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Sonntag, 1. August 2021

Noch einmal: Der Leib-Seele-Dualismus.

O. Schlemmer, Zwei Köpfe, 1937

aus spektrum.de, 27. Juli 2021                                                                   

Hirnforschung und Dualismus: 
Wie war das mit der Seele?

Buchkritik: John-Dylan Haynes’ und Matthias Eckoldts “Fenster ins Gehirn”

Bücher vermitteln Wissen. Anders als in Fachzeitschriften oder populärwissenschaftlichen Medien können Autorinnen und Autoren in Büchern sehr frei schreiben: Es gibt (in der Regel) kaum Einschränkungen zu Inhalt und Umfang. In der “Buchkritik” diskutiere ich ein Kapitel eines Buches, das mich besonders interessiert oder mir zur Rezension angetragen wurde. Wie gewohnt geht es um den Themenbereich Philosophie, Psychologie und Hirnforschung.

Heute steht “Fenster ins Gehirn: Wie unsere Gedanken entstehen und wie man sie lesen kann” (Ullstein Verlag, 2021) von John-Dylan Haynes und Matthias Eckoldt im Rampenlicht. Haynes ist Direktor des Berlin Center for Advanced Neuroimaging und Professor am Bernstein Center for Computational Neuroscience der Charité Berlin. Eckoldt ist erfahrener Wissenschaftsjournalist.


Gleich am Anfang verweisen die Autoren auf ihre bei einer “professionellen Befragungs-agentur” in Auftrag gegebene Studie zum Zusammenhang zwischen Gehirn und Geist. Den Ergebnissen zufolge sind über 90 Prozent der Befragten Dualisten (S. 22). Auch im Inter-view mit dem Humanistischen Pressedienst meinte Haynes erst vor Kurzem: “Laut Umfra-gen sind über 90 Prozent der Menschen Dualisten.” Später im Buch wird dann – aus Sicht der Hirnforschung – gegen diesen philosophischen Standpunkt argumentiert.

Was ist Dualismus?

Unter dem Leib-Seele-Dualismus versteht man in der Regel, dass Körper (insbesondere Gehirn) und Geist beziehungsweise Seele verschiedene Dinge sind; philosophisch gesagt, verschiedene “Substanzen”, die aus sich heraus bestehen. Das schließt die Möglichkeit ein, dass Körper/Gehirn und Geist/Seele unabhängig voneinander existieren können. 

 

 

Dieser Standpunkt war und ist traditionell in vielen Religionen von Bedeutung. Und nach wie vor fühlt sich die übergroße Mehrheit der Menschheit einer Religion zugehörig.

Der Leib-Seele-Dualismus ist also eine ontologische Position darüber, wie die Welt wirklich ist. Bei näherer Betrachtung fällt aber auf, dass Haynes und Eckoldt hier Aussagen über das Sein und über unsere Erkenntnis – in Fachsprache: ontologische und epistemische Aussa-gen – über einen Kamm scheren. Mit Aussagen wie: “Der menschliche Geist kann nicht allein durch das Gehirn erklärt werden.” (S. 20), geht es nämlich eher um die Erkenntnis-möglichkeiten der Hirnforschung als um das Wesen von Geist/Seele.

Ich betone seit Jahren immer wieder, wie wichtig es ist, Aussagen über das Sein auf der einen und Aussagen über das Wissen/Erklären auf der anderen Seite deutlich zu trennen (Reduktionismus und die Erklärung von Alltagsphänomenen). Die Frage nach der Existenz von Geist/Seele ist nämlich weitgehend unabhängig von den Erklärungsmöglichkeiten der Hirnforschung:

Wenn, wie heute zweifellos der Fall, die Wissenschaft nicht den “Menschen an sich” er-klären kann, lässt sich nicht entscheiden, ob das an der Natur des Menschen (Sein) oder an den Möglichkeiten der Forschung (Erkenntnis) liegt. Umgekehrt ist es auch möglich, dass es zwar keine Seele gibt, wir Menschen aber trotzdem so kompliziert sind, dass wir nicht voll-ständig wissenschaftlich erklärt werden können. Gerade Neurowissenschaftler nennen das menschliche Gehirn gerne den komplexesten uns bekannten Gegenstand des Universums.

Wie man es auch dreht und wendet: Die Frage nach der Seele (Dualismus) mit der Frage der Erklärbarkeit des Menschen zu vermischen, ist also mindestens irreführend, wahr-scheinlich sogar falsch. Aber zugegeben, Haynes’ und Eckholdts Vorgehen liefert eine gute Schlagzeile. Und der Humanistische Pressedienst springt gleich darauf an. Ob das guter Journalismus ist, möge jeder selbst entscheiden.

Doch keine Mehrheit Dualisten?

Man kann es besser machen. So erhob beispielsweise der Psychologieprofessor Jochen Fahrenberg 2006 die Ansichten unter Studierenden. Seiner Befragung zufolge ließen sich nur rund 40 (Naturwissenschaften) bis 60 Prozent (Theologie) eher dem Dualismus zu-rechnen. In etwa so viele gingen von einer komplementären Sichtweise aus, die Körper und Geist als zwei Seiten einer Medaille sieht. Rund 10 bis 20 Prozent (Naturwissenschaften) hatten eine eher aufs Gehirn begrenzte, reduktionistische Sichtweise (Hirnforschung oder Religion: Wer ist hier Dualist?).

Psychologieprofessor Fahrenberg untersuchte die Ansichten Studierender zum Leib-Seele-Problem oder, in seinen Worten, Seins-Weisen (mehr Details und den Link zur Studie gibt es hier).

Im Übrigen ist auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass es zwar eine Seele gibt, der Mensch aber trotzdem vollständig wissenschaftlich erklärbar ist. Das wäre genau dann der Fall, wenn die Vorgänge von Geist/Seele und Körper/Gehirn streng aneinandergekoppelt sind.

Denn das ist es ja, was (insbesondere biologische) Psychologen und (kognitive) Neurowis-senschaftler seit jeher machen: physische (körperliche) Reaktionen mit psychischen Vor-gängen in Verbindung bringen; und umgekehrt. Eine weiterführende metaphysische Inter-pretation über das “Wesen der Psyche” ist dafür gar nicht notwendig.

Und, man höre und staune, schon im 17./18. Jahrhundert kam man auf den Gedanken, dass Leib und Seele eng verbunden sind, Stichwort “psychophysischer Parallelismus”. Mit tieferer Textarbeit könnte man dafür argumentieren, dass sogar der Vorzeigedualist und Naturforscher René Descartes (1596-1650) einen strengen Zusammenhang zwischen Leib und Seele annahm, jedenfalls für das diesseitige Leben.

Mit dem Aufkommen der Naturwissenschaft – im 19. Jahrhundert dann dem Energieerhal-tungssatz – wurde Philosophen deutlich, dass Beschreibungen von Naturvorgängen in sich schlüssig sind und keine äußere Kraft angenommen werden muss. Schon in der Antike gab es solche Überlegungen (Das kleine Einmaleins des Leib-Seele-Problems).

Da schien die Annahme einer Parallelität – oder in Gottfried Wilhelm Leibniz’ (1646-1716) Worten: Harmonie – zwischen Leib und Seele verlockend. Diese löst den Widerstreit zwi-schen den Seinsweisen zumindest auf begrifflich-logischer Ebene. Warum dann überhaupt noch von Seelen sprechen? Folgerichtig entstanden später die Positionen der Epiphäno-menalisten (die psychischen Vorgängen alle Kausalkräfte absprechen) oder Eliminativisten (die die Existenz psychischer Vorgänge verneinen).

