Montag, 31. Mai 2021

Einstieg in die Transzendentalphilosophie.

                                 zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die neue Reihe der Dinge, in die wir eingeführt werden sollen, ist die der Handlungen des menschlichen Geistes selbst, nicht mehr die der Objekte dieser Handlungen. Diese Hand-lungen sollen vorgestellt werden; keine Vorstellung ist mögllich ohne ein Bild. Es müssen demnach Bilder dieser Handlungen vorhanden sein. Alle Bilder aber werden durch die ab-solute Spontaneität der Einbildungskraft hervorgebracht, mithin auch dieses. 

Ein Teil dieser Bilder - freilich bei weitem noch nicht [die] der höchsten Handlungen des menschlichen Geistes - sind aud den Kantischen Schriften unter dem Namen der Schemata, und das Verfahren der Einbildungskraft mit denselben unter dem Namen des Schematis-mus bekannt. Die ganze Transzendentalphilosophie soll und kann nichts anderes sein, als ein getroffenes Schema des menschlichen Geistes überhaupt. 

Wer sieht nicht, dass dies der Einbildungskraft ein ganz neues und ungeahntes Geschäft gibt; ein Geschäft, das ihr nur um weniges leichter sein wird, als ihr Entwerfen der Bilder überhaupt beim Anfange des irdischen Lebens war?

Wer sieht nicht, daß die Gefühle für diese Bilder um eine Region tiefer im menschlichen Gemüte liegen, und dass das Vermögen, dieselben zu entwerfen, ganz eigentlich dasjenige sei, was wir als Geist beschrieben haben? Wer sieht demnach nicht, dass die Möglichkeit des Stoffes aller Philosophie Geist voraussetze, und dass ohne Geist alles Philosophieren völlig leer und ein Philosophieren über das absolute Nichts ist?

Dass ich darüber ein erschöpfendes Beispiel anführe. - Es ist wohl keinem unter Ihnen völ-lig unberkannt, dass an einer streng wissenschaftlichen Transzendentalphilosophie unter dem Namen einer Wissenschaftslehre gearbeitet und das dieselbe auf dasjenige aufgeführt [aufgebaut] wird, was als reines Ich übrigbleibt, nachdem man von allem abstrahiert hat, wovon nur abstrahiert werden kann. Eine solche Wissenschaft kann keine andere Regel geben als die: Man abstrahiere von / allem, wovon man abstrahieren kann, bis etwas übrig bleibe, wo-von völlig unmöglich ist zu abstrahieren: Die Übrigbleibende ist das reine Ich, welches zu-gleich als reines Ich als Regulativ für das Denkvermögen vollkommen bestimmt ist. Es ist dasjenige, von dem man schlechterdings nicht abstrahieren kann, weil es das Abstrahierende selbst ist, oder, was gerade das[selbe] heißt, dasjenige, was sich selbst schlechthin setzt. 

Diesen Satz kann man nun als bloßes Regulativ für das Denkvermögen fassen; es muss ihm [nur] im Laufe der Untersuchung nicht widersprochen werden, und so wird man denn aus ihm gar leicht die Unzulänglichkeit aller Systeme dartun können, in denen irgend etwas, so gering dasselbe auch sei, angenommen wird, gegen welches das Ich bloß sich leidend ver-halten soll; weil dem Ich, so gewiss es ein Ich sein soll, gar nichts zukommen kann, das es sich nicht selbst zuschriebe und gegen welches es sich demnach nicht auch zugleich tätig verhalte.

Wenn man aber auch gleich diesen ganz richtigen Gebrauch von jenem Satze macht, so bleibt es noch immer gar wohl möglich, dss man bloß den Buchstaben desselben gelernt, nicht aber seinen Geist ufgefasst habe. Man macht Gebrauch von der Formel, in der jener Satz ausgedrückt ist, weil man sie etwa auf Treu und Glauben angenommen hat, oder weil man ihre Brauchbarkeit zur bestimmten Erklärung alles dessen, was die Philosophie erklä-ren soll, bemerkt: Aber man hat auch nichts als eine Formel, wenn man nicht die Anschau-ung dessen hat, was durch sie ausgedrückt ist. Gesetzt auch man trüge ein System vor, das für einen Andern Geist und Leben bekommen möchte, so hat es für uns doch keinen, son-dern ist für uns nur bloße Formularphilosophie.
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J. G. Fichte, "Über den Unterschied des Geistes und des  Buchstabens in der Philosophie" in Von den Pflichten der Gelehrten, Hamburg 1971 [Meiner], S. 72f.;


Nota. -  Zuerst also eine Berichtigung: Von den Vorträgen Über Geist und Buchstaben... sind, anders, als ich in meinem Kommentar zum vorgestrigen Eintrag schrieb, die ersten drei sehr wohl als Ms. enthalten; erst die folgenden
, die Fichte für Schillers Horen umge-arbeitet hat, sind verloren.


