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Mittwoch, 4. Mai 2022

Seit wann gibt es Kleidermoden?


aus nzz.ch, 30. 4. 2022        Jan van Eyck Bildnis eines Mannes mit rotem Turban, 1433. Porträts tauchten zu jener Zeit immer häufiger auf, sie verliehen dem äusseren Erscheinungsbild gesellschaftliche Sichtbarkeit               , zuJochen Ebmeiers Realien 

Wie der Mensch zur Mode kam
Kleider trugen unsere Vorfahren schon immer am Körper. Aber erst vor ein paar Jahrhunderten haben sie begonnen, sich in dauernd wechselnden Gewändern zu zeigen: Die Historikerin Ulinka Rublack geht der «Geburt der Mode» in der Renaissance nach.
 
von Claudia Mäder 
 
Seit einigen Wochen vertrödeln die Menschen wieder Lebenszeit vor dem Kleiderschrank. Passt der Pulli zur Hose? Nein. Ist die zerknitterte Bluse besser? Nein. Ist irgendetwas Gebügeltes im Vorrat? Nein, nein, nein! Man müsste endlich einmal wieder neue, schöne Stücke kaufen, die sich auch jenseits der Haustüre vorzeigen lassen.

Natürlich sind die Menschen nicht völlig von der Mode abgefallen in den zwei vergangenen Home-Office-Jahren. Wie Zalando berichtete, ist etwa die Nachfrage nach bunten Happy Socks in der Pandemie stark gestiegen. Aber auch wenn man sich solche Kleinigkeiten gönnte: Man hat doch selten lange vor dem Schrank gestanden, als der Arbeitsweg nur vom Bett bis in die Stube führte. Und wenn man nun wieder täglich hin und her überlegt, in welcher Aufmachung man wohl am besten vor die Welt treten würde, kann man sich dazwischen schon einmal fragen: Wieso veranstalten wir Menschen eigentlich ein solches Aufhebens um unsere Garderobe?

Die einfache Antwort würde etwa so lauten: Kleidung hat der Mensch als nacktes Tier schon immer gebraucht, um sich vor Wind und Wetter zu schützen. Und immer schon hat Kleidung den Menschen nicht nur geschützt, sondern auch geschmückt – unsere Spezies hat seit Urzeiten Freude an schönen Dingen, das belegen ja auch etliche archäologische Funde. Doch wenn man etwas genauer in die Geschichte blickt, werden die Dinge komplizierter.

Diverse Historiker sind der Meinung, dass es so etwas wie Mode die längste Zeit über gar nicht gegeben habe. Wann also ist das Phänomen entstanden? Ulinka Rublack siedelt die «Geburt der Mode» in der Zeit zwischen 1300 und 1600 an. Das unlängst auf Deutsch erschienene Buch der in Tübingen geborenen und in Cambridge lehrenden Historikerin lädt dazu ein, die Renaissance als Ära der neuen Kleider zu entdecken und diese «Äusserlichkeiten» als kulturellen Faktor zu begreifen, der individuelle und soziale Identitäten formte.

Röcke wecken Gottes Zorn

Bis ins Hochmittelalter hatte Kleidung kaum die Kraft, derart prägend auf die Menschen zu wirken. Selbstverständlich waren Stoffe auch in früheren Gesellschaften Distinktionsmerkmale, Seidenkleider hoben sich ab von Leinengewändern, Geistliche trugen andere Farben als Laien. Aber am Stil änderte sich von der Antike an über die Jahrhunderte nicht viel: Männer wie Frauen drapierten fliessende Gewänder in der Art von Tuniken um ihre Körper. Erst um das 11. Jahrhundert schufen dann das starke Bevölkerungswachstum und die Verstädterung die Basis für grundlegend Neues.

Auf den Märkten der entstehenden urbanen Zentren zirkulierten immer mehr Produkte, die von immer besser qualifizierten Handwerkern hergestellt wurden. Professionelle Schneider traten auf, sie arbeiteten mit neuen Dingen wie Knöpfen und konnten so erstmals Kleider anfertigen, die den Leuten auf den Leib passten und dessen Formen betonten. Statt wallender Stoffe trugen die Frauen nun Roben mit Décolletés, bei den Männern kamen enge Hosen und kurze Oberröcke in Gebrauch.

Für einige ein unansehnliches, ja obszönes Bild: Ein kritischer Beobachter erklärte um 1350, dass die neue Kleidung Gottes Zorn wecke und dieser auch für die Niederlage der modischen Franzosen in der Anfangsschlacht des Hundertjährigen Kriegs gesorgt habe.

Zusammen mit der Mode entstand also auch die Kritik am Modischen, und eigentlich ist das logisch. Denn Mode bedeutet Wandel, oder wie Georg Simmel sagte, der 1905 eine «Philosophie der Mode» verfasste: «Es kommt der Mode nur auf den Wechsel an.» Formen, die man für stabil gehalten hatte, erwiesen sich plötzlich als vergänglich, und kaum hatten sich neue Formen etabliert, wurden auch diese wieder von der neuesten Mode hinweggefegt. Mode und Moderne klingen nicht nur ähnlich, sie basieren auf ein und demselben Prinzip: jenem der konstanten Veränderung.

