Mittwoch, 16. Februar 2022

Phänomenologie des Bewusstseins oder Psychologie?


aus spektrum.de, 14. 2. 2022                                                                        zuJochen Ebmeiers Realien; zu Philosophierungen 

Was kann die phänomenologische Psychologie zum Bewusst-seinsproblem beitragen?
Die Phänomenologie war im deutschsprachigen Bereich einst von großer Bedeutung. Welche Rolle kann sie für die heutige Psychologie und Hirnfor-schung spielen? Und wie verhält sie sich zur Naturwissenschaft? Drei auf-strebende akademische Talente formulieren Antworten. 

von Alexander Nicolai Wendt, Hannes Wendler und Joseph Ramminger

Kürzlich hat sich Stephan Schleim der Frage gewidmet, warum die Hirnforschung die Psychologie braucht. Dabei ist er auf die Phänomenologie zu sprechen gekommen, in der “das, was uns erscheint, für grundlegend” gehalten wird. Mithilfe der Phänomenologie sei es der Psychologie möglich, sich auf die ursprüngliche Erfahrung zu besinnen und ‘Seelenlehre’ statt ‘Seelenleere’ zu betreiben.

In weiterer Folge ergab sich ein lebhafter Austausch. Ein aufmerksamen Leser stellte hierbei zwei ausschlaggebende Rückfragen an die ‘phänomenologische Herangehensweise’, insbesondere bezüglich ihres Stellenwertes für das sogenannte Bewusstseinsproblem.

Das ist eine erfreuliche Gelegenheit für einen Dialog zwischen Phänomenologie und Psychologie, der wir uns in unserem Gastbeitrag annehmen möchten. Bevor wir uns den beiden Schlüsselfragen widmen, jedoch zunächst ein kleiner Überblick, was es mit der Phänomenologie in der Psychologie auf sich hat.

Was ist phänomenologische Psychologie?

Der Begriff der ‘Phänomenologie’ bezeichnet mehrere Aspekte der Geistesgeschichte. Er findet sich vor und bei Kant, dann in Hegels berühmter ‘Phänomenologie des Geistes’. Wer heutzutage von ‘Phänomenologie’ spricht, meint allerdings in der Regel die ‘phänomenologische Bewegung’, die ihren Ursprung im späten 19. Jahrhundert hat.



Allerdings ist auch die phänomenologische Bewegung ein weites Feld. Zu ihr gehören vielfältige und teilweise entgegengesetzte Beiträge. Man denke nur an Jean-Paul Sartres Existenzialismus im Kontrast zur Transzendentalphilosophie Edmund Husserls und der deskriptiven Psychologie Alexander Pfänders. Die Phänomenologie ist ein eigener Diskurs.

Nun ist es streitbar, was die verschiedenen Beiträge zur phänomenologischen Bewegung miteinander verbindet. Jedoch lässt sich in mindestens drei zentralen Aspekten weitestgehende Übereinstimmung finden:

  1. Im Mittelpunkt der phänomenologischen Arbeit steht die Erfahrung. Gemeint ist allerdings nicht die Erfahrung, die wir einem Lebewesen ‘von außen’ aufgrund seines organischen Aufbaus zuschreiben, bspw. der Funktion der Sinnesorgane (das Auge mit Retina, Sehnerv etc.). Stattdessen untersucht die Phänomenologie den inneren Zusammenhang der Erfahrung. Der Anspruch ist dabei, ihre ursprüngliche Gegebenheit zu verstehen: Es geht darum, den logischen und existenziellen Wurzeln unseres Bewusstseins nachzuforschen.

    Die Phänomenologie versucht hinter die Metaphysik und Epistemologie des 19. Jahrhunderts zu gelangen. Symbolisch dafür steht Edmund Husserls Behauptung, dass sich in der Phänomenologie “schon ein erster Durchbruch einer wahren und echten Ersten Philosophie vollzogen hat” (Husserl, 1956, 6). Das bedeutet, dass die Phänomenologie auf einzigartige Weise auf die Bestimmung des Aufbaus der Erfahrung abzielt.

