aus derStandard.at, 1. Juli 2021 Im Synapsendschungel: Kalzium-kanäle sind rot, Neurotransmitter
blau. Die grün gefärbten Nervenzellen ohne a2d-Proteine können keine
funktionierenden Synapsen bilden.
Unerwartete Erkenntnis: Protein als Schlüssel zur Synapsenbildung identifiziert
Alpha-2-delta-(a2d-)Proteine dürften auch eine zentrale Rolle bei der Bildung von Neuronen spielen
von Markus Plank
Nerven stehen unter Strom: Ionenströme leiten die Reize in den
Nervenzellen weiter. Damit in den Synapsen Signale von einer Nervenzelle
zur anderen gelangen, braucht es sogenannte spannungsgesteuerte
Kalziumkanäle. Sie regulieren die Ausschüttung von Botenstoffen an den
Schnittstellen und damit Gehirnfunktionen wie Lernen und
Gedächtnisbildung.
Untereinheiten der Kanäle, sogenannte Alpha-2-delta-(a2d-)Proteine,
könnten aber schon für einen viel früheren Schritt essenziell sein,
nämlich für die Bildung der Synapsen selbst. Dies fanden Forschende an
der Karl-Landsteiner-Privatuniversität Krems und der Medizinischen
Universität Innsbruck heraus.
Gerald Obermair, Leiter des Fachbereichs für Physiologie in Krems,
fasst die Ergebnisse zusammen: "Ohne diese Proteine können sich keine
funktionellen Synapsen ausbilden. Wir haben jetzt die Hypothese, dass
a2d-Proteine eine Schlüsselposition einnehmen und damit für die
Organisation der anderen Bausteine verantwortlich sind." Die Studie, die im Frühjahr im Fachjournal "PNAS" erschien, stellt den vorläufigen Höhepunkt von zehn Jahren Forschungsarbeit dar.
Synaptische Funktionen
Besagte a2d-Proteine sind Teil
spannungsgesteuerter Kalziumkanäle, die aus verschiedenen
Untereinheiten mit eigenen Funktionen aufgebaut sind. Die Aufgabe der
a2d-Proteine ist es, den Kalziumeinstrom in den Nervenzellen zu
regulieren.
Kalzium löst wiederum die Ausschüttung von Neurotransmittern in den
synaptischen Spalt und damit die Weiterleitung von Signalen aus. Die
Proteine steuern nicht nur wichtige Gedächtnisfunktionen, sondern sind
außerdem bekannt als Angriffspunkt des Medikaments Gabapentin, welches
zur Behandlung von Epilepsie und vor allem chronischen Nervenschmerzen
verwendet wird.
Für die Bildung von Synapsen und die gegenseitige Verankerung
zwischen zwei Nervenzellen wurden jedoch bisher andere
Zelloberflächenproteine vermutet. "Man hat über ihre Funktion als
Regulatoren der Kalziumkanäle hinaus bis vor einigen Jahren wenig
gewusst. Dann hat sich herausgestellt, dass a2d-Proteine vermutlich auch
eine wichtige synaptische Funktion haben. Das hat mein Interesse
geweckt", sagt Obermair.
Entscheidende Rolle der Proteine
Um diese Rolle in der
Synapsenbildung zu untersuchen, unterdrückte das Team die genetische
Herstellung der a2d-Proteine und beobachtete die Auswirkungen auf im
Labor kultivierte Nervenzellen. Obermair: "Es fehlten nicht nur die
Kalziumkanäle auf der präsynaptischen Seite, was man vermutet hätte,
sondern auch ganz viele wichtige Komponenten für die synaptische
Übertragung. Wir haben damit eine ganz eine entscheidende Rolle dieser
Proteine in der Bildung der Synapsen entdeckt."
Im Gehirn liegen a2d-Proteine in drei leicht unterschiedlichen
Varianten vor, die sich bis zu einem gewissen Grad gegenseitig ersetzen
können. Als die Wissenschafter eine der drei Formen einzeln in das
Zellkulturmodell mit den defekten Synapsen zurück einbrachten, konnte
die prä- und postsynaptische Verankerung wiederhergestellt werden.
Dieses systematische Ein- und Ausschalten von Genen, um zu
beobachten, was das Fehlen der entsprechenden Proteine bewirkt, ist ein
ganz normales Vorgehen in der Wissenschaft. Die Schwierigkeit im Fall
der a2d-Proteine lag darin, dass jede der drei Formen durch ein eigenes
Gen kodiert wird. Die Forscher mussten also nicht nur ein Gen
ausschalten, sondern drei, was zu entsprechend langwierigen
Vorbereitungen und Experimenten führte.
Mechanismen aufklären
Das Projekt begann bereits
2011, als Obermair noch an der Medizinischen Universität Innsbruck
forschte, wo er heute noch in Teilzeit tätig ist. Schritt für Schritt
wurden Methoden entwickelt, um die Gene stabil auszuschalten und die
Fragestellungen experimentell zu beantworten. Auch Kooperationen mit
Arbeitsgruppen an der Universität Münster und am IST Austria in
Klosterneuburg trugen zum Forschungserfolg bei. Finanziert wurde das
Team durch Förderungen des Wissenschaftsfonds FWF.
