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Dienstag, 29. Juni 2021

Unsere Welt und die meine.

  aus Die Wendeltreppe

Alles, was als Tatsache in unserer Welt vorkommt, lässt sich auch bestimmen; nämlich in das allgemeine Bedeutungsgeflecht einpassen, wo Jedem seine Bedeutung durch die Bedeutung aller Andern zugewiesen wird. Reflektieren heißt nichts anderes als: seinen Platz im großen Verweisungszusammenhang aufsuchen.

Was bestimmt ist, kann Bestandteil einer Wissenschaft werden – weil sich sein logischer Zusammenhang demonstrieren und Einverständnis erzwingen lässt. Was demonstriert werden kann, lässt sich erlernen. Was dagegen ‘durch meine Freiheit möglich’ wurde, läßt sich eo ipso nicht bestimmen. Es liegt allein in meiner Welt. Ich kann es nicht erlernen, sondern muss es erfinden und mir ein-bilden. Einverständnis der andern kann ich nicht erzwingen, sondern höchstens ihren Beifall heischen: sie animieren, meine ‘Anschauung’ nach-zu-erfinden.

Das Nacherfinden kann nicht gelehrt werden: dazu muss man verführen, und das ist Kunst. Gegenstand von Wissenschaft kann es nur idiographisch werden: kritisch und historisch.

Erziehen heißt nun, einem Menschen die Dinge zeigen und die Symbole, die ihm die Welt bedeuten. Doch haben die in den Symbolen aufbewahrten Bedeutungen einen andern Rea-litätsgrad als die Dinge. Sie ’sind’ ja nur, sofern ich sie gelten lasse. Denn der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann (Max Scheler); auch dazu: den Meinungen der Andern. Fragen können heißt, ja oder nein sagen können.

‘Die Welt’ wird zwar überliefert, aber seine Welt bildet sich jeder selbst.

Meiner Welt liegt unsere Welt gewissermaßen zu Grunde. Und unserer Welt liegt meine Welt zu Grunde. Das einemal kategorisch, das andermal genetisch. Dass ich überhaupt darauf komme, die Daten, die mir meine Sinne melden, zu einer “Welt” zu konstruieren, liegt allein daran, dass ich in die Welt der Andern hineingeboren bin.

Und dass ich vor diesem Horizont meine Welt kon-struiere, liegt daran, dass es meine Sinne sind, die mir ‘Daten’ gemeldet haben, und dass ich sie zu einander fügen muss. Dass ich meine Welt konstruieren muss, liegt an den Andern. Dass es diese Welt sein wird, liegt… an meinen Sinnes-Daten, die dadurch, dass ich eine Welt aus ihnen baue, zu meinen überhaupt erst werden!

“Ich” konstruiere eine Welt. Es wird meine Welt sein: Darum bin ich Ich. Und in dem Maße, wie ich hernach meine Welt mit der Welt der Andern ins Benehmen setze, werde ich Verstand beweisen, Ernst des Lebens, Sozialkompetenz und so weiter. Wie weit ich die eine von der andern durchdringen lasse, entscheidet darüber, wohin ich mein Leben führen kann und wo ich scheitern muß.

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<zurück: Bilder, Zeichen und Begriffe



X. Es fällt schwer, eine Welt anders als in räumlichen Metaphern zu beschreiben - so als ob sie nur eine erweiterte Nische wäre. Aber der Unterschied zwischen der Welt und einer Um-welt ist kein topischer, sondern ein dimensionaler. Ebenso der zwischen meiner Welt und unserer Welt. 

Unsere Welt besteht aus allem, was symbolisiert ist. Als solche ist sie aber nur virtuell, "auf Abruf": Nur wenn die Symbole durch Verstehen aktualisiert werden, "ist" unsere Welt.46 Theoretisch könnte unsere Welt restlos in der meinen aufgehen, praktisch kann sie es nicht, und zwar grundsätzlich. Unsere Welt, in der Wasser trinkbar ist und man damit Kaffee kocht, ist einigen Milliarden Menschen zugänglich. Unsere Welt, in der Wasser durch H2O symbolisiert ist, steht nur noch einigen hundert Millionen offen. Die Wissenschaften, unse-re Welt par excellence, sind in ihren jeweiligen Spitzen gerade einer Handvoll Leute zugäng-lich, die ihr ganzes Leben darauf verwendet haben - jeder auf die seine. Weil meine Lebens-zeit begrenzt ist,47 kann die ganze Wissenschaft in meiner Welt grundsätzlich nur als Erzäh-lung vorkommen.48

Meine Welt "ist" auch in unserer Welt. Zum Beispiel ist die Welt eine ganz und gar andere, je nachdem, ob der-die-das Geliebte darin vorkommt oder nicht. Für unsere Welt macht das keinen Unterschied - nämlich nicht für die andern. Aber für mich macht das gerade in unse-rer Welt den entscheidenden Unterschied, weil ich nur dort auch in seiner Welt bin. Doch kann meine Welt, so wahr sie meine ist, auch theoretisch nicht restlos in unserer Welt aufge-hen, das ist der springende Punkt, denn darum bin ich Ich. Das ist keine Sache der Tiefen-psychologie: dort kann es Erfahrungen geben, sogar (wenn auch nicht eindeutig) mitteil-bare.49Keine Erfahrung kann ich haben von meinem Denken, bevor ich es durch Symbo-lisieren festgestellt habe. Ich kann nur rekonstruieren, "wie es gewesen sein muß", indem ich es so beschreibe, wie es gewesen wäre, wenn es in unserer Welt stattgefunden hätte, als Schema. Das ist Transzendentalphilosophie. Kein Tatsachenerweis, sondern eine Sinnbe-hauptung. Ein endgültiger und "letzter Mythos" - die "Geschichte, die von dem spielenden oder abenteuernden oder bildnernden Ursubjekt handelt".50 

46 Husserl, "Ideen zu einer reinen Phänomenologie", in: Husserliana Bd. III/1, S. 57
47 Die Kunst ist in unserer Welt, muß aber nicht verstanden werden. Der andere Grenzfall ist das Internet. 
48 Von meinem Verstand rede ich nicht.
49 Kann es eine "Privatsprache" geben - ein privates Symbolsystem, das ‚die Welt bedeutet’? Über unsere Welt muß ich mich mit mir nicht verständigen, sondern mit Anderen. Und meine Welt muß niemand verstehen. 
50 Eine bekannte tiefenpsychologische Richtung will das Unbewußte als Gegenstand naturwissenschaftlicher Analyse zum Bestandteil unserer Welt machen; aber nicht so ganz: Sie schiebt als Bedingung eine persönliche Initiation dazwischen.




