
aus nzz.ch, 30. 4. 2022 Jan
van Eyck Bildnis eines Mannes mit rotem Turban, 1433. Porträts
tauchten zu jener Zeit immer häufiger auf, sie verliehen dem äusseren
Erscheinungsbild gesellschaftliche Sichtbarkeit , zuJochen Ebmeiers Realien
Natürlich sind die Menschen nicht völlig von der Mode abgefallen in den zwei vergangenen Home-Office-Jahren. Wie Zalando berichtete, ist etwa die Nachfrage nach bunten Happy Socks in der Pandemie stark gestiegen. Aber auch wenn man sich solche Kleinigkeiten gönnte: Man hat doch selten lange vor dem Schrank gestanden, als der Arbeitsweg nur vom Bett bis in die Stube führte. Und wenn man nun wieder täglich hin und her überlegt, in welcher Aufmachung man wohl am besten vor die Welt treten würde, kann man sich dazwischen schon einmal fragen: Wieso veranstalten wir Menschen eigentlich ein solches Aufhebens um unsere Garderobe?
Die einfache Antwort würde etwa so lauten: Kleidung hat der Mensch als nacktes Tier schon immer gebraucht, um sich vor Wind und Wetter zu schützen. Und immer schon hat Kleidung den Menschen nicht nur geschützt, sondern auch geschmückt – unsere Spezies hat seit Urzeiten Freude an schönen Dingen, das belegen ja auch etliche archäologische Funde. Doch wenn man etwas genauer in die Geschichte blickt, werden die Dinge komplizierter.
Diverse Historiker sind der Meinung, dass es so etwas wie Mode die längste Zeit über gar nicht gegeben habe. Wann also ist das Phänomen entstanden? Ulinka Rublack siedelt die «Geburt der Mode» in der Zeit zwischen 1300 und 1600 an. Das unlängst auf Deutsch erschienene Buch der in Tübingen geborenen und in Cambridge lehrenden Historikerin lädt dazu ein, die Renaissance als Ära der neuen Kleider zu entdecken und diese «Äusserlichkeiten» als kulturellen Faktor zu begreifen, der individuelle und soziale Identitäten formte.
Röcke wecken Gottes Zorn
Bis ins Hochmittelalter hatte Kleidung kaum die Kraft, derart prägend auf die Menschen zu wirken. Selbstverständlich waren Stoffe auch in früheren Gesellschaften Distinktionsmerkmale, Seidenkleider hoben sich ab von Leinengewändern, Geistliche trugen andere Farben als Laien. Aber am Stil änderte sich von der Antike an über die Jahrhunderte nicht viel: Männer wie Frauen drapierten fliessende Gewänder in der Art von Tuniken um ihre Körper. Erst um das 11. Jahrhundert schufen dann das starke Bevölkerungswachstum und die Verstädterung die Basis für grundlegend Neues.
Auf den Märkten der entstehenden urbanen Zentren zirkulierten immer mehr Produkte, die von immer besser qualifizierten Handwerkern hergestellt wurden. Professionelle Schneider traten auf, sie arbeiteten mit neuen Dingen wie Knöpfen und konnten so erstmals Kleider anfertigen, die den Leuten auf den Leib passten und dessen Formen betonten. Statt wallender Stoffe trugen die Frauen nun Roben mit Décolletés, bei den Männern kamen enge Hosen und kurze Oberröcke in Gebrauch.
Für einige ein unansehnliches, ja obszönes Bild: Ein kritischer Beobachter erklärte um 1350, dass die neue Kleidung Gottes Zorn wecke und dieser auch für die Niederlage der modischen Franzosen in der Anfangsschlacht des Hundertjährigen Kriegs gesorgt habe.