Basierend auf den gefundenen Hypothesen plant Obermair mit seinem
Team im neuen Forschungsschwerpunkt Mental Health and Neuroscience in
Krems bereits neue Versuche. Wenn a2d-Proteine tatsächlich das Zentrum
sind, um das Synapsen gebildet werden, gilt es nun, ihre Bindungspartner
zu identifizieren und die genauen Mechanismen aufzuklären.
"Uns interessiert, ob wir da nicht eine Möglichkeit hätten, in
synaptische Funktionen gezielt einzugreifen, ohne Kalziumkanäle im
Ganzen blocken zu müssen, wie es zum Teil bei herkömmlichen
Therapieansätzen gemacht wird", sagt Obermair. Das könnte in Zukunft
auch bei der Behandlung neuropsychiatrischer Erkrankungen nützen.
... Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne)
hat im Bundesrat eine Blockade des vom Bundestag beschlossenen Gesetzes
zum Ausbau der Ganztagsbetreuung für Grundschüler organisiert. Nun muss
der Vermittlungsausschuss ran, der Ausgang ist offen.
Der Einigungsdruck ist hoch, Ende September warten
Bundestagswahlen. Gelingt es nicht, vorher einen Kompromiss zu zimmern,
müsste das Projekt in der nächsten Legislatur neu aufgesetzt werden. Die
Blamage wäre groß – der Schaden auch. Denn der Ausbau von
Ganztags-Grundschulen oder alternativer Betreuungsangebote ist
überfällig....
Nota. - Ach, zu früh gefreut. Statt sachlich-pädagogischer und bildungspolitischer Gründe hat er doch bloß wieder kameralistischen Kleinkram im Sinn. Na ja, besser als gar nichts. (Vielleicht traut er sich ja nicht recht und braucht einen Vorwand?)
Ursprung und Angelpunkt des abendländischen Denkens war die Frage nach dem Wahren. In der Sinnenwelt
ist alles Trug. Sie scheint mal so, mal so, je nach Standort. Alles,
was wird, wird vergehen. Wahr ist, was währt, das ewige Sein; doch es
liegt unterm Werden verhüllt. Nur dem Denken ist es kenntlich, „denn
dasselbe ist Denken und Sein“, sagt Parmenides. Die Frage nach dem
wahren Sein ist die Frage, wonach sich mein& Leben in der Mannigfal-tigkeit trügerischer Erscheinungen richten soll.
Man erkennt
es beim Vergleich mit Heraklit, gegen den Parmenides angetreten war:
Nicht zweimal könne man in einen Fluss steigen; der Fluss sei ein
anderer geworden und der Mensch
auch. Hinter dem Werden ist Nichts, wahr ist der Schein: Das möchte man
einen heroischen Nihilismus nennen; ein aristokratisches Leben auf
eigne Faust, das sich nicht jeder leisten kann. Die Vermutung, daß der
Sinn der Welt zwar
verborgen, aber jedenfalls in ihr liegt, macht dagegen auch kleinen
Leuten Mut. Nicht anders konnte die Arbeitsgesell-schaft siegen, nicht
anders konnte Europa die Welt erobern.
Die Erkenntnis, dass nach dem Sinn gefragt werden muss, war die Geburtsstunde des Abendlands.
Der
ebenbürtige Zeitgenosse von Heraklit und Parmenides war Aischylos – der
als erster die Schuld der Menschen zum Thema gemacht hat; nämlich dass
sie ihre Wege selber wäh-len. Es wurde zum Thema der westlichen Kultur.
Man mag auch meinen, es sei die Conditio humana selbst. Nur wurde sie nicht überall ihrer bewusst.
Das Wahre,
das Ansich-Seiende, das Absolute; Wert, Bedeutung, Geltung, Sinn – das
alles sind verschiedene Worte für ein Problem. Nämlich dies, dass der
Mensch sich nicht mit dem Leben begnügen kann, sondern immer sein Leben führen muss.
Führen wo hin, wo lang? Er muss sich orientieren. Das, woran er sich
orientiert hat, um dessentwillen er gelebt hat, nennt er, rückblickend,
’das Wahre’, ‘das Absolute’, den ‘Sinn’. Das Erkennen ist zirku-lär.
Warum? Es
kommt a posteriori. Denn gesetzt wird der Sinn immer ‘in actu’, hier und
jetzt, an jedem Wegkreuz neu. Dem (nachträglichen) Erkennen erscheint
es darum als a priori. ‘Das Wahre’, ‘das Absolute’, der ‘Sinn’ ist –
reell wie ideell – eben keine Sache, sondern ein Problem. Es ist aber
keins, worauf die Menschen ebenso gut verzichten könnten. Sie waren
tätig, bevor sie erkennend wurden. Aber sie müssen erkennend sein, um selbsttätig zu wer-den.
