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Mittwoch, 16. Februar 2022

Phänomenologie des Bewusstseins oder Psychologie?


aus spektrum.de, 14. 2. 2022                                                                        zuJochen Ebmeiers Realien; zu Philosophierungen 

Was kann die phänomenologische Psychologie zum Bewusst-seinsproblem beitragen?
Die Phänomenologie war im deutschsprachigen Bereich einst von großer Bedeutung. Welche Rolle kann sie für die heutige Psychologie und Hirnfor-schung spielen? Und wie verhält sie sich zur Naturwissenschaft? Drei auf-strebende akademische Talente formulieren Antworten. 

von Alexander Nicolai Wendt, Hannes Wendler und Joseph Ramminger

Kürzlich hat sich Stephan Schleim der Frage gewidmet, warum die Hirnforschung die Psychologie braucht. Dabei ist er auf die Phänomenologie zu sprechen gekommen, in der “das, was uns erscheint, für grundlegend” gehalten wird. Mithilfe der Phänomenologie sei es der Psychologie möglich, sich auf die ursprüngliche Erfahrung zu besinnen und ‘Seelenlehre’ statt ‘Seelenleere’ zu betreiben.

In weiterer Folge ergab sich ein lebhafter Austausch. Ein aufmerksamen Leser stellte hierbei zwei ausschlaggebende Rückfragen an die ‘phänomenologische Herangehensweise’, insbesondere bezüglich ihres Stellenwertes für das sogenannte Bewusstseinsproblem.

Das ist eine erfreuliche Gelegenheit für einen Dialog zwischen Phänomenologie und Psychologie, der wir uns in unserem Gastbeitrag annehmen möchten. Bevor wir uns den beiden Schlüsselfragen widmen, jedoch zunächst ein kleiner Überblick, was es mit der Phänomenologie in der Psychologie auf sich hat.

Was ist phänomenologische Psychologie?

Der Begriff der ‘Phänomenologie’ bezeichnet mehrere Aspekte der Geistesgeschichte. Er findet sich vor und bei Kant, dann in Hegels berühmter ‘Phänomenologie des Geistes’. Wer heutzutage von ‘Phänomenologie’ spricht, meint allerdings in der Regel die ‘phänomenologische Bewegung’, die ihren Ursprung im späten 19. Jahrhundert hat.



Allerdings ist auch die phänomenologische Bewegung ein weites Feld. Zu ihr gehören vielfältige und teilweise entgegengesetzte Beiträge. Man denke nur an Jean-Paul Sartres Existenzialismus im Kontrast zur Transzendentalphilosophie Edmund Husserls und der deskriptiven Psychologie Alexander Pfänders. Die Phänomenologie ist ein eigener Diskurs.

Nun ist es streitbar, was die verschiedenen Beiträge zur phänomenologischen Bewegung miteinander verbindet. Jedoch lässt sich in mindestens drei zentralen Aspekten weitestgehende Übereinstimmung finden:

  1. Im Mittelpunkt der phänomenologischen Arbeit steht die Erfahrung. Gemeint ist allerdings nicht die Erfahrung, die wir einem Lebewesen ‘von außen’ aufgrund seines organischen Aufbaus zuschreiben, bspw. der Funktion der Sinnesorgane (das Auge mit Retina, Sehnerv etc.). Stattdessen untersucht die Phänomenologie den inneren Zusammenhang der Erfahrung. Der Anspruch ist dabei, ihre ursprüngliche Gegebenheit zu verstehen: Es geht darum, den logischen und existenziellen Wurzeln unseres Bewusstseins nachzuforschen.

    Die Phänomenologie versucht hinter die Metaphysik und Epistemologie des 19. Jahrhunderts zu gelangen. Symbolisch dafür steht Edmund Husserls Behauptung, dass sich in der Phänomenologie “schon ein erster Durchbruch einer wahren und echten Ersten Philosophie vollzogen hat” (Husserl, 1956, 6). Das bedeutet, dass die Phänomenologie auf einzigartige Weise auf die Bestimmung des Aufbaus der Erfahrung abzielt.

    Wenn wir heute von ‘Tatsachen’ und ‘Fakten’ sprechen, können flüchtige Beobachtungen gemeint sein, die zu unserer eigenen Perspektive relativ sind. Im Gegensatz dazu stößt die Phänomenologie auf Strukturen, die alle Erfahrung überhaupt und schlechthin ordnen. Das ist gemeint, wenn in der phänomenologischen Bewegung von ‘Invarianten’ oder ‘Wesenheiten’ die Rede ist.

    Die Phänomenologie ist in einer Zeit entstanden, als Experimentalpsychologie und Philosophie noch nicht endgültig voneinander getrennt waren, am Ende des 19. Jahrhunderts. So war es, um ein Beispiel zu nennen, Carl Stumpf, der einerseits als Wegbereiter der phänomenologischen Psychologie gehandelt wird und gleichzeitig als Experimentalpsychologie das Psychologische Institut Berlin gründete (Kaiser-El-Safti, 2001).

Es ist nicht einfach so, dass die Phänomenologie zur Philosophie gehört und sich von der Psychologie abgrenzt. Bestimmte Formen der psychologischen Forschung passen allerdings mehr oder weniger gut zur Phänomenologie. Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass phänomenologische Psychologie die Erste-Person-Perspektive untersucht. Sie steht deswegen im klaren Widerspruch zu Formen der Psychologie, die diese Perspektive für unerheblich halten. Mehr zur Geschichte und Systematik der phänomenologischen Psychologie findet sich in Herzog (1992) und Wendt (im Druck).