Wo Wandel und Bewegung ist, regen sich aber stets auch die Kräfte der Bewahrung. Das war im Bereich der Mode nicht anders als später in der politischen Moderne. In vielen europäischen Städten verhängten die Obrigkeiten schon ab dem 13. Jahrhundert Gesetze, um die Mode zu regulieren und dadurch das zu erhalten, was sie als sittliche Ordnung verstanden. Diese restriktiven Vorschriften gelten heute als charakteristisch für die frühe Neuzeit. Nur kann man die immer dichter werdenden Normen umgekehrt auch wieder als Zeichen für den beschleunigten Wandel lesen – hätte es diesen nicht gegeben, hätte man auch nicht mit Gesetzen auf ihn reagieren müssen.

Dies im angezeigten Tempo zu tun, war im Übrigen nicht ganz einfach, wie eine Quelle aus Leipzig nahelegt: Nachdem der Rat dort schon zahllose Kleiderordnungen erlassen hatte, rapportierte er um 1640 verzweifelt, es sei «fast kein monat verstrichen, do nicht eine newe mode (...) herfür kommen».

Sachverständige Männer

Während manche also die «newen moden» verfluchten, fanden viele Menschen Gefallen an ihnen. Etliche missachteten die gesetzlichen Vorgaben: Gerichtsakten zeugen davon, wie Personen aus allen Schichten für ihre bunten Borten oder Gewänder kämpften. Andere wiederum liessen sich in ihren wechselnden Kostümen porträtieren – so zum Beispiel Matthäus Schwarz, den Ulinka Rublack im Detail vorstellt. Der Augsburger Bürger hat 1520 begonnen, sich in immer neuen Ausstattungen malen zu lassen, rund 140 Bilder kamen über die Jahre zusammen.

Der 26-jährige Matthäus Schwarz führt ein Stück aus seiner Kleiderkollektion vor: das Wams mit 4800 Schlitzen.Der 26-jährige Matthäus Schwarz führt ein Stück aus seiner Kleiderkollektion vor: das Wams mit 4800 Schlitzen.

Dass es ein Mann war, der ein solches Modealbum führte, ist nicht weiter erstaunlich. Laut Rublack konnten in der frühen Neuzeit beide Geschlechter gleichermassen Interesse an Kleidung entwickeln, ja Männer taten sich damals «vielleicht sogar öfter als Sachverständige in Fragen des guten Geschmacks hervor als Frauen». Erst später, im 19. Jahrhundert, als die bürgerlichen Männer uniforme Anzüge zu tragen begannen, konnte die weiterhin aufwendig und bunt gekleidete Frau zum Inbegriff der Modepuppe werden.

In der Renaissance aber scheuten Männer auch vor den auffälligsten Accessoires nicht zurück: Matthäus Schwarz etwa zeigte sich auf einem Bild in einer lila Damastjacke, die er geschmackvoll mit einer grünen Tasche in Herzform kombinierte. Schmuck schien er häufig zu tragen, und als Prunkstück seiner Kollektion darf man wohl ein Wams betrachten, in das 4800 Schlitze eingeritzt waren – geschlitzte Wämser waren damals der letzte Schrei, jede sorgsam zerrissene Jeans sieht heute alt aus neben diesem innovativen Design.

Schlitze, seien es 48 oder 4800, haben keine Funktion: In den Formen, die die Mode hervorbringt, ist «keine Spur von Zweckmässigkeit» zu erkennen, wie Georg Simmel 1905 bemerkte. Doch während ihr der praktische Nutzen von Anfang an fehlte, war die Mode seit je von grosser sozialer Bedeutung.

Was man auf dem Körper trägt, fungiert als sichtbares Bindeglied zwischen innen und aussen, zwischen Mensch und Gesellschaft. Und sobald die Gewänder den Leuten von Spezialisten auf den Leib geschneidert wurden, konnte man mit der Wahl seiner Hülle etwas Inneres zum Ausdruck bringen: Die vielfältigen Kleider, die im Zeitalter der Mode entstanden, boten erste Möglichkeiten, ein Selbstbild zu pflegen, dieses den Mitmenschen direkt zu kommunizieren und die eigene Identität also durch den Blick des anderen zu festigen.

Bloss keine blauen Strümpfe

Ein geschlitztes Kleiderkunstwerk konnte sich im 16. Jahrhundert selbstverständlich nicht jedermann leisten – man darf annehmen, dass Matthäus Schwarz in seinem Wams als wohlhabender Bürger angesehen werden wollte. Allerdings betont Rublack mehrfach, dass Mode in der Renaissance keine reine Statusfrage war. Im bescheidenen Rahmen rüsteten sich auch ärmere Personen mit neuen Stücken aus, erwarben mal einen bunten Zopf, mal eine schmucke Schlaufe. Weitum war man angetan von schönen Dingen, sie faszinierten die Menschen und machten Freude.

