Mittwoch, 30. Juni 2021

Wie entstehen Synapsen?


aus derStandard.at, 1. Juli 2021                                                                                                                   Im Synapsendschungel: Kalzium-kanäle sind rot, Neurotransmitter blau. Die grün gefärbten Nervenzellen ohne a2d-Proteine können keine funktionierenden Synapsen bilden.

Gehirnforschung                                                                                                  zuJochen Ebmeiers Realien
Unerwartete Erkenntnis: Protein als Schlüssel zur Synapsenbildung identifiziert
Alpha-2-delta-(a2d-)Proteine dürften auch eine zentrale Rolle bei der Bildung von Neuronen spielen
 
von Markus Plank

Nerven stehen unter Strom: Ionenströme leiten die Reize in den Nervenzellen weiter. Damit in den Synapsen Signale von einer Nervenzelle zur anderen gelangen, braucht es sogenannte spannungsgesteuerte Kalziumkanäle. Sie regulieren die Ausschüttung von Botenstoffen an den Schnittstellen und damit Gehirnfunktionen wie Lernen und Gedächtnisbildung.

Untereinheiten der Kanäle, sogenannte Alpha-2-delta-(a2d-)Proteine, könnten aber schon für einen viel früheren Schritt essenziell sein, nämlich für die Bildung der Synapsen selbst. Dies fanden Forschende an der Karl-Landsteiner-Privatuniversität Krems und der Medizinischen Universität Innsbruck heraus.

Gerald Obermair, Leiter des Fachbereichs für Physiologie in Krems, fasst die Ergebnisse zusammen: "Ohne diese Proteine können sich keine funktionellen Synapsen ausbilden. Wir haben jetzt die Hypothese, dass a2d-Proteine eine Schlüsselposition einnehmen und damit für die Organisation der anderen Bausteine verantwortlich sind." Die Studie, die im Frühjahr im Fachjournal "PNAS" erschien, stellt den vorläufigen Höhepunkt von zehn Jahren Forschungsarbeit dar.

Synaptische Funktionen

Besagte a2d-Proteine sind Teil spannungsgesteuerter Kalziumkanäle, die aus verschiedenen Untereinheiten mit eigenen Funktionen aufgebaut sind. Die Aufgabe der a2d-Proteine ist es, den Kalziumeinstrom in den Nervenzellen zu regulieren.

Kalzium löst wiederum die Ausschüttung von Neurotransmittern in den synaptischen Spalt und damit die Weiterleitung von Signalen aus. Die Proteine steuern nicht nur wichtige Gedächtnisfunktionen, sondern sind außerdem bekannt als Angriffspunkt des Medikaments Gabapentin, welches zur Behandlung von Epilepsie und vor allem chronischen Nervenschmerzen verwendet wird.

Für die Bildung von Synapsen und die gegenseitige Verankerung zwischen zwei Nervenzellen wurden jedoch bisher andere Zelloberflächenproteine vermutet. "Man hat über ihre Funktion als Regulatoren der Kalziumkanäle hinaus bis vor einigen Jahren wenig gewusst. Dann hat sich herausgestellt, dass a2d-Proteine vermutlich auch eine wichtige synaptische Funktion haben. Das hat mein Interesse geweckt", sagt Obermair.

Entscheidende Rolle der Proteine

Um diese Rolle in der Synapsenbildung zu untersuchen, unterdrückte das Team die genetische Herstellung der a2d-Proteine und beobachtete die Auswirkungen auf im Labor kultivierte Nervenzellen. Obermair: "Es fehlten nicht nur die Kalziumkanäle auf der präsynaptischen Seite, was man vermutet hätte, sondern auch ganz viele wichtige Komponenten für die synaptische Übertragung. Wir haben damit eine ganz eine entscheidende Rolle dieser Proteine in der Bildung der Synapsen entdeckt."

Im Gehirn liegen a2d-Proteine in drei leicht unterschiedlichen Varianten vor, die sich bis zu einem gewissen Grad gegenseitig ersetzen können. Als die Wissenschafter eine der drei Formen einzeln in das Zellkulturmodell mit den defekten Synapsen zurück einbrachten, konnte die prä- und postsynaptische Verankerung wiederhergestellt werden.

Dieses systematische Ein- und Ausschalten von Genen, um zu beobachten, was das Fehlen der entsprechenden Proteine bewirkt, ist ein ganz normales Vorgehen in der Wissenschaft. Die Schwierigkeit im Fall der a2d-Proteine lag darin, dass jede der drei Formen durch ein eigenes Gen kodiert wird. Die Forscher mussten also nicht nur ein Gen ausschalten, sondern drei, was zu entsprechend langwierigen Vorbereitungen und Experimenten führte.

Mechanismen aufklären

Das Projekt begann bereits 2011, als Obermair noch an der Medizinischen Universität Innsbruck forschte, wo er heute noch in Teilzeit tätig ist. Schritt für Schritt wurden Methoden entwickelt, um die Gene stabil auszuschalten und die Fragestellungen experimentell zu beantworten. Auch Kooperationen mit Arbeitsgruppen an der Universität Münster und am IST Austria in Klosterneuburg trugen zum Forschungserfolg bei. Finanziert wurde das Team durch Förderungen des Wissenschaftsfonds FWF.