    Wenn wir heute von ‘Tatsachen’ und ‘Fakten’ sprechen, können flüchtige Beobachtungen gemeint sein, die zu unserer eigenen Perspektive relativ sind. Im Gegensatz dazu stößt die Phänomenologie auf Strukturen, die alle Erfahrung überhaupt und schlechthin ordnen. Das ist gemeint, wenn in der phänomenologischen Bewegung von ‘Invarianten’ oder ‘Wesenheiten’ die Rede ist.

    Die Phänomenologie ist in einer Zeit entstanden, als Experimentalpsychologie und Philosophie noch nicht endgültig voneinander getrennt waren, am Ende des 19. Jahrhunderts. So war es, um ein Beispiel zu nennen, Carl Stumpf, der einerseits als Wegbereiter der phänomenologischen Psychologie gehandelt wird und gleichzeitig als Experimentalpsychologie das Psychologische Institut Berlin gründete (Kaiser-El-Safti, 2001).

Es ist nicht einfach so, dass die Phänomenologie zur Philosophie gehört und sich von der Psychologie abgrenzt. Bestimmte Formen der psychologischen Forschung passen allerdings mehr oder weniger gut zur Phänomenologie. Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass phänomenologische Psychologie die Erste-Person-Perspektive untersucht. Sie steht deswegen im klaren Widerspruch zu Formen der Psychologie, die diese Perspektive für unerheblich halten. Mehr zur Geschichte und Systematik der phänomenologischen Psychologie findet sich in Herzog (1992) und Wendt (im Druck).

Die Phänomenologie und das Bewusstseinsproblem

Aus dem bisher Gesagten wird deutlich, dass die Phänomenologie unmittelbar mit der Frage nach dem Bewusstsein beschäftigt ist. Das steckt schon im Begriff ‘Phänomenologie’, der wörtlich mit ‘Lehre von den Erscheinungen’ und sinngemäß als ‘Bewusstseinslehre’ wiedergegeben werden kann. Dementsprechend betrifft sie auch das Bewusstseins-Problem in seinen beiden Varianten als metaphysisches Leib-Seele-Problem und als erkenntnistheoretische Erklärungslücke (‘hard problem of consciousness’ bzw. Qualia-Problem).

Weil die Phänomenologie kein Dogma, sondern ein eigener Diskurs ist, gibt es allerdings verschiedene phänomenologische Behandlungsmöglichkeiten für das Bewusstseins-Problem. Um einen allgemeinen Eindruck zu geben, dürfte es hier allerdings ausreichen, eine beispielhafte Antwort zu finden. Dafür wählen wir eine Argumentation, die sich bei dem namhaften dänischen Phänomenologen Dan Zahavi (2003) findet.

Wie der englische Ausdruck schon zu erkennen gibt, wird das ‘hard problem’ heutzutage zumeist aus der Perspektive der analytischen Philosophie betrachtet. In dieser Perspektive steht auf der einen Seite ein Naturvorgang in der stofflichen Wirklichkeit, auf der anderen Seite ein Subjekt, das diesen Vorgang abbildet (repräsentiert). Das Problem ist dann, zu erklären, wie es zu ‘sekundären Qualitäten’ wie Geschmack und Geruch kommt, deren Erlebnisweise sich nicht notwendig aus den physikalischen Eigenschaften des Vorgangs ergeben.

Die phänomenologische Antwort beginnt damit, die am Bewusstseinsproblem beteiligten Begriffe infrage zu stellen. Dadurch entfernt sie sich von der üblichen Formulierung des Ausgangsproblems. Anders betrachtet werden insbesondere 1. ‘Subjektivität’ und 2. ‘Erkenntnisobjekt’:

  1. Frei nach Zahavi: Für die Phänomenologie ist Subjektivität kein abgeschlossener geistiger Bereich, sondern von Anfang an in der Welt: Subjektivität und Welt sind voneinander abhängig und untrennbar verbunden. Die Subjektivität ist wesentlich demjenigen gegenüber offen, was sie selbst nicht ist (Transzendenz des Bewusstseins). Diesen Zusammenhang bezeichnet die Phänomenologie durch den Begriff der Intentionalität, welcher programmatisch ausdrückt, dass jede (subjektive) Erfahrung eine Erfahrung von etwas (Welt) ist. Für die Phänomenologie ist das Bewusstsein also kein Kasten, in dem die Erfahrungen eines Subjekts stattfinden. Stattdessen ist es das Feld, in dem das Subjekt die Welt erfährt. Erst indem die Subjektivität diese Offenheit vollzieht und sich selbst in der Welt vorfindet, wird sich die Subjektivität ihrer selbst bewusst (Selbstbewusstsein).
  2. Was uns in der Erfahrung gegeben ist (ein roter Apfel, dessen Röte eine vermeintliche sekundäre Qualität ist), ist nicht einfach ein Abbild eines wirklichen ‘Objektes’. ‘Objekte’ gibt es immer nur für ein erfahrendes Subjekt – das ist eine alte Einsicht Immanuel Kants. Von ‘Abbildung’ oder ‘Repräsentation’ zu reden, ist also ein Vorurteil, das vernachlässigt, dass der Vollzug der menschlichen Erfahrung ein ‘In-der-Welt-Sein’ ist. An die Stelle der Repräsentation tritt für die Phänomenologie die sogenannte intentionale Korrelation. Für Zahavi ist damit gemeint, dass sich in der bewussten Erfahrung zugleich das Objekt als Objekt und das Subjekt als Subjekt aufbauen.

Aus diesen Erläuterungen wird klar: Die Phänomenologie beantwortet das ‘hard problem’ nicht einfach, sie reformuliert es. Es geht nicht mehr darum, das Subjekt hier und das Objekt dort in Übereinkunft zu bringen. Stattdessen untersucht sie eine Tiefenschicht, in der Subjekt und Objekt als Subjekt und Objekt erst möglich werden.

Deshalb ist zu einem Teil wahr, dass die Phänomenologie eine Betrachtungsebene betrifft, die dem Bewusstseinsproblem vorgeordnet ist. Das bedeutet aber nicht, dass das ‘hard problem’ dadurch endgültig beantwortet oder sogar aufgelöst wäre.

Stattdessen ist es nach unserem Dafürhalten wichtig, das Problematische am Bewusstseinsproblem in seiner Tiefe wertzuschätzen. Das Problem verpufft angesichts der intentionalen Korrelation nicht einfach, sondern fügt sich in die Systemstelle eines weiter gefassten, systematischen Diskurses über das Bewusstsein im Allgemeinen.

Das Bewusstseinsproblem bildet das Medium für die Lösung weiterer Probleme und die Phänomenologie versucht, diese Beziehung zu erläutern. Zugleich bietet sie auch für andere Disziplinen die Möglichkeit, die eigenen Voraussetzungen zu verhandeln und das Bewusstseinsproblem als in tieferliegenden Zusammenhängen verwurzeltes Problem zu betrachten.

Sind Phänomenologie und Naturwissenschaft vereinbar?

Der Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaften hat eine lange Tradition, die sich auf John Stuart Mills Unterscheidung zwischen ‘natural sciences’ und ‘moral sciences’ zurückführen lässt. Ende des 19. Jahrhunderts nutzte Wilhelm Dilthey die Begriffe ‘Natur-‘ und ‘Geisteswissenschaft’ zur Bestimmung der Psychologie – die er allerdings als Geisteswissenschaft klassifizierte.

Was den Unterschied ausmacht, ist keine triviale Frage. Handelt es sich um einen Unterschied des Gegenstandes? Dann widmen sich Naturwissenschaften den physischen, Geisteswissenschaften den psychischen Phänomenen. Oder ist es ein methodologischer Unterschied? Dann arbeiten Geisteswissenschaften beschreibend und Naturwissenschaften erklärend. In der Psychologie spiegeln sich diese Alternativen in der Bezeichnung ‘Erlebnis- und Verhaltenswissenschaften’ wider.

Aus phänomenologischer Perspektive ist diese Kategorisierung fragwürdig. Schon früh hat Husserl argumentiert, dass sich psychische und physische Phänomene nicht ohne Weiteres sauber voneinander unterscheiden lassen. Und der Psychologe Carl Friedrich Graumann, der sich als Phänomenologe verstanden hat, überwindet die Unterscheidung zwischen vermeintlich ‘exakten’ Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften, indem er die Psychologie eine “Erfahrungswissenschaft” (Graumann, 1960, 6) nennt.

So ergibt sich die grundsätzliche Antwort auf die Frage, ob die Phänomenologie mit Naturwissenschaft vereinbar ist: Der Begriff der Naturwissenschaft ist selbst voraussetzungsreich und die Phänomenologie hinterfragt diese Voraussetzungen.