Insofern ging es den modebewussten Bürgern auch nicht primär darum, mit schicken Kleidern den Adel zu imitieren oder den Höfen nachzueifern. Vielmehr bildeten sie allmählich ihre eigenen Ideale aus, und diesen wollten die modischen Menschen auch unbedingt gehorchen. Zu Zeiten, da in bürgerlichen Haushalten die Farbe Grün dominierte, kam es für eine Ehefrau etwa keinesfalls infrage, mit blauen Strümpfen durchs Leben zu gehen – das entnimmt Rublack einem Briefwechsel, in dem sich ein Nürnberger Paar ausführlich über Kleider- und Einrichtungsfragen austauschte.

 Ein Puppenhaus bietet Einblick in den idealen bürgerlichen Haushalt, Nürnberg 1611. Ein Puppenhaus bietet Einblick in den idealen bürgerlichen Haushalt, Nürnberg 1611.

Mode diente demnach nicht nur dazu, ein Selbstbild auszudrücken. Sie vermochte auch ein Gefühl der Zugehörigkeit zu vermitteln und die eigene Identität in eine grössere Einheit zu betten. Georg Simmel sah eben darin die zentrale Doppelfunktion der Mode: Sie mischt «individuelle Besonderheit» mit «sozialer Gleichheit» und fungiert als «eigentlicher Tummelplatz für Individuen, welche innerlich unselbständig und anlehnungsbedürftig sind, deren Selbstgefühl aber doch zugleich einer gewissen Auszeichnung, Aufmerksamkeit, Besonderung bedarf».

Es lohnt sich, Simmels kurzen Essay parallel zu Rublacks dickem Buch zu lesen. Die Studie der Historikerin ist zwar glänzend geschrieben und prächtig illustriert, aber kleinteilig gearbeitet, auf einzelne Fälle und ganz auf die frühe Neuzeit konzentriert. Das grosse Ganze muss man sich beim Lesen selber zusammensetzen. Simmel kann helfen, die Gedanken über die «Geburt» der Mode hinauszuführen und ins Allgemeine zu tragen.

Man wird dann vielleicht bemerken, dass die modischen Menschen auch nach Jahrhunderten noch demselben, nunmehr schon altmodischen Muster folgen: Noch immer benutzen wir unsere Kleider, um uns im Schutz der Konformität als Individuen zu zeigen. Und sei es nur, indem wir jene unvergleichlichen bunten Happy Socks tragen, die die Leute im letzten Jahr zu Tausenden bestellten.

Ulinka Rublack: Die Geburt der Mode. Eine Kulturgeschichte der Renaissance. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2022. 534 S., Fr. 67.90.

 

Nota. - In den mittelalterlichen Städten herrschten ständische Kleiderordnungen. Nicht die In-dividualität galt es hervorzukehren, sondern den Stand, dem man angehörte - Bauern und fahrendes Volk mochten sich kleiden wie sie wollten und eben konnten. Und in den Stand war man hineingeboren. Erst mit dem Zerfall der ständischen Gesellschaft konnte man darauf stolz sein, nicht irgendwo dazu zu gehören. 

Dass man* *seine Identität gerade dadurch zur Schau stellt, dass man* zu irgendwe*r oder -was "dazugehört", ist... gar nicht so neu, wie Sie vielleicht denken; das war auch schon beim Wandervogel  wieder so. Das ganz besonders Individuelle ist der letzte Schrei. Den schreien sie alle im Chor.
JE

Freitag, 4. Februar 2022

»Wir überschätzen die Rolle des Bewusstseins systematisch«

aus spektrum.de, 4. 2. 2022                                                                                     zuJochen Ebmeiers Realien; zu Philosophierungen

Was wissen wir über das Bewusstsein?
Ein Gespräch über Geist, Gehirn und ihre Beziehung zueinander mit der Neuro-wissenschaftlerin Melanie Wilke und dem Philosophen Michael Pauen.

Interview von Steve Ayan

In den vergangenen 20 Jahren haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vieles über das Bewusstsein gelernt. Einer der größten Fortschritte: Das Bewusstsein ist inzwischen ein etablierter Gegenstand der empirischen Forschung, sagen die Neuro-wissenschaftlerin
Melanie Wilke und der Philosoph Michael Pauen. Im Interview erklären sie, vor welchen Hürden Forscherinnen und Forscher immer noch stehen und wie sie die »harte Nuss« des Leib-Seele-Problems endlich knacken wollen.


Frau Wilke, Herr Pauen, Bewusstsein ist ein ziemlich abstraktes Thema für ein Interview. Ich würde daher gern mit einem Spiel beginnen. Beantworten Sie die folgenden Fragen bitte möglichst kurz. Bereit? Die erste Frage lautet: Sind Sie Ihr Gehirn?

Melanie Wilke: Ja – und noch etwas mehr. Mein restlicher Körper gehört auch dazu.

Michael Pauen: Ich würde aus dem gleichen Grund eher Nein sagen. Ich kann zum Beispiel Rad fahren, mein Gehirn allein kann das nicht.

Bringt Hirnaktivität Bewusstsein hervor?

Pauen: Sie bringt es nicht hervor, sondern bestimmte neuronale Aktivitätsmuster sind mit bestimmten Bewusstseinszuständen identisch.

Wilke: Bewusstseinszustände und -inhalte korrelieren mit messbaren Mustern der Hirnaktivität, auf mehr würde ich mich nicht festlegen.
 