Die Phänomenologie und das Bewusstseinsproblem

Aus dem bisher Gesagten wird deutlich, dass die Phänomenologie unmittelbar mit der Frage nach dem Bewusstsein beschäftigt ist. Das steckt schon im Begriff ‘Phänomenologie’, der wörtlich mit ‘Lehre von den Erscheinungen’ und sinngemäß als ‘Bewusstseinslehre’ wiedergegeben werden kann. Dementsprechend betrifft sie auch das Bewusstseins-Problem in seinen beiden Varianten als metaphysisches Leib-Seele-Problem und als erkenntnistheoretische Erklärungslücke (‘hard problem of consciousness’ bzw. Qualia-Problem).

Weil die Phänomenologie kein Dogma, sondern ein eigener Diskurs ist, gibt es allerdings verschiedene phänomenologische Behandlungsmöglichkeiten für das Bewusstseins-Problem. Um einen allgemeinen Eindruck zu geben, dürfte es hier allerdings ausreichen, eine beispielhafte Antwort zu finden. Dafür wählen wir eine Argumentation, die sich bei dem namhaften dänischen Phänomenologen Dan Zahavi (2003) findet.

Wie der englische Ausdruck schon zu erkennen gibt, wird das ‘hard problem’ heutzutage zumeist aus der Perspektive der analytischen Philosophie betrachtet. In dieser Perspektive steht auf der einen Seite ein Naturvorgang in der stofflichen Wirklichkeit, auf der anderen Seite ein Subjekt, das diesen Vorgang abbildet (repräsentiert). Das Problem ist dann, zu erklären, wie es zu ‘sekundären Qualitäten’ wie Geschmack und Geruch kommt, deren Erlebnisweise sich nicht notwendig aus den physikalischen Eigenschaften des Vorgangs ergeben.

Die phänomenologische Antwort beginnt damit, die am Bewusstseinsproblem beteiligten Begriffe infrage zu stellen. Dadurch entfernt sie sich von der üblichen Formulierung des Ausgangsproblems. Anders betrachtet werden insbesondere 1. ‘Subjektivität’ und 2. ‘Erkenntnisobjekt’:

  1. Frei nach Zahavi: Für die Phänomenologie ist Subjektivität kein abgeschlossener geistiger Bereich, sondern von Anfang an in der Welt: Subjektivität und Welt sind voneinander abhängig und untrennbar verbunden. Die Subjektivität ist wesentlich demjenigen gegenüber offen, was sie selbst nicht ist (Transzendenz des Bewusstseins). Diesen Zusammenhang bezeichnet die Phänomenologie durch den Begriff der Intentionalität, welcher programmatisch ausdrückt, dass jede (subjektive) Erfahrung eine Erfahrung von etwas (Welt) ist. Für die Phänomenologie ist das Bewusstsein also kein Kasten, in dem die Erfahrungen eines Subjekts stattfinden. Stattdessen ist es das Feld, in dem das Subjekt die Welt erfährt. Erst indem die Subjektivität diese Offenheit vollzieht und sich selbst in der Welt vorfindet, wird sich die Subjektivität ihrer selbst bewusst (Selbstbewusstsein).
  2. Was uns in der Erfahrung gegeben ist (ein roter Apfel, dessen Röte eine vermeintliche sekundäre Qualität ist), ist nicht einfach ein Abbild eines wirklichen ‘Objektes’. ‘Objekte’ gibt es immer nur für ein erfahrendes Subjekt – das ist eine alte Einsicht Immanuel Kants. Von ‘Abbildung’ oder ‘Repräsentation’ zu reden, ist also ein Vorurteil, das vernachlässigt, dass der Vollzug der menschlichen Erfahrung ein ‘In-der-Welt-Sein’ ist. An die Stelle der Repräsentation tritt für die Phänomenologie die sogenannte intentionale Korrelation. Für Zahavi ist damit gemeint, dass sich in der bewussten Erfahrung zugleich das Objekt als Objekt und das Subjekt als Subjekt aufbauen.

Aus diesen Erläuterungen wird klar: Die Phänomenologie beantwortet das ‘hard problem’ nicht einfach, sie reformuliert es. Es geht nicht mehr darum, das Subjekt hier und das Objekt dort in Übereinkunft zu bringen. Stattdessen untersucht sie eine Tiefenschicht, in der Subjekt und Objekt als Subjekt und Objekt erst möglich werden.

Deshalb ist zu einem Teil wahr, dass die Phänomenologie eine Betrachtungsebene betrifft, die dem Bewusstseinsproblem vorgeordnet ist. Das bedeutet aber nicht, dass das ‘hard problem’ dadurch endgültig beantwortet oder sogar aufgelöst wäre.

Stattdessen ist es nach unserem Dafürhalten wichtig, das Problematische am Bewusstseinsproblem in seiner Tiefe wertzuschätzen. Das Problem verpufft angesichts der intentionalen Korrelation nicht einfach, sondern fügt sich in die Systemstelle eines weiter gefassten, systematischen Diskurses über das Bewusstsein im Allgemeinen.

Das Bewusstseinsproblem bildet das Medium für die Lösung weiterer Probleme und die Phänomenologie versucht, diese Beziehung zu erläutern. Zugleich bietet sie auch für andere Disziplinen die Möglichkeit, die eigenen Voraussetzungen zu verhandeln und das Bewusstseinsproblem als in tieferliegenden Zusammenhängen verwurzeltes Problem zu betrachten.

