diejenige Gattung, wo das Männliche einen relativ autonomen 'Stand' erworben hat, diejenige war, die den Sprung in die Welt gewagt hat. Und weshalb die 'ästhetischen' Tendenzen bis auf den heutigen Tag im männ-lichen Teil stärker ausgeprägt sind als im weiblichen. (Sollte sich das künftig ändern, tant mieux.)

*) neu Ffm. 1988, S. 155

aus e. Notizbuch,14. 7. 2005

Das Gefühl ist faktisch das erste Ursprüngliche.

                               zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

5.) Was ist das nun für ein Bewusstsein, das mit dem Triebe ver-/68/knüpft werden soll? Mit dem Bewusstsein, das wir bisher kennen, mit der Anschauung verhält es sich so: Wir er-blicken in ihr Reales und Ideales getrennt; das erstere hat sein vom Idealen unabhängiges Sein, das letzte sieht nur zu. 

Bei dem Bewusstsein, von dem wir hier reden, kann dies der Fall nicht sein, es gibt hier kein reales Sein, es wird nicht gehandelt, sonach müsste hier Ideales und Reales zusammenfallen; das Ideale wäre hier sein eigner Gegenstand, kein unmittelbares Bewusstsein, und dieses ist ein Gefühl. Man fühlt kein Objekt, das Objekt wird angeschaut.

Jedes Objekt, sogar ein Handeln, soll etwas sein, ohne dass ich mir desselben bewusst wür-de. Der transzendentale Philosoph erinnert freilich, dass etwas ohne Bewusstsein nicht sein könne, aber der gemeine Menschenverstand sieht dies nicht so an. Man unterscheidet Han-deln und Bewusstsein. Ein Gefühl ist aber gar nicht, ohne dass gefühlt werde, die Reflexion ist mit dem Gefühl notwendig und unzertrennlich verbunden. Das Gefühl ist ein bloßes Set-zen der Bestimmtheit des Ich.

Wir haben nun ein mittelbares Bewusstsein eines unmittelbar Materialen, welches wir be-durften. Oben suchten wir das formale [Bewusstsein], wir kamen auf ein Subjekt-Objekt, auf ein sich-selbst-Setzen. In diesem Gefühle, wie sich weiter unten zeigen wird, kommen Ich und NichtIch zusammen vor, und zwar nicht lediglich zufolge der Selbstbestimmung, son-dern in einem Gefühle.

Im Gefühle ist Tätigkeit und und Leiden vereinigt; in wiefern das erste vorkommt, hat es Beziehung auf das Ich; in wiefern aber das zweite vorkommt, auf ein NichtIch, aber im Ich wird es gefunden, das Gefühl ist faktisch das erste Ursprüngliche. - 

Man sieht hier schon, wie alles im Ich vorkommen kann und dass man nicht aus dem Ich herauszugehen braucht. Man brauche nur eine Mannigfaltigkeit von Gefühlen anzunehmen, und es würde sich leicht zeigen lassen, wie man die Vorstellungen von der Welt davon ablei-ten könnte.

_______________________________________________________________________ J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 67f.



Nota I. - Ich bin nicht sicher, dass ich das richtig verstehe: '...und dieses ist ein Gefühl'? - ...

So schrieb ich am 31. 8. 16, und der folgende Kommentar bestätigte: Ich hatte es nicht richtig verstanden.

Nota II. - Für Kant bedeutete Anschauung Sinnlichkeit. Bei Fichte dagegen geht der An-schauung das Gefühl voran. In ihm sind Leiden und Tätigkeit Eins. Wohl ist das Fühlen selbst rein rezeptiv; aber es kommt nur vor, sobald die Tätigkeit des Ich auf einen Wider-stand stößt - das ist die aktive Seite. Das Ich fühlt nicht das Ding oder Objekt oder Gegen-stand, sondern lediglich den Widerstand, den er oder es ihm leistet. Auf ein Ding 'hinter' dem Widerstand als dessen Ursache wird lediglich geschlossen. Und erst das nennt Fichte Anschauung: der erste Grad von Reflexion. Der gefühlsmäßige Anteil von Leiden entfällt jetzt: "Das Anschauen ist, im Gegensatz mit dem Gefühle, Tätigkeit." (Anschauung nimmt bei Fichte systematisch denselben Platz ein wie bei Kant die transzendentale Apperzeption: die synthetische Vereinigung Mannigfaltiger - 'Merkmale' - zu einem Dies.)