3/2022 Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 3/2022



 

 

 

 

Ist Bewusstsein ein Zustand oder ein Kontinuum?

Pauen: Letzteres, es gibt zahlreiche Abstufungen.

Wilke: Das Bewusstsein gibt es nicht, sondern man muss nach verschiedenen Formen und Inhalten differenzieren. So unterschieden wir unter anderem den Zustand der Wachheit, bewusste Wahrnehmungsinhalte, Metakognition und Ich-Bewusstsein.

 

Melanie Wilke | (geboren 1976 in Eilenburg) ist Direktorin des Instituts für Kognitive Neurologie an der Universitätsmedizin Göttingen. Sie studierte Psycholinguistik, Neuropsychologie und Neurobiologie in München und promovierte am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen zu elektro-physiologischen Korrelaten visuellen Bewusstseins. Nach Forschungsstationen an den National Institutes of Health in Bethesda sowie am Caltech in Pasadena (beides USA) wurde sie 2011 auf eine Schilling-Professur nach Göttingen berufen. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit den neuronalen Mechanismen, die normalen und gestörten Bewusstseinsprozessen zu Grunde liegen.

 

Denken und handeln wir weniger bewusst, als wir glauben?

Wilke: Phänomene wie die »inattentional blindness« (siehe »Kurz erklärt«, Anm. d. Red.) zeigen: Wir nehmen Objekte in unserer Umgebung oft weniger bewusst wahr, als es uns scheint – insofern ja.

Pauen: Ja, wir überschätzen die Rolle des Bewusstseins systematisch, weil all das, was uns nicht bewusst ist, in unseren Erklärungen für das eigene Handeln gar nicht auftaucht.

Wird es jemals bewusste Maschinen geben?

Wilke: Das halte ich nicht für ausgeschlossen. Allerdings wissen wir bislang noch gar nicht, was die physikalische Grundlage von Bewusstsein ist. Folglich kann man auch nicht sagen, ob sich das in technischen Systemen realisieren lässt. Dennoch wird diese Frage gerade heiß diskutiert, und einige Forscher, die Bewusstsein über das Verhalten definieren, würden sie klar mit Ja beantworten.

Pauen: Ich glaube, es wird eines Tages Maschinen mit Bewusstsein geben, aber diese Maschinen werden nur sehr wenig mit denen zu tun haben, die wir heute kennen. Im Übrigen sind Philosophen traditionell sehr schlechte Prognostiker. 


 

Gibt es einen freien Willen, oder sind alle unsere Entscheidungen neurophysiologisch determiniert?

Wilke: Da enthalte ich mich, weil ich nicht genau weiß, was »frei« bedeutet. Das kann der Philosoph besser beurteilen.

Pauen: Zumindest gibt es gute Gründe dafür anzunehmen, dass Determination und Willensfreiheit sich nicht gegenseitig ausschließen, auch wenn uns das intuitiv so erscheint.

Letzte Frage in dieser Blitzrunde: Ist Bewusstsein wissenschaftlich erklärbar?

Pauen: Ja, aber wir sind noch weit davon entfernt.

Wilke: Wir arbeiten daran.

 

Michael Pauen | (geboren 1956 in Krefeld) ist Professor für Philosophie des Geistes an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach dem Studium in Marburg, Frankfurt am Main und Hamburg war er Research Fellow unter anderem an der Cornell University sowie am Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst. Pauen ist Gründungsdirektor der Berlin School of Mind and Brain. In der allerersten Ausgabe von »Gehirn&Geist« 2002 schrieb er einen Überblicksartikel zu den größten Problemen der Bewusstseinstheorie. Zum 20. Geburtstag des Magazins wollten wir wissen, was seitdem erreicht wurde.

Bleiben wir beim letzten Punkt: Was hieße es eigentlich, Bewusstsein zu erklären? Wann könnte man sagen: »So, jetzt haben wir es verstanden!«?

Pauen: Meist ergibt sich aus der richtigen Antwort ein völlig neues Verständnis der Frage. Anders gesagt: Ich glaube, Bewusstsein wird dann erklärt sein, wenn wir es auf eine ganz andere Art begreifen. Würde man uns hier und jetzt die Erklärung geben, könnten wir wahrscheinlich nichts damit anfangen. Etwas Ähnliches war etwa beim Begriff der Wärme der Fall. Jahrhundertelang glaubte man an die Existenz eines mysteriösen Wärmestoffs, der prinzipiell jeden Gegenstand durchdringe. Um unsere heutige Erklärung zu verstehen, musste sich erst eine ganz andere Vorstellung von Wärme durchsetzen: kein Stoff, sondern eine Form molekularer Bewegung. Bewusstseinsforschung besteht nicht darin, nur immer mehr Daten zu einem altbekannten Problem zu sammeln, sondern sie versucht, das Problem selbst besser und anders zu verstehen. Erstaunlicherweise lösen sich viele vermeintliche Rätsel, an denen man sich lange Zeit die Zähne ausbiss, plötzlich in Luft auf.

Wilke: Aus meiner Erfahrung würde ich auch sagen, wir müssen vor allem die richtigen Fragen stellen. Wie bei jedem naturwissenschaftlichen Phänomen können wir nur das Wie beantworten – wie kommt es zu diesem oder jenem Phänomen –, aber nicht, warum etwas so ist. Wenn wir zu allgemein nach dem Bewusstsein fragen, können wir darüber nicht viel Sinnvolles aussagen.