Sind Phänomenologie und Naturwissenschaft vereinbar?

Der Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaften hat eine lange Tradition, die sich auf John Stuart Mills Unterscheidung zwischen ‘natural sciences’ und ‘moral sciences’ zurückführen lässt. Ende des 19. Jahrhunderts nutzte Wilhelm Dilthey die Begriffe ‘Natur-‘ und ‘Geisteswissenschaft’ zur Bestimmung der Psychologie – die er allerdings als Geisteswissenschaft klassifizierte.

Was den Unterschied ausmacht, ist keine triviale Frage. Handelt es sich um einen Unterschied des Gegenstandes? Dann widmen sich Naturwissenschaften den physischen, Geisteswissenschaften den psychischen Phänomenen. Oder ist es ein methodologischer Unterschied? Dann arbeiten Geisteswissenschaften beschreibend und Naturwissenschaften erklärend. In der Psychologie spiegeln sich diese Alternativen in der Bezeichnung ‘Erlebnis- und Verhaltenswissenschaften’ wider.

Aus phänomenologischer Perspektive ist diese Kategorisierung fragwürdig. Schon früh hat Husserl argumentiert, dass sich psychische und physische Phänomene nicht ohne Weiteres sauber voneinander unterscheiden lassen. Und der Psychologe Carl Friedrich Graumann, der sich als Phänomenologe verstanden hat, überwindet die Unterscheidung zwischen vermeintlich ‘exakten’ Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften, indem er die Psychologie eine “Erfahrungswissenschaft” (Graumann, 1960, 6) nennt.

So ergibt sich die grundsätzliche Antwort auf die Frage, ob die Phänomenologie mit Naturwissenschaft vereinbar ist: Der Begriff der Naturwissenschaft ist selbst voraussetzungsreich und die Phänomenologie hinterfragt diese Voraussetzungen.

Die Begründung von Naturwissenschaftlichkeit ist eine wissenschaftstheoretische Aufgabe, die ein hohes Maß an logischer Präzision erfordert. Man könnte fast von Ironie sprechen, denn Edmund Husserl hat den Anspruch erhoben, Phänomenologie als ‘strenge Wissenschaft’ zu betreiben und so die Naturwissenschaften auf ein echtes Fundament zu stellen.

Die selbstbewusste Gegenfrage muss also sein: Ist Naturwissenschaft ‘exakt’ genug, um dem phänomenologischen Maßstab zu genügen? Und selbst für diejenigen, die das bejahen, ist es erforderlich, die Exaktheit und die Strenge einer Wissenschaft von der Bedeutsamkeit ihrer Erkenntnisse zu trennen. Denn wer für die Vereinbarkeit von Phänomenologie und Naturwissenschaft argumentiert, steht erst am Anfang. Denkt man hier weiter, stellt sich nämlich die Frage nach dem “Wie?” der Vereinigung; – und spätestens hier wird es kompliziert.

So untersucht die Phänomenologie, wie sich die Operationen der Wissenschaft aufbauen. Wenn eine Wissenschaftlerin ein chemisches oder biologisches Phänomen misst, ist es in letzter Instanz immer noch sie selbst als Mensch, die dafür verantwortlich ist. Eine ‘naive’ Naturwissenschaft übersieht diesen Zusammenhang und vernachlässigt die Bedingungen von Messung und Beobachtung und ihre Verankerung in der ‘Lebenswelt’.

Phänomenologische Analysen können der Wissenschaft helfen, ihrem eigenen Anspruch der Exaktheit und Strenge gerecht zu werden. Darüber hinaus gibt sie das nötige theoretische Rüstzeug zur Hand, um nicht nur die Ergebnisse, sondern schon das Vorgehen und die ins Auge gefassten Problemstellungen der Wissenschaften hinsichtlich ihrer Bedeutsamkeit zu befragen – im Ganzen der Wissenschaft wie auch im persönlichen Leben.

Die Frage lässt sich allerdings auch noch anders verstehen, indem die wissenschaftstheoretische Schwierigkeit, Naturwissenschaften zu begründen, ausgeklammert wird: Gegeben, dass die Psychologie als eine Naturwissenschaft nach dem Vorbild der Physik natürliche Zusammenhänge erforscht: Kann die Phänomenologie einen Beitrag leisten? Hier müssen zwei Antworten gegeben werden: 1. Ja und 2. Vielleicht.