Je allgemeiner die ‚Welt’, von der die Rede ist, umso unspezifischer die Tätigkeit des Zei-gens: Typischerweise bezeichnet dieses Bild in seiner Allgemeinheit das Verhältnis zwischen einem Erwachsenen und einem Kind. 

Man kann ‚die Welt’ von einem partikularen Standpunkt aus ansehen. Je partikularer die ‚Welt’, von der die Rede ist, umso spezifischer der Akt des Zeigens. Die ‚Welt des Soldaten’ ist zwar eine besondere Welt, aber sie ist ‚allgemein’, weil ‚Soldatsein’ keine besondere Ver-richtung, sondern eine besondere ‚Seinsweise’ ist; Soldat ist man auch nach Feierabend. Das ist nicht Einweisung in Strategie und Taktik, nicht Waffenkunde, nicht dies oder das, son-dern ein ‚ganzes Universum’, wenn auch ein besonderes. 
 
„Pädagogik“ heißt hier ‚Menschenführung’, hat aber mit Kindern nichts mehr zu tun und sollte Andragogik heißen. Die ‚Welt der Physik’ ist dagegen kein Universum, sondern nur ein Ausschnitt: aus der ‚Welt der Wissenschaft’, gar nur der ‚Welt der (‚exakten’) Naturwis-senschaften’. Diese hochspezialisierte Welt einem Neuling zeigen ist eine höchst spezifische Tätigkeit, die man von Rechts wegen Lehre nennt. Erst hier gilt: ‚Die Grenze meiner Spra-che ist die Grenze meiner Welt’.

Je allgemeiner die Welt, um die es geht, umso eher ist von Bildung, je spezifischer die Welt, umso richtiger ist von Lernen die Rede. Merke: Die allgemeinste Welt – die, die den Meisten zugänglich ist – ist die natürliche Welt der natürlichen Sprachen; die Welt, in denen nur Kin-der ‚neu’ sind.

Alle Kinder werden irgendwie heranwachsen; dazu brauchen sie keine Professionellen. Pro-fessionelle braucht es, um ihnen das "Symbolnetz" zu überliefern, in dem unsere ganze Welt dargestellt ist: weil das Allgemeinwissen der Menschheit so umfangreich und dabei so kom-plex geworden ist, daß es nicht mehr einfach in jedenkinds Alltag „vorkommt“ und man einfach nur, jeder an seiner Statt, dort hineinwachsen müßte, learning by doing. Ihre Mittei-lung bedarf einer reservierten Zeit außerhalb der Alltagsgeschäfte und einer speziellen Me-thode, denn natürlich kann nicht jedem alles und schon gar nicht alles zugleich überliefert werden. Aber die Schule privilegierte jene ‚Symbolnetze’, die sich zu diskursiver Verknüp-fung eignen. Das war mit dem Schlagwort der ‚Verwissenschaftlichung’ gemeint, das den pädagogsichen Diskurs seit den sechziger Jahren prägte. Verwissenschaftlichung bezieht sich per Definition auf den Bereich des sogenannten ‚Herrschaftswissens’. Anderes fällt nicht in ihren Bereich. Daß seither ‚Lernen’ zum Schlüsselbegriff  staatlicher Pädagogik wurde und ‚Bildung’ wie ein Zopf abgeschnitten wurde, ist nur folgerichtig. Quod erat demonstrandum: Das gegenwärtige Schulsystem ist entstanden und behauptet sich als ein Produkt und eine Bedindung der industriellen Arbeitsteilung. Aber die Arbeitsgesellschaft und ihre Industrie sind am Vergehen.
 
Nota. - Das alles fällt unter Anthropologie.  Mit Transzendentalphilosophie hat es nur sofern zu tun, als diese die Fragen stellt, zu denen jene die Antworten sucht.
 

Der elementare Unterschied unserer Welt von meiner.

                                zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Der elementare Unterschied unserer Welt zu meiner ist ihre Objektivität. Denn anders als meine Welt ist sie auch - und gewissermaßen zuerst - die der Anderen.

Die Andern begegnen mir als Wollende, und nur darum finde ich mich als einen anders Wollenden. 

Zu meiner Welt gehöre ich nicht nur, sondern sie gehört zu mir. In ihr will nur ich. Sie wird mir daher nicht zum Gegen stand, und dass ich will, kann ich so gar nicht bemerken. Doch erst als wollender werde ich ich und wird meine Welt zu meiner.

Unsere Welt ist apriori ein Raum verschieden Wollender. Das Material allen Wollens ist demgegenüber sekundär: Es ist strittig.

Die Unterscheidung von meiner und unserer Welt ist die Schnittstelle von Anthropologie und Transzendentalphilosophie.

5. 7. 21

 
 

Sonntag, 27. Juni 2021

Wie die Vernunft in die Welt kam.

aus Die Wendeltreppe - eine philosophische Propädeutik.

Der aufrechte Gang hatte eine ganze Reihe morphologischer Konsequenzen. Er hat einer-seits die Vergrößerung des Kopfes ermöglicht, wodurch Homo zum sapiens wurde. Ande-rerseits hat er verhindert, daß der vergrößerte Kopf auf hergebrachtem Weg geboren und (also) normal ausgetragen werden konnte. Darum werden Menschenkinder ‘zu früh’ ge-boren. Eigentlich “müsste unsere Schwangerschaft etwa um ein Jahr länger sein als sie tatsächlich ist”. Der Mensch kommt entsprechend hilflos ‘zur Welt’ – Adolf Portmann spricht geradezu von einem “extra-uterinen Embryonalstadium”. Und so bildet sich das höchstent- wickelte Säugetier gewissermaßen ‘zurück’ zu einem sekundären Nesthocker. Dieser ‘Rückschritt nach vorn’ bestimmt fortan den ganzen Gattungscharakter. 