Der Wissenschaftslehre selbst fügen diese Prolegomena sachlich nichts hinzu: Sie entwik-keln keine Gedanken, sondern berichten sie, und das gilt bei Fichte nicht als Philosophie. Aber sie erläutern, und dies in entscheidenden Punkten, wie dieses und jenes, das in den folgenden Darstellungen der Wissenschaftslehre entwickelt werden wird, von Fichte ge-meint ist. Es wird mir klar, dass ich mir einige Wirrungen, die mir bei meinem Fichte-Stu-dium untergekommen sind, hätte ersparen können, wenn ich mich um diesen Auftakt zu seiner Lehrtätigkeit früher bekümmert hätte.
JE, 23. 8. 17

 


Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Nur zufällig und bedingt vernünftig.

bild.de                                          zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Gesetzt, er handelte so, dass seine Handlung zwar durch die sinnlichen Prädikate der vor-hergehenden bestimmt sei - und das ist schon zufolge des Naturmechanismus der Natur notwendig -, nicht aber durch die geschehene Anerkennung meiner als eines freien Wesens, d. i. er raubt mir durch sein Handeln die mir zukommende Freiheit und behandelt mich in-soweit als Objekt: so bin ich immer genötigt, die Handlung ihm, dem gleichen Sinnenwesen C zuzuschreiben. (Es ist z. B. die gleiche Sprache, der gleiche Gang u.s.f.)

Nun ist der Begriff dieses Sinnenwesens C durch die Anerkennung und vielleicht durch eine Folge von Hand- lungen, die dadurch bestimmt sind, in meinem Bewusstsein vereinigt mit dem Begriffe der Vernünftigkeit, und was ich einmal vereinigt habe, kann ich nicht trennen. Aber jene Begriffe sind gesetzt als notwendig und wesentlich vereinigt; ich habe Sinnlichkeit und Vernunft in Vereinigung als das Wesen von C gesetzt. Jetzt in der Hand- lung X muss ich sie notwendig trennen und kann ihm die Vernünftigkeit nur noch zufällig zuschreiben.

Meine Behandlung seiner als ein vernünftiges Wesen wird nun selbst auch zufällig und be-dingt und findet nur für den Fall statt, dass er selbst mich so behandele. Ich kann demnach mit vollkommener Konsequenz, die hier mein einziges Gesetz ist, ihn für diesen Fall behan-deln als bloßes Sinnenwesen; so lange, bis beides, Sinnlichkeit und Vernünftigkeit in dem Begriffe von seiner Handlung wieder vereinigt ist.
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J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 49



Nota. - Ich muss vorderhand davon ausgehen - und das heißt: danach handeln -, dass C ein vernünftiges Sinnenwesen ist. Handelt er dieser Voraussetzung entgegen, indem er die Sphä-re meiner Freiheit verletzt, so darf ich ihn in diesem Fall als bloßes Sinnenwesen behandeln; bleibt aber übrig, dass ich selbst als Vernunftwesen gesetzt bleibe und meine Grenze nicht überschreiten darf.

Zum Beispiel holt er aus, um mir eine Keule auf den Kopf zu schlagen. Diese Freiheit darf ich ihm verwehren. Doch wenn ich ihn zu Boden gestreckt habe, muss ich ihn am Leben lassen: Die Freiheit, ihn umzubringen, muss ich mir verwehren.

Mit andern Worten, ich muss zwar allezeit so handeln, nämlich positiv: "kategorisch", als ob der andere ein freies und vernünftiges Wesen sei; in meinem Bewusstsein bleibt es indes stets eine problematische Voraussetzung: Es muss sich in seinen Handlungen erweisen. Nämlich im jeweiligen Fall. 

Ob der Andere frei und vernünftig ist, kann ich nicht wissen; indes werde ich so handeln müssen, als ob, denn das ist die Bedingung, dass auch er so handeln kann, als ob er frei und vernünftig sei.
19. 12. 19
 
Nota II. - In der notwendig diskursiv verfahrenden Darstellung der Wissenschaftslehre muss es so aussehen, als werde die Reihe vernünftiger Wesen und die von ihr ausgehende Auffordung zum freien Handeln erst nachträglich und von außen hinzugezogen. Sie sind aber nicht Glieder in einer kausalen Kette, sondern konstitutives Ingrediens eines Bedigungs komplexes, der zwar von Anfang an in petto lag, aber erst jetzt zur Sprache kommen kann, weil erst jetzt bestimmt wurde, was er zu bedingen hatte.