  1. Ja, denn einige Mitglieder der phänomenologischen Bewegung haben sich um einen Schulterschluss mit den Naturwissenschaften bemüht. Das bedeutet, dass sie bereitwillig die philosophischen Voraussetzungen der modernen Naturwissenschaften akzeptiert haben. Diese Voraussetzungen lassen sich in einem Wort zusammenfassen: Naturalismus. Für sie lautet das Projekt: ‘naturalizing phenomenology’ (siehe Gallagher, 2012).
    Man kann aber auch von einer weniger voraussetzungsreichen Richtung aus gedacht ein “Ja!” als Antwort geben: Es könnte argumentiert werden, dass eine naturwissenschaftlich ausgerichtete Psychologie letzten Endes auf Erfahrungen ihrer Versuchspersonen angewiesen ist. Diese Erfahrungen sind es, die die Unterschiede zwischen den Experimentalgruppen bedingen. Die Phänomenologie fragt nach der Struktur der Erfahrung und erleichtert die Kooperation mit der naturwissenschaftlichen Psychologie.
    Zur Veranschaulichung sei an ein fiktives emotionspsychologisches Experiment gedacht: Eine Gruppe sieht einen ‘ekligen Reiz’ mit der Aufgabe, die Emotion zu unterdrücken. Die andere Gruppe hat die Aufgabe eine Neubewertung des ‘Reizes’ vorzunehmen. Was bedingt hier mögliche Gruppenunterschiede: auch der erfahrene Ekel. Welche Strukturen hat dieses Erlebnis? Auch für die Experimentalpsychologin eine relevante Frage für das Verständnis ihrer eigenen Untersuchung.
  2. Die zweite Antwort ist ‘vielleicht’, denn andere Mitglieder der Bewegung sind nicht bereit, diesen Schritt zu gehen, weil es dem Anspruch der Phänomenologie nicht entspricht, Voraussetzungen einfach hinzunehmen, statt sie zu hinterfragen. Ohne Naturalismus fällt es allerdings etwas schwerer, mit den Wissenschaften in den Dialog zu treten. Es wird dann nämlich fragwürdig, ob die Wirklichkeit naturkausal geschlossen und homogen ist. Die Antwort ist allerdings auch nicht ‘nein’, denn, so wie es in der Phänomenologie unterschiedliche Denkrichtungen gibt, sind auch in den Wissenschaften echte Alternativen möglich.

    Die Antwort auf die Frage nach der Vereinbarkeit von Phänomenologie und Naturwissenschaft erfordert also eine Fallunterscheidung. Dies veranschaulicht erneut, dass es nicht so etwas wie die eine phänomenologische Antwort auf diese Frage gibt. Vielmehr ist die Phänomenologie das diskursive Feld, in der verschiedene mögliche Antworten geordnet werden können.

Wir möchten die Frage deshalb offen und in ihrer Frag-Würdigkeit bestehen lassen. Nur wenn Phänomenologen und Naturwissenschaftlerinnen gesprächsbereit sind, können künftig bedeutsame Fortschritte in der Verhältnisbestimmung von Phänomenologie und Naturwissenschaft geleistet werden.

Weiterführende Auseinandersetzung zur Frage nach der Stellung der Phänomenologie in der Psychologie oder zu der Frage, ob die Psychologie Natur- oder Geisteswissenschaft ist, finden Sie bei ‘Fipsi: dem philosophisch-psychologischen Podcast‘. Wenn Sie Interesse an Austausch mit uns haben, kontaktieren Sie uns gerne.

Die Autoren

Literatur

  • Graumann, C. F. (1960). Grundlagen einer Phänomenologie und Psychologie der Perspektivität. Berlin: De Gruyter.
  • Gallagher, S. (2012). On the possibility of naturalizing phenomenology. In D. Zahavi (Hrsg.), Oxford Handbook of Contemporary Phenomenology. (S. 70-93). Oxford University Press.
  • Husserl, E. (1956). Gesammelte Werke. Band VII. Erste Philosophie (1923/1924). Den Haag: Martinus Nijhoff.
  • Husserl, E. (1987). Husserliana XXV. Aufsätze und Vorträge (1911-1921). Dordrecht: Nijhoff.
  • Herzog, M. (1992). Phänomenologische Psychologie. Heidelberg: Asanger.
  • Kaiser-El-Safti, M. (2001). Die Idee der wissenschaftlichen Psychologie: Immanuel Kants kritische Einwände und ihre konstruktive Widerlegung. Würzburg: Königshausen & Neumann.
  • Wendt, A. N. (im Druck). Die Erneuerung der phänomenologischen Psychologie. Freiburg im Breisgau: Alber.
  • Zahavi, D. (2003). Intentionality and phenomenality. A phenomenological take on the hard problem. In E. Thompson (Hrsg.), The Problem of Consciousness: New Essays in Phenomenological Philosophy of Mind (S. 63-92). University of Calgary Press.

 

Nota. - Noch in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts - die Formulierung geht mir runter wie Öl - gab es ein lebendiges phänomenologisches Schrifttum. Dass eines Tages Phi-losophie auf die komplementär sterilen Lager von 'kontinentalen' Historikern und transat-lantisch-'systematischen' Begriffsatomisten reduziert sein würde, hat man sich nicht träu-men lassen. Bevor die Verheerung des postmodernen Anything goes hereinbrachen, meinte man unbefangen, dass es der Philosophie um Wahrheit zu tun sei. Seither begnügen sich die einen mit definitorischen, die andern mit philologischen Mikrologien, und wer etwas verste-hen will, bleibt mit seinem Durst allein. Da sollte eine Wiederbelebung phänomenologi-schen Denkens heilsam sein.

Das Hauptverdienst der phänomenogischen Schule war, Wissen als einen intentionalen Akt und nicht als räsonnierende Empfängnis aufzufassen. Das macht ihre Nachbarschaft zur Transzendentalphilosophie aus. Der Unterschied liegt in der Enge ihres Horizonts und der Arglosigkeit ihrer Verfahren - eins folgt aus dem jeweils anderen. 

Transzendentalphilosophie beginnt als Kritik - nicht als Herumdoktern an den Elementen vorliegenden Wissens, sondern als Erwägung der Vernunft selbst. Die Phänomenologie - die so heißt, weil sie die Erscheinungsweisen des Bewusstseins zu ihrem Gegenstand macht - zieht von den uns gegebenen Begriffen all das ab, was an ihnen zufällig sein und also in je besonderen Erfahrungen gegründet sein könnte, um Schritt für Schritt in eidetischer Reduk-tion den originären Wesenskern freizulegen. Je mehr Einzelbstimmungen vom Begriffsphä-nomen abgezogen werden, umso mehr verblasst die Begrifflichkeit selbst und umsomehr Bild muss an ihre Stelle treten. Am Ende steht die Wesens-Schau, deren großer Mangel dar-in liegt, dass sie nicht mitgeteilt werden kann, weil sie keine Worte mehr hat.