Was nämlich bedeutet ‘Ausbildung’ in der Natur? Anpassung an die gattungsmäßig vor-gegebene Umweltnische, Zurichtung für eine spezifische Funktion im ökologischen Ge-flecht. Natürliches Reifen ist nichts anderes als Spezialisierung: Sie ist, nach Arnold Gehlen, "das Endziel organischer Entwicklung" und findet "bei allen Säugern außer dem Menschen" statt. Das ist das Paradox der Species humana: Deren Reifung ist eine “Spezialisation auf Nicht-Spezialisiertsein”, schließt Konrad Lorenz. Ihre Ausbildung ist eine Entspezialisie-rung, ihre Reife ist Dysfunktionalität. 

Was für das umweltgebundene Tier eine Minderung wäre, wurde für den Menschen, der sich eine Welt erschließen sollte, zum Gewinn, denn Spezialisierung auf die eine Möglichkeit bedeutet den Verlust all der andern. Das spezialisierte Wesen ist festgestellt. “Für ein Tier ist durch seine umweltgebun- dene Organisation von vornherein darüber entschieden, ob und inwiefern ein Naturbestandteil dieses Wesen etwas angeht. Die weltoffene Anlage des Men-schen schafft dagegen eine völlig andere Beziehung zu der umgebenden Natur. Uns kann jeder noch so unscheinbare Teilbestand der Umgebung bedeutend werden, jede beliebige Einzelheit vermögen wir durch unsere Beachtung aus dem indifferenten Feld der Wahrneh-mung herauszulösen und hervorzuheben. Uns kann alles etwas angehen.” (Portmann) 
  

Verloren ging nach Portmann die Sicherheit, und gewonnen hat er eine Freiheit, durch die ihm die “Führung des Daseins eine nie endende Aufgabe” ward.Mit andern Worten, der Mensch funktioniert nicht, denn er ist, sagt Nietzsche, “das nicht festgestellte Tier” ist. Sein Gattungscharakter ist Plastizität.

Zur Welt werden die vorhandenen (und immer neu hinzukommenden) Dinge nicht durch sukzessive Addition. Sie ist kein Aggregat, sondern ein Ganzes, das gewissermaßen vor sei-nen Teilen “da ist”. Die Welt ist der ‘Raum’ der Bedeutungen: Das teilt sie mit den tieri-schen Umwelten, aus denen sie hervor gegangen ist.

Der Unterschied: Dieses Ganze ist “da”, weil es gedacht wird. In der wirklichen Vorstellung kommt freilich immer nur dieses und dieses und jenes vor. So erging es auch unsern Urah-nen, als sie aus dem Urwald ins offene Feld ausbrachen: Dies und das war ihnen vertraut und bedeutete, was es schon immer bedeutet hatte. Anderes war ihnen in den Nischen nicht vorgekommen. Aber im offenen Feld kam Anderes vor; nicht als bedeutungslos, sondern als fraglich – weil nun das Ganze fraglich war. Das war eine ganz neue Bedeutung. Der Mensch ist der, der nach Bedeutungen fragen kann – weil er muss. Die Welt ist entstanden als Mangel. Als das, was nach dem Verlust der Umwelt fehlte. Ein Raum, in den ich fragend blicke.

Diesen Mangel beheben ist das Er-gebnis einer Vorstellungsarbeit. Im Anschluß an Jacob von Uexküll ent-wickelte Ernst Cassirer seinen Sym-bolbegriff. Entsprechend seiner ana-tomischen Struktur besitze jeder Or-ganismus “ein bestimmtes Merknetz und ein bestimmtes Wirknetz. Das Merknetz, durch das eine Spezies äu-ßere Reize aufnimmt, und das Wirk-netz, durch das sie auf diese Reize reagiert, sind in allen Fällen eng miteinander verknüpft. Sie sind Glieder einer einzigen Ket-te, die Uexküll den Funktionskreis des Lebewesens nennt. Der Funktionskreis ist beim Menschen nicht nur quantitativ erweitert. Er hat sich auch qualitativ gewandelt. Zwischen dem Merknetz und dem Wirknetz finden wir beim Menschen ein drittes Verbindungsglied, das wir als Symbolnetz oder Symbolsystem bezeichnen können. "Diese eigentümliche Lei-stung verwandelt sein ganzes Dasein. Er lebt sozusagen in einer neuen Dimension der Wirklichkeit."

Wenn alle Dinge ‘eine Bedeutung haben’, ermöglicht diese ihre gemeinsame Qualität, sie als eine – wenngleich artikulierte – Gesamtheit aufzufassen, indem die Bedeutung des Einen zur Bedeutung des Andern ins Verhältnis gesetzt wird; so dass idealiter die Bedeutung eines Jeden in den Bedeutungen aller Andern ihre Grenze findet. Die Welt ist dann die Totalität der Verweisungszusammenhänge.

Logisch mag man das Verhältnis umkehren: Indem man die (gedachte) Totalität aller (möglichen) Verweisungen an den Anfang setzt und die tatsächlich stattfindenden Verweisungen und schließlich die je einzeln bestimmt-werdenden Bedeutungen daraus “hervorgehen” läßt. Doch wenn es auch so wäre, daß die Welt, einmal er-funden, gegeben ist wie es die tierischen Umwelten sind – so müßte sie sich ein jedes neu hinzukommendes In-dividuum doch jedesmal wieder neu aneignen. Und es könnte das mehr oder weniger tun. Wenn ihm das auch am vorgegebenen Material leichter fällt als den abertausend Generationen vor ihm, die alles erst erfinden mussten
im Prinzip ist es doch “so gut, als ob” er mit dem Bedeuten der Dinge ganz von vorn anfinge. Und die 'erste', elementare Bedeutung: die Scheidung von Ich und Nichtich. Indem ich ein Anderes "bedeute", bedeute ich ipso facto 'mich' als das Andere dieses – und jedes andern – Andern. In einer natürlichen Umwelt kann es ein Ich nicht geben. Aber ohne Ich kann es die Welt nicht geben. 