Das ist im übrigen keine Hirnweberei, sondern es ist wirklich so; ein freiheitlicher Rechts-staat beruht darauf. Anderswo gilt es immerhin als noch offener Anspruch.
JE

Was sie ist, weiß man nicht; nur, wie sie wirkt.


aus scinexx                 Diese Kartenausschnitte zeigen die Dynamik und Dichteverteilung des lokalen Kosmos und enthüllen dadurch auch unsichtbare Filamente (gelb) aus Dunkler Materie, die die Galaxien verbinden. Das X im Zentrum markiert jeweils die Position der Milchstraße

Verborgene Brücken aus Dunkler Materie                   zuJochen Ebmeiers Realien
Kartierung enthüllt Verteilung der Dunklen Materie im Umfeld der Milchstraße

Unsichtbare Filamente: Eine neue Kartierung zeigt die Verteilung der Dunklen Materie im Umfeld der Milchstraße – und enthüllt einige zuvor unbekannte Strukturen. Dazu gehören mehrere kleinere Filamente, die benachbarte Galaxien verbinden. Dieser genauere Blick auf die verborgenen Materieströme unserer kosmischen Umgebung könnte dazu beitragen, die Natur der Dunklen Materie aufzuklären, so die Astronomen im „Astrophysical Journal“.

Die Dunkle Materie ist im Kosmos ebenso allgegenwärtig wie geheimnisvoll. Denn woraus sie besteht und welche Merkmale sie besitzt, ist völlig unbekannt. Klar scheint nur, dass ihre Schwerkraft das Verhalten der normalen Materie und ihre Verteilung im Kosmos prägt. Wie jedoch die Dunkle Materie selbst verteilt ist, können Astronomen nur indirekt ermitteln, beispielsweise aus der Bewegung von Sternenströmen oder Galaxien.

Nahe Struktur kaum kartiert

„Ironischerweise ist es dabei einfacher, die Verteilung der Dunklen Materie in großer Ferne zu kartieren als in unserer Nachbarschaft“, erklärt Koautor Donghui Jeong von der Pennsylvania State University. „Denn in der fernen Vergangenheit war der Kosmos weniger komplex.“ Die meisten bisherigen Kartierungen der Dunkle-Materie-Verteilung beruhen deshalb auf der Beobachtung oder Simulation von Milliarden Lichtjahre entfernten Strukturen.

Wie aber die Dunkle Materie in der Umgebung unserer Milchstraße und der Lokalen Gruppe verteilt ist, ist bislang weitgehend unbekannt. Der Grund: Zum einen werden Teile der nahen Strukturen von der Milchstraße verdeckt, zum anderen wird die Bewegung von Galaxien auch von anderen Faktoren als der Dunklen Materie beeinflusst, wie Jeong und seine Kollegen erklären. Wenn man aber nur wenige Galaxien im Blick hat wie m nahen Kosmos, lassen sich diese Störfaktoren schwieriger herausrechnen.

Hilfe von der künstlichen Intelligenz

Um dieses Dilemma zu lösen, hat das Team um Jeong und Erstautor Sungwook Hong von der Universität Seoul einen neuen Ansatz genutzt: Sie spannten eine künstliche Intelligenz für die Kartierung ein. Zunächst trainierten sie dieses lernfähige Programm an einem Satz von Simulationen, die Merkmale und Verteilung von Galaxien, interstellarer Materie und auch Dunkler Materie abbilden. Dabei legten die Forscher den Schwerpunkt auf Datensätze, die viele der Milchstraße ähnliche Galaxien und ihr Umfeld enthielten.

Anhand dieser Trainingsdaten lernte das künstliche neuronale Netzwerk, wie die Entfernung, Leuchtkraft und Eigenbewegung von Galaxien mit der Dichte und Präsenz Dunkler Materie in ihrem Umfeld zusammenhängen. „Das System kann nun auf Basis des Gelernten auch in neuen Daten detaillierte Strukturen erkennen und einige Lücken schließen“, erklärt Jeong.

Für die eigentliche Kartierung erhielt die KI dann Daten des Cosmicflow-3-Galaxienkatalogs zu 17.647 Galaxien im Umkreis von 65 Millionen Lichtjahren um die Milchstraße. Aus diesen Informationen ermittelte das System die Verteilung und Dichte der Dunklen Materie in unserem lokalen Umfeld.