Dieser Mangel ist irreparabel. Wenn restlos alle Begriffe der reduktionellen Kur unterzogen wären, könnte man sich doch immer noch nicht auf sie verständigen und keiner hätte etwas gewonnen. 

Das immerhin ist der Anspruch der 'systematischen' Sprachanalytiker: dass am Ende alle erdenklichen Begriffe unmissverständlich definiert, und etwelche Meinungverschieden-heiten eo ipso unmöglich geworden wären.

An der Stelle spätestens stößt die dogmatische Prämisse auf, die die Phänomenologen mit den Sprachanalytikern teilen: die Annahme atomarer Sinn-Kerne als letztendlichem Ur-sprung der in den "Sprachspielen" tatsächlich verwendeten Begriffe.

Als Edmund Husserl vor ziemlich genau hundert Jahren die platonischen Konsequenzen seines Systems unter die Nase gerieben wurden, brach er seine diesbezüglichen Spekula-tionen ab. Das eigentliche Problem hätte an diesem Punkt aber erst begonnen: Wie hätten es diese an-sich-seienden eidoi wohl angestellt, in die Intentionalität wirklicher historischer Subjekte einzusickern? (Wittgenstein dagegen haben systematische Fragen nie gekratzt.)

Der Pferdefuß war, dass die Phänomenologie bei den Begriffen als Erscheinungweisen des Bewussstseins angefangen hat. Erscheinungsweise des Bewusstseins ist die ganze Vernunft selber. Sie ist das Phänomen, das es zu analysieren gilt, nicht ihre verstreuten Moleküle. 

Kant hat damit begonnen, aber weiter als bis zum "Apriori", den zwölf Kategorien und den beiden Anschauungsformen, ist er nicht gekommen. Fichte wollte mit der Wissenschafts-lehre den Rest besorgen, doch fertig ist auch er nicht geworden und ist kurz vor Schluss sogar vom Wege abgekommen

Vorgedrungen war er bis zum Ursprung: dem Ich, 'das sich selbst setzt, indem es sich ein/em Nicht-Ich entgegensetzt'. Eine andere Bestimmung kann ihm nach vollständiger analytischer Reduktion nicht mehr zugerechnet werden, als die, zu wollen - denn ohne dies hätte es nie anfangen können.

Aus dieser einen und einzigen Prämisse muss der ganze Entwicklungsgang der Vernunft rekonstruiert werden können, und wenn dies gelingt, ist sie wohl nicht bewiesen, aber immerhin so weit gerechtfertigt, dass sie dem Ganzen als Postulat zu Grunde gelegt werden kann. Diese Rekonstruktion ist der Wissenschaftslehre, unerachtet einiger weniger Lücken und einzelner Abwege, gelungen

Und seien Sie versichert: Psychologie war dabei an keiner Stelle vonnöten.

So konnte Reinhard Lauth, der Herausgeber der Fichte-Gesamtausgabe, denn sagen: die Phänomenologie habe zur Erkenntnis 'nichts beigetragen, was nicht die Transzendental-philosophie früher und besser ausgesprochen hat'.
JE

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Freitag, 11. Februar 2022

Setzt Hirnforschung Philosophie und Psychologie voraus?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 aus spektrum.de, 10. 2. 2022                                                                            zuJochen Ebmeiers Realien; zu Philosophierungen

Warum die Hirnforschung die Psychologie braucht
Rätsel Bewusstsein, Gedankenlesen, Gehirnschreibmaschine – was kann die Hirnforschung hier leisten? Kommt sie ohne Psychologie und Philosophie aus oder setzt sie sie umgekehrt zwingend voraus?


Von Stephan Schleim

Wie Bewusstsein entsteht, wie unser Wahrnehmen, Denken und Fühlen funktioniert, wie wir Entscheidungen treffen und was unser Verhalten bestimmt – all das sind Fragen, die Forscherinnen und Forscher rund um den Globus beschäftigen. Regelmäßig melden sich auch Fachleute aus der Philosophie zu Wort. Manchen gilt die Entstehung des Bewusstseins gar als eines der größten ungelösten Rätsel der Menschheit.

Diese Fragen sind aber nicht nur im rein wissenschaftlichen Sinn von Bedeutung. Tatsächlich geht es auch um unmittelbar lebensrelevante Themen: Wie organisieren wir unser gesellschaftliches Miteinander? Wie unsere Arbeit? Wie müssen Verhaltensregeln – denken Sie an die Pandemie oder den Klimaschutz – gestaltet sein, damit sie funktionieren?

Gemäß dem Reduktionismus funktioniert Wissenschaft so, dass sie allgemeine Erklärungen auf grundlegendere Prinzipien zurückführt (Reduktionismus und die Erklärung von Alltagsphänomenen). Demnach würde es irgendwann eine Weltformel geben, eine “Theorie für Alles”, die jeden nur denkbaren Sachverhalt erklärt. Manche halten dann die Physik für die grundlegendste aller Wissenschaften, erwarten also von ihr letztlich diese Weltformel.