*

Und noch einmal: Die Wissenschaftslehre ist keine Metaphysik, die aus selbstgewählten Voraussetzungen ein Wirkliches - hier: ein wirkliches Bewusstsein - konstuiert. Sondern sie legt in einem Vorgefundenen - hier: dem wirklichen System der Vernunft - dessen allerer-sten Grund frei, von dem allein nicht mehr abstrahiert werden kann, ohne dass alle Be-stimmtheit unmöglich würde. Dieses ist: das Vermögen des Bestimmens selbst, eine ur-sprüngliche prädikative Qualität. Aus dieser Voraussetzung - und aus dieser Voraussetzung allein - müsste das wirklich gegebenen System der Vernunft re konstruiert werden können, wenn die Vernunft selber begründet sein soll. 

JE

 folgt: Das Anschauen ist, im Gegensatz zum Fühlen, Tätigkeit.


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Wie guter Schlaf den Kopf frei hält.

v. Hildebrand
aus spektrum.de, 5. 3. 2021
Intrusive Gedanken
Müdigkeit sorgt für unschöne Erinnerungen
Wer müde ist, kann Gedanken an Unangenehmes schlechter unterdrücken. Das kann für Menschen mit Depression oder PTBS ein Problem sein, die oft unter Schlafstörungen leiden.

von Joachim Retzbach

Unangenehme oder traumatische Erlebnisse können ungewollt wieder ins Gedächtnis springen, wenn man durch bestimmte Hinweise an sie erinnert wird. Solche »intrusiven« Erinnerungen treten vor allem bei Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS), aber auch bei Depression auf. Häufigere und längere Intrusionen gehen mit einem schlechteren Allge-meinbefinden und Schwierigkeiten bei der Gefühlsregulation einher.

Ein Team um Marcus Harrington von der Univer­sity of York untersuchte nun, welche Rolle Müdigkeit bei diesem Prozess spielt. 59 gesunde Probanden lernten abends im Labor, eine Reihe von Porträtfotos mit jeweils einem weiteren Bild zu kombinieren – mit einem Foto, das eine neutrale Szene abbildete, oder einem, das negative Gefühle hervorrief, etwa weil es eine traurige, bedrohliche oder Ekel erregende Situa­tion zeigte. Anschließend durfte die Hälfte der Teilnehmer schlafen, der Rest musste die Nacht über wach bleiben. Am nächsten Morgen bekamen die Versuchspersonen dann nur die Porträtfotos zu sehen und wurden entweder angewiesen, sich das zweite, zugehörige Bild vorzustellen oder aber den Gedan-ken daran aktiv zu unterdrücken.

Wer nicht geschlafen hatte, konnte die Erinnerung an unangenehme Fotos nach eigenen Angaben deutlich schlechter ausblenden. Ausgeschlafenen Probanden gelang es dagegen besser, die unerwünschten Bilder gar nicht erst vor ihrem geistigen Auge entstehen zu las-sen. Schlafstörungen – die bei PTBS sowie bei depressiven Störungen häufig sind – könn-ten daher intrusive Gedanken begünstigen, lautet das Fazit der Forscher. Die Kontrolle un-gewollter Gedanken lasse sich in einem gewissen Maß in einer Therapie trainieren.

 

Nota. - Der Kern des Bewusstseins im engeren Sinn: der Reflexion, ist das Aufmerken. Ich kann meine Aufmerksamkeit nur aus dieses richten, weil ich sie von jenem abziehen kann. Es handelt sich in jedem Fall um eine Verengung des Wahrnehmungsfelds, doch zugleich um eine Schärfung des Blicks. 