Blick auf „dunkle“ Filamente

Die mittels KI erstellte Karte enthüllt nun erstmals, wie die Dunkle Materie in unserem lokalen Universum verteilt ist. „“Das auffallendste Merkmal, das wir aufgedeckt haben, ist die filamentäre Struktur des lokalen kosmischen Netzwerks“, sagen die Forscher. Die Karte zeigt deutlich, dass die Dunkle Materie in einer netzartigen Struktur um uns herum verteilt ist. Ihre lokale Verteilung ähnelt damit derjenigen, die auch im fernen, frühen Universum beobachtet werden kann.

„Eine solche Karte des lokalen kosmischen Netzwerks zu haben, eröffnet ein ganz neues Kapitel kosmologischer Studien“, sagt Jeong. „Denn wir können nun erforschen, wie die lokale Verteilung der Dunklen Materie mit anderen astronomischen Daten zusammenhängt, wie beispielsweise bestimmten Strahlungsemissionen.“

Das wiederum könnte Aufschluss geben über die noch immer rätselhafte Natur der Dunklen Materie. So können sich die Teilchen der Dunklen Materie einer Hypothese zufolge gegenseitig unter Abgabe von Röntgen- oder Gammastrahlung auslöschen. Sollte das stimmen, müsste diese Strahlung in Gebieten mit hoher Dichte der Dunklen Materie entsprechend höher sein – die neue Kartierung ermöglicht diesen Abgleich nun.


Die Karte zeigt auch einige schon bekannte Großstrukturen (rot) des lokalen Kosmos. 
Subtile Dynamik unserer Umgebung

Die neue Karte gibt zudem Einblick in die Dynamik und die gravitativen Verbindungen vieler sichtbarer Objekte im lokalen Kosmos. Sie zeigt beispielsweise zahlreiche schon bekannte Großstrukturen wie den Lokalen Void, eine relative leere Zone im All, an deren Rand unsere Milchstraße liegt. „Die Geschwindigkeitsdaten zeigen, wie sich Material vom Lokalen Void zu den nahegelegenen Filamentstrukturen und Galaxienhaufen bewegt“, erklären die Forscher.

Auch einige der großen Filamente des lokalen komischen Netzwerks werden in der neuen Karte sichtbar. Zu diesen gehört eine bereits 2015 entdeckte Brücke aus Dunkler Materie zwischen der Lokalen Gruppe und dem Virgo-Superhaufen, aber auch der Fornax Wall, ein mehrere Galaxienhaufen verbindendes Filament. Nach Angaben der Astronomen belegt dies, dass die neue 3D-Karte die Wechselwirkungen und Dynamiken der sichtbaren und unsichtbaren Materie gut erfasst.

Unerkannte Strukturen

Spannend jedoch: Die Kartierung enthüllt auch einige neue, zuvor unerkannte Strukturen. Dazu gehören mehrere kleinere Brücken aus Dunkler Materie, die benachbarte Galaxien miteinander verbinden. „Mithilfe der neuen Karte wissen wir nun, wo diese Filamentstrukturen liegen und können diese verborgenen Brücken zwischen den Galaxien dadurch direkt untersuchen“, sagt Jeong.

Ebenfalls neu ist eine erst jetzt entdeckte Gleichrichtung der Zwerggalaxien, Kugelsternhaufen und Sternenströme im Umfeld der Milchstraße mit der lokalen Ebene. Diese umfasst einen tellerförmigen Bereich von rund 20 Millionen Lichtjahren Durchmesser, in dem die Milchstraße und die Andromedagalaxie von zwölf großen Galaxien umringt wird.

Die Kenntnis dieser Strukturen und Auffälligkeiten kann nun weiteren Aufschluss darüber geben, wie unsere kosmische Umgebung zu dem wurde, was sie heute ist. „Weil die Dunkle Materie die Dynamik des Universums dominiert, bestimmt sie auch unser Schicksal“, sagt Jeong. Wenn wir demnach die Gesetzmäßigkeiten hinter ihrer heutigen Verteilung kennen, können wir die Zeit virtuell zurückdrehen und die Geschichte unserer kosmischen Nachbarschaft ergründen. (Astrophysical Journal, 2021; doi: 10.3847/1538-4357/abf040)

Quelle: Pennsylvania State University

Nachtrag zu Artemisia Gentileschi.

Artemisia Gentileschi, Judith und ihr Dienstmädchen mit dem Haupt von Holofernes.                                                 zu  Geschmackssachen

Ich bin kein Verehrer von Artemisia Gentileschi; ihr Vater Orazio war der bessere Maler. Die gegenwärtige Hype um die Tochter ist viel zu offensichtlich dem Umstand gedankt, dass sie eine Frau war, und der angeblichen Vergewaltigung durch ihren Mallehrer.

An Artemisia stören mich die vielen groben anatomischen und Perspektivenfehler, die so aussehen, als habe sie wie Caravaggio malen, aber den Manierismus doch nicht bleiben las-sen wollen. War es so, dann war es meskine Eitelkeit; war es anders, dann war es maleri-sches Unvermögen.