Bei den hier genannten Beispielen aus dem Bereich des Bewusstseins, Denkens und so weiter wurden spätestens seit der “Dekade des Gehirns” (den 1990ern) und in Deutschland dem “Manifest führender Hirnforscher” aus dem Jahr 2004 die Erklärungsansprüche der Neurowissenschaften hervorgehoben

Dieses Manifest wird bald 20 Jahre alt. Die damals formulierten Erklärungsansprüche – beispielsweise zur nahtlosen Erklärung des Bewusstseins oder Entwicklung besserer Behandlungen für psychische Störungen – wurden bekanntermaßen nicht erfüllt.

Neurotraum und Neurotechnologie

Aber auch bei konkreteren technischen Anwendungen, denken wir an den Bereich des “Gedankenlesens”, hat sich nicht viel getan. Von dem Enthusiasmus, mithilfe der Hirnforschung unschlagbare Lügendetektoren zu entwickeln, ist wenig übrig geblieben.

Der “Chef-Gedankenleser” John-Dylan Haynes von der Humboldt-Universität in Berlin veröffentlichte dazu erst letztes Jahr ein Buch und zog das Fazit, dass sich solche Anwendungen noch in einem sehr frühen Stadium befinden (Hirnforschers Traum vom Gedankenlesen). So früh sogar, dass sich die Anwendungsreife nicht einmal sinnvoll beurteilen lasse.

Hier soll aber nicht unter den Tisch fallen, dass es in bestimmten Bereichen durchaus große Fortschritte gibt. Denken wir etwa an Gehirn-Computer-Schnittstellen. Diese erlauben manchen gelähmten Patienten die Kommunikation mit Anderen. Ähnliche Systeme könnten in naher Zukunft die Steuerung von Prothesen verbessern. (Siehe hier ein Forschungsprojekt von Gernot Müller-Putz vom Institut für Neurotechnologie der TU Graz.)

Bei solchen Verfahren sollte man aber nicht den Eindruck erwecken, es handle sich um “Gehirnschreibmaschinen”. Oft muss der Mensch sich vorstellen, eine bestimmte Bewegung durchzuführen, etwa Öffnen und Schließen der Hand. Ein Computeralgorithmus lernt dann, die damit verbundenen Gehirnaktivierungen in einem bestimmten Sinne zu interpretieren: etwa als Knopfdruck.

Die “Sprache der Neuronen”, so es sie denn gibt, hat also noch niemand verstanden. Um Laien einen Eindruck zu vermitteln, wie das funktioniert, sei hier ein konkretes Beispiel genannt:

In der Studie von Mariska Vansteensel und Kollegen von der Universitätsklinik Utrecht bekam eine wegen der schweren Muskelkrankheit amyotrophe Lateralsklerose (ALS) in ihrem Körper gefangene Patientin Elektroden direkt auf die Gehirnoberfläche gelegt. Dafür musste ein kleines Loch in ihren Schädel gebohrt werden. Dann ist die Qualität der Messungen aber viel besser als mit der herkömmlichen Elektroenzephalographie (EEG), die die Signale auf der Kopfhaut aufzeichnet.

Die Patientin lernte nach der Operation 38 Wochen lang mit einem Computer, damit bestimmte Aufgaben auszuführen. Um einen “Brain Click” zu signalisieren, sollte sie sich beispielsweise eine Sekunde lang vorstellen, ihre Hand zu bewegen.

Im Endeffekt konnte sie dann mit einer Geschwindigkeit von 52 Sekunden pro Zeichen Wörter buchstabieren. Wenn man den Buchstabieralgorithmus verbesserte, wie wir es von unseren Smartphones kennen, konnte man die Rate auf 33 Sekunden pro Zeichen verbessern.

Die Studie ist nun zugegebenermaßen aus dem Jahr 2016, hat also schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Solche Details muss man aber wissen, um die Anwendbarkeit einer Technologie zu verstehen.

Die Patientin verwendete übrigens vorzugsweise ein System, das ihre Augenbewegungen erkannte. Doch das funktioniert nicht unter allen Lichterverhältnissen. Daher der alternative Versuch mit der “Gehirnschreibmaschine”.

Gehirn als Denkorgan

Das Gehirn wird nun gemeinhin als “Denkorgan” angesehen. Schon im 19. Jahrhundert zogen Physiologen den Vergleich, wie Nieren den Urin, so würde das Gehirn die Gedanken erzeugen. Doch was nutzt uns dieses Bild, wenn man so nicht Bewusstsein oder den Menschen erklären kann? Und: Was heißt das überhaupt?

In den Kognitionswissenschaften spricht sich gerade herum, Kognition (als Oberbegriff für: Wahrnehmen, Denken, Fühlen, Entscheiden…) müsse gemäß dem 4E-Ansatz erforscht werden. Das steht für verkörpert (embodied), eingebettet (embedded; manchmal auch: situiert), in Interaktion mit der Welt (enacted) und erweitert (extended). 2018 erschien hierzu ein neues Lehrbuch unter Mitwirkung des Bochumer Philosophieprofessors Albert Newen.
 

Gemeint ist damit, dass wir nun einmal keine reinen Gehirne sind, die in einer Nährlösung schwimmen. Wir haben einen ganzen Körper, in einer bestimmten Situation für eine bestimmte Interaktion. Mit dem “erweiterten Geist” (extended mind) meint man, dass auch Werkzeuge Teil unseres kognitiven Systems sind.

Letzteres kommt auch Cyborg-Fans und Biohackern entgegen, die allerlei Chips mit uns verschmelzen lassen wollen. Man braucht aber nur an sein Smartphone zu denken: Seit beispielsweise die Zugverbindungen auf einen Blick und in Echtzeit abrufbar sind, kann ich mir die Abfahrtszeiten kaum noch merken; und wie man sich ohne Maps in einer fremden Stadt orientierte, kann ich mir kaum noch vorstellen.