Zusammen mit der Mode entstand also auch die Kritik am Modischen, und eigentlich ist das logisch. Denn Mode bedeutet Wandel, oder wie Georg Simmel sagte, der 1905 eine «Philosophie der Mode» verfasste: «Es kommt der Mode nur auf den Wechsel an.» Formen, die man für stabil gehalten hatte, erwiesen sich plötzlich als vergänglich, und kaum hatten sich neue Formen etabliert, wurden auch diese wieder von der neuesten Mode hinweggefegt. Mode und Moderne klingen nicht nur ähnlich, sie basieren auf ein und demselben Prinzip: jenem der konstanten Veränderung.
Wo Wandel und Bewegung ist, regen sich aber stets auch die Kräfte der Bewahrung. Das war im Bereich der Mode nicht anders als später in der politischen Moderne. In vielen europäischen Städten verhängten die Obrigkeiten schon ab dem 13. Jahrhundert Gesetze, um die Mode zu regulieren und dadurch das zu erhalten, was sie als sittliche Ordnung verstanden. Diese restriktiven Vorschriften gelten heute als charakteristisch für die frühe Neuzeit. Nur kann man die immer dichter werdenden Normen umgekehrt auch wieder als Zeichen für den beschleunigten Wandel lesen – hätte es diesen nicht gegeben, hätte man auch nicht mit Gesetzen auf ihn reagieren müssen.
Dies im angezeigten Tempo zu tun, war im Übrigen nicht ganz einfach, wie eine Quelle aus Leipzig nahelegt: Nachdem der Rat dort schon zahllose Kleiderordnungen erlassen hatte, rapportierte er um 1640 verzweifelt, es sei «fast kein monat verstrichen, do nicht eine newe mode (...) herfür kommen».
Sachverständige Männer
Während manche also die «newen moden» verfluchten, fanden viele Menschen Gefallen an ihnen. Etliche missachteten die gesetzlichen Vorgaben: Gerichtsakten zeugen davon, wie Personen aus allen Schichten für ihre bunten Borten oder Gewänder kämpften. Andere wiederum liessen sich in ihren wechselnden Kostümen porträtieren – so zum Beispiel Matthäus Schwarz, den Ulinka Rublack im Detail vorstellt. Der Augsburger Bürger hat 1520 begonnen, sich in immer neuen Ausstattungen malen zu lassen, rund 140 Bilder kamen über die Jahre zusammen.
Der 26-jährige Matthäus Schwarz führt ein Stück aus seiner Kleiderkollektion vor: das Wams mit 4800 Schlitzen.
In der Renaissance aber scheuten Männer auch vor den auffälligsten Accessoires nicht zurück: Matthäus Schwarz etwa zeigte sich auf einem Bild in einer lila Damastjacke, die er geschmackvoll mit einer grünen Tasche in Herzform kombinierte. Schmuck schien er häufig zu tragen, und als Prunkstück seiner Kollektion darf man wohl ein Wams betrachten, in das 4800 Schlitze eingeritzt waren – geschlitzte Wämser waren damals der letzte Schrei, jede sorgsam zerrissene Jeans sieht heute alt aus neben diesem innovativen Design.
Schlitze, seien es 48 oder 4800, haben keine Funktion: In den Formen, die die Mode hervorbringt, ist «keine Spur von Zweckmässigkeit» zu erkennen, wie Georg Simmel 1905 bemerkte. Doch während ihr der praktische Nutzen von Anfang an fehlte, war die Mode seit je von grosser sozialer Bedeutung.
Was man auf dem Körper trägt, fungiert als sichtbares Bindeglied zwischen innen und aussen, zwischen Mensch und Gesellschaft. Und sobald die Gewänder den Leuten von Spezialisten auf den Leib geschneidert wurden, konnte man mit der Wahl seiner Hülle etwas Inneres zum Ausdruck bringen: Die vielfältigen Kleider, die im Zeitalter der Mode entstanden, boten erste Möglichkeiten, ein Selbstbild zu pflegen, dieses den Mitmenschen direkt zu kommunizieren und die eigene Identität also durch den Blick des anderen zu festigen.