Dualismus experimentell belegen?

So viel Philosophiegeschichte muss man natürlich in einem 2021 veröffentlichten Buch über Hirnforschung nicht zur Kenntnis nehmen. Wenn man sich aber ausdrücklich auf philosophisches Terrain begibt, dann täte man gut daran. Die Autoren gehen sogar noch ein paar Schritte weiter und diskutieren, wie man einen Dualismus experimentell bestätigen oder widerlegen könnte:

Eine Möglichkeit wäre, Gedanken zu finden, die überhaupt keine Spuren im Gehirn hinterlas-sen. Man könnte eine Versuchsperson bitten, sich […] zwei verschiedene Dinge vorzustellen – etwa einen Hund und eine Katze. […] Wenn wir im Labor zwischen diesen beiden Gedanken keinerlei Veränderung in der Hirnaktivierung feststellen können, wäre erwiesen, wovon die Mehrheit der Menschen laut unserer Umfrage ausgeht: nämlich, dass wir nicht allein mit der Hirnaktivität herausfinden können, was jemand denkt. […] Doch als Hirnforscher habe ich erfahren, dass das Gegenteil zutrifft: Gedanken lassen sich aus der Hirnaktivität in der Tat zu einem gewissen Grad auslesen […]. Haynes/Eckoldt, 2021, S. 50-51

Der Teufel steckt hier im Detail: Als erfahrener Hirnforscher weiß Haynes, dass ein Null-befund (kein Unterschied) in den Gehirndaten verschiedene Gründe haben kann. Wenn sich beispielsweise Gedanke A und Gedanke B im Signal nicht unterscheiden lassen, könnte das an einem Messfehler liegen; es könnte aber auch sein, dass das Messinstrument nicht genau genug ist.

Und die Verfahren der Hirnforschung reduzieren die Aktivität vieler tausend bis hundert-tausend Neuronen und anderer Zellen auf ein einziges und zudem sehr grobes Signal; oder sie sind zwar sehr genau, erfassen aber nur sehr wenige Zellen gleichzeitig. Ersteres gilt ins-besondere auch für die Verfahren, mit denen Haynes arbeitet, nämlich die funktionelle Mag-netresonanztomographie (fMRT) und Elektroenzephalographie (EEG).

Zwischenfazit

Aus dem Vorangegangenen folgt, dass weder die Abwesenheit gemessener Gehirnunter-schiede die Existenz einer Seele beweist, noch ihre Anwesenheit diese widerlegt. Der Ge-danke, die Seele im Gehirnscanner zu finden, ist in etwa so geistreich wie die Vorstellung, den “lieben Gott im Himmel” mit einer Weltraumsonde zu suchen. Die Leser von “Fenster ins Gehirn” werden also gleich am Anfang sowohl über die Verbreitung des Dualismus als auch über die Möglichkeiten der Hirnforschung in die Irre geführt.

Für an der Physik interessierte Leser gibt es eine interessante Analogie: Der Streit darüber, ob die Welt deterministisch ist, ist ähnlich alt wie die Diskussion über die Existenz der Seele. An bestimmten Punkten berühren sich die Diskussionen sogar, wo manche im naturwissenschaftlichen Indeterminismus ein Einfallstor für “übernatürliche” Entitäten sehen.

Formallogisch stimmt das sogar: Wo die Natur das Ergebnis nicht zwingend festlegt, könnte es (rein theoretisch) übernatürlich festgelegt werden. Es sollte aber klar sein, dass aus dieser (metaphysisch-spekulativen) Möglichkeit nicht folgt, dass es in unserer Welt wirklich so zugeht. Ich will hier aber auf etwas Anderes heraus:

Der Chaostheorie zufolge kann der Ausgang eines Versuchs unvorhersehbar (und in diesem Sinne indeterministisch) sein, auch wenn das System selbst deterministisch ist. Was hat das nun mit dem Dualismus zu tun? Ganz einfach: Wenn uns die Welt indeterministisch er-scheint (Erkenntnis, Wissen; epistemische Ebene) ist das kein Beweis für ihre wirkliche Indeterminiertheit (Sein; ontologische Ebene). Wo Haynes und Eckoldt diese Ebenen vermischen, begehen sie einen Fehlschluss.

Noch ein philosophischer Punkt zum Dualismus: Warum sollte man überhaupt die Existenz einer Seele annehmen? Hierfür gibt es im Wesentlichen traditionell-religiöse und phänome-nologische Gründe. Letztere bedeuten, dass man sich selbst – etwa bei außerkörperlichen Erfahrungen – als losgelöst von seinem Körper wahrnimmt. (Ich hatte solche Erlebnisse, insbesondere während meines Studiums der Philosophie des Geistes, ordnete diese auf-grund von Wahrnehmungsfehlern aber als Traum ein.)

Schein oder Sein?

Auch vom phänomenalen Schein können wir nicht ohne Weiteres auf das wirkliche Sein schließen, selbst wenn solche Erfahrungen für manche Menschen eine tiefe Überzeugungs-kraft besitzen. Ähnliches berichten Konsumenten halluzinogener Substanzen wie Ayahu-asca oder LSD, die darum auch in spirituellen Kreisen beliebt sind. Da kommt man mit wissenschaftlichen oder Vernunftargumenten oft nicht weit.

Bei der Existenz der Seele handelt es sich – wie bei der Existenz eines Gottes – um eine Glaubensfrage. Es geht um Metaphysik, nicht Physik (Naturwissenschaft). Und es sollte sich irgendwann einmal herumgesprochen haben, dass man metaphysische Fragen nicht empirisch, also auch nicht mit wissenschaftlichen Experimenten lösen kann. Grundkurs Philosophie, Teil 1.

Die positivistischen Philosophen des Wiener Kreises (wie Moritz Schlick oder Rudolf Car-nap) lehnten metaphysische Fragen daher gänzlich ab: Wenn die Wahrheit oder Falschheit einer Aussage – etwa, dass es eine Seele gibt – keinen empirisch feststellbaren Unterschied macht, dann sei sie schlicht sinnlos. Und “sinnlos” ist für einen Philosophen noch schlim-mer als “falsch”. Jeder kann sich mal irren; aber sinnlose Sätze formulieren?

 

Im nächsten Teil beschäftigen wir uns mit der Frage, was Gedanken sind und wie wir Zugang zu ihnen bekommen.

Hinweis: Dieser Beitrag erscheint auch auf Telepolis. Titelgrafik (bearbeitet): Gerhard G. auf Pixabay.

 

Nota. - Diesen Text übernehme ich ausnahmsweise ohne eigenen Kommentar. Beachten Sie aber, dass Stephans Schleims Beitrag bislang rein kritisch ist; sobald er im Folgenden zu positiven Aussagen kommt, könnte ich doch etwas einzuwenden haben.

JE

Mittwoch, 3. Juni 2020

Das Leib-Seele-Problem.

Oskar Schlemmer, Zwei Köpfe, 1937
aus spektrum.de, 31. Mai 2020
Das kleine Einmaleins des Leib-Seele-Problems
Der Mensch als Kulturwesen oder Naturgegenstand?