Es geht hier nun nicht darum, ob das gut oder schlecht für einen Menschen ist. Übrigens war der alte Philosoph Sokrates vor rund 2.500 Jahren sogar ein Kritiker der Schriftsprache, weil er fürchtete, dass unsere Gedächtnisfähigkeiten darunter leiden. Was hätte er wohl von Online-Suchmaschinen und -Enzyklopädien gehalten?

Phänomenologie

Aus historischer Sicht kann man sich über 4E übrigens wundern: Schließlich reflektiert dies schlicht Grundannahmen, die schon vor 100 Jahren für die Phänomenologen selbstverständlich waren. Mit Formulierungen wie “In-der-Welt-Sein” oder dem “Leib” (als erfahrender Körper) gegenüber dem Körper als materielles Ding haben sie dies bereits ausgedrückt.

Solche deutschen (manchmal auch französischen) Wörter und Wendungen werden übrigens heute noch in englischen Fachaufsätzen verwendet, weil man sie nicht eins-zu-eins übersetzen kann. Oder um es einmal anders zu sagen: Um das “neue” 4E für innovativ zu halten, musste man erst einmal vergessen, was Phänomenologen schon lange wussten.

Wie der Name dieser Schule schon andeutet, halten Phänomenologen (man denke an Edmund Husserl oder Maurice Merleau-Ponty) die Phänomene, das, was uns erscheint, für grundlegend. Im Grunde sind auch die Ergebnisse eines physikalischen Teilchenbeschleunigers, die ein Physiker auf einem Computerbildschirm abliest, diesem erst einmal nur als Erscheinungen gegeben.

Ein Physiker könnte seine Methode damit verteidigen, dass die Messung von ihm unabhängig durchgeführt wird, durch das Instrument; und dass andere Physiker dieselben Messungen wiederholen und dann idealerweise auch dieselben oder ähnliche Ergebnisse erhalten. Das sei das entscheidende objektive – oder besser: intersubjektive – Element der Wissenschaft.

Und diesem – im 19. und 20. Jahrhundert sehr erfolgreichen – Weg folgte auch die Psychologie. Hier hat sich vor rund 100 Jahren der Behaviorismus durchgesetzt mit seiner Annahme, dass nur das, was sich objektivieren lässt, einen wirklichen Platz in der Wissenschaft verdient.

Demnach sollte sich die “Seelenlehre” – wörtlich für “Psychologie” – mit dem Verhalten von Menschen und Tieren beschäftigen und nicht mit etwas Subjektiven wie Erscheinungen oder Bewusstsein. Also Seelenleere statt Seelenlehre?

In dieser starken Form rückte man später zwar wieder vom Behaviorismus ab – doch bis heute halten sich in Psychologie (und Psychiatrie) viele Vorurteile, nur das, was sich “objektiv” nachweisen lasse, sei real. Dementsprechend sind bis heute die quantitativen Verfahren, das nie aufhörende Messen, Zählen und statistische Rechnen, die dominanten Methoden.<

Doch lässt sich damit wirklich das Wesen der psychologischen Vorgänge verstehen? Lässt sich Bewusstsein entschlüsseln? Philosophen sprechen von der Subjektivität des Bewusstseins und meinen damit, dass sich manche seiner Eigenschaften nur vom Bewusstsein selbst erkennen lassen.

Und man kann sich umgekehrt fragen, was es wirklich erklärt, wenn man die neuronalen Mechanismen findet, aus denen Bewusstseinsvorgänge hervorgehen. Hirnforscher und Vertreter anderer Disziplinen suchen bereits seit Jahrzehnten nach dem sogenannten neuronalen Korrelat des Bewusstseins.

Stellen wir uns einmal vor, Außerirdische mit einem Superscanner kämen auf die Erde und begegneten dort einem Menschen. Mit ihrem Scanner könnten sie den Zustand von jedem Molekül, Atom, jeder elektrischen Ladung des Gehirns dieses Menschen im Bruchteil einer Sekunde auslesen und dann vollständig in einem Supercomputer simulieren.

Würden sie auf ihrem Computerbildschirm “sehen”, was für Erlebnisse dieser Mensch hat? Würden sie dadurch überhaupt irgendetwas Wesentliches über Erlebnisse erfahren? Würde gar die Computersimulation ein Bewusstseinserlebnis haben, nämlich dasselbe des Originals?

Überraschenderweise schrieb ausgerechnet Christoph Koch, einer der bekanntesten Jäger nach dem neuronalen Korrelat des Bewusstseins, Bewusstsein lasse sich nicht berechnen: Ebenso wenig wie die Simulation eines Schwarzen Lochs keine Gravitationskraft hätte, hätte die Simulation eines Gehirns Bewusstseinserlebnisse.

Welche “Zutat” fehlt dann aber fürs Bewusstsein, was tun die Neuronen und anderen Zellen des Nervensystems anderes als Information in Form von elektrischen Reizen zu verarbeiten? Kann Bewusstsein vielleicht doch nur subjektiv, nur aus der Perspektive der ersten Person, die die Bewusstseinserlebnisse hat, verstanden werden?

So weit geht Koch allerdings nicht. Doch meint er, Bewusstsein müsse in die Struktur des Systems eingebaut sein – also seinen Körper? Demnach könne es keine bewussten Computersimulationen, dafür eines Tages aber bewusste Roboter geben.