Basierend auf den gefundenen Hypothesen plant Obermair mit seinem Team im neuen Forschungsschwerpunkt Mental Health and Neuroscience in Krems bereits neue Versuche. Wenn a2d-Proteine tatsächlich das Zentrum sind, um das Synapsen gebildet werden, gilt es nun, ihre Bindungspartner zu identifizieren und die genauen Mechanismen aufzuklären.

"Uns interessiert, ob wir da nicht eine Möglichkeit hätten, in synaptische Funktionen gezielt einzugreifen, ohne Kalziumkanäle im Ganzen blocken zu müssen, wie es zum Teil bei herkömmlichen Therapieansätzen gemacht wird", sagt Obermair. Das könnte in Zukunft auch bei der Behandlung neuropsychiatrischer Erkrankungen nützen. 

Bravo, Kretschmann!


aus Badische Zeitung, 1. 7. 2021                                                                        zu  Levana, oder Erziehlehre

... Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat im Bundesrat eine Blockade des vom Bundestag beschlossenen Gesetzes zum Ausbau der Ganztagsbetreuung für Grundschüler organisiert. Nun muss der Vermittlungsausschuss ran, der Ausgang ist offen.

Der Einigungsdruck ist hoch, Ende September warten Bundestagswahlen. Gelingt es nicht, vorher einen Kompromiss zu zimmern, müsste das Projekt in der nächsten Legislatur neu aufgesetzt werden. Die Blamage wäre groß – der Schaden auch. Denn der Ausbau von Ganztags-Grundschulen oder alternativer Betreuungsangebote ist überfällig. ...

 

Nota. - Ach, zu früh gefreut. Statt sachlich-pädagogischer und bildungspolitischer Gründe hat er doch bloß wieder kameralistischen Kleinkram im Sinn. Na ja, besser als gar nichts. (Vielleicht traut er sich ja nicht recht und braucht einen Vorwand?)

JE

Ein erster, letzter Grund; oder Der schöne Schein des Wahren.

Helixnebel alias God's eye                                                               aus Die Wendeltreppe
Nichts trügt weniger als der Schein.
Max Liebermann

Ursprung und Angelpunkt des abendländischen Denkens war die Frage nach dem Wahren. In der Sinnenwelt ist alles Trug. Sie scheint mal so, mal so, je nach Standort. Alles, was wird, wird vergehen. Wahr ist, was währt, das ewige Sein; doch es liegt unterm Werden verhüllt. Nur dem Denken ist es kenntlich, „denn dasselbe ist Denken und Sein“, sagt Parmenides. Die Frage nach dem wahren Sein ist die Frage, wonach sich mein& Leben in der Mannigfal-tigkeit trügerischer Erscheinungen richten soll. 

Man erkennt es beim Vergleich mit Heraklit, gegen den Parmenides angetreten war: Nicht zweimal könne man in einen Fluss steigen; der Fluss sei ein anderer geworden und der Mensch auch. Hinter dem Werden ist Nichts, wahr ist der Schein: Das möchte man einen heroischen Nihilismus nennen; ein aristokratisches Leben auf eigne Faust, das sich nicht jeder leisten kann. Die Vermutung, daß der Sinn der Welt zwar verborgen, aber jedenfalls in ihr liegt, macht dagegen auch kleinen Leuten Mut. Nicht anders konnte die Arbeitsgesell-schaft siegen, nicht anders konnte Europa die Welt erobern. 

Die Erkenntnis, dass nach dem Sinn gefragt werden muss, war die Geburtsstunde des Abendlands.

Der ebenbürtige Zeitgenosse von Heraklit und Parmenides war Aischylos – der als erster die Schuld der Menschen zum Thema gemacht hat; nämlich dass sie ihre Wege selber wäh-len. Es wurde zum Thema der westlichen Kultur. Man mag auch meinen, es sei die Conditio humana selbst. Nur wurde sie nicht überall ihrer bewusst. 

Das Wahre, das Ansich-Seiende, das Absolute; Wert, Bedeutung, Geltung, Sinn – das alles sind verschiedene Worte für ein Problem. Nämlich dies, dass der Mensch sich nicht mit dem Leben begnügen kann, sondern immer sein Leben führen muss. Führen wo hin, wo lang? Er muss sich orientieren. Das, woran er sich orientiert hat, um dessentwillen er gelebt hat, nennt er, rückblickend, ’das Wahre’, ‘das Absolute’, den ‘Sinn’. Das Erkennen ist zirku-lär. 


Warum? Es kommt a posteriori. Denn gesetzt wird der Sinn immer ‘in actu’, hier und jetzt, an jedem Wegkreuz neu. Dem (nachträglichen) Erkennen erscheint es darum als a priori. ‘Das Wahre’, ‘das Absolute’, der ‘Sinn’ ist – reell wie ideell – eben keine Sache, sondern ein Problem. Es ist aber keins, worauf die Menschen ebenso gut verzichten könnten. Sie waren tätig, bevor sie erkennend wurden. Aber sie müssen erkennend sein, um selbsttätig zu wer-den. 