Den Verdacht des Unvermögens zu zerstreuen geeignet ist obiges Bild. Ich habe von Arte-misia bislang kein Stück gesehen, das so gut komponiert und zugleich so fehlerfrei ist. Trotz Internet kenne ich nicht viel von ihr, ich bin ja kein Verehrer. So denk ich mal, sie konnte wohl, aber meist wollte sie nicht.

 

 

Sonntag, 30. Mai 2021

Sinnliche und geistige Gefühle; leiden und handeln.

F. X. Messerschmidt                                  zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Nämlich in allen Menschen entstehen Vorstellungen nur durch Gefühle und durch die schaffende Einbildungkraft. Unter diesen Gefühlen aber ist ein großer Unterschied. - Einige beziehen sich nur auf das animalische sinnliche Leben des Menschen usw., andere auf sein höheres geistiges Leben, auf seine Vorstellungen pp, die er freilich nur galubt, aus Gründen, die sich sogleich zeigen werden.

Zur Erhebnung aller [Gefühle - sinnlicher und geistiger] z. B. gehört Selbsttäigkeit. - Kein geistiges We-sen ist in irgend einer seiner Verrichtungen bloß leidend, oder es ist kein geistiges Wesen. Alle Hypothesen und alle Philosophen, die so etwas voraussetzen, verstehen sich selbst nicht, oder sie stehen in dem größten Widerspruche mit sich selbst: Sie erweisen und rä-sonnieren, dass sie garnicht räsonnieren können. - 

Ein Wesen kann nicht geistig und körperlich zugleich sein; was einmal und in einer einzigen Handlung sich bloß leidend verhält, verhält sich durch gäng-/gig bloß leidend. Aber bei den ersten [=den sinnlichen Gefühlen] bekommt die Selbsttätigkeit eine Veranlassung unmittelbar [sic] von außen, sie steht unter der Bedingung von etwas, das dem Ich entgegengesetzt wird (denn es versteht sich, dass ich nicht von etwas Äußern und Innern an sich und unabhängig von uns-rer Vorstellung reden kann; wie könnte ich davon reden, ohne es vorzustellen?)

Zur Erhebung der letzten [der geistigen] Gefühle bekommt sie den Trieb gar nicht mittelbar von außen, sondern sehr unmittelbar, und die Bestimmung der Einbildungskraft ist ganz durch absolute Freiheit von innen. - Es ist nicht ein Gefühl von irgend einem Anstoße von außen, sondern von unsrer eignen Handlungsweise auf diesen Anstoß. - Von unserm Handeln, un-serm eignen Sein unter der Bedingung ... überhaupt gar nicht auf unser Leiden, sondern auf unser Handeln beziehen sie sich.

Kein Mensch ist an sich ohne Handeln, kein Mensch könnte es sein. - Der Mensch ist schlechthin handelndes Wesen, darinnen liegt der Grund seines ganzen Seins - und alles Vorstellen gründet sich auf Handeln. In Jedem also liegen die Gefühle des Handelns da. 

Aber es ist zugleich wahr, dass unter den Menschen, wie sie gegenwärtg sind, nur die we-nigstgen sich zum Bewusstsein dieses ihres Handelns, zum Handeln auf dieses Handeln selbst erheben. Auf Handeln selber aber kann nur durch absolute Freiheit gehandelt wer-den. Einige Menschen aber sind nicht frei.

Es sind alle Bedingungen der Freiheit da: die Gefühle sind da, die Kraft ist da, aber nicht die Anwendung, und so leben wir wie ganz verschiedne Menschenklassen; nicht der Anlage nach, aber der Wirklichkeit nach.
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 J. G. Fichte, "Über den Unterschied des Geistes und des Buchstabens in der Philosophie; Erster Entwurf" in Von den Pflichten der Gelehrten, Hamburg 1971 [Meiner], S. 130f. 



Nota I. -
'Der Mensch ist schlechthin handelndes Wesen': Zuerst einmal handelt es sich bei den Prolegomena samt und sonders um anthropologische Voraussetzungen des Gesamtsy-stems der Wissenschaftlehre; sie werden an dieser Stelle postuliert, und wenn alles gut geht, werden sie im Verlauf der Arbeit am System rückwirkend 'bestätigt'. Doch nicht in jedem Punkt: Die Unterscheidung zwischen sinnlichen und 'geistigen' Gefühlen wird im Verlauf verwendet - das erweist ihre Brauchbarkeit; aber begründet wird sie dadurch eben nicht.