Aber in welche Richtung könnte so eine neuartige Formulierung des Bewusstseinsproblems gehen?

Pauen: Wenn man sich die Wissenschaftsgeschichte ansieht, so ging man bei sehr vielen Dingen zunächst davon aus, es müsse eine Substanz dahinterstecken. Man hatte also ein naiv-materialistisches, dinghaftes Verständnis. Schon in der Steinzeit glaubten die Menschen vermutlich, die Seele sei eine Art Stoff, der beim Tod aus dem Körper entweicht. Und selbst noch bei Descartes begegnen wir der »res cogitans«, der »denkenden Sache«. Zuerst müssen wir besser differenzieren, was wir mit dem großen Wort Bewusstsein genau meinen – und dann zeigen, was neurophysiologisch dahintersteckt.

Frau Wilke, bleibt bei alledem nicht die Kluft zwischen subjektivem Erleben und physiologischen Vorgängen bestehen? Das, was der Philosoph David Chalmers einst das »harte Problem« nannte: Wie kann aus elektrochemischen Vorgängen Denken und Fühlen werden?

Wilke: In der Hirnforschung geht es zunächst einmal darum, Dinge verlässlich zu beschreiben, zu operationalisieren und zu messen. Man nutzte dafür beispielsweise experimentelle Methoden, bei denen Probanden mehrdeutige visuelle Reize betrachten – also Bilder, die mal so und mal so gesehen werden. Ein bekanntes Beispiel sind Kippfiguren. Diese können, obwohl der physikalische Input jeweils identisch ist, auf verschiedene Weise wahrgenommen werden. Was dabei im Gehirn geschieht, betrachtete man als das neuronale Korrelat von Bewusstsein. Später zeigte sich jedoch, dass die Korrelate ganz anders aussehen, wenn die Probanden keine Auskunft darüber geben, was sie sehen, sondern wenn man ihre Wahrnehmung durch gewisse experimentelle Bedingungen steuert (siehe »Das No-Report-Paradigma«). Wir müssen also zwischen einer bewussten Wahrnehmung und dem Bericht über diese Wahrnehmung unterscheiden. So verfeinern wir einerseits unser Instrumentarium, andererseits aber auch das, was wir eigentlich untersuchen. Eine Theorie von Bewusstsein ist immer nur so gut wie die Vorannahmen und Methoden, auf denen sie fußt. Übrigens betrifft das die gesamte kognitive Neurowissenschaft. Die eine Sache ist der Prozess, den man vielleicht mit Testverfahren und Fragebogen beschreiben kann und der klinisch-therapeutisch sinnvoll ist; doch die Neurobiologie ist eine völlig andere Beschreibungsebene.

Das No-Report-Paradigma

Das No-Report-Paradigma | Bei Studien zur visuellen Wahrnehmung zeigte sich: Das Auskunftgeben (englisch: report) über Seheindrücke ist vom Erleben neuronal zu unterscheiden. Wissenschaftler um Stefan Frässle untersuchten dies am Beispiel der binokularen Rivalität: Präsentiert man Probanden im Labor auf jedem Auge ein anderes Streifenmuster (oben schematisch dargestellt), so wechselt das wahrgenommene Bild meist in kurzen Abständen von wenigen Sekunden zwischen beiden hin und her. An bestimmten Blickfolgebewegungen lässt sich ablesen, ob etwa gerade das nach links wandernde grün-schwarze oder das nach rechts laufende rot-schwarze Muster gesehen wird. Personen, die aktiv über ihren momentanen Eindruck berichten, zeigen großflächige Aktivierungen im präfrontalen Kortex (linkes Hirn), ohne die Mitteilung hingegen nicht (rechts). Das neuronale Korrelat hängt also von der Untersuchungsmethode ab. 

[Nota bene: Das ist der Unterschied zwischen (unmittelbarem) Erleben und (mittelbarer) Reflexion. JE]


Pauen: Noch kurz zu der vermeintlichen Kluft zwischen Geist und Materie: Seit den 1990er Jahren suchen Forscher nach den neuronalen Korrelaten des Bewusstseins, in der Fachsprache NCC (neural correlates of consciousness) genannt. Jetzt ist ein Korrelat allein noch keine Erklärung, völlig klar. Aber solche Korrelate sind immer eingebettet in Modellannahmen. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Wasser. Was ist das und wie lassen sich seine unterschiedlichen Zustände erklären? Nun, gemäß dem Atommodell wissen wir, dass Wasser ein Molekül bestehend aus zwei Wasserstoff- und einem Sauerstoffatom ist. Und die jeweilige Art, wie diese Atome miteinander verbunden sind, bestimmt darüber, ob das Wasser fest, flüssig oder gasförmig ist. Im übertragenen Sinn heißt das: Was uns derzeit noch fehlt, ist eine Art Atommodell für Bewusstsein.