Nur weil der Mensch ein Leben führt, dessen Sinn weit über seine bloße Erhaltung hinaus reicht (wenn er es will), hat er das Problem der Freiheit. Ob er es will, ist damit noch nicht entschieden. Wenn einer sagt: Die Befriedigung meiner Bedürfnisse ist mir genug – wie kann ich ihm widersprechen? Es gibt noch viele, die sich mehr gar nicht leisten können. 

Aber eine Kultur, wo verknappter Luxus schon wie Not erscheint, lebt im Überfluss. Dieses ist eine Sinnbehauptung: Es sollte eine Welt des Reichtums entstehen, damit Menschen in die Lage kommen, ihre Freiheit bestimmen zu können. Nur darum gibt es die Frage nach der Wahrheit. Aber die ist ein Paradox.

Was ich tun soll, ist eine Frage von Bedeutungen. Ist Sache eines Urteils. Und dafür brauche ich Gründe, die gelten. Deren Geltung muss ihrerseits begründet sein, und so fort. Machen wir’s kurz: Wenn überhaupt etwas gelten soll, muss es irgendwo einen Grund geben, der schlechterdings gilt und in letzter Instanz, ohne alle Bedingung – die Bedingungen von Ort und Zeit zumal. In der Welt, die ‘der Fall ist’, wird man ihn nicht antreffen. Er ist “nicht von dieser Welt“, ich muss ihn mir hinzu denken. 

FlaschenzugDass der menschliche Geist “notwendig etwas Absolutes außer sich set-zen muss und dennoch von der andern Seite anerkennen muss, dass das-selbe für ihn da sei, ist derjenige Zirkel, den er ins Unendliche erweitern, aus welchem er aber nicht heraustreten kann.

Es ist nur da, inwiefern man es nicht hat, und entflieht, sobald man es auffassen will”, schrieb Johann Gottlieb Fichte.* Es “kann nur eine Idee sein; ein bloßer Gedanke in uns, von welchem gar nicht vorgegeben wird, dass ihm in der wirklichen Welt außer uns etwas entspreche. Ideen kön-nen unmittelbar nicht gedacht werden. Sie sind Aufgaben eines Denkens, und nur, inwiefern wenigstens die Aufgabe begriffen werden kann, kom-men sie in unserm Bewusstsein vor.“ ** Eine Aufgabe nannten die Griechen ein Problem. Aber dieses Problem ist so gestellt, dass es schlechterdings nicht lösbar ist: Die Freiheit soll sich ihren Bestimmungsgrund außer sich suchen! Es ist ein Paradox. 

Das ist nicht bloß eine Idee. Das ist eine ästhetische Idee. Es ist, recht besehen, die ästheti-sche Idee schlechthin, die in alle tatsächlich vorkommenden Bestimmungen nach Ort und Zeit vorgängig hineingreift, die all die Qualitäten vereint, die ich an den Dingen “wertneh-me”, bevor ich sie wahrnehme, und von der ich erst durch eine besondere Anstrengung des reflektierenden Verstandes wieder abstrahieren kann. 

Es “ist” nicht so. Aber so muss ich es mir vorstellen, wenn ich mir überhaupt Etwas vorstel-len will. Das Wissen kann seinen eignen Grund nicht erkennen. Es muss ihn sich einbilden. Der höchste Akt der Vernunft sei ein ästhetischer, hieß es im ‘Ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus’. Ob er wirklich stattgefunden hat, ist nicht entscheidend. Es scheint uns so, als ob er stattgefunden hätte. Er ist so wahr wie ein Mythos sein kann. Will sagen, er muss sich bewähren.

Bewähren in Sonderheit in meinem täglichen Tun und Lassen – als Sittlichkeit. “Die Ethik ist transzendental“, schrieb Ludwig Wittgenstein, um gleich hinzu zu fügen: “Ethik und Ästhetik sind eins.” Und es sei klar, dass sie sich als solche “nicht aussprechen” lassen.

In den Wörtern unserer Welt lassen sie sich nicht aussprechen. Denn sie gehören zu meiner Welt. Den andern kann ich sie allenfalls zeigen – in den Bildern der Kunst. In Wörtern lässt sich das Problem immer nur so formulieren: Der Sinn des Lebens ist, dass du nach ihm fragst. Eben ein heroischer Nihilismus oder, wenn man will, “Artisten-Metaphysik”. Auf jeden Fall ist es eine romantische Anschauung der Welt, und eine fröhliche.

*) Grundlage... (Meiner),  S.198, 200; **) Sittenlehre, SW I/72

Fata Morgana

Erkennen ist projektiv.

                                                                          zu Philosophierungen

Erkennen heißt, etwas Unbekanntes zu einem als bekannt Vorausgesetzten in ein logisches Verhältnis setzen. Das erste empirisch Unbekannte - die ganze Welt -  kann dabei nur zu einem logisch als bekannt Behaupteten in ein Verhältnis gesetzt werden. Ein Absolutes kann dies logisch Vorausgesetzte nicht sein, denn wäre von ihm etwas bekannt, wäre es nicht absolut.