Die Begründung von Naturwissenschaftlichkeit ist eine wissenschaftstheoretische Aufgabe, die ein hohes Maß an logischer Präzision erfordert. Man könnte fast von Ironie sprechen, denn Edmund Husserl hat den Anspruch erhoben, Phänomenologie als ‘strenge Wissenschaft’ zu betreiben und so die Naturwissenschaften auf ein echtes Fundament zu stellen.

Die selbstbewusste Gegenfrage muss also sein: Ist Naturwissenschaft ‘exakt’ genug, um dem phänomenologischen Maßstab zu genügen? Und selbst für diejenigen, die das bejahen, ist es erforderlich, die Exaktheit und die Strenge einer Wissenschaft von der Bedeutsamkeit ihrer Erkenntnisse zu trennen. Denn wer für die Vereinbarkeit von Phänomenologie und Naturwissenschaft argumentiert, steht erst am Anfang. Denkt man hier weiter, stellt sich nämlich die Frage nach dem “Wie?” der Vereinigung; – und spätestens hier wird es kompliziert.

So untersucht die Phänomenologie, wie sich die Operationen der Wissenschaft aufbauen. Wenn eine Wissenschaftlerin ein chemisches oder biologisches Phänomen misst, ist es in letzter Instanz immer noch sie selbst als Mensch, die dafür verantwortlich ist. Eine ‘naive’ Naturwissenschaft übersieht diesen Zusammenhang und vernachlässigt die Bedingungen von Messung und Beobachtung und ihre Verankerung in der ‘Lebenswelt’.

Phänomenologische Analysen können der Wissenschaft helfen, ihrem eigenen Anspruch der Exaktheit und Strenge gerecht zu werden. Darüber hinaus gibt sie das nötige theoretische Rüstzeug zur Hand, um nicht nur die Ergebnisse, sondern schon das Vorgehen und die ins Auge gefassten Problemstellungen der Wissenschaften hinsichtlich ihrer Bedeutsamkeit zu befragen – im Ganzen der Wissenschaft wie auch im persönlichen Leben.

Die Frage lässt sich allerdings auch noch anders verstehen, indem die wissenschaftstheoretische Schwierigkeit, Naturwissenschaften zu begründen, ausgeklammert wird: Gegeben, dass die Psychologie als eine Naturwissenschaft nach dem Vorbild der Physik natürliche Zusammenhänge erforscht: Kann die Phänomenologie einen Beitrag leisten? Hier müssen zwei Antworten gegeben werden: 1. Ja und 2. Vielleicht.

  1. Ja, denn einige Mitglieder der phänomenologischen Bewegung haben sich um einen Schulterschluss mit den Naturwissenschaften bemüht. Das bedeutet, dass sie bereitwillig die philosophischen Voraussetzungen der modernen Naturwissenschaften akzeptiert haben. Diese Voraussetzungen lassen sich in einem Wort zusammenfassen: Naturalismus. Für sie lautet das Projekt: ‘naturalizing phenomenology’ (siehe Gallagher, 2012).
    Man kann aber auch von einer weniger voraussetzungsreichen Richtung aus gedacht ein “Ja!” als Antwort geben: Es könnte argumentiert werden, dass eine naturwissenschaftlich ausgerichtete Psychologie letzten Endes auf Erfahrungen ihrer Versuchspersonen angewiesen ist. Diese Erfahrungen sind es, die die Unterschiede zwischen den Experimentalgruppen bedingen. Die Phänomenologie fragt nach der Struktur der Erfahrung und erleichtert die Kooperation mit der naturwissenschaftlichen Psychologie.
    Zur Veranschaulichung sei an ein fiktives emotionspsychologisches Experiment gedacht: Eine Gruppe sieht einen ‘ekligen Reiz’ mit der Aufgabe, die Emotion zu unterdrücken. Die andere Gruppe hat die Aufgabe eine Neubewertung des ‘Reizes’ vorzunehmen. Was bedingt hier mögliche Gruppenunterschiede: auch der erfahrene Ekel. Welche Strukturen hat dieses Erlebnis? Auch für die Experimentalpsychologin eine relevante Frage für das Verständnis ihrer eigenen Untersuchung.
  2. Die zweite Antwort ist ‘vielleicht’, denn andere Mitglieder der Bewegung sind nicht bereit, diesen Schritt zu gehen, weil es dem Anspruch der Phänomenologie nicht entspricht, Voraussetzungen einfach hinzunehmen, statt sie zu hinterfragen. Ohne Naturalismus fällt es allerdings etwas schwerer, mit den Wissenschaften in den Dialog zu treten. Es wird dann nämlich fragwürdig, ob die Wirklichkeit naturkausal geschlossen und homogen ist. Die Antwort ist allerdings auch nicht ‘nein’, denn, so wie es in der Phänomenologie unterschiedliche Denkrichtungen gibt, sind auch in den Wissenschaften echte Alternativen möglich.