Wenn ich Sie richtig verstehe, Frau Wilke, gibt es einen grundlegenden Unterschied zwischen dem Auskunftgeben und dem bewussten Erleben selbst. Das erinnert mich an ein Gespräch, das ich einmal mit dem britischen Philosophen Peter Carruthers führte, der glaubt, bewusste Prozesse gebe es eigentlich gar nicht, sondern es würden uns nur die Resultate gewisser mentaler Prozesse bewusst. Wie sehen Sie das?

Wilke: Nach der Global-Workspace-Theorie (GWT, siehe »Die vier wichtigsten Bewusstseinstheorien«) ist es ein zentrales Kennzeichen von bewussten Inhalten, dass sie anderen kognitiven Funktionen wie Entscheiden, Urteilen und Berichten zur Verfügung stehen. Nach diesem Ansatz ist alles, was nicht berichtet werden kann, auch nicht bewusst – folglich zeigen sich bei Experimenten deutlich andere Korrelate, nämlich zum Beispiel eine stärkere Aktivierung präfrontaler Hirnbereiche. Sie könnte jedoch genauso gut ein Korrelat der Introspektion, also der höheren kognitiven Verarbeitung, sein und nicht der bewussten Wahrnehmung selbst.

 

Die vier wichtigsten Bewusstseinstheorien

In der theoretischen Bewusstseinsforschung werden heute folgende Ansätze am intensivsten diskutiert. Sie schließen sich nicht in jeder Hinsicht gegenseitig aus, stellen aber unterschiedliche Aspekte in den Vordergrund.

Global-Workspace-Theorie

Bewusst sind jene mentalen Inhalte, die der Informationsverarbeitung in verschiedenen Hirnarealen zur Verfügung stehen. Eine zentral gelegene Region unterhalb der Großhirnrinde (Kortex), der Thalamus, fungiert hierbei wie eine Art Schaltstelle, als »Tor zum Bewusstsein«. Vom Thalamus generierte Signale können den Informationsstrom von einzelnen Arealen ausgehend auf weite Hirnbereiche verteilen.

Aufmerksamkeitsschema

Das Gehirn verfügt über ein Modell seiner selbst. Gemäß dieser von Michael Graziano und anderen entwickelten Idee bringen Hirnprozesse unterschiedliche Signale aus der Außenwelt sowie aus dem Körperinneren wie auf einer Art Radarschirm zusammen. Was nicht auf diesem erscheint, bleibt unbewusst.

Predictive processing

Was wir bewusst erfahren, ist laut diesem Ansatz die Diskrepanz zwischen vom Gehirn generierten Vorhersagen und dem registrierten Input. Nur was den neuronalen Prognosen widerspricht, wird durch Bewusstseinsprozesse neu angepasst. Folglich hängt die neuronale Informationsverarbeitung weit stärker davon ab, was wir erwarten, als von dem, was physikalisch gegeben ist.

Integrierte Informationsverarbeitung

Bewusste Zustände gehen mit stark erhöhter funktioneller Konnektivität einher, das heißt, verschiedene Hirnbereiche kommunizieren dann viel intensiver miteinander als bei unbewussten Wahrnehmungen. Wie sehr Signale unterschiedlicher Kanäle verknüpft werden, bestimmt über den Bewusstseinsgrad.

Können wir bewusste Wahrnehmungen haben, von denen wir nichts wissen? Ist das nicht eine Art »Bewusstsein ohne Bewusstsein«?

Pauen: Das Wort Bewusstsein entstand im 17. und 18. Jahrhundert aus dem lateinischen »con sciencia«, zu Deutsch: »mit Wissen«. Dem ursprünglichen Verständnis nach gibt es tatsächlich keine bewusste Erfahrung ohne die kognitive Komponente des Wissens über diese Erfahrung. Jetzt nehmen wir aber zum Beispiel Babys oder auch höher entwickelte Tiere. Die empfinden sicherlich Schmerzen, doch sie wissen nicht um diese eigene Erfahrung. Es gibt also Schmerz ohne ausgereiftes Ich-Konzept, ohne Reflexion. Das Wissen über eine Erfahrung ist etwas anderes als die Erfahrung selbst, nur leider setzen wir beides intuitiv gleich. Die Differenzierung ist ein entscheidender Fortschritt, wir schärfen unsere begrifflichen Werkzeuge, um Bewusstsein erfassen und untersuchen zu können. Und diese Entwicklung hat tatsächlich erst in den letzten Jahren richtig Fahrt aufgenommen.

Wilke: Wir müssen beachten, dass Bewusstsein auf unterschiedlichen Niveaus oder Komplexitätsgraden auftritt. Schmerz hat sowohl einen unmittelbaren Erfahrungsaspekt als auch eine Ebene der emotionalen Bewertung. Laut einigen Theoretikern bedarf es der neuronalen Repräsentation eines Ichs, gespeist aus Signalen des eigenen Körpers, um Schmerz bewusst zu empfinden. Ich bin ehrlich gesagt unsicher, inwieweit es sinnvoll ist, nur das eine oder das andere als Bewusstsein zu bezeichnen. Fest steht, dass wir unterschiedliche Grade unterscheiden müssen.