*

Tatsächlich (historisch) ist das Erkennen freilich von der Erfahrung ausgegangen und nicht von logischer Spekulation. Von der Erfahrung, was man aus dem vorgefundenen Unbe-kannten machen kann. Das Machen als Bestimmungsgrund des Was war der Erfahrung vor-ausgesetzt, nicht als Begriff, sondern pragmatisch im Machen selbst. Erfahrung ist nichts anderes als Wissen von Machbarkeiten. Genauer gesagt, von den Widerständen, die die Dinge meinem Machenwollen entgegensetzen - so, als wollten sie selber etwas anderes ma-chen. Die erste Bewusstseinsform der Menschen, von der wir Zeugnisse haben, ist der Ani-mismus, die Vorstellung von der Welt als ein Zusammenwirken wollender Wesen.

Die Geschichte des Geistes ist die Geschichte der Einsicht in den projektiven Charakter dieser Vorstellung.


11. 12. 17 


Sofern das Denken projektiv ist, ist es auch problematisch. Es müsste faktisch immer so lauten: So und so ist es - unter der Bedingung, dass meine allererste Erkenntnis richtig war. - Und solange nichts geschieht, was die erste Erkenntis widerlegt, gilt die Bedingung als gege-ben. Ob sie aber eben jetzt noch gilt, ist jedes Mal neu zu erproben.

22. 2. 19





Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Mehr Vernunft wär gut.

 

aus derStandard.at, 26. 6. 2021                                                                                                zuJochen Ebmeiers Realien

Genuss der Selbstdisziplin
Neuropsychologe: "Es würde uns helfen, disziplinierter und weniger lustgetrieben zu sein"
Die digitale Welt überfordert unser Gehirn, sagt Lutz Jäncke. Was das für sozi-ale Kontakte, Verschwörungstheorien, Erziehung und Fußball heißt

Mehr als neun Milliarden Personen sollen im Jahr 2050 auf der Erde durch den Weltraum fliegen. Ein immenses Wachstum, denn erst um 1800 knackte die Weltbevölkerung die Eine-Milliarde-Menschen-Marke. Von unseren Vorfahren aus der Steinzeit lebten wohl nur wenige Millionen gleichzeitig. Dabei basieren ihre und unsere Gehirne auf den gleichen Voraussetzungen.

Dass uns das in der heutigen Welt zu schaffen macht, liegt auch an der Digitalisierung: Smartphones und soziale Medien sorgten in nicht einmal 20 Jahren für einen komplett veränderten Alltag.

Vor allem mit der enormen Informationsmenge sind wir extrem überfordert – so eine zentrale These des deutschen Neuropsychologen Lutz Jäncke, die er in seinem kürzlich erschienenen Buch "Von der Steinzeit ins Internet" ausführt. Jäncke, der an der Uni Zürich forscht und lehrt, zählt zu den am häufigsten zitierten Wissenschaftern weltweit.

Lutz Jäncke.

Als solcher schätzt er an der digitalen Welt natür-lich die Möglichkeiten des Wissensaustauschs, aber auch der Teilhabe und der zwischenmensch-lichen Beziehungen. Gleichzeitig will er für einen individuell aufgeklärten und selbstdisziplinierten Umgang mit der Onlinewelt appellieren. Denn unser Gehirn ist zwar nicht daran angepasst, verfügt jedoch über ein Instrument, das uns bei dieser schwierigen Aufgabe helfen kann – wenn wir es nicht vernachlässigen.

STANDARD: Der Mensch ist evolutionsbiologisch angepasst an soziales Leben in relativ kleinen Gruppen, Sie sprechen von etwa 40 Personen. Was bedeutet das heute für die Hun-derte von Kontakten, mit denen wir über soziale Netzwerke verknüpft sind?

Jäncke: Wie andere Primaten bauen wir zu unseren Sozialpartnern Vertrauen und intensive Bindungen auf – gerade weil wir wissen, dass der Mensch auch ein egoistisches Wesen ist. Das läuft vereinfacht gesagt über gegenseitiges Gefallen, nach dem Prinzip "tit for tat", "wie du mir, so ich dir". Dieser Vertrauensaufbau ist fragil: Wenn er einmal gestört wird, dauert es lange, bis wir das reanimieren können. In sozialen Netzwerken gehen wir vermeintliche Beziehungen ein, die unüberschaubar sind. Bei tausenden Kontakten, die digital um uns herumschwirren, haben wir keine Zeit für eine solche Kontaktpflege, es sind einfach zu viele für unser Gehirn.

STANDARD: Wie erklären Sie die Unmengen negativer Kommentare, die gepostet werden?

Jäncke: In den Mechanismus, der uns Vertrauen und Bindung aufbauen lässt, steckt unser Gehirn unfassbar viele Ressourcen. Demzufolge haben wir mehrere Kommunikations-kanäle: einen verbalen, einen für Gestik, Mimik und so weiter. Wenn diese Kanäle nicht mehr adäquat gefüttert werden, weil man andere Menschen nicht mehr physisch vor sich hat und sie nicht einmal kennt, fällt es vielen leicht, andere einmal eben zu beleidigen. Das kann zu ganzen Shitstorms führen.