Bloss keine blauen Strümpfe
Ein geschlitztes Kleiderkunstwerk konnte sich im 16. Jahrhundert selbstverständlich nicht jedermann leisten – man darf annehmen, dass Matthäus Schwarz in seinem Wams als wohlhabender Bürger angesehen werden wollte. Allerdings betont Rublack mehrfach, dass Mode in der Renaissance keine reine Statusfrage war. Im bescheidenen Rahmen rüsteten sich auch ärmere Personen mit neuen Stücken aus, erwarben mal einen bunten Zopf, mal eine schmucke Schlaufe. Weitum war man angetan von schönen Dingen, sie faszinierten die Menschen und machten Freude.
Insofern ging es den modebewussten Bürgern auch nicht primär darum, mit schicken Kleidern den Adel zu imitieren oder den Höfen nachzueifern. Vielmehr bildeten sie allmählich ihre eigenen Ideale aus, und diesen wollten die modischen Menschen auch unbedingt gehorchen. Zu Zeiten, da in bürgerlichen Haushalten die Farbe Grün dominierte, kam es für eine Ehefrau etwa keinesfalls infrage, mit blauen Strümpfen durchs Leben zu gehen – das entnimmt Rublack einem Briefwechsel, in dem sich ein Nürnberger Paar ausführlich über Kleider- und Einrichtungsfragen austauschte.
Ein Puppenhaus bietet Einblick in den idealen bürgerlichen Haushalt, Nürnberg 1611.
Mode diente demnach nicht nur dazu, ein Selbstbild auszudrücken. Sie vermochte auch ein Gefühl der Zugehörigkeit zu vermitteln und die eigene Identität in eine grössere Einheit zu betten. Georg Simmel sah eben darin die zentrale Doppelfunktion der Mode: Sie mischt «individuelle Besonderheit» mit «sozialer Gleichheit» und fungiert als «eigentlicher Tummelplatz für Individuen, welche innerlich unselbständig und anlehnungsbedürftig sind, deren Selbstgefühl aber doch zugleich einer gewissen Auszeichnung, Aufmerksamkeit, Besonderung bedarf».
Es lohnt sich, Simmels kurzen Essay parallel zu Rublacks dickem Buch zu lesen. Die Studie der Historikerin ist zwar glänzend geschrieben und prächtig illustriert, aber kleinteilig gearbeitet, auf einzelne Fälle und ganz auf die frühe Neuzeit konzentriert. Das grosse Ganze muss man sich beim Lesen selber zusammensetzen. Simmel kann helfen, die Gedanken über die «Geburt» der Mode hinauszuführen und ins Allgemeine zu tragen.
Man wird dann vielleicht bemerken, dass die modischen Menschen auch nach Jahrhunderten noch demselben, nunmehr schon altmodischen Muster folgen: Noch immer benutzen wir unsere Kleider, um uns im Schutz der Konformität als Individuen zu zeigen. Und sei es nur, indem wir jene unvergleichlichen bunten Happy Socks tragen, die die Leute im letzten Jahr zu Tausenden bestellten.
Ulinka Rublack: Die Geburt der Mode. Eine Kulturgeschichte der Renaissance. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2022. 534 S., Fr. 67.90.
Nota. - In den mittelalterlichen Städten herrschten ständische Kleiderordnungen. Nicht die In-dividualität galt es hervorzukehren, sondern den Stand, dem man angehörte - Bauern und fahrendes Volk mochten sich kleiden wie sie wollten und eben konnten. Und in den Stand war man hineingeboren. Erst mit dem Zerfall der ständischen Gesellschaft konnte man darauf stolz sein, nicht irgendwo dazu zu gehören.
Dass man* *seine Identität gerade dadurch zur Schau stellt, dass man* zu irgendwe*r oder -was "dazugehört", ist... gar nicht so neu, wie Sie vielleicht denken; das war auch schon beim Wandervogel wieder so. Das ganz besonders Individuelle ist der letzte Schrei. Den schreien sie alle im Chor.
JE
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