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Pauen: Der Witz an der Sache und eine Quelle vieler Irrtümer ist, dass wir Bewusstsein immer nur mit solchen Gelegenheiten identifizieren, wo wir etwas als bewusst erkannt haben. Das Surren eine Klimaanlage etwa kann mir erst zu einem bestimmten Zeitpunkt auffallen. Möglicherweise habe ich es aber schon längere Zeit wahrgenommen und es hat mich beeinflusst, ohne dass ich die kategoriale Zuordnung vorgenommen habe, ohne dass ich meine Erfahrung in die Schublade einsortierte »Du hörst gerade das Surren einer Klimaanlage«.

Gibt es, wie man oft von Meditationsgurus hört, »reines Bewusstsein« ohne Inhalt? Oder ist Bewusstsein stets auf einen Gegenstand bezogen?

Pauen: Knifflige Frage. Sicherlich gibt es verschiedene Grade und Intensitäten von Bewusstsein, doch wie sollte man sich so eine inhaltslose, leere Hülle von Bewusstsein vorstellen? Ich glaube, es handelt sich dabei eher um Flow-Zustände, in denen wir unsere Aufmerksamkeit nicht aktiv steuern und die wir mit einer Metapher wie »geistige Leere« beschreiben. Wir sollten besser gar nicht von dem Bewusstsein sprechen, sondern von Erfahrungen, Schmerzerfahrungen etwa. Die übliche Verdinglichung von Bewusstsein ist meines Erachtens irreführend.

 

Kurz erklärt

Inattentional blindness

Fachbegriff dafür, dass uns bei erhöhter Aufmerksamkeit für einen Wahrnehmungsaspekt selbst starke Veränderungen eines Bildes oder einer Szene oft entgehen. Beispiel: Zählen Probanden die Pässe eines Basketballteams mit, fällt ein quer durchs Bild laufender Mensch im Gorillakostüm kaum auf.

Perturbational complexity index (PCI)

Neurowissenschaftliches Verfahren, bei dem man mittels elektrophysiologischer Messungen die Stärke und Dauer einer Erregungswelle im Gehirn bestimmt. Ein von außen etwa über Magnetspulen verabreichter Impuls kann so Auskunft geben über bewusste Träume oder Komazustände.

Manche Kritiker glauben, Bewusstsein könne nicht bloß im Gehirn verortet sein, weil es sonst eine Art inneren Agenten geben müsste, der die Bilder und Repräsentationen im Kopf liest oder wahrnimmt. Was halten Sie von diesem Argument?

Pauen: Das halte ich für Unsinn. Da wird die Hirnforschung zu einer Art Vogelscheuche gemacht, die man anschließend mit viel Tamtam abbrennt. Kein ernst zu nehmender Forscher glaubt mehr an einen Homunkulus im Kopf.

Wilke: Ich habe dazu auch keinen Bezug. Wir Neurowissenschaftler betrachten geistige Leistungen und Bewusstsein als dynamisch verteilte Hirnaktivität, dafür braucht es keine innere Instanz und keinen Homunkulus-Agenten.

»Gehirn&Geist« begleitet die Bewusstseinsforschung mittlerweile seit 20 Jahren. Was war für Sie in dieser Zeit der größte Fortschritt?

Wilke: Zunächst einmal, dass Bewusstsein als Gegenstand naturwissenschaftlicher Forschung anerkannt wurde. Es gibt inzwischen viele reproduzierbare Ergebnisse, die auch Vorhersagen erlauben. In dieser Hinsicht war die Entwicklung des »perturbational complexity index« (PCI, siehe »Kurz erklärt«) vielleicht der größte Fortschritt. Man kann einen Wert dafür berechnen, wie stabil und weiträumig sich elektrische Signale, zum Beispiel induziert durch eine Magnetspule, im Nervengewebe ausbreiten. So lässt sich beispielsweise bei Schlafenden gut unterscheiden, ob jemand gerade träumt oder nicht.

Pauen: Wir haben sowohl empirisch als auch theoretisch viele Unterscheidungen klarer fassen können. Etwa die, dass phänomenale Erfahrung und kognitiver Zugang, also Wissen, verschiedene Dinge sind. Doch ich glaube, die Vielfalt der Bewusstseinstheorien beruht darauf, dass wir diese Dinge noch nicht gut experimentell erfassen können. Viele Ansätze beschreiben lediglich unterschiedliche Aspekte, reden aber sonst aneinander vorbei.
Spektrum Kompakt:  Das Rätsel Bewusstsein Spektrum Kompakt: Das Rätsel Bewusstsein

Wilke: Das ist aus meiner Sicht auch ein ganz wesentlicher Fortschritt: Bewusstsein ist heute ein völlig etablierter Gegenstand empirischer Forschung. Es gibt gar keine Zweifel mehr daran, dass man es neurowissenschaftlich untersuchen und zumindest ansatzweise verstehen kann.

Machte die Hirnforschung vor allem deshalb Fortschritte, weil man heute mit viel größeren Datenmengen umgehen kann und so der Komplexität des Gehirns eher gerecht wird?

Wilke: Mit großen Datenmengen zu operieren, ist sicher hilfreich, aber nein, das ist nicht in erster Linie eine Frage des Berechnens oder der Verarbeitungskapazität unserer Computer. Wir müssen vielmehr die richtigen Fragen stellen. Vor allem müssen wir geeignete experimentelle Prozeduren entwickeln, die uns helfen, verschiedene Grade und Komponenten von Bewusstsein verlässlich und trennscharf zu erfassen. Dann erst können wir Hypothesen über die zu Grunde liegenden Mechanismen testen.