STANDARD: Warum nehmen wir uns Negatives stärker zu Herzen als Zuspruch?

Jäncke: Weil es für uns überlebenswichtig ist, gefährliche Situationen oder Menschen um uns herum zu erkennen. Dann fällt es uns schwer, die positiven Rückmeldungen zu genie-ßen, selbst wenn wir davon mehr bekommen. Neben den vielen wunderbaren Sachen im Internet nimmt meinem Eindruck nach der Bullshit – jeder noch so fragwürdige Erguss eines Menschen – exponentiell zu.

STANDARD: Und diese Mengen können wir auch nicht verarbeiten?

Jäncke: Ja, dadurch wird die Masse der Information unüberschaubar. Darin sehe ich eine große Gefahr für die Zukunft. Wenn Sie mit Infos vollgestopft werden, hängt es letztlich von Ihren individuellen Fähigkeiten, Wissenshintergründen und Neigungen ab, auf welche davon Sie sich verlassen. Das Gehirn ist darauf spezialisiert, sich auf wichtige Information zu fokussieren. Das ist bei dieser Menge aber nicht möglich.

STANDARD: Wie hängt die Informationsflut mit Problemen wie Fake-News und Ver-schwörungstheorien zusammen?

Jäncke: Die heutige Welt ist perfekt für Verschwörungstheoretiker. Skeptische Leute mit einem bestimmten oder fehlenden Wissenshintergrund greifen sich einzelne Aspekte heraus und konstruieren vor ihrem eigenen Hintergrund eine Welt, die für sie schlüssig erscheint. Unser Gehirn ist ja generell interpretationswütig und versucht, aus den wenigen Informa-tionen, die wir aufnehmen, eine konstante Welt zu generieren. Man darf aber nicht verges-sen, dass es auch Firmen wie Cambridge Analytica, Medien und Politiker gibt, die Rezipi-enten gerichtet beeinflussen. Da kann man sich fragen: Wo gibt es objektive Informationen? Allerdings zeigt sich dabei auch folgendes Problem: Alles, was wir Menschen an Informati-on aussenden und von anderen empfangen, ist eigentlich interpretiert, gefärbt, subjektiv.

STANDARD: Wir sind also nicht für Objektivität gemacht.

Jäncke: Ja, im strengen Sinne können wir gar nicht vernünftig und objektiv sein. Ein Homo sapiens vor 70.000 Jahren wurde in eine Gruppe hineingeboren, die ihre eigene Kultur, Ge-dankenwelt, Religion und damit eigene Regeln entwickelt hat. Um zu überleben, musste man nicht nur eine gute Beziehung zu den Gruppenmitgliedern aufbauen, sondern sich auch in die Kultur einlernen – in individuelle Denkschemata, die Menschen einmal erfun-den haben. So gesehen sind wir nicht für wissenschaftlich perfektes und logisches Denken konstruiert, was in der heutigen Zeit ein grundsätzliches Problem ist.

STANDARD: Wir sehen auch, wie schlecht unser Gehirn mit dem Verständnis großer Zahlen und exponentiellen Wachstums zurechtkommt.

Jäncke: Genau, das kann es nicht. Auch mit kleinen Zahlen können wir nicht umgehen, was wir in der Pandemie an der Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten merken. Das ist zu ab-strakt, wir begreifen die Verhältnisse nicht. Um das zu verstehen, brauchen wir eine beson-dere Ausbildung. Bildung hilft uns, unsere Beschränkungen ansatzweise in den Griff zu be-kommen.

STANDARD: Sollte es nicht auch helfen, wenn wir uns die kognitiven Verzerrungen – wie etwa unsere selektive Wahrnehmung – immer wieder bewusstmachen?

Jäncke: Das ist ein guter Punkt. Und wir müssen den Frontalkortex, den uns die Natur ge-schenkt hat, wesentlich stärker nutzen, als wir es bereits tun.

Der Frontalkortex, die Hirnrinde des hier violett gefärbten Frontallappens, kann Emotionen regulieren und ist wichtig für unsere Selbstdisziplin.

STANDARD: Der Frontalkortex zählt zu den evolutionär neuen Gehirnteilen. Was er-möglicht er uns Menschen?

Jäncke: Im Gehirn steigen aus den Emotionszentren, dem limbischen System, gewisserma-ßen Impulse auf. Diese werden vom Frontalkortex reguliert. Das führt dazu, dass wir uns kontrollieren und Belohnungsverzögerungen eingehen können. Aber manchmal kommt es vor, dass wir etwas googeln, und ungeplanterweise wissen wir drei Stunden später – durch interessante Reize angeregt – nicht mehr, was wir ursprünglich gesucht haben. Das ist ein Indikator dafür, dass wir nicht mehr Frontalkortex-geleitet unsere Wahl treffen, sondern reizgesteuert Impulsen folgen.