Mit dem Aufmerken allein ist es allerdings nicht getan. Es nützt mir nur, wenn ich beurtei-len konnte, was meiner Absicht nützen und was ihr schaden würde. 

Intelligieren ist nur eine Technik, und als solche ist es sekundär. Voraussetzung ist das Wer-ten.

JE

 

Donnerstag, 29. April 2021

Zählen und Zahlen.

Zählstab, ca. 7000 v. Chr.,  Etrurien 

zu Philosophierungen

Für Ordnungszahlen, die man zum Abzählen braucht, reichen die Finger unserer Hände; notfalls braucht man mehrere Hände. Für Zahlen im eigentlichen Sinn, nämlich solche, mit denen man rechnen kann, bedarf es von Anfang an der Schriftform. 'Es gab' kein Einmal-eins, bevor es nicht einer aufgeschrieben hat. 

Das älteste Zahlensystem ist nicht älter als die älteste Schrift. Noch die alten Griechen be-nutzten Buchstaben, um Zahlen zu notieren.
 
29. 12. 13
 
 
 

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Das ausgeplauderte Geheimnis der Metaphysik.

istock/rafinade                                                 zu Philosophierungen

Der Vereinigungspunkt aller rationalistischen Metaphysiken des 17. und 18. Jahrhunderts war die Analogisierung von Denk- und Naturgesetzen, und deren harter Kern war die Gleichsetzung von physikalischer Ursache mit logischem Grund. Der Denkfehler ist so offenkundig, dass man ihn nur auszusprechen, aber nicht mehr zu widerlegen braucht, und es ist schwer vorstellbar, dass von all den klugen Köpfen ihn keiner bemerkt haben sollte. Er kann sich eigentlich nur still und heimlich als unausgesprochene Selbstverständlichkeit immer wieder neu eingeschlichen haben. Aber es muss auch einigen dialektischen Aufwands bedurft haben, ihn immer wieder neu zu vertuschen.

Als Vollender und Systematisierer der Metaphysik gilt Christian Wolff, und er gilt auch als besonders pedantisch und als sich selbst gegenüber nicht besonders kritisch. Vielleicht hat der sich mal irgendwo verplappert? Das kann eigentlich nicht ausgeblieben sein, da wollte ich mal nachgucken.

Da stand ich also vor den 37 Bänden auf Deutsch und 46 Bänden in scholastischem Latein! Aufs Geratewohl griff ich hinein und griff Der vernünfftigen Gedancken von Gott, der Welt und der Seele der Menschen, auch aller Dinge über-haupt, anderer Theil, bestehend in ausführlichen Anmerkungen. Ich schlug sie in der Mitte auf und fand, als ich drei, vier Sei-ten zurückblätterte, meine STELLE!

Im IV. Kapitel, genannt Von der Welt, steht der § 176:

Ich habe hier erkläret, in was für einem Verstande ich das Wort Verknüpffung, nexum rerum, nehme, damit daraus keine Irrung entstehen soll. Ich sage nemlich, die Dinge in der Welt wären mit einander verknüpfft, wenn eines in sich eine Raison enthält, weshalb das andere neben ihm zugleich ist, oder auf dasselbe folget. … Ich habe auch erkläret, in was für einem Verstande ich das Wort Grund oder Raison nehme. Ich sage nem-lich, es sey dasjenige, woraus ich verstehen kann, warum das andere ist. …/… Der ganze Verstand von der Verpnüpffung der Dinge mit einander ist demnach dieser, daß alles in der Welt mit Raison neben einander geordnet sey, und mit Raison eine Veränderung auf die andere erfolge, das ist, es sey allezeit etwas zu finden, daraus sich verstehen lässet, warum eines neben dem anderen zugleich ist, und wie die Veränderung einer Sache erfolget, oder sie aus einem Zustande in den anderen kommet. Wenn wir es nicht finden können, so lieget bloß die Schuld an uns, nicht an der Sache. Wer sich ein wenig in der Physick umgesehen, wo man sonach die Ursachen von den Würckungen, als die Absichten der natürlichen Dinge, anzeiget, der wird finden, daß durch diese Verknüpffung in der Welt nichts anderes gesucht wird, als wie die darinnen befindlichen Dinge und ihre Veränderungen von den Causis finalibus & efficientes, oder den göttlichen Absichten und denen von GOtt verordneten natürlich Ur/sachen, dependieren. Man könnte sogar die Erklärung oder Definitionem machen, quod nexus rerum materalium sit dependentia a causis finalibus & efficientes. Es kann daher einem nicht einmal träumen, daß durch diese Verknüpffung der Dinge eine unvermeidliche Nothwendigkeit und Fatalität in die Welt kommen solle. Vielmehr bringet die Dependentia a causis finalibus, oder die Verknüpffung der Dinge, in so weit sie von den göttlich Absichten herrühret, göttlich Weißheit in die Welt.  

Wo er sich ganz besonders unmissverständlich ausdrücken will, greift er zu lateinischen Ausdrücken. Bloß am springenden Punkt ist er mit seinem Latein am Ende: die Raison muss er sich von den Franzosen borgen; aber das ist auch schon der ganze Trick, Sie sehen's ja selbst!

Bei der Gelegenheit musste er freilich über seinen Schatten springen. Besteht sein ganzes Werk eigentlich nur in einer Aneinanderreihung mehr oder minder spitzfindiger Nominal-efinitionen, wendet er sich hier an das erkennende Vermögen des Subjekt: 'dasjenige, wor-aus ich verstehen kann, warum...'. Wenn's sein muss, kann der Dogmatiker auch pragma-tisch denken; von der Raison bleibt dann allerdings nur eine Black box übrig: Er identifiziert ausdrücklich die aristotelischen causis efficientes mit den causis finalibus, hokuspokus. Den-ken lässst sich dabei
nichts, das ist aber auch nicht erforderlich - er hat es ja definiert. (Übersehen Sie bitte nicht, dass er oben Erklärung und Definitio synonym verwendet!)
JE

Quelle: Christian Wolff, Gesammelte Werke, Abt. I. Deutsche Schriften, Bd. 3 [Frankfurt a. M. 1740] Hildesheim 1983; S. 186ff.
 
 
PS. Nun ja, historisch gerecht ist Obiges eben nicht. Es war ja nicht so, dass althergebracht und selbstverständlich sachliche Ursache und logischer Grund (etwas, 'daraus sich verstehen lässt') säuberlich getrennt vorgele-gen hätten und die Metaphysiker sie mutwillig miteinan-der vermengen mussten. Dann hätte Wolff es ja nicht so unbefangen ausgeplaudert. Es ist die aristotelischen Unterscheidung von causis efficientes und causis finalis, die er vermengt hat; dies bewusst und ausdrücklich, doch unter einer causa finalis konnte sich zu seiner Zeit wohl schon keiner mehr etwas vorstellen. Genauer gesagt, vorstellen hat sich darunter wohl noch nie einer was können, doch weder Plato noch Aristoteles unterscheiden Begriff und Vorstellung: Der Begriff ist das Neue, worauf es ihnen ankommt, das Vorstellen mögen sie dem überwundenen? nein. dem eben noch zu übewindenden mythischen Zeitalter hinter-lassen haben. Logos haben sie sich wohl als eine wirkende Kraft... vorgestellt; und dann erscheinen begriffliche Operationen wie richtige Taten.