Immerhin wird hier in den Vorbemerkungen aber deutlich, woher sie stammt. Der Obersatz lautet, Gefühle kämen nur durch Handeln zustande. Es gibt reales und geistiges Handeln, "folglich" erzeuge das geistige Handeln ebenso Gefühle wie des reale. Folglich ist nichts daran. Mein wirkliches Handeln = Handeln in der Wirklichkeit ist stets vermittelt durch den artikulierten Teil meines Leibes. Das Gefühl meldet sich 'folglich' im Leib, wer kennte das nicht! - Dass er das 'Gefühl', beim Denken dieser oder jener Sache "nicht anders zu kön-nen", als so und so zu verfahren; wenn er also das Erlebnis des "Denkzwangs" eben falls ein Gefühl nennt, ist eine Analogie und kein Begriff.

Nota II. - Da steht nicht: Alle Gefühle gehen auf Handlungen zurück, und daraus entstehen Vorstellungen. So hat er's vielleicht gemeint, aber geschrieben hat er doch nur: Vorstellun-gen entstehen aus Gefühlen, die auf Handlungen zurückgehen. Wenn mich eine Wespe sticht, fühle ich das, aber wenn ich Glück habe, kann ich es ignorieren.
JE, 28. 8. 18

Frei und bedingt notwendig.

Augsburger Allgemeine           zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Zuvörderst ist in der Philosophie die Rede von den mit dem Gefühl der Notwendigkeit be-gleiteten Vorstellungen. Da diese nun nicht wie im Dogmatismus durch eine Leiden, son-dern aus einem Handeln der Freiheit erklärt werden soll, so würde dies ein notwendiges Handeln sein müssen; denn sonst würde es zu nichts helfen.

Anfangs zweifelt man, ob diese Vorstellungen Produkte einer Selbsttätigkeit sein können, weil man sich dieser Tätigkeit nicht bewusst ist; wenn die meisten Menschen von Tätigkeit, von Handeln hören, so verstehen sie darunter ein freies Handeln; aber es kann auch ein notwendiges Handeln geben. Ist aber ein notwendiges Handeln noch ein Handeln, und nicht vielmehr ein Leiden zu nennen? ...

Das notwendige Handeln ist nur unter der Bedingung eines freien Handelns notwendig, aber nicht überhaupt notwendig, sonst wäre es mit Leiden einerlei.

Das erste freie, unbedingte Handeln ist das Setzen des Ich durch sich selbst; aus diesem könnte ein anderes notwendig folgen; von diesem könnte man sagen, es sei notwendig, aber freilich nicht absolut, sondern bedingt.
_______________________________________________________________________J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, II. Einleitung, Hamburg 1982, S. 19


Nota. - Allgemeinste und absolute Voraussetzung der Transzendentalphilosophie ist die Freiheit des sich-als-Ich-Setzenden. Sie ist der Grund allen Bestimmens und Selbstbe-stimmens.

Wäre sie aber reine Willkür, wäre nicht einzusehen, wie es möglich wird, wie es verschiede-nen Intelligenzen=Ichen möglich wird, irgendwann zu gemeinsamen Bestimmungen zu ge-langen. Das ist nur vorstellbar, sofern sie beim Bestimmen derselben Regel gefolgt sind. Wo aber bliebe da die Freiheit? 

Durch die vorangegangenen Akte des Bestimmens einer Vorstellung als dieser wird der Raum der weiterhin offenen Möglichkeiten nicht 'kleiner', sondern bleibt so unendlich wie zuvor; doch nach der einen und womöglich auch einer andern Seite wird er beschränkt: nicht vor bestimmt, sondern bedingt. Die auf einander folgenden und einander bedingen-den Bedingungen waren allerdings durch meine Akte der Freiheit gesetzt.

Gemeinsame Erfahrungsbegriffe sind bedingt durch das Gefühl eines Widerstands, den die Objekte in Raum und Zeit meiner Tätigkeit entgegensetzen; wobei ich aus diesem Gefühl auf das Dasein eines Objekts überhaupt erst schließe. Ebenso werde ich, wenn ich mit mei-nem Eintritt in die Reihe vernünftiger Wesen die Erfahrung von gemeinsamen Begriffen mache, auf die Identität (Dieselbigkeit) der in den Erfahrungsbegriffen gemeinten Objekte schließen: auf ihre Objektivität.

Weniger einfach ist das bei den reinen Denkbestimmungen (Noumenen). Auf Freiheit müs-sen sie letzten Endes gründen wie die Erfahrungsbegriffe, gewiss. Aber einen Widerstand eines in Raum und Zeit bestimmten Objekts kann das reine Denken nicht fühlen. Wenn wir uns dennoch auch mit abstrakten Begriffen verständigen und Streitfragen durch Gründe ent-scheiden können, muss es ebenfalls ein Objektives geben. Es wird wohl das Verfahren selber sein.