Und das regelmäßige in-Beziehung-Setzen von Ich und Welt nennen wir landläufig Ver-nunft.

Mittwoch, 30. Dezember 2020

Analog anschauen, digital repräsentieren.

Wolfgang Dirscherl, pixelio.de                                              aus  Philosophierungen

Eben kommt eine Meldung, wonach der Unterschied zwischen Arbeits- und  Langzeit-gedächtnis (u. a.) der sei, dass die Erinnerungsgehalte im ersteren analog, im zweiten aber digital abgespeichert würden. Eine digitale Form der Repräsentation der Welt im neuronalen Gewebe selbst? Das wäre eine wahre Revolution in der Hirnforschung.

Leider wird es aber wohl so sein, dass nur wieder die Begriffe schludrig verwendet wurden. Darum dieser Eintrag.



Aus einer Diskussion in einem online-Forum; im Juni 2010:

...weil 'digital' einen Sinn nur im gegensätzlichen Verhältnis zu 'analog' hat. Allerdings wird das Analoge als solches erst kenntlich, seit sich das Digitale sozusagen 'rein' ausgebildet hat.
 

Das nächstliegende Beispiel ist natürlich das Zifferblatt der Uhr. Bei der analogen Uhr wird die Abfolge der einzelnen 'Zeitpunkte' nicht durch ein den 'Punkten' gänzlich äußerliches Symbol 'bezeichnet'; sondern der Verlauf der Zeit wird durch die Eigenbewegungen der Zeiger 'gezeigt': Die Bewegung der Zeiger ist ein 'Abbild' der 'verlaufenden' Zeit. Der Zei-ger repräsentiert die Zeit. Die Unterteilungen am Umkreis des Zifferblattes sind lediglich 'Anhalts'-Punkte.

Um ein digitales Zifferblat zu 'verstehen', muss ich die Bedeutung der Zahlen vorher ken-nen - und muss dann die Abfolge der Zeit'punkte' in meinem Kopf in das Bild der 'verlau-fenden' Zeit übersetzen. Auf einem analogen Zifferblatt sehe ich, wie die Zeit verläuft. Ich muss keine Zahlen kennen, ich muss die Unterteilung des Tages in Stunden nicht kennen. Ein Fünfjähriger sagt: Wenn der große Zeiger da steht, ist die Mittagsruhe vorbei; dann kann ich wieder spielen.
 

In einem Spielfilm wird das Geschehen in bewegten Bildern 'gezeigt'; in dem Roman, der dem Drehbuch zugrundelag, wurde das Geschehen durch Worte 'bezeichnet'. Ich muss die Bedeutung der Schriftzeichen in meinem Verstand in Lautbilder umsetzen, die Lautbilder zu Wörtern zusammenfassen und mir deren 'Bedeutung' re/präsentieren. Und das alles muss ich vor meinem inneren Auge in bewegte Bilder übersetzen: Ich muss mir etwas vorstellen. Im Film konnte ich etwas anschauen.

Eine wesentliche Prämisse hat die digitale Repräsentationsform: Sie setzt voraus, dass die Zeit nicht 'fließt', sondern aus identifizierbaren Punkten 'zusammengesetz' ist. Ebenso kann 'der' Raum nur als Addition von einzeln bezeichneten (und als solchen bekannten) 'Räumen' vorgestellt werden. Das innere Bild, das ich 'mir mache', muss aus vorab bekannten Daten – Maßeinheiten - zusammengesetzt werden. Die digitale Information muss ich erst noch 'ent-ziffern'. - In der analogen Darstellung ist sie sofort als ganze 'da'.

Grob gesagt: Die analoge Darstellungsweise hat den Vorteil der Fülle. Die digitale Darstel-lungsweise hat den Vorteil der Genauigkeit. Die eine ist unmittelbar, die andere ist Ver-mittlung.


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.... Nein, so kann es nicht sein: dass 'unser Denken auch in kleinsten Schüben erfolgt, also digital'. Ein Digit - von lat. digitus=(Zeige)finger - besteht aus zweierlei: zuerst aus einem Bedeutungsgehalt, und dann aus einem 'Zeiger', der auf ihn hinweist.

Es kann einen Bedeutungsgehalt geben, auf den kein Zeiger weist. Das dürfte auf die große Masse unserer Denkleistungen im Laufe eines Tages zutreffen. Sie kommen wie sie gehen. Man kann sie nicht behalten: Denn dazu müsste ich sie mit einem Zeiger versehen, durch den sie in meinen Gedächtnisspeicher einordnen kann. Mit einer kleinen Minderzahl von Denkleistungen machen wir genau das: Wir zeichnen sie durch Zeiger ('Begriffe') aus und können uns seither wieder an sie erinnern.

Umgekehrt kann es nicht sein: dass schon ein Zeiger da wäre, bevor noch ein Bedeutungs-gehalt da war, auf den er weisen könnte. 



Allerdings sind im erlernten Begriffsystem eines sprachmächtigen Kulturmenschen tau-sende solcher Zeiger 'schon da' - nämlich gebunden an das, auf was sie zeigen -, so dass in diesem Netz eine große Masse von den aus meiner Einbildungskraft sprudelnden 'Bedeu-tungen' sozusagen 'von alleine' hängenbleiben. Die 'kleinsten Schübe' werden durch die be-grifflichen Zeiger in das Sprudeln 'von außen' hineingetragen . Anschauung ist Anschauung und Reflexion ist Reflexion. Erst das Denken, dann das Denken des Denkens.

Es würde mich interessieren, wie die Bilder in unserem Gedächtnis gespeichert sind. Erst dann könnte ich sagen: Das kann sein, das kann nicht sein.

Dies “
Quale” fasziniert mich…) 



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... Das mit dem Speichern ist mir deswegen so wichtig, weil wir dann auch den "Zeigefin-ger" besser verstehen könnten. Es besteht der Verdacht, dass in unserem Gedächtnis mehr gespeichert ist, als wir uns erinnern können. Es kommt manchmal nur zufällig ans Tages-licht, manchmal unter besonderen Bedingungen wie z.B. während einer psychoanalytischen Sitzung oder in Hypnose.