Aus ihrer Vorgeschichte kann man den Metaphysikern keinen Vorwurf machen: nicht, dass sie sie fortgesetzt haben. Aber daraus, dass sie nicht mit ihr gebrochen haben; mit andern Worten, dass Wolff Wolff war und nicht Kant: dass er nicht zwischen phaenominis und noumenis unterscheiden konnte. Das wäre aber dumm.
JE

Mittwoch, 28. April 2021

Das höchste Prinzip…

vulkanischer Riss                                                                         aus Philosophierungen

Sollte das höchste Prinzip das höchste Paradoxon in seiner Aufgabe enthalten? Ein Satz sein, der schlechterdings keinen Frieden ließe – der immer anzöge, und abstieße – immer von neuem unverständlich würde, so oft man ihn auch schon verstanden hätte? Der unsere Tätigkeit unaufhörlich rege machte – ohne sie je zu ermüden, ohne je gewohnt zu werden? Nach alten mystischen Sagen ist Gott für die Geister etwas Ähnliches.
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Novalis, Logologische Fragmente [a], N°9

 

Nota. Das obige Bild gehört mit nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Der Ursprung des Bewusstseins ist die Beschränkung des Triebs.

W. Busch                       zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Mit dem Setzen eines Triebes muss notwendig etwas die Tätigkeit Verhinderndes gesetzt werden. Denn im Triebe liegt die Notwendigkeit des Handelns; da er aber kein Handeln wird, sondern ein Trieb bleibt, so muss der Grund davon in einem andren liegen.

Man kann sagen, der Grund des Triebes liegt im Subjekte, in wiefern der Grund zu einer Tätigkeit im Subjekte liegt. Aber er liegt nicht drin, in sofern er nicht Tätigkeit, sondern Trieb ist, und dadurch, dass etwas Verhinderndes da ist, wird eben die Tätigkeit aufgehoben. Wir können sonach aus diesem Wechselverhältnis nicht heraus.

Was nun wird aus diesem Triebe des Ich folgen? Man denke, das Ich würde nicht begrenzt, sein Trieb würde Tätigkeit, so wäre das Ich ein sich-selbst-Affizieren und weiter nichts, das Ich wäre nicht gebunden, es wäre sonach keine ideale Tätigkeit da, ideale und reale Tätigkeit fielen zusammen, so etwas können wir uns nicht denken, es wäre das Selbstbewusstsein eines gedachten Gottes. [...]

Von diesem Zustande wollen wir übergehen zur Beschränktheit, jetzt kann das Ich nicht handeln, seine praktische Tätigkeit ist angehalten. Nun ist der Charakter des Ich, dass es sich idealiter setze oder anschaue, dies ist erst jetzt möglich, denn es ist etwas Gehaltenes da. Es muss ein Bewusstsein des Triebes oder der Beschränktheit notwendig geben. Aus dem Triebe folgt Bewusstsein. Wenn das Ich lauter Tätigkeit wäre und keine Beschränkung in ihm vorkäme, so könnte es sich nicht seiner Tätigkeit bewusst werden. Es kann im Ich nichts vorkommen ohne Bewusstsein, nun kommt hier ein Trieb vor, folglich muss Be-wusstsein desselben sein.

Anmerkung: A) Hier teilen sich ideale und reale Tätigkeit, und die oben beschriebene Ent-gegensetzung beider wird möglich. Wir stehen an der Grenze alles Bewusstseins, weil wir den Ursprung alles Bewusstsein sehen.

B) Ideale Tätigkeit ist nur eine gebundene; ihr unmittelbares Objekt ist die praktische, ihre Gebundenheit hängt von der praktischen ab, diese muss ursprünglich ein Streben sein, und dies ist der Ursprung des Bewusstseins.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 67  

 

Nota. - Ursprung dessen, was später Dialektik genannt werden wird, sei die Scheidung von realer und idealer Tätigkeit, habe ich anderswo gesagt. Diese Scheidung tritt ein, sobald und sofern die in sich selbst unbegrenzte Tätigkeit des Ich auf (s)eine Schranke stößt: Erst jetzt begegnet sie sich. Will sie fort fahren, muss sie zunächst in sich zurück gehen. Die Denkfi-gur 'sich-selbst' ist ohne einen Widerstand gegen das hemmungslose Selbsten gar nicht mög-lich.

JE