STANDARD: Was wäre Ihr Lösungsansatz?

Jäncke: In Bezug auf die Internetnutzung müssten wir uns darin üben, selbstkontrolliert und mit fixierten Zielen zu arbeiten, uns auf das Wesentliche beschränken. Gerade für Kinder und Jugendliche, deren Frontalkortex noch nicht ausgereift ist, wäre das wichtig. Dieser Teil des Gehirns reift etwa bis zum 18. Lebensjahr, bis dahin ist ihre Selbstdisziplin und Aufmerk-samkeitslenkung geringer. In dieser Zeit müssten wir ihnen erzieherisch durch Regelsysteme helfen, sich zu inhibieren und zu konzentrieren.

STANDARD: Das ist aber schon ohne die digitalen Ablenkungen hart.

Jäncke: Bei witzigen Videos und Bildern haben ja selbst Erwachsene Schwierigkeiten, den Reizen nicht nachzugeben; Kindern und Pubertierenden fällt das unfassbar schwer. Es würde aber uns allen helfen, weniger lustgetrieben zu handeln und stattdessen – auch im Hinblick auf die globalen Probleme – disziplinierter, ethischer, moralischer zu werden. Meine Überlegungen führten mich hier zur Serie "Star Trek – Raumschiff Enterprise".

STANDARD: Eine spannende Sozialutopie.

Jäncke: Der Erfinder Gene Roddenberry, der sie zur Zeit des Vietnamkriegs schrieb, schuf mit der Spezies der Vulkanier kontrollierte, logisch denkende Wesen. Mister Spock ist der berühmteste Vertreter. In der Fiktion waren Vulkanier einst auch emotional und kriegerisch, konnten ihre Krisen aber durch extreme Selbstdisziplin überstehen. Wir müssen nicht unbe-dingt Vulkanier werden, aber sobald wir Menschen die Emotionskontrolle verlieren, bekom-men wir Probleme. Vor allem in der Zukunft.

STANDARD: Sie betonen auch, dass nur Homo sapiens eine besondere Fähigkeit zur Be-lohnungsverzögerung hat.

Jäncke: Ja, durch den großen Kortex. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Viele glauben, dass uns Emotionen zum Menschen machen. Das würde ich nicht so sehen, dazu sind auch Tiere fähig. Aber wir tendieren aktuell immer mehr zur Lustgetriebenheit statt zur Selbstdis-ziplin. Das alles soll nicht moralisierend klingen: Wenn wir Lustgewinn durch unseren Kor-tex erzielen, ist dieser nämlich viel größer als ohne.

STANDARD: Was bedeutet das?

Jäncke: Nehmen wir an, Sie würden mit Ihrer Lebensabschnittsgefährtin Rotwein trinken. Da können Sie sich eine ganz billige Flasche reinkippen, oder jede von Ihnen trinkt nur ein Glas Amarone, einen der besten Rotweine. Sie trinken dieses Glas langsam, schauen den Sonnenuntergang an, führen ein nettes Gespräch und essen vielleicht noch ein Stück Käse dazu. Das wäre ein hinausgezögerter, kognitiv verstärkter Lustgewinn – und das können in dieser Form nur Menschen. Solch einen fokussierten Genuss können wir auch trainieren und dem schlingenden Konsum vorziehen.

STANDARD: Und wenn man sich im Rahmen der Selbstkontrolle Räume für unvernünf-tigen Lustgewinn schafft, der anderen und einem selbst wenig schadet?

Jäncke: Das wäre eine Möglichkeit. Manchmal finde ich das Unvernünftige ja gar nicht so schlecht. Ich bin noch kein Vulkanier. Ich gucke manchmal ein Fußballspiel an und freue mich, wenn eine Mannschaft gewinnt, von der ich aus einer merkwürdigen Neigung heraus Fan bin. Das ist logisch gesehen völliger Unsinn, kann einem aber auch Freude geben.

Dienstag, 29. Juni 2021

Unsere Welt und die meine.

  aus Die Wendeltreppe

Alles, was als Tatsache in unserer Welt vorkommt, lässt sich auch bestimmen; nämlich in das allgemeine Bedeutungsgeflecht einpassen, wo Jedem seine Bedeutung durch die Bedeutung aller Andern zugewiesen wird. Reflektieren heißt nichts anderes als: seinen Platz im großen Verweisungszusammenhang aufsuchen.

Was bestimmt ist, kann Bestandteil einer Wissenschaft werden – weil sich sein logischer Zusammenhang demonstrieren und Einverständnis erzwingen lässt. Was demonstriert werden kann, lässt sich erlernen. Was dagegen ‘durch meine Freiheit möglich’ wurde, läßt sich eo ipso nicht bestimmen. Es liegt allein in meiner Welt. Ich kann es nicht erlernen, sondern muss es erfinden und mir ein-bilden. Einverständnis der andern kann ich nicht erzwingen, sondern höchstens ihren Beifall heischen: sie animieren, meine ‘Anschauung’ nach-zu-erfinden.