Von Stephan Schleim

Das Leib-Seele-Problem hat in unserer Kultur eine lange Geschichte. Viele werden hier zuerst an den Philosophen, Mathematiker und Physiologen René Descartes (1596-1650) denken. Dieser trennte Körper (beziehungsweise ausgedehnte Dinge) und Seelen (beziehungsweise denkende Dinge) begrifflich in zwei Domänen. Diese stünden im Menschen – und auch nur in ihm – vor allem in der Zirbeldrüse (Epiphyse) miteinander in Verbindung. Dieses Organ schien Descartes wegen seiner zentralen Lage im Gehirn der passende Ort für die Leib-Seele-Wechselwirkung.
Das Titelbild ist ein Gemälde des deutschen Malers und Bauhaus-Meisters Oskar Schlemmer (1888-1943) aus dem Jahr 1937. Es ist eine Hommage an den emeritierten Magdeburger Professor für Theoretische Philosophie Arno Ros, auf den mich bei einem früheren Artikel zum Leib-Seele-Problem ein Leser aufmerksam machte. Ros verwendete auf seinem Buch “Materie und Geist: Eine philosophische Untersuchung”, in dem er ähn-liche Ziele verfolgt wie ich im folgenden Text, ein Gemälde desselben Künstlers. ...
Ich möchte hier aber noch einmal ziemlich genau 2000 Jahre länger in unserer Kulturgeschichte zu-rückgehen, nämlich zu keinem Geringeren als Sokrates (469-399 v.Chr.). Dieser saß nach seiner Verur-teilung wegen Gottesfrevels und verderblichen Einflusses auf die Jugend im Gefängnis und wartete auf seinen Tod. Mit seinen kritischen Fragen hatte er zu viele Athener gegen sich aufgebracht. 

Seine Schüler und Freunde, darunter der Simmias aus wohlhabendem Hause, hatten ihm die Flucht er-möglichen wollen. Doch Sokrates blieb. Und er blieb mit Fassung, seinen Idealen treu, obwohl er den Urteilsspruch für ungerecht hielt. So will es die literarische Überlieferung seines Schülers Platon. Und dort im Gefängnis besuchten ihn noch einmal seine Schüler Phaidon, nach dem Sokrates’ letzte Unterweisungen benannt sind, Simmias und Kebes. Ein Grund für die Gefasstheit des Philosophen, während viele seiner Freunde schon um ihn trauerten, war dessen unerschütterlicher Glaube an die Unsterblichkeit der Seele. Auch heute, fast 2500 Jahre später, verwundert es uns nicht, dass Menschen sich im Angesicht des Todes Gedanken über das Jenseits machen. Hier soll es aber nicht um Sokrates’ Seelenlehre gehen.

Erklärung sozialer Sachverhalte

Für diejenigen unter uns, die noch für unbestimmte Zeit im Diesseits verharren, stellt sich eine andere interessante Frage: Warum war Sokrates im Gefängnis? Oder allgemeiner gefragt: Was gilt als Erklärung für Sachverhalte wie dem, dass der Philosoph dortblieb – und nicht etwa mit seinen Freunden geflohen war?

Sokrates erzählt, dass er sich schon in seiner Jugend für die Ursachen aller Phänomene interessierte. Dabei sei er auf das Werk des Naturphilosophen – Naturwissenschaft im heutigen Sinne gab es noch keine – Anaxagoras (500-428 v. Chr) gestoßen. Laut dessen Lehre sei die Antwort auf die Frage, warum Sokrates im Gefängnis ist,  
“weil mein Leib aus Knochen und Sehnen besteht und die Knochen dicht sind und durch Gelenke voneinander geschieden, die Sehnen aber so eingerichtet, dass sie angezogen und nachgelassen werden können und die Knochen umgeben von dem Fleisch und der Haut, welche sie zusammenhält. Da sich nun die Knochen in ihren Gelenken drehen, so machten die Sehnen, wenn ich sie nachlasse und anziehe, dass ich jetzt imstande sei, meine Glieder zu bewegen, und aus diesem Grund säße ich jetzt hier mit gebogenen Knien.”
Phaidon, 98c-e, nach der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher von 1809
Kurzum, aus heutiger Sicht würden wir sagen, dass Anaxagoras den Sachverhalt auf die Physiologie reduzieren wollte. Ähnliche sei der Versuch, erklärt Sokrates weiter, das Gespräch zwischen ihm und seinen Schülern auf die Töne, die Luft und das Gehör zu reduzieren. Solchen Bestrebungen widerspricht er aber entschieden und hält es stattdessen für die “wahren Ursachen”,
“dass nämlich, weil es den Athenern besser gefallen hat, mich zu verdammen, deshalb es auch mir besser geschienen hat, hier sitzen zu bleiben, und gerechter geschienen hat, hier zu bleiben und die Strafe geduldig auf mich zu nehmen, welche sie angeordnet haben. Denn, beim Hunde, schon lange, glaube ich wenigstens, wären diese Sehnen und Knochen in [der Hafenstadt] Megara oder bei den Boiotiern …, hätte ich es nicht für gerechter und schöner gehalten, lieber als dass ich fliehen und davongehen sollte, dem Staate die Strafe zu büßen, die er mir anordnet.”
Phaidon, 98e-99a, nach der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher von 1809
Mit anderen Worten: Sokrates säße wegen des Urteils der Athener im Gefängnis und wegen seiner eigenen Entscheidung, weil er das für gerechter und schöner gehalten habe, als wegzulaufen. Und man muss auch fast 2500 Jahre später einräumen, dass dieser Erklärung eine gewisse Plausibilität innewohnt. Auf physio-logischer Ebene aber erklären zu wollen, warum der Philosoph dort saß und wenig später aus dem Giftbe-cher trinken würde, anstatt in Megara seine Freiheit zu genießen, wäre auch heute noch eine unlösbare Herausforderung.

Willkommen inmitten des Leib-Seele-Problems.

Zwar reden wir inzwischen weniger von Seelen als zu Sokrates’ Zeiten – nicht in der Philosophie und schon gar nicht in den Naturwissenschaften. Doch, wie ich im Folgenden zeigen möchte, ist auch die Rede vom “Geist” (englisch mind, von lateinisch mens und Sanskrit manas), der uns in der Philosophie oder auch den “Geisteswissenschaften” häufiger begegnet, nicht unproblematisch. Bis hierhin sollte aber klar gewor-den sein, dass es bis heute eine Herausforderung geblieben ist, den Menschen als Kulturwesen oder als Naturgegenstand zu beschreiben; und diese Herausforderung begleitet uns schon mindestens seit der Antike.

Der britische Philosoph Jonathan Westphal hat 2016 ein neues Buch über das Leib-Seele-Problem – oder in seiner aktuelleren Variante sollte man es besser “Körper-Geist-Problem” nennen – geschrieben (Westphal, J. (2016). The Mind-Body Problem. Cambridge, MA: MIT Press). Darin formuliert er es als ein logisches Problem mit den folgenden vier Prämissen:

(1) Der Geist ist ein nichtphysikalisches Ding.
(2) Der Körper ist ein physikalisches Ding.
(3) Geist und Körper interagieren miteinander.
(4) Physikalische und nichtphysikalische Dinge können nicht miteinander interagieren.

Die vier Annahmen führen zu einem Widerspruch und können daher nicht gleichzeitig wahr sein. Auf den Sinn der einzelnen Prämissen und den Widerspruch werde ich bei einer ähnlichen Formulierung des Pro-blems durch den Schweizer Philosophen Peter Bieri gleich ausführlicher eingehen. Hier will ich erst einmal die Aufmerksamkeit darauf richten, den Geist als “Ding” zu sehen. In der Fachsprache nennt man dies auch Reifikation, wortwörtlich “Verdinglichung”, von lateinisch res für “Ding”.