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... 'Wie' das gespeichert - und noch viel interessanter: 'wie' es dann wieder aufgerufen wird, das kann einstweilen keiner sagen, und es gibt theoretische Gründe für die Annahme, dass man es niemals wissen wird. Die Hirnforscher teilen uns mit, dass schon ganz einfache 'Ge-halte' nicht etwa in dieser oder jener bestimmten Nervenzelle (Neuron) gespeichert werden, sondern bereits in 'Assemblies' von etlichen Dutzend, die über weit entfernte Hirnregionen verteilt und durch Synapsen mit einander verschaltet sind.

So schon für das 'Denken'. Vollends mysteriös wird es aber beim 'Denken des Denkens', der Reflexion. Die Hirnforschung hat buchstäblich nicht die leiseste Vorstellung davon, wie sie zustande kommt.

Vor zehn Jahren (siehe ‘Vom Gehirn zum Bewußtsein’, in: Elsner, N., u. Gerd Lüer (Hg.), “Das Gehirn und sein Geist”, Göttingen 2000) ist das Wolf Singer immerhin noch als ein Problem aufgefallen, aber seine gemutmaßte 'Lösung' war höchst zweifelhaft: Die Reflexion käme durch 'Iteration', das heißt die sehr rasche, sehr häufige Wiederholung immer dessel-ben Vorstellungsakts zustande - so als würde die Vorstellung über ihre eigenen Füße stol-pern.

Das hatte wenig Plausibilität für sich, aber immerhin hat der Forscher noch das Problem gesehen. Doch in demselben Aufsatz hat er auch erstmals sein seitheriges Steckenpferd angekündigt: die Attacke wider das Ich und seine Freiheit und die Behauptung durchgän-giger kausaler Determiniertheit. Und dieses reitet er seither ohn’ Unterlass, und da hat er das störende Thema Reflexion schnell wieder beiseite gelegt.

Und schon sind wir wieder bei digital und analog: Denn eine 'Stelle', eine 'Instanz', einen 'Arbeitsgang' oder sonstwas, wo die analoge Anschauung in eine digitale Repräsentation 'umgerechnet' wird (und zurück!), und die man eben 'ich' oder 'Bewusstsein' oder 'Refle-xion' nennen könnte, die muss es geben: weil dieses Umrechnen ja tatsächlich geschieht. Solange Singer nicht zeigen kann, dass und womöglich wie dieser Akt durch etwas Vor-angegangenes 'determiniert' sein könnte, hat er gar kein Recht, auf die Annahme eines Ich zu verzichten.

Der Übergang von analog zu digital ist nämlich genau das, dessen Möglichkeit er bestreitet: Er ist ein Bruch.Der Bruch besteht in der Einführung des Verneinungs- und vor allem des Frage-Modus, die beide nur in der digitalen Repräsentationsweise möglich sind, nicht aber in der ihr zu Grunde liegenden analogen. Wie soll der Umstand, dass ich verneine oder gar: ob ich frage, denn 'determiniert' sein? Er ist ja die Entdeterminierung selbst. 


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 ... Das ist allerdings der entscheidende Unterschied: Auf analoge Weise kann ich keine Ver-neinung wiedergeben. 'Ein Pferd' kann ich mühelos 'zeigen' – ich brauche nicht einmal einen Fotoapparat, ein paar Bleistiftstriche reichen. Aber wie soll ich 'kein Pferd' zeigen? Kein Pferd sieht ganz genauso aus wie keine Suppenschüssel oder... keine Verneinung. Für 'nein' und 'nicht' brauche ich ein Digit, dessen Bedeutung jedermann vorab schon kennt.

Und wie ist es dann erst beim Fragemodus! Wie soll ich 'was ist ein Pferd' bildlich darstellen – ohne Fragezeichen?! Die Fülle der Anschauung ist der digitalen Zersetzung alles Wirkli-chen und Gedachten in Millionen Bedeutungsatome an Reichtum haushoch überlegen. So-bald wir uns aber klarmachen, dass uns 'die Welt' immer noch vielmehr Fragen aufgibt als sie beantwortet, erkennen wir, dass der Digitalmodus die Bedingung allen Wissens ist. Be-griffe ohne Anschauung sind leer, sagt Kant, aber Anschauung ohne Begriff ist blind.

Nota, Nov. 2013: Nicht damit zu verwechseln: der Umstand, dass eine Sinneszelle Reize allerdings 'im Takt' aufnimmt, in der kleinsten neuronalen Zeiteinheit von (soundsoviel) Millisekunden. Es ist wie in einem Kinofilm: Das Celluloidband ist aus ein paar Millionen einzelnen Bilder zusammengesetzt. Wenn sie rasch hintereinander abgespult werden, 'er-scheinen' sie wohl in diskreten 'Sprüngen', aber nicht mir: Ich nehme sie als stetigen Fluss wahr. Denn natürlich hat zwar die Filmkamera ein paar Millionen Mal ihre Bilder 'ge-schossen'. Aber es war ein stetiger Fluss, den sie 'aufgenommen' hat.

 
Uwe Steinbrich  / pixelio.de 

Der analoge Modus ist der Modus der Anschauung. Er ist nicht "positiv": Positiv ist erst das Setzen eines Was als Dieses. Um das Erscheinende der Anschauung als ein Dieses zu fassen, bedarf es der Verneinung; determinatio est negatio. Es müsste gefasst werden als 'nicht-al-les-Andere'. Das lässt sich nicht anschauen, weil es das Paradox einer 'unendlichen Menge' ist: Das Unendliche lässt sich nicht anschauen. Es muss verendlicht werden zu 'nicht-Die-ses'. - Also ist das Was der Anschauung selber zu bestimmen: Das Dieses muss selber 'ge-fasst' werden: Es muss 'vorgestellt' werden; durch Negation, d. h. Übergang in den digitalen Modus. Die Vorstellung ist die (qua Negation) digitalisierte Anschauung. Das Tier kann anschauen, aber mangels Digitalisierung nicht vorstellen.