Das Nacherfinden kann nicht gelehrt werden: dazu muss man verführen, und das ist Kunst. Gegenstand von Wissenschaft kann es nur idiographisch werden: kritisch und historisch.

Erziehen heißt nun, einem Menschen die Dinge zeigen und die Symbole, die ihm die Welt bedeuten. Doch haben die in den Symbolen aufbewahrten Bedeutungen einen andern Rea-litätsgrad als die Dinge. Sie ’sind’ ja nur, sofern ich sie gelten lasse. Denn der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann (Max Scheler); auch dazu: den Meinungen der Andern. Fragen können heißt, ja oder nein sagen können.

‘Die Welt’ wird zwar überliefert, aber seine Welt bildet sich jeder selbst.

Meiner Welt liegt unsere Welt gewissermaßen zu Grunde. Und unserer Welt liegt meine Welt zu Grunde. Das einemal kategorisch, das andermal genetisch. Dass ich überhaupt darauf komme, die Daten, die mir meine Sinne melden, zu einer “Welt” zu konstruieren, liegt allein daran, dass ich in die Welt der Andern hineingeboren bin.

Und dass ich vor diesem Horizont meine Welt kon-struiere, liegt daran, dass es meine Sinne sind, die mir ‘Daten’ gemeldet haben, und dass ich sie zu einander fügen muss. Dass ich meine Welt konstruieren muss, liegt an den Andern. Dass es diese Welt sein wird, liegt… an meinen Sinnes-Daten, die dadurch, dass ich eine Welt aus ihnen baue, zu meinen überhaupt erst werden!

“Ich” konstruiere eine Welt. Es wird meine Welt sein: Darum bin ich Ich. Und in dem Maße, wie ich hernach meine Welt mit der Welt der Andern ins Benehmen setze, werde ich Verstand beweisen, Ernst des Lebens, Sozialkompetenz und so weiter. Wie weit ich die eine von der andern durchdringen lasse, entscheidet darüber, wohin ich mein Leben führen kann und wo ich scheitern muß.

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X. Es fällt schwer, eine Welt anders als in räumlichen Metaphern zu beschreiben - so als ob sie nur eine erweiterte Nische wäre. Aber der Unterschied zwischen der Welt und einer Um-welt ist kein topischer, sondern ein dimensionaler. Ebenso der zwischen meiner Welt und unserer Welt. 

Unsere Welt besteht aus allem, was symbolisiert ist. Als solche ist sie aber nur virtuell, "auf Abruf": Nur wenn die Symbole durch Verstehen aktualisiert werden, "ist" unsere Welt.46 Theoretisch könnte unsere Welt restlos in der meinen aufgehen, praktisch kann sie es nicht, und zwar grundsätzlich. Unsere Welt, in der Wasser trinkbar ist und man damit Kaffee kocht, ist einigen Milliarden Menschen zugänglich. Unsere Welt, in der Wasser durch H2O symbolisiert ist, steht nur noch einigen hundert Millionen offen. Die Wissenschaften, unse-re Welt par excellence, sind in ihren jeweiligen Spitzen gerade einer Handvoll Leute zugäng-lich, die ihr ganzes Leben darauf verwendet haben - jeder auf die seine. Weil meine Lebens-zeit begrenzt ist,47 kann die ganze Wissenschaft in meiner Welt grundsätzlich nur als Erzäh-lung vorkommen.48

Meine Welt "ist" auch in unserer Welt. Zum Beispiel ist die Welt eine ganz und gar andere, je nachdem, ob der-die-das Geliebte darin vorkommt oder nicht. Für unsere Welt macht das keinen Unterschied - nämlich nicht für die andern. Aber für mich macht das gerade in unse-rer Welt den entscheidenden Unterschied, weil ich nur dort auch in seiner Welt bin. Doch kann meine Welt, so wahr sie meine ist, auch theoretisch nicht restlos in unserer Welt aufge-hen, das ist der springende Punkt, denn darum bin ich Ich. Das ist keine Sache der Tiefen-psychologie: dort kann es Erfahrungen geben, sogar (wenn auch nicht eindeutig) mitteil-bare.49Keine Erfahrung kann ich haben von meinem Denken, bevor ich es durch Symbo-lisieren festgestellt habe. Ich kann nur rekonstruieren, "wie es gewesen sein muß", indem ich es so beschreibe, wie es gewesen wäre, wenn es in unserer Welt stattgefunden hätte, als Schema. Das ist Transzendentalphilosophie. Kein Tatsachenerweis, sondern eine Sinnbe-hauptung. Ein endgültiger und "letzter Mythos" - die "Geschichte, die von dem spielenden oder abenteuernden oder bildnernden Ursubjekt handelt".50 

46 Husserl, "Ideen zu einer reinen Phänomenologie", in: Husserliana Bd. III/1, S. 57
47 Die Kunst ist in unserer Welt, muß aber nicht verstanden werden. Der andere Grenzfall ist das Internet. 
48 Von meinem Verstand rede ich nicht.
49 Kann es eine "Privatsprache" geben - ein privates Symbolsystem, das ‚die Welt bedeutet’? Über unsere Welt muß ich mich mit mir nicht verständigen, sondern mit Anderen. Und meine Welt muß niemand verstehen. 
50 Eine bekannte tiefenpsychologische Richtung will das Unbewußte als Gegenstand naturwissenschaftlicher Analyse zum Bestandteil unserer Welt machen; aber nicht so ganz: Sie schiebt als Bedingung eine persönliche Initiation dazwischen.