Ob wir nun im Deutschen vom “Geist” sprechen oder das englische “mind” verwenden, wie Westphal es in seinem Buch tut, sollten wir kurz innehalten, was wir damit überhaupt meinen. Der Duden erklärt das Wort als “denkendes Bewusstsein des Menschen, Verstandeskraft, Verstand”, das Grimmsche Wörterbuch setzt es in ganzen 119 Spalten unter anderem mit der Seele und dem Atem in Beziehung. Mit über 500.000 Zei-chen wäre der Eintrag für ein einziges Wort genug für ein eigenes Buch! Das wäre aber allenfalls für ein paar Sprachwissenschaftler und Philosophen von Interesse.

Für unsere Zwecke ist die Feststellung hinreichend, dass man den Geist erst zu einem Ding macht und dann später Probleme bekommt, weil physikalische und nichtphysikalische Dinge nicht miteinander interagieren könnten. Man erwartet von dem so verstandenen Geist etwas, was er, gemäß wissenschaftlichen Überle-gungen über beispielsweise Energieerhaltung oder Ursache-Wirkungs-Beziehungen, nicht leisten kann. Kein Wunder, dass das zu Schwierigkeiten führt!
 
Rätselhafte Wechselwirkung

Das Weltgeschehen ist komplexer als das, was sich auf einem Billardtisch abspielt. Dort trifft eine Kugel auf eine andere, überträgt ihre Bewegungsenergie und das Spiel geht weiter. Wenn man jetzt für die erste Kugel “den Geist” setzt, dann ist nicht ersichtlich, wo und wie die Interaktion, der Stoß, stattfinden soll. Mit diesem Problem war schon Descartes konfrontiert, wie in einem Briefwechsel mit Elisabeth von der Pfalz (1618-1680) dokumentiert ist. So schrieb die Adlige dem Philosophen im Mai 1643:
“Wie kann die Seele des Menschen die Lebensgeister [deutsch für lateinisch spiriti animali, wie man damals die Kraft nannte, die den Körper bewegt; Anm. St. S.] dazu veranlassen, die Willkürhandlungen auszuführen (da sie doch nur eine denkende Substanz ist)? Denn es scheint, daß jede Bewegung durch einen Stoß verursacht wird, wobei die Art des Stoßes von den Eigenschaften und der Form der Oberfläche abhängt, durch den der Stoß ausgeführt wird. In den ersten beiden Fällen wird Berührung vorausgesetzt und beim dritten räumliche Ausdehnung. Sie schließen aber diese vollständig aus dem Begriff aus, den Sie von der Seele haben, und jene erscheint mir unvereinbar mit einem immateriellen Gegenstand. Deshalb bitte ich Sie um eine spezifischere Definition der Seele als in ihrer Metaphysik.”
Zitiert nach Hammling, S. (2018). Mentale Verursachung. Problemaufriss und Darstellung einer Debatte innerhalb der zeitgenössischen Philosophie des Geistes. Ludwig-Maximilians-Universität München: Inauguraldissertation, S. 47.
Elisabeth machte Descartes darauf aufmerksam, dass er die Wechselwirkung von Leib und Seele nicht erklären konnte. Ja, der Philosoph könne nicht einmal plausibel machen, wie etwas Immaterielles die Teilchen im Körper anstoßen und so in Bewegung setzen könne! Auch Descartes’ Antwort stellte die Adlige nicht zufrieden und sie zeigte ihm weitere Probleme in seinem Denkmodell auf.

Wenn wir heute, bald 400 Jahre später, “Seele” durch “Geist” ersetzen, dann wird die Lösung keinesfalls naheliegender. Trotzdem wird es oft stillschweigend hingenommen, wenn jemand Sätze wie den folgenden formuliert, um hier noch einmal Westphal zu zitieren: “Materie oder das Physikalische kann irgendwie den Geist beeinflussen; und der Geist kann irgendwie den physikalischen Körper bewegen” (Westphal, 2016, a.a.O., S. 12; meine Übersetzung). Ein anderes Beispiel lieferte der kanadische Philosoph Walter Gannon erst kürzlich in einem Fachartikel über psychiatrische Behandlungen:
“Eine normale Geist-Gehirn-Interaktion ermöglicht es Personen, sich an die Welt anzupas-sen. Bei schwereren psychiatrischen Störungen gibt es sowohl auf der mentalen als auch auf der neuronalen Ebene eine Dysfunktion. Ein angemessenes Erklärungsmodell für diese Stö-rungen und Interventionen zu ihrer Behandlung erfordert nicht nur ein Verständnis der In-teraktion zwischen dem Geist und Gehirn, sondern auch wie genetische, epigenetische, hormonale, Immunsystem- und Umweltfaktoren diese Interaktion beeinflussen.”
Glannon, W. (2020). Mind-Brain Dualism in Psychiatry: Ethical Implications. Frontiers in Psychiatry, 11, 85, S. 2; meine Übersetzung.
Probleme dualistischer Sprache

Glannon meint, den Leib-Seele-Dualismus von Descartes überwunden zu haben, verwendet aber weiter dualistische Sprache, in der die Seele schlicht durch den Geist ersetzt wird. Westphal und Glannon sind damit nicht alleine; und es sind auch nicht nur Philosophen, die so reden. Eine schnelle Suche auf der Google-Seite für akademische Texte, Google Scholar, nach “the mind” ergibt beispielsweise fast vier Millionen Treffer. Und auf dem Web of Science, einer Datenbank für wissenschaftliche Fachartikel, liefert eine entsprechende Themensuche tausende Publikationen. Dabei stehen neben der Philosophie auch Psychiatrie, Psychologie, Neurowissenschaften, Geistes-, Literatur- und Geschichtswissenschaften ganz oben auf der Liste.

In der frühen Menschheitsgeschichte – und in manchen Religionen bis heute – war es üblich, unerklärli-chen Naturkräfte als Götter zu beschreiben: Da gab es einen Wasser-, Feuer-, Regen- oder Donnergott und so weiter. Diesen Prozess nennt man auch “Deifikation”, Vergöttlichung. Machen wir dasselbe, wenn wir unsere psychischen Prozesse wie Wahrnehmungs-, Gefühls-, Denk-, Entscheidungs- und Handlungspro-zesse einem Geist zuschreiben, Re ifikation?

Wie sollten wir die Existenz so eines Dings nachweisen? Wir können es nicht anfassen, nicht hin- und herschieben oder mit physikalischen Teilchen beschießen. Um eine berühmte Wendung aus der hindu-istischen Bhagavad Gita (Kapitel 2, Vers 23), einem der wichtigsten Bücher dieser Religion, zu zitieren, mit der das Selbst charakterisiert wird: “Waffen können ihm nichts anhaben, Feuer verbrennt es nicht, Wasser macht es nicht nass und Wind macht es nicht trocken.” So scheint es sich auch mit dem Geist zu verhalten. Reden Philosophen und Wissenschaftler also vielfach über eine Illusion?

Das Bieri-Trilemma

Ich will mich meinem Lösungsvorschlag mit einem Zwischenschritt annähern. Oben versprach ich, mich noch mit der Variante des Körper-Geist-Problems von Peter Bieri zu beschäftigen. Diese wurde mir in meinem Studium beigebracht und verwende ich in meiner eigenen Lehre noch heute. Im Folgenden habe ich allerdings “mentale Zustände” durch “psychische Prozesse” ersetzt:

(1) Mentaler Realismus: Es gibt genuin mentale/psychische Prozesse und diese sind nicht-physikalische Prozesse.
(2) Mentale Verursachung: Mentale/psychische Prozesse sind für den Verlauf der Welt kausal relevant.
(3) Kausale Geschlossenheit: Der physikalische Bereich ist kausal geschlossen; jedes physikalische Ereignis hat eine hinreichende physikalische Ursache.