Nur weilder
Mensch ein Leben führt, dessen Sinn weit über seine bloße Erhaltung
hinaus reicht (wenn er es will), hat er das Problem der Freiheit. Ob er es will, ist damit noch nicht entschieden. Wenn einer sagt: Die Befriedigung meiner Bedürfnisse ist mir genug – wie kann ich ihm widersprechen? Es gibt noch viele, die sich mehr gar nicht leisten können.
Aber eine
Kultur, wo verknappter Luxus schon wie Not erscheint, lebt im Überfluss.
Dieses ist eine Sinnbehauptung: Es sollte eine Welt des Reichtums
entstehen, damit Menschen in die Lage kommen, ihre Freiheit bestimmen zu
können. Nur darum gibt es die Frage nach der Wahrheit. Aber die ist ein Paradox.
Was ich tun soll, ist eine Frage von Bedeutungen.
Ist Sache eines Urteils. Und dafür brauche ich Gründe, die gelten.
Deren Geltung muss ihrerseits begründet sein, und so fort. Machen wir’s kurz:
Wenn überhaupt etwas gelten soll, muss es irgendwo einen Grund geben,
der schlechterdings gilt und in letzter Instanz, ohne alle Bedingung –
die Bedingungen von Ort und Zeit zumal. In der Welt, die ‘der Fall ist’,
wird man ihn nicht antreffen. Er ist “nicht von dieser Welt“, ich muss
ihn mir hinzu denken.
Dass der menschliche Geist “notwendig etwas Absolutes außer sich set-zen muss und dennoch von der andern Seite anerkennen muss, dass das-selbe für ihn da sei,
ist derjenige Zirkel, den er ins Unendliche erweitern, aus welchem er
aber nicht heraustreten kann.
Es ist nur da, inwiefern man es nicht hat,
und entflieht, sobald man es auffassen will”, schrieb Johann Gottlieb
Fichte.* Es “kann nur eine Idee sein; ein bloßer Gedanke in uns, von
welchem gar nicht vorgegeben wird, dass ihm in der wirklichen Welt außer
uns etwas entspreche. Ideen kön-nen unmittelbar nicht gedacht werden.
Sie sind Aufgaben eines Denkens, und nur, inwiefern wenigstens die
Aufgabe begriffen werden kann, kom-men sie in unserm Bewusstsein vor.“ **
Eine Aufgabe nannten die Griechen ein Problem. Aber dieses Problem ist
so gestellt, dass es schlechterdings nicht lösbar ist: Die Freiheit soll
sich ihren Bestimmungsgrund außer sich suchen! Es ist ein Paradox.
Das ist nicht bloß
eine Idee. Das ist eine ästhetische Idee. Es ist, recht besehen, die
ästheti-sche Idee schlechthin, die in alle tatsächlich vorkommenden
Bestimmungen nach Ort und Zeit vorgängig hineingreift, die all die
Qualitäten vereint, die ich an den Dingen “wertneh-me”, bevor ich sie
wahrnehme, und von der ich erst durch eine besondere Anstrengung des
reflektierenden Verstandes wieder abstrahieren kann.
Es “ist”
nicht so. Aber so muss ich es mir vorstellen, wenn ich mir überhaupt
Etwas vorstel-len will. Das Wissen kann seinen eignen Grund nicht
erkennen. Es muss ihn sich einbilden. Der höchste Akt der Vernunft sei
ein ästhetischer, hieß es im ‘Ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus’. Ob er wirklich stattgefunden hat, ist nicht entscheidend. Es scheint uns so, als ob er stattgefunden hätte. Er ist so wahr wie ein Mythos sein kann. Will sagen, er muss sich bewähren. Bewähren in Sonderheit in meinem täglichen Tun und Lassen – als Sittlichkeit. “Die Ethik ist transzendental“, schrieb Ludwig Wittgenstein,
um gleich hinzu zu fügen: “Ethik und Ästhetik sind eins.” Und es sei
klar, dass sie sich als solche “nicht aussprechen” lassen.
In den Wörtern unserer Welt lassen sie sich nicht aussprechen. Denn sie gehören zu meiner Welt. Den andern kann ich sie allenfalls zeigen –
in den Bildern der Kunst. In Wörtern lässt sich das Problem immer nur
so formulieren: Der Sinn des Lebens ist, dass du nach ihm fragst. Eben
ein heroischer Nihilismus oder, wenn man will, “Artisten-Metaphysik”.
Auf jeden Fall ist es eine romantische Anschauung der Welt, und eine
fröhliche.
zuPhilosophierungen Erkennen
heißt, etwas Unbekanntes zu einem als bekannt Vorausgesetzten in ein
logisches Verhältnis setzen. Das erste empirisch Unbekannte - die ganze Welt - kann dabei
nur zu einem logisch als bekannt Behaupteten in ein Verhältnis gesetzt
werden. Ein Absolutes kann dies logisch Vorausgesetzte nicht sein, denn wäre von ihm etwas bekannt, wäre es nicht absolut.