    Die Antwort auf die Frage nach der Vereinbarkeit von Phänomenologie und Naturwissenschaft erfordert also eine Fallunterscheidung. Dies veranschaulicht erneut, dass es nicht so etwas wie die eine phänomenologische Antwort auf diese Frage gibt. Vielmehr ist die Phänomenologie das diskursive Feld, in der verschiedene mögliche Antworten geordnet werden können.

Wir möchten die Frage deshalb offen und in ihrer Frag-Würdigkeit bestehen lassen. Nur wenn Phänomenologen und Naturwissenschaftlerinnen gesprächsbereit sind, können künftig bedeutsame Fortschritte in der Verhältnisbestimmung von Phänomenologie und Naturwissenschaft geleistet werden.

Weiterführende Auseinandersetzung zur Frage nach der Stellung der Phänomenologie in der Psychologie oder zu der Frage, ob die Psychologie Natur- oder Geisteswissenschaft ist, finden Sie bei ‘Fipsi: dem philosophisch-psychologischen Podcast‘. Wenn Sie Interesse an Austausch mit uns haben, kontaktieren Sie uns gerne.

Die Autoren

Literatur

  • Graumann, C. F. (1960). Grundlagen einer Phänomenologie und Psychologie der Perspektivität. Berlin: De Gruyter.
  • Gallagher, S. (2012). On the possibility of naturalizing phenomenology. In D. Zahavi (Hrsg.), Oxford Handbook of Contemporary Phenomenology. (S. 70-93). Oxford University Press.
  • Husserl, E. (1956). Gesammelte Werke. Band VII. Erste Philosophie (1923/1924). Den Haag: Martinus Nijhoff.
  • Husserl, E. (1987). Husserliana XXV. Aufsätze und Vorträge (1911-1921). Dordrecht: Nijhoff.
  • Herzog, M. (1992). Phänomenologische Psychologie. Heidelberg: Asanger.
  • Kaiser-El-Safti, M. (2001). Die Idee der wissenschaftlichen Psychologie: Immanuel Kants kritische Einwände und ihre konstruktive Widerlegung. Würzburg: Königshausen & Neumann.
  • Wendt, A. N. (im Druck). Die Erneuerung der phänomenologischen Psychologie. Freiburg im Breisgau: Alber.
  • Zahavi, D. (2003). Intentionality and phenomenality. A phenomenological take on the hard problem. In E. Thompson (Hrsg.), The Problem of Consciousness: New Essays in Phenomenological Philosophy of Mind (S. 63-92). University of Calgary Press.

 

Nota. - Noch in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts - die Formulierung geht mir runter wie Öl - gab es ein lebendiges phänomenologisches Schrifttum. Dass eines Tages Phi-losophie auf die komplementär sterilen Lager von 'kontinentalen' Historikern und transat-lantisch-'systematischen' Begriffsatomisten reduziert sein würde, hat man sich nicht träu-men lassen. Bevor die Verheerung des postmodernen Anything goes hereinbrachen, meinte man unbefangen, dass es der Philosophie um Wahrheit zu tun sei. Seither begnügen sich die einen mit definitorischen, die andern mit philologischen Mikrologien, und wer etwas verste-hen will, bleibt mit seinem Durst allein. Da sollte eine Wiederbelebung phänomenologi-schen Denkens heilsam sein.