Diese Formulierung ähnelt der von Westphal, kommt aber mit nur drei Prämissen aus. Das liegt im We-sentlichen daran, dass der britische Philosoph den Körper explizit als “physikalisches Ding” definierte, um den logischen Widerspruch leichter erkennbar zu machen. Bevor ich auf den Widerspruch komme, also das Körper-Geist-Problem im engeren Sinn, sei nun etwas mehr über den Inhalt der drei Annahmen gesagt:

Der mentale Realismus räumt den psychischen Prozessen ein eigenes Bestehensrecht ein. Sie sind etwas prinzipiell Anderes als physikalische Vorgänge. Das entspricht jedenfalls unserer Intuition, dass unser Wahrnehmen, Fühlen, Denken, Entscheiden und Handeln etwas ist, das nur im belebten Teil der Natur vorkommt, in einem anspruchsvolleren Sinne nur in den höheren Lebewesen und in anspruchsvollster Weise vielleicht sogar nur in uns Menschen. (Vertreter von Computerintelligenz oder künstlichem Bewusstsein mögen mir verzeihen, dass ich dieses Thema ausklammere, um den Aufsatz nicht zu lang werden zu lassen.)

Die Idee der mentalen Verursachung drückt aus, dass psychische Prozesse nicht nur als Beiprodukte entstehen, sondern auch etwas in der Welt bewirken. Das entspricht auch unserer Intuition, denn wir erfahren unsere Entscheidungen und Handlungen als Ergebnisse unserer Wahrnehmungs-, Gefühls- und Denkprozesse. Dass unsere Handlungen, etwa jetzt mein Schreiben dieses Artikels, etwas in der Welt bewirken, beispielsweise Ihr Lesen desselben, lässt sich kaum bezweifeln. Die Frage ist hier aber, ob die Handlungen wirklich kausale Folgen psychischer Prozesse sind. Vielleicht findet die ganze kausale Wechselwirkung doch nur auf der physikalischen Ebene statt?

Jetzt bleibt noch die dritte Annahme, die der kausalen Geschlossenheit. Über die Frage, was Kausalität ist, wurden ganze Bände geschrieben. In dieser Tiefe können wir das Thema hier nicht behandeln; das brau-chen wir aber auch nicht. Wir können es hier bei der Intuition belassen, dass das Netz von Ursachen und Wirkungen in der Natur und dann insbesondere in der Physik keine Lücken aufweist. Jedes physikalische Ereignis hat dann eine vollständige physikalische Ursache. (Dass das Prinzip der Kausalität in der Physik auch durch Entdeckungen der Quantenmechanik an Bedeutung verloren hat, wäre hier ein berechtigter Einwand, bedeutet für das Körper-Geist-Problem erst aber einmal nichts.)

Über jede der drei Prämissen kann man lange philosophische Diskussionen führen und dabei auch auf wissenschaftliche Befunde verweisen. Für uns genügt es hier erst einmal, dass sie nicht völlig abwegig sind, und die Annahme von zweien jeweils die Dritte ausschließt: Wenn psychische Prozesse nicht-phy-sikalisch und doch kausal wirksam sind, wie kann der physikalische Bereich dann kausal geschlossen sein? Immerhin sind die Folgen unserer psychischen Prozesse, beispielsweise die Tippbewegungen meiner Finger auf der Tastatur, ja auch physikalische Vorgänge, nämlich letztlich Bewegung von Atomen.

Nimmt man stattdessen mentale Verursachung an und hält den physikalischen Bereich für kausal ge-schlossen, wie können psychische Prozesse dann noch nicht-physikalisch sein? Und schließlich, drittens und letztens, wenn psychische Vorgänge nicht-physikalisch sind und der Bereich des Physikalischen kausal geschlossen ist, wie können sie dann noch kausal wirken? Es scheint aussichtslos: Jedes Mal kommen wir auf einen Widerspruch. In Anlehnung an das Wort “Dilemma” und den Namen des Autors nannte man diese Formulierung des Körper-Geist-Problems dann auch das “Bieri-Trilemma”.

Drei klassische Lösungswege

Interessanterweise – und das macht das Bieri-Trilemma auch so geeignet für die Lehre – kann man jeden Versuch, sich einer der Prämissen zu entledigen, einem bestimmten philosophischen Standpunkt zuordnen: Wenn man den mentalen Realismus ablehnt, dann landet man bei einer reduktionistischen Position, die darauf hinausläuft, dass psychische Vorgänge letztlich doch nur physikalische Prozesse sind. Formulie-rungen wie: “Der Geist ist nichts Anderes als das Gehirn.”, sind hierfür beispielhaft. Extrempositionen bestreiten ganz generell den Sinn der Redeweise vom Geist oder psychischen Prozessen. Diese nennt man darum auch “Eliminativismus”, worin das Wort “eliminieren” steckt.

Wenn man die These der kausalen Geschlossenheit ablehnt, dann landet man üblicherweise bei duali-stischen Standpunkten. Damit stellt sich vor allem die Frage, inwieweit psychische Prozesse noch in ein naturwissenschaftliches Weltmodell hereinpassen. Wie wir gesehen haben, räumte beispielsweise Descartes der Seele eine eigene Seinsweise ein, die der denkenden Substanz. Zudem ging er davon aus, dass sie auf den Körper wirkt (und umgekehrt), und zwar vor allem über die Zirbeldrüse. Er konnte aber den postulier-ten Wirkmechanismus nicht erklären, nicht einmal plausibel machen.

Schließlich kann man noch die These der mentalen Verursachung ablehnen. Diesen Standpunkt nennt man dann Epiphänomenalismus. Ein Epiphänomen ist eine bloße Randerscheinung, eine Folge von anderen Prozessen ohne eigene Wirkung auf weitere Vorgänge. Ein klassischer Vertreter dieses Standpunkts war der Biologe und Philosoph Thomas H. Huxley (1825-1895), der dabei übrigens Descartes’ physiologische Gedanken weiterführte und auf den Menschen übertrug.

Auch heute noch vertreten manche Philosophen, Biologen und Neurowissenschaftler zwar den Standpunkt, dass es in einem starken Sinne psychische Prozesse gibt, diese aber keinen Einfluss auf der physikalischen Ebene haben können. Das degradiert den Geist oder die Psyche, wenn man es so nennen will, zum bloßen Zuschauer des Weltgeschehens.

Huxley war übrigens nicht nur der Großvater des Biologen Julian und des Schriftstellers Aldous Huxley, sondern auch ein großer Verteidiger von Darwins Evolutionstheorie. Während sich Charles R. Darwin (1809-1882) aus öffentlichen Debatten eher heraushielt, ging Thomas Huxley der Konfrontation auch mit einflussreichen Kirchenvertretern nicht aus dem Weg. Das brachte ihm den Spitznamen “Darwins Bull-dogge” ein, für den er heute wohl bekannter sein dürfte als für den Epiphänomenalismus.

Nähere Analyse der Sprache

Wir haben jetzt schon viel gelernt – aber immer noch keine Lösung für das Körper-Geist-Problem. Ich denke, dass wir uns noch einmal genauer mit der Sprache beschäftigen müssen, die wir hier verwenden.

Die Meisten von uns würden sich wahrscheinlich der These anschließen, dass wir Wahrnehmungs-, Ge-fühls-, Denk-, Entscheidungs- und Handlungsprozesse haben. Ich sehe jetzt beispielsweise den Text auf dem Bildschirm, höre draußen ein Auto vorbeifahren, sehe durch das große Fenster aber auch die grünen Blätter vieler Bäume und höre Vogelzwitschern. Es ist ein sonniger Tag im Mai.