*
Tatsächlich
(historisch) ist das Erkennen freilich von der Erfahrung ausgegangen
und nicht von logischer Spekulation. Von der Erfahrung, was man aus
dem vorgefundenen Unbe-kanntenmachen kann. Das Machen als Bestimmungsgrund des Was war
der Erfahrung vor-ausgesetzt, nicht als Begriff, sondern pragmatisch im
Machen selbst. Erfahrung ist nichts anderes als Wissen von
Machbarkeiten. Genauer gesagt, von den Widerständen, die die Dinge
meinem Machenwollen
entgegensetzen - so, als wollten sie selber etwas anderes ma-chen. Die
erste Bewusstseinsform der Menschen, von der wir Zeugnisse haben, ist
der Ani-mismus, die Vorstellung von der Welt als ein Zusammenwirken wollender Wesen.
Die Geschichte des Geistes ist die Geschichte der Einsicht in den projektiven Charakter dieser Vorstellung. 11. 12. 17
Sofern das Denken projektiv ist, ist es auch problematisch.
Es müsste faktisch immer so lauten: So und so ist es - unter der
Bedingung, dass meine allererste Erkenntnis richtig war. - Und solange
nichts geschieht, was die erste Erkenntis widerlegt, gilt die Bedingung
als gege-ben. Ob sie aber eben jetzt noch gilt, ist jedes Mal neu zu erproben.
22. 2. 19
Nota. Das
obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie
der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht
wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.
Neuropsychologe: "Es würde uns helfen, disziplinierter und weniger lustgetrieben zu sein"
Die digitale Welt
überfordert unser Gehirn, sagt Lutz Jäncke. Was das für sozi-ale
Kontakte, Verschwörungstheorien, Erziehung und Fußball heißt
Interview von Julia Sica
Mehr als neun Milliarden Personen sollen im Jahr 2050 auf der Erde
durch den Weltraum fliegen. Ein immenses Wachstum, denn erst um 1800
knackte die Weltbevölkerung die Eine-Milliarde-Menschen-Marke. Von
unseren Vorfahren aus der Steinzeit lebten wohl nur wenige Millionen
gleichzeitig. Dabei basieren ihre und unsere Gehirne auf den gleichen
Voraussetzungen.
Dass uns das in der heutigen Welt zu schaffen
macht, liegt auch an der Digitalisierung: Smartphones und soziale Medien
sorgten in nicht einmal 20 Jahren für einen komplett veränderten
Alltag.
Vor allem mit der enormen Informationsmenge sind wir extrem
überfordert – so eine zentrale These des deutschen Neuropsychologen Lutz
Jäncke, die er in seinem kürzlich erschienenen Buch "Von der Steinzeit
ins Internet" ausführt. Jäncke, der an der Uni Zürich forscht und lehrt,
zählt zu den am häufigsten zitierten Wissenschaftern weltweit.
Lutz Jäncke.
Als solcher schätzt er an der digitalen Welt natür-lich die
Möglichkeiten des Wissensaustauschs, aber auch der Teilhabe und der
zwischenmensch-lichen Beziehungen. Gleichzeitig will er für einen
individuell aufgeklärten und selbstdisziplinierten Umgang mit der
Onlinewelt appellieren. Denn unser Gehirn ist zwar nicht daran
angepasst, verfügt jedoch über ein Instrument, das uns bei dieser
schwierigen Aufgabe helfen kann – wenn wir es nicht vernachlässigen.
STANDARD: Der Mensch ist evolutionsbiologisch angepasst an
soziales Leben in relativ kleinen Gruppen, Sie sprechen von etwa 40
Personen. Was bedeutet das heute für die Hun-derte von Kontakten, mit
denen wir über soziale Netzwerke verknüpft sind?
Jäncke: Wie andere Primaten bauen wir zu unseren
Sozialpartnern Vertrauen und intensive Bindungen auf – gerade weil wir
wissen, dass der Mensch auch ein egoistisches Wesen ist. Das läuft
vereinfacht gesagt über gegenseitiges Gefallen, nach dem Prinzip "tit
for tat", "wie du mir, so ich dir". Dieser Vertrauensaufbau ist fragil:
Wenn er einmal gestört wird, dauert es lange, bis wir das reanimieren
können. In sozialen Netzwerken gehen wir vermeintliche Beziehungen ein,
die unüberschaubar sind. Bei tausenden Kontakten, die digital um uns
herumschwirren, haben wir keine Zeit für eine solche Kontaktpflege, es
sind einfach zu viele für unser Gehirn.
STANDARD: Wie erklären Sie die Unmengen negativer Kommentare, die gepostet werden?
Jäncke: In den Mechanismus, der uns Vertrauen und Bindung
aufbauen lässt, steckt unser Gehirn unfassbar viele Ressourcen.
Demzufolge haben wir mehrere Kommunikations-kanäle: einen verbalen, einen
für Gestik, Mimik und so weiter. Wenn diese Kanäle nicht mehr adäquat
gefüttert werden, weil man andere Menschen nicht mehr physisch vor sich
hat und sie nicht einmal kennt, fällt es vielen leicht, andere einmal
eben zu beleidigen. Das kann zu ganzen Shitstorms führen.
STANDARD: Warum nehmen wir uns Negatives stärker zu Herzen als Zuspruch?