»Selbst wenn wir ein spezifisches, verlässliches Maß für Bewusstsein hätten, wäre damit noch nicht gesagt, was Bewusstsein ist und wie es entsteht« (Michael Pauen, Philosoph)

Lassen sich unterschiedliche Grade von Bewusstsein mit der von Ihnen erwähnten PCI-Methode unterschieden?

Wilke: Ja, man verwendet das beispielsweise zur Unterscheidung bewusster und unbewusster Schlafphasen, aber auch zur Prognose bei Komapatienten.

Pauen: Allerdings muss man sagen: Selbst wenn wir ein spezifisches, verlässliches Maß für Bewusstsein hätten, wäre damit noch nicht gesagt, was Bewusstsein ist und wie es entsteht. Beispiel: Bestimmte Atemmuster könnten einem ebenfalls Auskunft über Bewusstseinszustände geben, dennoch hat die Atmung selbst nicht direkt mit Bewusstsein zu tun.

Schrumpft die Zahl derjenigen, die der Hirnforschung »Neuroreduktionismus« vorwerfen?

Pauen: Das kann ich nicht genau sagen. Ich glaube, solange es kein tragfähiges wissenschaftliches Modell von Bewusstsein gibt, bleibt immer ein Markt für »alternative Sichtweisen« bestehen. Und wer da besonders schrill oder rhetorisch geschickt auftritt, findet eben Gehör in der Öffentlichkeit. Hier klaffen populäre Vorstellungen von Wissenschaft und das, was Wissenschaftler eigentlich tun und denken, teils weit auseinander.

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Und das »hard problem«, die Kluft zwischen Neuronen und Erleben – sehen Sie das persönlich nach wie vor als Problem an?

Pauen: Natürlich, intuitiv kommt mir das auch rätselhaft vor. Solche Intuitionen werden jahrhundertelang als unüberwindbar angesehen, doch kaum hat man einen Ansatzpunkt für Erklärungen gefunden, vergessen die Leute das einfach. Für Descartes zum Beispiel war die Sprache, die prinzipiell unerklärbar sei, ein Argument dafür, warum Geist einer immateriellen Sphäre angehöre. Und kaum hatte man die neuronalen Grundlagen der Sprachverarbeitung erkannt, war diese Intuition einfach weg. Ich bin guter Dinge, dass sich das Rätsel des Bewusstseins auf ähnliche Weise auflösen wird, vielleicht nicht in diesem Jahrhundert, aber irgendwann.

Wilke: Ich denke, wir haben genug Probleme, die wir zumindest theoretisch neurowissenschaftlich lösen können, also konzentriere ich mich darauf.

In Bezug auf das Impfen oder den Mobilfunk existieren hartnäckige Mythen, die manchen Fortschritt hemmen. Hat die Idee, Bewusstsein könne nicht bloß im Gehirn stattfinden, ähnlich negative Folgen?

Pauen: Nein, dafür ist die Bewusstseinsforschung vermutlich einfach zu abstrakt, zu weit entfernt vom Lebensalltag der Menschen. Natürlich hält sich bei einigen der Glaube an eine unsterbliche Seele oder an ein Leben nach dem Tod. Aber die Forschung tangiert das nicht.

Wilke: Wir haben in der Forschung eher das Problem, dass Bewusstsein mit Entscheidungen und Verhalten verwechselt wird. Die Hoffnung, dass wir Bewusstsein »unsterblich« machen und unabhängig vom Gehirn irgendwo hochladen können, scheint jedoch viele junge Leute zu motivieren, dieses Problem wissenschaftlich anzupacken. Das ist gut.

 

Nota. - Das Beste daran ist Michael Pauens Antwort auf die Frage, ob er sein Gehirn und ob sein Gehirn er wäre. Nein, ist er nicht, denn er kann beispielsweise Fahrrad fahren, aber nicht sein Gehirn. Das Gehirn gehört zu einem Gesamtorganismus, ohne den es nichts vermag, und der lebt seinerseits - so hat er seine Geschichte einmal gemacht - in einer Welt, in der er - anders als die umweltgebundenen Tiere - sein Leben führen muss: Er muss im-mer wieder entscheiden, ob so oder so. Er muss seinen Willen bestimmen. Wie eng oder weit sein Entscheidungsspielraum im jeweiligen Moment auch sei - er muss ihn ausfüllen, das ist es, worauf es ankommt. Und das ist es, woher und wozu er ein Bewussstsein hat; denn ohne dies könnte er nicht reflektieren, doch das muss er, denn er muss wissen kön-nen, was er will - und das muss das Tier nicht.

Dem solllte Micharl Pauen zustimmen können; wir überschätzten die Rolle unseres Be-wusstseins ja darum, sagt er, "weil all das, was uns nicht bewusst ist, in unseren Erklärun-gen für das eigene Handeln gar nicht auftaucht". Ums Verstehen der Handlungen geht es also - das ist der harte Kern.

JE