Ich weiß, dass ich zu viel am Computer sitze und spüre deshalb sogar schon Schmerzen im Nacken, in der Schulter und im Arm. Ich habe mir aber vorgenommen, unter anderem diesen Text noch vorm Juni fertig-zustellen. Eine erste Version hatte ich schon vor über einem Jahr angefangen. Da ich zu diesem Thema aber schon meine Magisterarbeit im Jahr 2005 geschrieben habe, sind meine Erwartungen an mich selbst hoch: Ich will wirklich einen Schritt weiterkommen. Und es soll auch ein schöner Text werden.

Diese Faktoren – so erlebe ich es jedenfalls – spielen alle eine Rolle bei der Entscheidung dafür, jetzt diese Zeilen zu schreiben. Ich will nicht aufhören, bevor ich fertig bin, und denke mit Widersinn an den univer-sitären Online-Kurs, den ich heute Abend noch leiten muss. Ich hatte ihn erst schon vergessen; danach kam mir der Gedanke, ob ich ihn schwänzen könne. Meine Studierenden machen das manchmal. Ich kann mir das als Kursleiter aber nicht erlauben.

Auf einen Teil dieser Vorgänge beziehe ich mich sprachlich, indem ich von der Entscheidung spreche, den Text zu schreiben. Die meisten Leserinnen und Leser werden vermutlich auch problemlos verstehen, was ich damit meine. Wenn ich jetzt aber einen genauen Zeitpunkt angeben soll, an dem diese Entscheidung stattfindet, gerate ich in Probleme. Ich würde gar sagen, dass sich dieser Vorgang schon tagelang hinzieht. Es ist ein Ringen mit mir selbst, das erst dann sein Ende finden wird, wenn dieser Text fertig ist.

Wissenschaftliche Untersuchung

Wer solche Phänomene, die ja zweifellos Teil unserer Welt sind, nun wissenschaftlich untersuchen will, steht vor vielen Problemen: Die sprachliche Formulierung, die ich hier vorgeschlagen habe, ist nämlich viel zu grob. Mit einer Beschreibung wie “der Entscheidungsprozess ist ein innerer Kampf, der sich schon tagelang hinzieht”, kann kein Experimentalpsychologe oder Neurowissenschaftler etwas anfangen. Früher habe ich ja selbst solche Versuche durchgeführt.

Um mit den gängigen psychologischen oder neurowissenschaftlichen Verfahren untersucht zu werden, muss ein Vorgang standardisiert und zeitlich eingegrenzt werden, idealerweise in einem Zeitfenster von wenigen Sekunden. Aufgrund der Variabilität von Messergebnissen muss er idealerweise auf Anweisung produzierbar und viele Male wiederholbar sein. Solche Herausforderungen gilt es zu meistern, bevor überhaupt mit einem Versuch angefangen wird.

Dann stellt sich die Frage, mit was für einem Messverfahren man das Phänomen untersuchen will. Die Elektroenzephalographie (EEG) wird seit fast 100 Jahren verwendet, misst elektrische Ströme an der Kopfhaut und ist zwar sehr schnell, dafür räumlich aber recht ungenau. Neuere Verfahren wie etwa die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) sind zwar räumlich genauer, dafür zeitlich aber sehr träge. Zudem misst sie ein Durchblutungssignal, das nur indirekt mit der Zellaktivierung im Gehirn zu-sammenhängt.

Niemand wird wohl bezweifeln, dass das Nervensystem und insbesondere das Gehirn eine bedeutende Rolle bei den genannten Vorgängen spielt. Das Nervensystem befindet sich aber auch in einem Körper und dieser in einer Umwelt. Für den Zustand von Körper und Umwelt sind außerdem Vorgänge in der Vergan-genheit entscheidend. So weit dürfte Descartes auch schon gewesen sein und sogar Sokrates hat einge-räumt, wie wir am Anfang des Artikels gesehen haben, dass ihn in einem gewissen Sinne seine Gebeine ins Gefängnis gebracht haben.

Was wollen wir erklären?

Was gilt es aber denn zu erklären? Stellen wir uns ein aktuelleres Beispiel vor, dass ein Bankräuber vor Gericht steht und dort gefragt wird, warum er an einem bestimmten Tag die örtliche Sparkasse überfallen hat. Darauf seine Antwort: “Weil vom motorischen Kortex meiner Großhirnrinde Signale an die Muskeln gesendet wurden, die mich in die Sparkasse gehen ließen; Signale an meine Hände ließen mich dort mit der Pistole herumfuchteln und Signale an mein Zwerchfell, meine Stimmbänder und meinen Mund ließen mich schreien: ‘Geld her, oder es knallt!'”

In einem gewissen Sinne stimmt die Erklärung des Räubers, denn wir wissen aus Zeugenaussagen und Videoaufnahmen, dass sich die Tat so zugetragen hat. In einem gewissen Sinn wäre die Beschreibung auch wissenschaftlich richtig, denn all diese Vorgänge müssen im Körper stattgefunden haben, damit der Bank-raub so ablaufen konnte. Das Gericht würde wahrscheinlich trotzdem glauben, dass der Bankräuber Witze macht oder die Befragung nicht ernst nimmt.

Dieses Beispiel macht deutlich, dass unsere Alltagsphänomene und auch die Erklärungen in unserer Ge-sellschaft von ganz anderer Art sind als die Phänomene, die Forscher im Labor untersuchen, und ihre Er-klärungen. Im Einzelfall, wie hier, können die letztlich akzeptierten Erklärungen große Auswirkungen haben, etwa auf das Strafmaß. Psychologen und Hirnforscher können aufgrund der Beschränkungen ihres experimentellen Ansatzes und ihrer Methoden aber immer nur ein kleines Steinchen des großen und bunten menschlichen Mosaiks untersuchen. Und das ist oft schon herausfordernd genug!

Denken wir zum Vergleich an das Dreikörperproblem aus der Physik: Schon bei der Vorhersage der Bahn von drei Himmelskörpern, auf die die Schwerkraft wirkt, stößt unsere Mathematik (bislang) an ihre Gren-zen. Das Verhalten dieser Objekte erscheint uns chaotisch, selbst wenn die Kräfte, die auf sie wirken, de-terministisch sind. Durch eine Simulation lassen sich, sozusagen durch Herumprobieren, lediglich Nähe-rungslösungen finden.

Nun hat das Gehirn eines erwachsenen Menschen ungefähr 86 Milliarden Neuronen, die oftmals viele tausende, mitunter gar zehntausende Verbindungen zu anderen Nervenzellen haben. Dazu kommen andere Zelltypen, deren Funktion heute noch gar nicht ganz klar ist. Außerdem gibt es noch komplexe Regelkreise, die Zellen aktivieren oder auch unterdrücken können. Bereits wenige Nervenzellen verhalten sich aber cha-otisch, also so, dass selbst die besten Wissenschaftler ihre Reaktionen nicht mehr vorhersagen können. Bis auf Weiteres ist hier keine Änderung in Sicht.

Also selbst wenn Sokrates’ Entscheidung für den Giftbecher und gegen die Flucht, selbst wenn meine Entscheidung für das Schreiben des Textes und selbst wenn die Entscheidung des Bankräubers für den Überfall der Sparkasse vollständig im Gehirn determiniert war, können wir dafür mit wissenschaftlichen Mitteln schlicht keine Ursache-Wirkungs-Kette auf neuronaler Ebene angeben. Ob wir es jemals können werden, ist reine Spekulation.