Jäncke: Weil es für uns überlebenswichtig ist, gefährliche
Situationen oder Menschen um uns herum zu erkennen. Dann fällt es uns
schwer, die positiven Rückmeldungen zu genie-ßen, selbst wenn wir davon
mehr bekommen. Neben den vielen wunderbaren Sachen im Internet nimmt
meinem Eindruck nach der Bullshit – jeder noch so fragwürdige Erguss
eines Menschen – exponentiell zu.
STANDARD: Und diese Mengen können wir auch nicht verarbeiten?
Jäncke: Ja, dadurch wird die Masse der Information
unüberschaubar. Darin sehe ich eine große Gefahr für die Zukunft. Wenn
Sie mit Infos vollgestopft werden, hängt es letztlich von Ihren
individuellen Fähigkeiten, Wissenshintergründen und Neigungen ab, auf
welche davon Sie sich verlassen. Das Gehirn ist darauf spezialisiert,
sich auf wichtige Information zu fokussieren. Das ist bei dieser Menge
aber nicht möglich.
STANDARD: Wie hängt die Informationsflut mit Problemen wie Fake-News und Ver-schwörungstheorien zusammen?
Jäncke: Die heutige Welt ist perfekt für
Verschwörungstheoretiker. Skeptische Leute mit einem bestimmten oder
fehlenden Wissenshintergrund greifen sich einzelne Aspekte heraus und
konstruieren vor ihrem eigenen Hintergrund eine Welt, die für sie
schlüssig erscheint. Unser Gehirn ist ja generell interpretationswütig
und versucht, aus den wenigen Informa-tionen, die wir aufnehmen, eine
konstante Welt zu generieren. Man darf aber nicht verges-sen, dass es
auch Firmen wie Cambridge Analytica, Medien und Politiker gibt, die
Rezipi-enten gerichtet beeinflussen. Da kann man sich fragen: Wo gibt es
objektive Informationen? Allerdings zeigt sich dabei auch folgendes
Problem: Alles, was wir Menschen an Informati-on aussenden und von
anderen empfangen, ist eigentlich interpretiert, gefärbt, subjektiv.
STANDARD: Wir sind also nicht für Objektivität gemacht.
Jäncke: Ja, im strengen Sinne können wir gar nicht vernünftig
und objektiv sein. Ein Homo sapiens vor 70.000 Jahren wurde in eine
Gruppe hineingeboren, die ihre eigene Kultur, Ge-dankenwelt, Religion und
damit eigene Regeln entwickelt hat. Um zu überleben, musste man nicht
nur eine gute Beziehung zu den Gruppenmitgliedern aufbauen, sondern sich
auch in die Kultur einlernen – in individuelle Denkschemata, die
Menschen einmal erfun-den haben. So gesehen sind wir nicht für
wissenschaftlich perfektes und logisches Denken konstruiert, was in der
heutigen Zeit ein grundsätzliches Problem ist.
STANDARD: Wir sehen auch, wie schlecht unser Gehirn mit dem Verständnis großer Zahlen und exponentiellen Wachstums zurechtkommt.
Jäncke: Genau, das kann es nicht. Auch mit kleinen Zahlen
können wir nicht umgehen, was wir in der Pandemie an der Einschätzung
von Wahrscheinlichkeiten merken. Das ist zu ab-strakt, wir begreifen die
Verhältnisse nicht. Um das zu verstehen, brauchen wir eine beson-dere
Ausbildung. Bildung hilft uns, unsere Beschränkungen ansatzweise in den
Griff zu be-kommen.
STANDARD: Sollte es nicht auch helfen, wenn wir uns die
kognitiven Verzerrungen – wie etwa unsere selektive Wahrnehmung – immer
wieder bewusstmachen?
Jäncke: Das ist ein guter Punkt. Und wir müssen den
Frontalkortex, den uns die Natur ge-schenkt hat, wesentlich stärker
nutzen, als wir es bereits tun.
Der Frontalkortex, die Hirnrinde des hier violett gefärbten
Frontallappens, kann Emotionen regulieren und ist wichtig für unsere
Selbstdisziplin.
STANDARD: Der Frontalkortex zählt zu den evolutionär neuen Gehirnteilen. Was er-möglicht er uns Menschen?
Jäncke: Im Gehirn steigen aus den Emotionszentren, dem
limbischen System, gewisserma-ßen Impulse auf. Diese werden vom
Frontalkortex reguliert. Das führt dazu, dass wir uns kontrollieren und
Belohnungsverzögerungen eingehen können. Aber manchmal kommt es vor,
dass wir etwas googeln, und ungeplanterweise wissen wir drei Stunden
später – durch interessante Reize angeregt – nicht mehr, was wir
ursprünglich gesucht haben. Das ist ein Indikator dafür, dass wir nicht
mehr Frontalkortex-geleitet unsere Wahl treffen, sondern reizgesteuert
Impulsen folgen.
STANDARD: Was wäre Ihr Lösungsansatz?