2. 11. 08

 


 

Freitag, 5. Juni 2020

Das poietische Vermögen.

                                      aus Philosophierungen

Dies ist das Kernproblem der philosophischen Anthropologie: Wie kam der Mensch dazu, Qualitäten als wahr und wert zu nehmen, die etwas anderes sind als größere oder geringere Zweckmäßigkeit bei der Selbst- und Arterhaltung? Mit andern Worten: Wie kam der Mensch zu seinem 'poietischen', d. h. ästhetischen Vermögen?

Ein Tier nimmt all das - aber nur das - 'wahr', was ihm in der Umweltnische, in der sich und die sich seine Gat-tung im Laufe ihrer Naturgeschichte eingerichtet hat, für sein Überleben und seine Fortpflanzung hilfreich ist. Und was dieses oder jenes Ding ihm 'wert' ist, darüber entscheidet die Dringlichkeit, mit der im gegebenen Augenblick sein physisches Bedürfnis danach verlangt. Das alles kommt ihm als Gegebenes vor und bedarf nicht seines Urteils. Es ist, und damit gut.
 

In der Gefangenschaft und namentlich in der Beobachtungsstation muss das Tier fürs Leben und seine Fort-pflanzung nichts von dem tun, was in freier Natur seinen Alltag erfüllt. Es ist unterbeschäftigt und hat, wie wir, Langeweile. Da nimmt es gern fremde Dinge an, die ihm von seinen Verpflegern vorgegeben werden. Es kom-pensiert nur einen Mangel.

Aber das kann es. Es hat offensichtlich Reserven,1 die unter seinen herkömmlichen natürlichen Lebensum-ständen ungenutzt bleiben, die ihm aber unter ungewöhnlichen Bedingungen, bei Stress, und sei es dem Stress der Langenweile, ungewohnte Leistungen erlauben. Und  halten die ungewöhnlichen Bedingungen an – warum soll die Nutzung der verborgenen Reserven, soll die außergewöhnliche Leistung nicht habituell und selber zu einem Selektionskriterium werden?
 

Dass also unsere Vorfahren, nachdem sie den Schritt aus der Urwaldnische in die offene Savanne einmal getan hatten, erbliche Fähigkeiten erworben haben, die sie als eine völlig neue Gattung unter den Lebewesen auswei-sen, ist für sich genommen kein Mysterium. Unerklärt bleibt noch immer, warum sie diesen Schritt getan, bzw. warum ihre äffischen Vettern ihn nicht unternommen haben; und darf getrost unerklärt bleiben, denn was ist daran gelegen?

*

Die Hominisation ist als bloße Kompensation für den Verlust der angestammten Selbstverständlichkeiten nicht hinreichend verstanden. Tatsächlich handelt es sich um eine Überkompensation. Denn der selbstverursachte Man-gel wird nicht aufgefüllt mit je demselben, sondern mit etwas qualitativ Neuem; eben dem, dass sich die Bedeu-tungen der offenen Savannenwelt nicht mehr von selbst verstanden, sondern erfragt werden mussten. Das ist nicht einfach ‚mehr‘,  es ist eine andere Dimension als die rein positive Umwelt der Tiere.
 

Die Welt, in die seither die Menschenkinder hineingeboren werden, hat vom ersten Tag an und womöglich schon vorher den Charakter der Fraglichkeit. Wenn auch die moderne Hirnforschung längst nicht so viel des spezifisch Menschlichen herausgefunden hat, wie sie meint, so hat sie doch erwiesen, dass die Menschen nicht warten, bis ihnen die Außenwelt mit hartem Griffel ihre Hierogly- phen ins Gemüt ritzt, sondern ex sponte ihre eigenen Er-wartungen an die Dinge tragen und achten, was sie darauf antworten.
 

*
 

Bis hier ist noch nicht ersichtlich, wie Qualitäten in Erwägung kommen können, die etwas anderes bedeuten als Bei- oder Abträge zur Art- und Selbsterhaltung. Das ist es aber, was die Anthropologie, die Wissenschaft davon, was die Menschen als solche auszeichnet, beantworten muss. Ernst Tugendhat, der die Losung Anthropologie statt Metaphysik in die Welt gesetzt hat, hat dafür leider keinen Fingerzeig gegeben, jedenfalls keinen brauchbaren. 
 

"In 'gut' ist der Komparativ ('besser') das Primäre. Alles, was wir gut machen, können wir besser machen. ... Das Wort 'gut' bezieht sich immer erstens auf einen Komparativ, der ein Komparativ des Vorziehens ist, und zweitens auf ein solches Vorziehen, das eine Prätention von Objektivität oder zumindest Intersubjektivität erhebt."2 Doch trotz der Prämisse der Allgemeingültigkeit bleibt er im Rahmen einer naturalistischen Voraussetzung, denn von logischem Gelten im Unterschied zu sinnlichem Sein ist auf dieser 'komparatistischen' Stufe ja gerade noch nicht die Rede; er soll im Gegenteil relativistisch erüberflüssigt werden. 

Maß für das Vorziehen ist erst noch der Erhaltungswert, und das Bessere wäre, was noch mehr zur Erhaltung beiträgt als das weniger Gute. Das Gute selbst müsste dann als Idee von der maximalen Erhaltung, dem Erhalt-an-sich aufgekommen sein. Weder die Historiker der Mentalitäten noch die Ethnologen, die in Amerika cultural anthropologists heißen, haben aber so ein geistiges Gebilde irgendwo in der Wirklichkeit auffinden können. Auf-finden lässt sich allerdings, bis heute und quer durch alle Kulturen, eine Idee des Guten-an-sich. Woher mag die kommen? Aus der im Dunkel der Vorgeschichte untergegangen Idee vom Erhalt-an-sich, die irgendwann einmal aus Quantität 'in Qualität umgeschlagen' wäre? Eine solche Anleihe bei einer der dümmsten Ideen des ohnehin nicht geschätzten Hegel wird Tugendhat doch nicht machen wollen.