Fest steht aber, dass wir wichtige Informationen verlieren würden, wenn wir darum die alltäglichen Erklä-rungen aufgäben: Sokrates wollte seinen Idealen treu bleiben, ich wollte die Abgabefrist einhalten und der Bankräuber wollte mehr Geld haben, um damit bestimmte Ziele zu verwirklichen.

Es ist eine Eigenschaft unserer Alltagssprache, mit einem Ausdruck wie “die Entscheidung, X zu tun” einen Sachverhalt ausdrücken und in einen Sinnzusammenhang stellen zu können, der tatsächlich stattge-funden und zudem eine erklärende Funktion hat. Die Wissenschaftssprache ist von ihrem Anspruch her zwar genauer, in diesem erklärenden Kontext aber unterlegen, weil die unterliegenden Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zumindest bis auf Weiteres unerreichbar sind.

Ein Computervergleich

Stellen wir uns zum Vergleich einen modernen Computer vor: Damit ein Programm vom Prozessor ausge-führt werden kann, muss es an einen bestimmten Punkt in Maschinensprache vorliegen. Das ist sozusagen die Sprache, die der Prozessor versteht. Für uns Menschen ist diese Sprache aber eher ungeeignet, sodass wir, zumindest bei komplexeren Programmen, eine bestimmte Programmiersprache verwenden müssen. Ein bestimmtes Programm, ein sogenannter Compiler, übersetzt diese für uns hinterher in Maschinenspra-che.

Wenn nun bei der Ausführung des Programms etwas schiefläuft, wurden vom Prozessor zwar die Anwei-sungen in Maschinensprache ausgeführt. Ab einem gewissen Komplexitätsgrad ist es aber für Menschen schlicht nicht mehr realistisch, den Fehler auf dieser Ebene zu erklären. Dafür muss die Anwendung in der Programmiersprache untersucht, gegebenenfalls geändert und dann wieder neu in Maschinensprache compiliert (übersetzt) werden. Die Programmiersprache hat also eine bestimmte erklärende und nützliche Funktion, die durch die Maschinensprache nicht realistischerweise ersetzt werden kann, selbst wenn der Prozessor tatsächlich immer nur Maschinensprache ausführt.

Extremer Reduktionismus

Vergleichen wir das mit dem, was der theoretische Physiker Sean Carroll vor ein paar Jahren schrieb:

“Alles, was wir brauchen, um alles zu erklären, was wir in unserer Alltagswelt sehen, sind eine Handvoll Partikel – Elektronen, Protonen und Neutronen –, die mittels einiger Kräfte – der nuklearen Kraft, Gravitation und dem Elektromagnetismus – und gemäß der grundlegen-den Regeln der Quantenmechanik und der allgemeinen Relativität miteinander interagie-ren.”
Der theoretsiche Physiker Sean Carroll
Carroll arbeitet am renommierten California Institute of Technology, ist einer der führenden Physiker auf seinem Gebiet und zudem sehr aktiv in der Wissenschaftskommunikation tätig. Hier behauptet er nun, man könne unsere gesamte Alltagswelt in der Sprache der Physik, mit nur drei Arten von Teilchen, drei Arten von Kräften und ein paar weiteren Regeln erklären. Wenn das stimmte, wären mit einem Schlag nicht nur die gesamten Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sowie die Psychologie, sondern gar Neurowissen-schaften, Biologie und Chemie überflüssig.

Der Physiker vertritt hier einen extremen Reduktionismus, der in dieser Stärke beim heutigen Kenntnis-stand offensichtlich falsch und mit Blick auf den Fortgang der Wissenschaften eher unwahrscheinlich ist. Doch auch verschiedene Hirnforscher äußerten sich ähnlich, als sie behaupteten, den gesamten Menschen vom Gehirn aus erklären zu können. Interessanterweise würden auch diese Wissenschaftler arbeitslos, wenn die noch radikalere Sichtweise des theoretischen Physikers Carroll zuträfe.

Überlegen Sie einmal selbst, wie weit Sie in Ihrem Leben noch kämen, wenn Sie nur noch über Elektronen, Protonen und Neutronen sowie deren Wechselwirkungen sprechen könnten. Und das gilt in Analogie auch für die Hirnforschung und die Psychologie: Diese untersuchen und erklären zwar bestimmte Teilsysteme des Menschen, denken wir an Bewegung, Hören, Sehen oder Sprechen. Eine Erklärung des großen Ganzen scheitert aber sowohl an experimentellen als auch an methodischen Einschränkungen.

Nützliche Alltagssprache

Unsere Alltagssprache aber ist gerade so nützlich, weil sie in einem gewissen Maß ungenau ist. Es gibt physiologisch unendlich viele Weisen, das Mobiltelefon auf meinem Schreibtisch zu nehmen: mehr von links, von rechts oder von oben, mal schneller mal langsamer und so weiter. Diese fallen alle unter die eine Beschreibung: “Stephan nahm das Mobiltelefon auf dem Schreibtisch.”

Für den Sinnzusammenhang und das Verständnis dessen, warum ich das tat, nämlich um nach neuen Kurznachrichten zu schauen, sind die Unterschiede auf der physiologischen Ebene irrelevant. In ähnlicher Weise kann die Untersuchung von Sokrates’ Gebeinen keine Antwort auf die Frage geben, warum der Philosoph im Gefängnis blieb und nicht in die Hafenstadt Megara floh.

Unsere Alltagssprache ist vielleicht unscharf. Sie ist darum aber nicht falsch. Und diese Unschärfe macht sie erst so nützlich. Es spricht nichts dagegen, die Sprache präzisieren zu wollen. Man sollte aber nicht aus den Augen verlieren, was man damit bezweckt. Ebenso kann jemand die Fehler eines Computerprogramms in Maschinensprache zu erklären versuchen. Es mag ein paar Spezialfälle geben, in denen das sinnvoll ist. In aller Regel wird man damit aber Zeit verschwenden. Und welchen Erkenntnisgewinn bringt das? Ebenso wissen wir doch heute schon, dass das Nervensystem eine entscheidende Rolle beim Verarbeiten von Wahr-nehmungen, Gefühlen, Gedanken, beim Entscheiden und Handeln spielt.

Kommen wir am Ende zum Körper-Geist-Problem zurück: Die Suche nach Leib-Seele- oder, moderner gesprochen, Körper-Geist-Interaktionen ist unsinnig, weil es sich hierbei um keine zwei unterschiedlichen Dinge wie zwei Kugeln auf dem Billardtisch handelt. Die seit Jahrhunderten andauernde Suche nach dieser Interaktion war sinnlos, weil die Frage falsch formuliert wurde. Nicht wenige Philosophen, Psychologen und Neurowissenschaftler glauben, den Leib-Seele-Dualismus hinter sich gelassen zu haben, sprechen aber tatsächlich immer noch in dualistischer Sprache.

Mein Lösungsvorschlag

Das Problem lässt sich wie folgt auflösen: Psychische Vorgänge gibt es, weil psychische Beschreibungen zwar nicht immer, doch oft genug funktionieren und sinnvoll Sachverhalte dieser Welt beschreiben. Na-türlich sind diesen Vorgängen im konkreten Einzelfall körperliche, hirnphysiologische, ja sogar physika-lische Prozesse zuzuordnen.

Das hilft uns in der Praxis aber nichts, weil wir die Vorgänge auf dieser Ebene gar nicht beschreiben kön-nen. Insbesondere können wir damit keine Sinnzusammenhänge herstellen, mit denen sich Fragen wie: “Warum blieb Sokrates im Gefängnis, anstatt zu fliehen?” Oder “Warum tippte Stephan am Computer, anstatt sich im Park die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen?”, beantworten ließen.