Jäncke: In Bezug auf die Internetnutzung müssten wir uns darin
üben, selbstkontrolliert und mit fixierten Zielen zu arbeiten, uns auf
das Wesentliche beschränken. Gerade für Kinder und Jugendliche, deren
Frontalkortex noch nicht ausgereift ist, wäre das wichtig.DieserTeil desGehirnsreiftetwabiszum18.Lebensjahr,bisdahinist ihre
Selbstdisziplin und Aufmerk-samkeitslenkung geringer. In dieser Zeit
müssten wir ihnen erzieherisch durch Regelsysteme helfen, sich zu
inhibieren und zu konzentrieren.
STANDARD: Das ist aber schon ohne die digitalen Ablenkungen hart.
Jäncke: Bei witzigen Videos und Bildern haben ja selbst
Erwachsene Schwierigkeiten, den Reizen nicht nachzugeben; Kindern und
Pubertierenden fällt das unfassbar schwer. Es würde aber uns allen
helfen, weniger lustgetrieben zu handeln und stattdessen – auch im
Hinblick auf die globalen Probleme – disziplinierter, ethischer,
moralischer zu werden. Meine Überlegungen führten mich hier zur Serie
"Star Trek – Raumschiff Enterprise".
STANDARD: Eine spannende Sozialutopie.
Jäncke: Der Erfinder Gene Roddenberry, der sie zur Zeit des
Vietnamkriegs schrieb, schuf mit der Spezies der Vulkanier
kontrollierte, logisch denkende Wesen. Mister Spock ist der berühmteste
Vertreter. In der Fiktion waren Vulkanier einst auch emotional und
kriegerisch, konnten ihre Krisen aber durch extreme Selbstdisziplin
überstehen. Wir müssen nicht unbe-dingt Vulkanier werden, abersobaldwirMenschendieEmotionskontrolleverlieren,bekom-men wir Probleme. Vor
allem in der Zukunft.
STANDARD: Sie betonen auch, dass nur Homo sapiens eine besondere Fähigkeit zur Be-lohnungsverzögerung hat.
Jäncke: Ja, durch den großen Kortex. Das ist unser
Alleinstellungsmerkmal. Viele glauben, dass uns Emotionen zum Menschen
machen. Das würde ich nicht so sehen, dazu sind auch Tiere fähig. Aber
wir tendieren aktuell immer mehr zur Lustgetriebenheit statt zur
Selbstdis-ziplin. Das alles soll nicht moralisierend klingen: Wenn wir
Lustgewinn durch unseren Kor-tex erzielen, ist dieser nämlich viel größer
als ohne.
STANDARD: Was bedeutet das?
Jäncke: Nehmen wir an, Sie würden mit Ihrer
Lebensabschnittsgefährtin Rotwein trinken. Da können Sie sich eine ganz
billige Flasche reinkippen, oder jede von Ihnen trinkt nur ein Glas
Amarone, einen der besten Rotweine. Sie trinken dieses Glas langsam,
schauen den Sonnenuntergang an, führen ein nettes Gespräch und essen
vielleicht noch ein Stück Käse dazu. Das wäre ein hinausgezögerter,
kognitiv verstärkter Lustgewinn – und das können in dieser Form nur
Menschen. Solch einen fokussierten Genuss können wir auch trainieren und
dem schlingenden Konsum vorziehen.
STANDARD: Und wenn man sich im Rahmen der Selbstkontrolle
Räume für unvernünf-tigen Lustgewinn schafft, der anderen und einem
selbst wenig schadet?
Jäncke: Das wäre eine Möglichkeit. Manchmal finde ich das
Unvernünftige ja gar nicht so schlecht. Ich bin noch kein Vulkanier. Ich
gucke manchmal ein Fußballspiel an und freue mich, wenn eine Mannschaft
gewinnt, von der ich aus einer merkwürdigen Neigung heraus Fan bin. Das
ist logisch gesehen völliger Unsinn, kann einem aber auch Freude geben.
ausDie Wendeltreppe Alles,
was als Tatsache in unserer Welt vorkommt, lässt sich auch bestimmen;
nämlich in das allgemeine Bedeutungsgeflecht einpassen, wo Jedem seine
Bedeutung durch die Bedeutung aller Andern zugewiesen wird. Reflektieren
heißt nichts anderes als: seinen Platz im großen
Verweisungszusammenhang aufsuchen.
Was
bestimmt ist, kann Bestandteil einer Wissenschaft werden – weil sich
sein logischer Zusammenhang demonstrieren und Einverständnis erzwingen
lässt. Was demonstriert werden kann, lässt sich erlernen. Was dagegen
‘durch meine Freiheit möglich’ wurde, läßt sich eo ipso nicht bestimmen.
Es liegt allein in meiner Welt. Ich kann es nicht erlernen, sondern
muss es erfinden und mir ein-bilden. Einverständnis der andern kann ich
nicht erzwingen, sondern höchstens ihren Beifall heischen: sie
animieren, meine ‘Anschauung’ nach-zu-erfinden.