"In unseren Erlebnissen sind uns nur qualitative Unterschiede gegeben. Den Unterschied zwischen 'Groß' und 'Klein' erleben wir zunächst nicht anders als den zwischen rot und blau. Erst durch die Zuordnung von Zahlen zu den Erlebnissen wird ein System von Zustandsgrößen geschaffen, zwischen denen quantitative Beziehungen bestehen," sagt indessen der Positivist.3 Viel essen und wenig essen ist der Qualitätsunterschied von hungrig und satt.

*

Für das Tier sind die Bedeutungen der Dinge immer konkret, sie bedeuten stets dies oder das, und was es ist, ist ihm durch seine physische Organisation, durch den Platz, den es in seinem Merknetz einnimmt, vorgegeben. Er-kennen muss es das nicht. Es ist ihm selbstverständlich.

Ist das essbar? stellt sich dem Tier nicht als Frage. Es versucht; wenn der Versuch scheitert, lässt es von dem Ding ab. Es findet keinen Halt in seinem Merknetz – weil es sich nicht in seinem Wirknetz verfangen hat.

Beim Tier sind Merk- und Wirknetz kongruent; sie 'bedecken' dasselbe Gegenstandsfeld und bilden einen ge-schlossenen Funktionskreis.
  Aber die Menschen haben sich, indem sie ihre Umweltnische verlassen hatten, auf  die Hinterbeine aufgerichtet und so das Spiel von 'Gesicht und Hand'4begonnen. Während einerseits das über-kommene Merknetz obsolet geworden war, hat sich das Wirknetz dimensional erweitert. "Ich kann mit allem was anfangen"5 – aber was?! Der Funktionskreis ist zerrissen. Zwischen merken und wirken muss als Vermittler die (symbolisierte) Bedeutung rücken, um den Funktionskreis neu zu schließen. Bedeutung ist ein praktisches Problem.  


*

Bedeutung als geistige Dimension entsteht aus dem Mangel an ihr: als Frage. Erst im Fragemodus gibt es Be-deutung-an-sich. Das ist ein alter Hut: Verallgemeinerung, Begriff gibt es zuerst in der Verneinung. Dieses Pferd kann ich sehen, ich muss an ihm nichts begreifen. Aber 'die Pferdheit' kommt mir erst in den Blick, wenn ich nach dem suche, was dieses und jedes andere Pferd von allem unterscheidet, vor allem auszeichnet, was nicht Pferdheit ist.
Frage (und Verneinung) gibt es wiederum nur im digitalen Modus der Repräsentation; im begrifflichen Denken. Der Übergang zum begrifflichen Denken, als dem Auszeichnen von Qualitäten durch bedeutende Zei-chen, setzt voraus das Identifizieren von Qualitäten; sie sind 'das, was' im Begriff dargestellt ist, sie sind das Ge-meinte.


Aber auch das zeigt nur, dass Fragen, Qualitäten und Begreifen genetisch zu einander gehören. In welchen hi-storischen Schritten sie im Einzelnen aus und durch einander entstanden sind, ist erstens nicht in Erfahrung zu bringen und zweitens unerheblich. Dass es geschehen ist, wissen wir, und das reicht. *  

Aber noch immer nicht wissen wir, warum – nicht aus welchen Ursachen, sondern unter welchen Bedingungen – es geschehen konnte. -

Solange sich Alles von selbst versteht, muss ich nicht wissen, was es ist. Genauer gesagt: kann ich nicht einmal fragen, was es ist. Washeit gibt es nur als Antwort auf eine Frage.

Nachdem unsere Vorfahren ihre Urwaldnische verlassen hatten, sind die ihnen angestammten Bedeutungen entfallen. Was neu begegnete (und zuvor nicht gemerkt worden wäre), war in seiner Bedeutung – in seiner Fä-higkeit, mein Leben so oder anders zu bestimmen – fraglich geworden.

Musste die Frage beantwortet werden, durch Finden und Erfinden?

Sie konnte beantwortet werden. Wer sie beantwortete und treffend beantwortete, hatte Chancen, in der Savanne zu bestehen. Alle andern mussten in den Urwald zurückkehren oder überlebten nicht. Niemand weiß, wie viele es waren. Doch wenn erstere noch so wenige gewesen wären – sie haben überlebt und sind zu unsern Vorfahren ge-worden.
 

Die Washeiten wurden zum Inventar einer offenen Welt. Mit jeder als Washeit bestimmten neuen Bedeutung hat sich der Aktionsradius erweitert und ipso facto die Frage was? erneuert. Die Frage was? ist eine Endlosschleife, sie ist es, die uns die Welt offen hält. Eine allerletzte Antwort wäre das Ende der Welt.

*
 

Denn die Antworten sind nun nicht länger auf die Erhaltungsfunktion eingeschränkt. Was sich durch die Frage Ist es essbar? einmal im Merknetz verfangen hat, geht nicht dadurch verloren, dass die Frage verneint wurde. Es ist nicht essbar, was ist es dann? Diese Frage ist nicht notwendig noch irgend eine Antwort; aber möglich ist sie. Die sie stellten und beantworteten, haben sich durch zwei Millionen Jahre besser in ihrer offenen Jäger- und Sammler-welt behauptet als die andern. Denn als die Frage nach der Essbarkeit durch die Erfindung des Ackerbaus in den Hintergrund treten konnte, konnten die anderen Bedeutungen nun auch ins Wirknetz eingehen. So entstand Kul-tur.* Und recht besehen, haben unsere Vorfahren nicht auf den Ackerbau gewartet. Es reicht aus, dass das Leben nicht lückenlos von der Suche nach Essbarem erfüllt ist, damit Muße und Überfluss eintreten. Die Ruhepause, das Fest, bei dem die nicht konservierbaren Überschüsse verprasst werden, eröffnen einen Blick auf Qualitäten, die über den Erhaltungswert hinausreichen. Körperschmuck, Festmahl, Tanz und berauschende Getränke sind die wahren Ursprünge von Kult und Kultur. Die Kultstätte von Göbekli Tepe wurde nicht von Bauern, sondern von Jägern und Sammlern errichtet.
 