Das Hauptverdienst der phänomenogischen Schule war, Wissen als einen intentionalen Akt und nicht als räsonnierende Empfängnis aufzufassen. Das macht ihre Nachbarschaft zur Transzendentalphilosophie aus. Der Unterschied liegt in der Enge ihres Horizonts und der Arglosigkeit ihrer Verfahren - eins folgt aus dem jeweils anderen. 

Transzendentalphilosophie beginnt als Kritik - nicht als Herumdoktern an den Elementen vorliegenden Wissens, sondern als Erwägung der Vernunft selbst. Die Phänomenologie - die so heißt, weil sie die Erscheinungsweisen des Bewusstseins zu ihrem Gegenstand macht - zieht von den uns gegebenen Begriffen all das ab, was an ihnen zufällig sein und also in je besonderen Erfahrungen gegründet sein könnte, um Schritt für Schritt in eidetischer Reduk-tion den originären Wesenskern freizulegen. Je mehr Einzelbstimmungen vom Begriffsphä-nomen abgezogen werden, umso mehr verblasst die Begrifflichkeit selbst und umsomehr Bild muss an ihre Stelle treten. Am Ende steht die Wesens-Schau, deren großer Mangel dar-in liegt, dass sie nicht mitgeteilt werden kann, weil sie keine Worte mehr hat.

Dieser Mangel ist irreparabel. Wenn restlos alle Begriffe der reduktionellen Kur unterzogen wären, könnte man sich doch immer noch nicht auf sie verständigen und keiner hätte etwas gewonnen. 

Das immerhin ist der Anspruch der 'systematischen' Sprachanalytiker: dass am Ende alle erdenklichen Begriffe unmissverständlich definiert, und etwelche Meinungverschieden-heiten eo ipso unmöglich geworden wären.

An der Stelle spätestens stößt die dogmatische Prämisse auf, die die Phänomenologen mit den Sprachanalytikern teilen: die Annahme atomarer Sinn-Kerne als letztendlichem Ur-sprung der in den "Sprachspielen" tatsächlich verwendeten Begriffe.

Als Edmund Husserl vor ziemlich genau hundert Jahren die platonischen Konsequenzen seines Systems unter die Nase gerieben wurden, brach er seine diesbezüglichen Spekula-tionen ab. Das eigentliche Problem hätte an diesem Punkt aber erst begonnen: Wie hätten es diese an-sich-seienden eidoi wohl angestellt, in die Intentionalität wirklicher historischer Subjekte einzusickern? (Wittgenstein dagegen haben systematische Fragen nie gekratzt.)

Der Pferdefuß war, dass die Phänomenologie bei den Begriffen als Erscheinungweisen des Bewussstseins angefangen hat. Erscheinungsweise des Bewusstseins ist die ganze Vernunft selber. Sie ist das Phänomen, das es zu analysieren gilt, nicht ihre verstreuten Moleküle. 

Kant hat damit begonnen, aber weiter als bis zum "Apriori", den zwölf Kategorien und den beiden Anschauungsformen, ist er nicht gekommen. Fichte wollte mit der Wissenschafts-lehre den Rest besorgen, doch fertig ist auch er nicht geworden und ist kurz vor Schluss sogar vom Wege abgekommen

Vorgedrungen war er bis zum Ursprung: dem Ich, 'das sich selbst setzt, indem es sich ein/em Nicht-Ich entgegensetzt'. Eine andere Bestimmung kann ihm nach vollständiger analytischer Reduktion nicht mehr zugerechnet werden, als die, zu wollen - denn ohne dies hätte es nie anfangen können.

Aus dieser einen und einzigen Prämisse muss der ganze Entwicklungsgang der Vernunft rekonstruiert werden können, und wenn dies gelingt, ist sie wohl nicht bewiesen, aber immerhin so weit gerechtfertigt, dass sie dem Ganzen als Postulat zu Grunde gelegt werden kann. Diese Rekonstruktion ist der Wissenschaftslehre, unerachtet einiger weniger Lücken und einzelner Abwege, gelungen

Und seien Sie versichert: Psychologie war dabei an keiner Stelle vonnöten.

So konnte Reinhard Lauth, der Herausgeber der Fichte-Gesamtausgabe, denn sagen: die Phänomenologie habe zur Erkenntnis 'nichts beigetragen, was nicht die Transzendental-philosophie früher und besser ausgesprochen hat'.
JE

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

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