Das
Nacherfinden kann nicht gelehrt werden: dazu muss man verführen, und
das ist Kunst. Gegenstand von Wissenschaft kann es nur idiographisch
werden: kritisch und historisch. Erziehen heißt nun,
einem Menschen die Dinge zeigen und die Symbole, die ihm die Welt
bedeuten. Doch haben die in den Symbolen aufbewahrten Bedeutungen einen
andern Rea-litätsgrad als die Dinge. Sie ’sind’ ja nur, sofern ich sie
gelten lasse. Denn der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann (Max
Scheler); auch dazu: den Meinungen der Andern. Fragen können heißt, ja
oder nein sagen können.
‘Die Welt’ wird zwar überliefert, aber seine Welt bildet sich jeder selbst.
Meiner
Welt liegt unsere Welt gewissermaßen zu Grunde. Und unserer Welt liegt
meine Welt zu Grunde. Das einemal kategorisch, das andermal genetisch.
Dass ich überhaupt darauf komme, die Daten, die mir meine Sinne melden,
zu einer “Welt” zu konstruieren, liegt allein daran, dass ich in die
Welt der Andern hineingeboren bin.
Und
dass ich vor diesem Horizont meine Welt kon-struiere, liegt daran, dass
es meine Sinne sind, die mir ‘Daten’ gemeldet haben, und dass ich sie zu
einander fügen muss. Dass ich meine Welt konstruieren muss, liegt an
den Andern. Dass es diese Welt sein wird, liegt… an meinen Sinnes-Daten,
die dadurch, dass ich eine Welt aus ihnen baue, zu meinen überhaupt erst werden! “Ich”
konstruiere eine Welt. Es wird meine Welt sein: Darum bin ich Ich. Und
in dem Maße, wie ich hernach meine Welt mit der Welt der Andern ins
Benehmen setze, werde ich Verstand beweisen, Ernst des Lebens,
Sozialkompetenz und so weiter. Wie weit ich die eine von der andern
durchdringen lasse, entscheidet darüber, wohin ich mein Leben führen
kann und wo ich scheitern muß.
X.Es
fällt schwer, eine Welt anders als in räumlichen Metaphern zu
beschreiben - so als ob sie nur eine erweiterte Nische wäre. Aber der
Unterschied zwischen der Welt und einer Um-welt ist kein topischer,
sondern ein dimensionaler. Ebenso der zwischen meiner Welt und unserer
Welt.
Unsere
Welt besteht aus allem, was symbolisiert ist. Als solche ist sie aber
nur virtuell, "auf Abruf": Nur wenn die Symbole durch Verstehen
aktualisiert werden, "ist" unsere Welt.46 Theoretisch könnte
unsere Welt restlos in der meinen aufgehen, praktisch kann sie es nicht,
und zwar grundsätzlich. Unsere Welt, in der Wasser trinkbar ist und man
damit Kaffee kocht, ist einigen Milliarden Menschen zugänglich. Unsere
Welt, in der Wasser durch H2O symbolisiert ist, steht nur
noch einigen hundert Millionen offen. Die Wissenschaften, unse-re Welt
par excellence, sind in ihren jeweiligen Spitzen gerade einer Handvoll
Leute zugäng-lich, die ihr ganzes Leben darauf verwendet haben - jeder
auf die seine. Weil meine Lebens-zeit begrenzt ist,47 kann die ganze Wissenschaft in meiner Welt grundsätzlich nur als Erzäh-lung vorkommen.48
Meine
Welt "ist" auch in unserer Welt. Zum Beispiel ist die Welt eine ganz
und gar andere, je nachdem, ob der-die-das Geliebte darin vorkommt oder
nicht. Für unsere Welt macht das keinen Unterschied - nämlich nicht für
die andern. Aber für mich macht das gerade in unse-rer Welt den
entscheidenden Unterschied, weil ich nur dort auch in seiner Welt bin.
Doch kann meine Welt, so wahr sie meine ist, auch theoretisch nicht
restlos in unserer Welt aufge-hen, das ist der springende Punkt, denn
darum bin ich Ich. Das ist keine Sache der Tiefen-psychologie: dort kann
es Erfahrungen geben, sogar (wenn auch nicht eindeutig) mitteil-bare.49Keine
Erfahrung kann ich haben von meinem Denken, bevor ich es durch
Symbo-lisieren festgestellt habe. Ich kann nur rekonstruieren, "wie es
gewesen sein muß", indem ich es so beschreibe, wie es gewesen wäre, wenn es
in unserer Welt stattgefunden hätte, als Schema. Das ist
Transzendentalphilosophie. Kein Tatsachenerweis, sondern eine
Sinnbe-hauptung. Ein endgültiger und "letzter Mythos" - die "Geschichte,
die von dem spielenden oder abenteuernden oder bildnernden Ursubjekt
handelt".50
46 Husserl, "Ideen zu einer reinen Phänomenologie", in: Husserliana Bd. III/1, S. 57
47 Die Kunst ist in unserer Welt, muß aber nicht verstanden werden. Der andere Grenzfall ist das Internet. 48 Von meinem Verstand rede ich nicht. 49 Kann
es eine "Privatsprache" geben - ein privates Symbolsystem, das ‚die
Welt bedeutet’? Über unsere Welt muß ich mich mit mir nicht
verständigen, sondern mit Anderen. Und meine Welt muß niemand verstehen. 50 Eine
bekannte tiefenpsychologische Richtung will das Unbewußte als
Gegenstand naturwissenschaftlicher Analyse zum Bestandteil unserer Welt
machen; aber nicht so ganz: Sie schiebt als Bedingung eine persönliche
Initiation dazwischen.