Je allgemeiner die ‚Welt’, von der die Rede ist, umso unspezifischer die Tätigkeit des Zei-gens: Typischerweise bezeichnet dieses Bild in seiner Allgemeinheit das Verhältnis zwischen einem Erwachsenen und einem Kind. 

Man kann ‚die Welt’ von einem partikularen Standpunkt aus ansehen. Je partikularer die ‚Welt’, von der die Rede ist, umso spezifischer der Akt des Zeigens. Die ‚Welt des Soldaten’ ist zwar eine besondere Welt, aber sie ist ‚allgemein’, weil ‚Soldatsein’ keine besondere Ver-richtung, sondern eine besondere ‚Seinsweise’ ist; Soldat ist man auch nach Feierabend. Das ist nicht Einweisung in Strategie und Taktik, nicht Waffenkunde, nicht dies oder das, son-dern ein ‚ganzes Universum’, wenn auch ein besonderes. 
 
„Pädagogik“ heißt hier ‚Menschenführung’, hat aber mit Kindern nichts mehr zu tun und sollte Andragogik heißen. Die ‚Welt der Physik’ ist dagegen kein Universum, sondern nur ein Ausschnitt: aus der ‚Welt der Wissenschaft’, gar nur der ‚Welt der (‚exakten’) Naturwis-senschaften’. Diese hochspezialisierte Welt einem Neuling zeigen ist eine höchst spezifische Tätigkeit, die man von Rechts wegen Lehre nennt. Erst hier gilt: ‚Die Grenze meiner Spra-che ist die Grenze meiner Welt’.

Je allgemeiner die Welt, um die es geht, umso eher ist von Bildung, je spezifischer die Welt, umso richtiger ist von Lernen die Rede. Merke: Die allgemeinste Welt – die, die den Meisten zugänglich ist – ist die natürliche Welt der natürlichen Sprachen; die Welt, in denen nur Kin-der ‚neu’ sind.

Alle Kinder werden irgendwie heranwachsen; dazu brauchen sie keine Professionellen. Pro-fessionelle braucht es, um ihnen das "Symbolnetz" zu überliefern, in dem unsere ganze Welt dargestellt ist: weil das Allgemeinwissen der Menschheit so umfangreich und dabei so kom-plex geworden ist, daß es nicht mehr einfach in jedenkinds Alltag „vorkommt“ und man einfach nur, jeder an seiner Statt, dort hineinwachsen müßte, learning by doing. Ihre Mittei-lung bedarf einer reservierten Zeit außerhalb der Alltagsgeschäfte und einer speziellen Me-thode, denn natürlich kann nicht jedem alles und schon gar nicht alles zugleich überliefert werden. Aber die Schule privilegierte jene ‚Symbolnetze’, die sich zu diskursiver Verknüp-fung eignen. Das war mit dem Schlagwort der ‚Verwissenschaftlichung’ gemeint, das den pädagogsichen Diskurs seit den sechziger Jahren prägte. Verwissenschaftlichung bezieht sich per Definition auf den Bereich des sogenannten ‚Herrschaftswissens’. Anderes fällt nicht in ihren Bereich. Daß seither ‚Lernen’ zum Schlüsselbegriff  staatlicher Pädagogik wurde und ‚Bildung’ wie ein Zopf abgeschnitten wurde, ist nur folgerichtig. Quod erat demonstrandum: Das gegenwärtige Schulsystem ist entstanden und behauptet sich als ein Produkt und eine Bedindung der industriellen Arbeitsteilung. Aber die Arbeitsgesellschaft und ihre Industrie sind am Vergehen.
 
Nota. - Das alles fällt unter Anthropologie.  Mit Transzendentalphilosophie hat es nur sofern zu tun, als diese die Fragen stellt, zu denen jene die Antworten sucht.
 

Der elementare Unterschied unserer Welt von meiner.

                                zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Der elementare Unterschied unserer Welt zu meiner ist ihre Objektivität. Denn anders als meine Welt ist sie auch - und gewissermaßen zuerst - die der Anderen.

Die Andern begegnen mir als Wollende, und nur darum finde ich mich als einen anders Wollenden. 

Zu meiner Welt gehöre ich nicht nur, sondern sie gehört zu mir. In ihr will nur ich. Sie wird mir daher nicht zum Gegen stand, und dass ich will, kann ich so gar nicht bemerken. Doch erst als wollender werde ich ich und wird meine Welt zu meiner.

Unsere Welt ist apriori ein Raum verschieden Wollender. Das Material allen Wollens ist demgegenüber sekundär: Es ist strittig.

Die Unterscheidung von meiner und unserer Welt ist die Schnittstelle von Anthropologie und Transzendentalphilosophie.

5. 7. 21