Bewusstseinsverwirrung

Dazu kommt auch noch, dass in der Forschungswelt alles andere als klar ist, was mit “Bewusstsein” überhaupt gemeint ist. Koch und andere zielen auf den Erlebnisgehalt ab und vermuten die dafür notwendigen neuronalen Strukturen gar nicht im großen Frontallappen unseres Gehirns, auf den wir Menschen so stolz sind, sondern eher im hinteren Teil der Großhirnrinde.

Andere Forscherinnen und Forscher, die Bewusstsein eher als Informationsverarbeitung und Verfügbarmachen von Information für das ganze System auffassen – beispielsweise gemäß der Global Neural Workspace Theory –, finden dann aber doch konsistent Aktivierungsmuster im Frontalhirn. Das neuronale Korrelat hängt also entscheidend davon ab, wie man Bewusstsein versteht und wie man es misst.

Insofern lässt sich die subjektive Komponente nicht aus der Wissenschaft eliminieren. Und das, wo sie doch so objektiv sein will! Vielleicht hat es dann aber gar keinen Sinn, ein Phänomen wie Bewusstsein erforschen zu wollen, wenn man seine entscheidenden Eigenschaften von vorneherein ausschließt.

In diesem Sinne geht auch der 4E-Ansatz nicht weit genug. Zwar braucht man eine holistischere Vorgehensweise, um Kognition zu verstehen. Eine, die Verkörperung, Verhalten und Umwelt miteinschließt.

Und für die subjektive Komponente braucht man eine Methodik, die subjektiven Sachverhalten gerecht wird. Genau das versucht die Phänomenologie. Francisco Varela, Evan Thomson und Eleanor Rosch haben schon in den 1990ern vorgeschlagen, mit einer “Neurophänomenologie” eine Brücke zwischen den Welten zu bauen.

Komplexität

Theorien sollen zwar so einfach wie möglich, also mit so wenig Annahmen und Entitäten wie möglich auskommen; sie nutzen uns aber auch nichts, wenn sie zu einfach sind. Daher müssen sie auch so komplex wie nötig sein.

Hierin bestünde ein echter Schritt nach vorne: anzuerkennen, dass man Menschen eben nicht mit denselben Methoden verstehen kann, mit denen man Elementarteilchen beschreibt. Neben dem angemessenen methodischen Pluralismus kommt dann auch noch die nötige begriffliche Reflexion hinzu.

Hirnforscher können sich nun ewig streiten, ob “das” neuronale Korrelat des Bewusstseins eher im vorderen oder hinteren Teil der Großhirnrinde zu finden ist. Wenn sie verstehen, dass sie den Begriff “Bewusstsein” unterschiedlich verwenden, dann löst sich der Widerspruch auf.

So wird deutlich, dass die Hirnforschung Psychologie oder Philosophie weder ablösen noch ersetzen kann. Umgekehrt setzt das Verständnis neurowissenschaflicher Daten voraus, dass man weiß, was so ein Gehirn, so ein Nervensystem, so ein Körper in einer bestimmten Umwelt tut (Gehirnscanner oder Verhalten?).

Man kann natürlich Vorgänge des Nervensystems so beschreiben, wie man beispielsweise Wetterphänomene beschreibt: rein deskriptiv als Zustände, als Veränderungen und als Wenn-dann-Beziehungen. So wird man aber nicht verstehen, was der Mensch ist oder was es mit seinen Bewusstseinserlebnissen auf sich hat. <

Camilo Signorelli vom Institut für Informatik der Oxford Universität und Kollegen nun schon über 20 Ansätze zum Verständnis von Bewusstsein. Verstehen wir das Phänomen aber desto besser, je mehr Ansätze und Theorien es zu seiner Beschreibung gibt? Oder müssen wir nicht doch erst auf der Ebene der Erscheinungen und Sprache gründlich arbeiten, wie es die Phänomenologen versuchten?

In einem rund zweistündigen Gespräch mit Hannes Wendler und Alexander Wendt von der Universität Heidelberg haben wir dem Zusammenhang von Sprache, Psychologie und Hirnforschung auf den Zahn gefühlt. Interessierte können es sich im Podcast der Arbeitsgruppe Philosophie & Psychologie auf YouTube oder Spotify anhören.

Hinweis: Dieser Beitrag erscheint auch auf Telepolis. Titelgrafik: geralt auf Pixabay.

 

Nota. -  Extended mind? Es ist ein entscheidender Schritt, dass unser Gehirn nicht mehr isoliert betrachtet werden soll, sondern als Element eines Ganzen. Dieses Ganze - der Organismus oder der Leib - ist allerdings kein Werkzeug, ist kein Organ des Gehirns, sondern das Gehirn ist Teil von ihm. 'Extended mind' ist daher irreführend; besser sollte man das Gehirn crystallized body nennen oder so ähnlich; wobei nicht zu vergessen wäre, dass der Leib seinerseits als Schnittstelle zwischen Ich und Welt aufzufassen ist - Interpret der Welt beim Ich ebenso wie Instrument des Ich in der Welt. 

Das lässt sich psychologisch oder philosophisch - "tranzendental" - verstehen. Sind das sachliche Voraussetzungen der Hirnphysiologie oder nur deren Grenzlinien? Dies bereitet das Material auf, das jene bedenken. Umkehren lässt sich der Satz nicht. Die Psychologie sammelt ihre eignen Fakten, in der Philosophie kommt Empirisches nicht vor.

Soviel für heute.

JE