Je
allgemeiner die ‚Welt’, von der die Rede ist, umso unspezifischer die
Tätigkeit des Zei-gens: Typischerweise bezeichnet dieses Bild in seiner
Allgemeinheit das Verhältnis zwischen einem Erwachsenen und einem Kind.
Man kann ‚die Welt’ von
einem partikularen Standpunkt aus ansehen. Je partikularer die ‚Welt’,
von der die Rede ist, umso spezifischer der Akt des Zeigens. Die ‚Welt
des Soldaten’ ist zwar eine besondere Welt, aber sie ist ‚allgemein’,
weil ‚Soldatsein’ keine besondere Ver-richtung, sondern eine besondere
‚Seinsweise’ ist; Soldat ist man auch nach Feierabend. Das ist nicht
Einweisung in Strategie und Taktik, nicht Waffenkunde, nicht dies oder
das, son-dern ein ‚ganzes Universum’, wenn auch ein besonderes.
„Pädagogik“ heißt hier
‚Menschenführung’, hat aber mit Kindern nichts mehr zu tun und sollte
Andragogik heißen. Die ‚Welt der Physik’ ist dagegen kein Universum,
sondern nur ein Ausschnitt: aus der ‚Welt der Wissenschaft’, gar nur der
‚Welt der (‚exakten’) Naturwis-senschaften’. Diese hochspezialisierte
Welt einem Neuling zeigen ist eine höchst spezifische Tätigkeit, die man
von Rechts wegen Lehre nennt. Erst hier gilt: ‚Die Grenze meiner
Spra-che ist die Grenze meiner Welt’.
Je allgemeiner die
Welt, um die es geht, umso eher ist von Bildung, je spezifischer die
Welt, umso richtiger ist von Lernen die Rede. Merke: Die allgemeinste
Welt – die, die den Meisten zugänglich ist – ist die natürliche Welt der
natürlichen Sprachen; die Welt, in denen nur Kin-der ‚neu’ sind.
Alle Kinder werden
irgendwie heranwachsen; dazu brauchen sie keine Professionellen.
Pro-fessionelle braucht es, um ihnen das"Symbolnetz"zu überliefern, in
dem unsere ganze Welt dargestellt ist: weil das Allgemeinwissen der
Menschheit so umfangreich und dabei so kom-plex geworden ist, daß es
nicht mehr einfach in jedenkinds Alltag „vorkommt“ und man einfach nur,
jeder an seiner Statt, dort hineinwachsen müßte, learning by doing. Ihre
Mittei-lung bedarf einer reservierten Zeit außerhalb der
Alltagsgeschäfte und einer speziellen Me-thode, denn natürlich kann nicht
jedem alles und schon gar nicht alles zugleich überliefert werden. Aber
die Schule privilegierte jene ‚Symbolnetze’, die sich zu diskursiver
Verknüp-fung eignen. Das war mit dem Schlagwort der
‚Verwissenschaftlichung’ gemeint, das den pädagogsichen Diskurs seit den
sechziger Jahren prägte. Verwissenschaftlichung bezieht sich per
Definition auf den Bereich des sogenannten ‚Herrschaftswissens’. Anderes
fällt nicht in ihren Bereich. Daß seither ‚Lernen’ zum
Schlüsselbegriff staatlicher Pädagogik wurde und ‚Bildung’ wie ein Zopf
abgeschnitten wurde, ist nur folgerichtig. Quod erat demonstrandum: Das
gegenwärtige Schulsystem ist entstanden und behauptet sich als ein
Produkt und eine Bedindung der industriellen Arbeitsteilung. Aber die
Arbeitsgesellschaft und ihre Industrie sind am Vergehen.
Nota. - Das alles fällt unter Anthropologie. Mit Transzendentalphilosophie hat es nur sofern zu tun, als diese die Fragen stellt, zu denen jene die Antworten sucht.
Der elementare Unterschied unserer Welt von meiner.
Der elementare Unterschied unserer Welt zu meiner ist ihre Objektivität. Denn anders als meine Welt ist sie auch - und gewissermaßen zuerst - die der Anderen.
Die Andern begegnen mir als Wollende, und nur darum finde ich mich als einen anders Wollenden.
Zu meiner Welt gehöre ich nicht nur, sondern sie gehört zu mir. In ihr will nur ich. Sie wird mir daher nicht zum Gegenstand, und dass ich will, kann ich so gar nicht bemerken. Doch erst als wollender werde ich ich und wird meine Welt zu meiner.
Unsere Welt ist apriori ein Raum verschieden Wollender. Das Material allen Wollens ist demgegenüber sekundär: Es ist strittig.