Doch da ich es nicht erfahren kann, muss ich reflektierend darauf schließen - wie gehabt.
JE

Acht Arme und sehr viel Hirn

aus welt.de, 29. 5. 2021                                                                                                                   zuJochen Ebmeiers Realien

Das Aquarium eines Gewöhnlichen Kraken ist ein Hochsicherheitstrakt: Es hat einen stabilen Deckel – und der muss auch noch festgeschraubt werden. „Er würde den Deckel sonst anheben und ausbüxen“, erklärt Tintenfischforscherin Frederike Hanke vom Marine Science Center der Universität Rostock. Die Leitungen für den Austausch des Wassers und andere Installationen sind ebenfalls von außen gesichert. Denn Kraken der Art Octopus vulgaris sind handwerklich sehr geschickt – und nehmen praktisch alles auseinander, was ihre acht Arme erreichen können. „Da sie sich durch alle Öffnungen quetschen können, durch die ihr harter Schnabel passt, finden sie dann sehr schnell einen Weg aus dem Aquarium.“

Kraken sind clever. Aber wie clever? Die Wissenschaftler um Hanke versuchen in Experimenten herauszufinden, was die Kraken alles können. Allerdings, erzählt die Biologin lachend, stelle sie sich dabei manchmal schon die Frage, wer eigentlich wen beobachtet: „Sobald ich im Raum mit dem Aquarium bin, lässt mich der Krake nicht mehr aus den Augen.“

Oktopoden wirken in ihrem Verhalten mitunter fast menschlich: Sie sind geschickt, planen ihr Vorgehen, sind lernbegierig und träumen offenbar sogar im Schlaf. In vielerlei Hinsicht ähnelt ihre Kognitionsfähigkeit der höherer Tiere – und das, obwohl sich die Wege der Evolution von Weich- und Wirbeltier bereits vor rund 600 Millionen Jahren getrennt haben. Offenbar wurden in der Evolution auf verschiedenen Wegen sehr komplexe Kognitionssysteme geschaffen, die ähnliche Leistungen ermöglichen. Kein Wunder, dass Wissenschaftler Okotopoden ihre Geheimnisse entlocken wollen.

Die Erforschung der Achtarmer ist allerdings nicht ganz einfach. In freier Natur müssen sich Wissenschaftler oft auf Zufallsbeobachtungen stützten. So wird beispielsweise von den Kokosnuss-Kraken Amphioctopus marginatus, die am Meeresboden vor den indonesischen Inseln Bali und Sulawesi leben, Erstaunliches berichtet: Die Kraken nutzen zwei harte Kokosnuss-Schalen, um sich darin vor Feinden zu verstecken. Schrecken Taucher sie auf, verlassen sie ihr Versteck, stapeln die beiden Schalen ineinander, nehmen sie in ihre Arme und machen sich davon.

„Solche Beobachtungen sind allerdings eher Anekdoten“, sagt Frederike Hanke. Untersuchungen nach den Standards der modernen Naturwissenschaften gibt es dazu nicht.

Gut getarnt: Tintenfische sind für ihre Farbspiele bekannt
 Oktopusse besitzen parallele Nervensysteme

Auf der Suche nach dem Schlüssel zum cleveren Verhalten der Kraken wurde ihr Gehirn in verschiedenen Laboren der Welt genau untersucht. Sie haben, anders als Wirbeltiere, nicht nur ein Gehirn, das hierarchisch von oben nach unten die Funktionen und Reaktionen des Körpers steuert.

Die Weichtiere haben ein ganzes Gehirnsystem in ihrem Körper: An jedem ihre acht Arme befinden sich bis zu 250 Saugnäpfe. In einem von ihnen können tausende mechanische und chemische Rezeptoren sein, die Informationen über die Umwelt aufnehmen. Diese Informationen werden in einem Knoten von Nervenzellen gesammelt, einem sogenannten Ganglion. Es stellt eine Art kleines Rechenzentrum dar, das Informationen aus den Rezeptoren verarbeitet, die Muskulatur um den Saugnapf herum steuert und auch Informationen an die benachbarten Ganglien weitergibt.

Die wichtigen Informationen werden über Nerven an die Basis jeden Armes weitergeleitet. Hier befindet sich eine Art Mini-Gehirn. Diese acht dezentralen Denkorgane sind wiederum miteinander über eine Ring-Nervenleitung verbunden. So kann jeder Arm einzeln agieren, aber seine Aktionen auch über die Mini-Gehirne an der Basis mit anderen Armen koordinieren.