Wenn das nächste Mal ein Hirnforscher kommt und sagt: “Du bist nichts als dein Gehirn!”, dann sollten wir erwidern: “Ach ja? Dann erklären Sie doch mal dieses und jenes.” Und ergänzend: “Haben Sie noch nicht gehört, was führende Physiker sagen? Sie sind nichts als Elektronen, Protonen und Neutronen! Mehr Prä-zision darf ich von einem Wissenschaftler schon erwarten.”

Philosophen haben sich auch um mehr Genauigkeit bemüht und beispielsweise intentionalen sowie phä-nomenalen Gehalt als entscheidende Merkmale psychischer Vorgänge identifiziert. Ersterer bedeutet, dass sie von etwas handeln, beispielsweise Sokrates’ Strafe, meinem Text oder Ihren Wünschen; letzterer be-zieht sich darauf, wie es sich anfühlt, diesen Vorgang zu haben, den subjektiven Erlebnisgehalt.

Manche Philosophen haben das wieder reifiziert und sprechen von “Qualia”, als ob es sich um kleine Be-wusstseinsatome handeln würde, die irgendwo im Raum-Zeit-Kontinuum existieren. Ich fürchte, dass uns diese verdinglichte Sprache wieder mehr Probleme einhandelt, als dass sie etwas erklärt.

Das fehlende Subjekt

Einen wichtigen Punkt unterstreichen die philosophischen Überlegungen aber doch: Psychische Vorgänge – jedenfalls diejenigen in einem reichhaltigeren Sinne – sind immer Vorgänge von jemandem, einem Subjekt. Darum halte ich es für problematisch, dass mit der Psychologie und der Hirnforschung führende Wissen-schaftszweige im Laufe des 20. Jahrhunderts die Phänomenologie und Introspektion als “unwissenschaft-lich” aus ihrem Reich verbannt haben. Aus der Außenansicht lässt sich vielleicht ein Teil des Menschen erklären, aber eben nicht alles.

Viele Laien haben das auch verstanden und wählen darum lieber Literatur über östliche Philosophien, die die Subjekt-Objekt-Trennung nicht so vollzogen haben. Oder sie präferieren Lebensphilosophie und Phä-nomenologie gegenüber standardisierten quantitativen Studien, die zwar nach den heute herkömmlichen Regeln der Wissenschaft vorgehen, doch letztlich für das Menschenleben irrelevante Sachverhalte auf-klären.

Die antike Philosophie war übrigens noch nicht so zerrissen und stand mitten im Leben. Für Sokrates wurde das allerdings zum Verhängnis. Hätte er darum aber besser in hochspezialisierten Fachzeitschriften publizieren sollen, deren Sinn kaum noch jemand versteht? So bleibt mir nur noch, auf das Bieri-Trilemma zurückzukommen und es wie folgt aufzulösen:

(1) Mentaler Instrumentalismus: Es gibt genuin mentale/psychische Prozesse, sofern sich deren Be-schreibungen auf Sachverhalte in der Welt beziehen.
(2) Mentale Sinnstiftung: Mentale/psychische Prozesse sind für das Verständnis von Sinnzusammen-hängen in der Welt notwendig.
(3) Kausale Irrelevanz: Kausale Erklärungen sind überbewertet und für den Fortschritt vieler Wis-senschaftszweige von geringerer Relevanz.

Damit lautet die Schlussfolgerung: Der Mensch ist sowohl Kulturwesen als auch Naturgegenstand. Hier gibt es keinen Widerspruch. Und es bleibt ein Faszinosum, wie die Bewusstseinserlebnisse und Kultur-leistungen des Menschen in einem Körper und insbesondere den 1,5kg Zellgewebe und Verbindungen des Gehirns entstehen können. Anstatt “den Geist” auf körperliche Prozesse reduzieren zu wollen, könnte man es auch umdrehen: Körper ist Geist.

Die Welt kann einen philosophisch wie wissenschaftlich faszinieren.


Stephan SchleimVeröffentlicht von

Stephan Schleim ist studierter Philosoph, Psychologe und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Der Autor schreibt auch für zahlreiche andere Medien.
www.schleim.info



Dieser Beitrag erscheint auch auf Telepolis – Magazin für Netzkultur.


Nota. - Dem kann ich an keiner Stelle widersprechen. Doch scheint es mir, als finge das Problem dort, wo er schließt, überhaupt erst an. Richtig stellt er dar, wie in der Sprache, die unser aller Verkehrsmittel ist und das unvermeidliche Medium jeder Mitteilung, der Dualismus, nämlich die Reifikation des Geistes, als ob er ein Ding unter anderen wäre, schon vorausgesetzt ist. Im Folgenden stellt er ebenso richtig dar, wie wenig ange-messen diese Prämisse ist. Das Ergebnis wäre, die Frage nach Geist und Leib als ein semantisches Schein-problem einfach beiseite zu legen.

Das tut er dann aber doch nicht, sondern  kehrt die widerlegte Prämisse einfach um: "Körper ist Geist." Den Dualismus behält er bei, aber wie ein nichtphysikalischer Geist in einem physikalischer agieren kann, wird damit um keinen Deut einsehbarer.

Die dualisische Prämisse ist aber wirklich falsch. Denn dass sie schon in unserer Alltags sprache vorgegeben ist, macht sie gegen ('wissenschaftliche') Kritik nicht immun. Die ist nicht naturgegeben.

Wohl kann die Realgeschichte des Geistes nicht anders als mit sprachlichen Mitteln erzählt werden. Aber deswegen fing sie mit der Sprache, nämlich mit Begriffen und diskursiven Regeln, keineswegs an. Die brauchten viele Jahrzehn- und Jahrhunderttausende, um sich auszubilden. Sie kann in Begriffen und logischen Schlüssen also nicht sinnvoll wiedergegeben werden.


Daher zurück zum Anfang: Menschen begegnen Dingen, so weit so gut. Aber stoßen die Dinge auf die Menschen? Die Menschen stoßen auf Dinge! Sie stoßen. Nämlich weil und sofern sie in der einen oder andern Weise tätig sind. Erst wenn sie aneinander geraten, findet eine Scheidung überhaupt statt - und ist eine Unterscheidung überhaupt möglich. Der Dualismus ist sekundär: Er findet erst in der Reflexion statt. Die aber ist schon ein geistiger Akt, erst durch ihn werden Dinge vorstellbar. Wirklich ist, was wirkt. Was ist und was gilt, hat einen Grund: Tätigkeit.

Das ist mit den Mitteln der Naturwissenschaften - mit Begriffen, Logik und Kausalprinzip - nicht darstellbar. Das ist aber auch gar nicht der Zweck der Naturwissenschaften. Die dürfen sie getrost - dogmatisch, wie Kant es nennt* - voraussetzen
, ohne die Philosophie um Erlaubnis zu fragen. Jedes wissenschaftliche Fach hat seine doxische Basis, von der es ausgeht - solange sie eben trägt. Sobald nicht mehr, wird ein "Paradigmen-wechsel" fällig, der einen neuen Grund von gesichertem Wissen legt. Vorher wäre alle philosophische Kritik nur literarische Tändelei: Der Naturwissenschaft darf es genügen, dass sie belastbare Ergebnisse zuwege bringt.

Wer dagegen mehr wissen und verstehen will, wird sich der Transzendentalphilosophie befleißigen müssen. 

*) KrV, B XXXV
JE