Um die Informationsflut zu verarbeiten, bedienen sich Kraken also des Prinzips der Dezentralisierung. Das dezentrale Nervennetz kann bei anspruchsvolleren Aufgaben wie der Jagd auf Beute vom Zentral-Gehirn im Kopf des Kraken gesteuert werden. Es arbeitet aber ständig weiter und entlastet so das Gehirn.

Das System der parallelen Nervensysteme der Oktopusse hat Wissenschaftler überrascht. Liegt darin der Schlüssel zur Klugheit der Weichtiere? „Intelligenz ist zum einen nicht genau definiert und richtet sich zum anderen sehr stark an der Welt von uns Menschen aus“, erklärt Hanke. Deshalb konzentrieren sich die Wissenschaftler auf kognitive Leistungen wie die Lernfähigkeit der Tiere.

Oktopus vulgaris, der beliebte Laborkrake, hat sich als ein Paradebeispiel der Gelehrigkeit erwiesen: Im Versuch stellten die Forscher einen umgekehrten Blumentopf in das Aquarium. Die Tiere schwimmen schnell hin und umschlingen den Topf mit ihren acht Armen, es sieht ganz so aus, als nähmen sie gemütlich auf dem Topf Platz. Auf einem von dort gut sichtbaren Bildschirm wird den Tieren dann zum Beispiel ein schwarzes Haus gezeigt. Kurz darauf werden rechts und links zwei weitere Symbole, zum Beispiel ein weiteres schwarzes Haus und ein rotes Herz gezeigt. Schwimmt der Krake nun zum gleichen Symbol, das von Anfang an in der Mitte des Bildschirms zu sehen war, bekommt er einen Leckerbissen als Belohnung.

Oktopusse lernen wann sie wollen

Kraken sind als Versuchsteilnehmer allerdings etwas kapriziös: Längst nicht alle nehmen an den Experimenten teil, und wenn sie es tun, verlieren einige von ihnen zeitweilig das Interesse an der Forschungsaufgabe. Sie verweigern sich dann tagelang, trotz noch so attraktiver Belohnungen – um irgendwann wieder begeistert mitzumachen.

Auch andere Experimente haben gezeigt, wie groß die Unterschiede zwischen den einzelnen Tieren sind. Beim sogenannten „Umkehr-Lernen“ wird den Kraken ein senkrechter und ein waagrechter Balken gezeigt. Zunächst lernen die Tiere, dass es die Belohnung nur beim waagrechten Balken gibt – dann ändern die Forscher die Bedingungen, und es gibt nur beim senkrechten Balken einen Happen. „Einige Kraken machen diesen Wechsel sehr gut mit, andere nicht“, sagt Frederike Hanke.

Octopus
Wer beobachtet wen? Der Krake die Forscherin oder andersherum. Forscherin Frederike Hanke ist sich nicht sicher

Je häufiger dieses Belohnungsschema gewechselt wird, umso schneller lernen die Tiere, die diese Aufgabe gut lösen, dass sie auf das andere Symbol umschwenken müssen, um einen Leckerbissen zu erhalten. Auch in diesem Versuch zeigte sich: Nicht alle Tiere lernten die Aufgabe gleichermaßen – ob aus Unwilligkeit oder weil sie sie nicht verstanden ist nicht klar.

Eine ganz besondere Hirnleistung haben Forscher erst kürzlich entdeckt: Ihnen war aufgefallen, dass schlafende Oktopusse manchmal ihre Farbe wechseln. Im Wachzustand ist das nichts Besonderes, sie tun es immer dann, wenn sie sich optisch an ihre Umgebung anpassen müssen. Es ist Teil ihrer Tarnung.

Aber warum verfärben sie sich im Schlaf, wenn sie doch an ein und derselben Stelle verharren? Die Erklärung, die Wissenschaftler der brasilianischen Universität von Rio Grande do Norte plausibel erscheint, klingt fast zu romantisch, um wahr zu sein: Möglicherweise träumen die Tiere von Ausflügen über den Meeresgrund, wenn sich ihre Haut verfärbt.

Um diese These zu prüfen haben die Forscher die Schlafphasen der Achtarmer vermessen. Während der Verfärbung war die Aktivität in den Nervenzellen der Tiere tatsächlich höher – analog zu den REM-Schlafphasen, in denen Menschen träumen. Allerdings, so die Wissenschaftler, sei der Farbwechsel immer nur sehr kurz. Sollten die Oktopusse tatsächlich träumen, so seien es aber wohl keine langen Traumgeschichten, spekuliert Forscherin Sylvia Medeiros. Die Träume der Kranken ähnelten wohl eher „kurzen Videoclips oder Gifs“.