*) Von gr. poiein, das die Römer mit lat. ponere [s. dazu positio] wiedergegeben haben und als setzen in unsere philosophische Schulsprache eingegangen ist. Gr. poion = lat. quale ist, so schön es wäre, damit etymologisch leider nicht verwandt. 

1 Hypertelie nennt es Adolf Portmann
Tugendhat, Anthropologie statt Metaphysik, München 2007, S. 29; 33
Philipp Frank, Das Kausalgesetz und seine Grenzen (Wien 1932) Frankfurt a. M. 1988, S. 155
Leroi-Gourhan, Hand und Wort, Frankfurt a. M., 1984 
"Nichts kann sein, was ihm nicht etwas zu bedeuten vermag." H. G. Gadamer, Gesammelte Werke, Bd. VIII,Tübingen 1993; S. 8 


Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

Freitag, 4. Februar 2022

»Wir überschätzen die Rolle des Bewusstseins systematisch«

aus spektrum.de, 4. 2. 2022                                                                                     zuJochen Ebmeiers Realien; zu Philosophierungen

Was wissen wir über das Bewusstsein?
Ein Gespräch über Geist, Gehirn und ihre Beziehung zueinander mit der Neuro-wissenschaftlerin Melanie Wilke und dem Philosophen Michael Pauen.

Interview von Steve Ayan

In den vergangenen 20 Jahren haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vieles über das Bewusstsein gelernt. Einer der größten Fortschritte: Das Bewusstsein ist inzwischen ein etablierter Gegenstand der empirischen Forschung, sagen die Neuro-wissenschaftlerin
Melanie Wilke und der Philosoph Michael Pauen. Im Interview erklären sie, vor welchen Hürden Forscherinnen und Forscher immer noch stehen und wie sie die »harte Nuss« des Leib-Seele-Problems endlich knacken wollen.


Frau Wilke, Herr Pauen, Bewusstsein ist ein ziemlich abstraktes Thema für ein Interview. Ich würde daher gern mit einem Spiel beginnen. Beantworten Sie die folgenden Fragen bitte möglichst kurz. Bereit? Die erste Frage lautet: Sind Sie Ihr Gehirn?

Melanie Wilke: Ja – und noch etwas mehr. Mein restlicher Körper gehört auch dazu.

Michael Pauen: Ich würde aus dem gleichen Grund eher Nein sagen. Ich kann zum Beispiel Rad fahren, mein Gehirn allein kann das nicht.

Bringt Hirnaktivität Bewusstsein hervor?

Pauen: Sie bringt es nicht hervor, sondern bestimmte neuronale Aktivitätsmuster sind mit bestimmten Bewusstseinszuständen identisch.

Wilke: Bewusstseinszustände und -inhalte korrelieren mit messbaren Mustern der Hirnaktivität, auf mehr würde ich mich nicht festlegen.
 

3/2022 Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 3/2022



 

 

 

 

Ist Bewusstsein ein Zustand oder ein Kontinuum?

Pauen: Letzteres, es gibt zahlreiche Abstufungen.

Wilke: Das Bewusstsein gibt es nicht, sondern man muss nach verschiedenen Formen und Inhalten differenzieren. So unterschieden wir unter anderem den Zustand der Wachheit, bewusste Wahrnehmungsinhalte, Metakognition und Ich-Bewusstsein.

 

Melanie Wilke | (geboren 1976 in Eilenburg) ist Direktorin des Instituts für Kognitive Neurologie an der Universitätsmedizin Göttingen. Sie studierte Psycholinguistik, Neuropsychologie und Neurobiologie in München und promovierte am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen zu elektro-physiologischen Korrelaten visuellen Bewusstseins. Nach Forschungsstationen an den National Institutes of Health in Bethesda sowie am Caltech in Pasadena (beides USA) wurde sie 2011 auf eine Schilling-Professur nach Göttingen berufen. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit den neuronalen Mechanismen, die normalen und gestörten Bewusstseinsprozessen zu Grunde liegen.

 

Denken und handeln wir weniger bewusst, als wir glauben?

Wilke: Phänomene wie die »inattentional blindness« (siehe »Kurz erklärt«, Anm. d. Red.) zeigen: Wir nehmen Objekte in unserer Umgebung oft weniger bewusst wahr, als es uns scheint – insofern ja.

Pauen: Ja, wir überschätzen die Rolle des Bewusstseins systematisch, weil all das, was uns nicht bewusst ist, in unseren Erklärungen für das eigene Handeln gar nicht auftaucht.

Wird es jemals bewusste Maschinen geben?

Wilke: Das halte ich nicht für ausgeschlossen. Allerdings wissen wir bislang noch gar nicht, was die physikalische Grundlage von Bewusstsein ist. Folglich kann man auch nicht sagen, ob sich das in technischen Systemen realisieren lässt. Dennoch wird diese Frage gerade heiß diskutiert, und einige Forscher, die Bewusstsein über das Verhalten definieren, würden sie klar mit Ja beantworten.

Pauen: Ich glaube, es wird eines Tages Maschinen mit Bewusstsein geben, aber diese Maschinen werden nur sehr wenig mit denen zu tun haben, die wir heute kennen. Im Übrigen sind Philosophen traditionell sehr schlechte Prognostiker. 


 

Gibt es einen freien Willen, oder sind alle unsere Entscheidungen neurophysiologisch determiniert?

Wilke: Da enthalte ich mich, weil ich nicht genau weiß, was »frei« bedeutet. Das kann der Philosoph besser beurteilen.

Pauen: Zumindest gibt es gute Gründe dafür anzunehmen, dass Determination und Willensfreiheit sich nicht gegenseitig ausschließen, auch wenn uns das intuitiv so erscheint.

Letzte Frage in dieser Blitzrunde: Ist Bewusstsein wissenschaftlich erklärbar?

Pauen: Ja, aber wir sind noch weit davon entfernt.

Wilke: Wir arbeiten daran.

 

Michael Pauen | (geboren 1956 in Krefeld) ist Professor für Philosophie des Geistes an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach dem Studium in Marburg, Frankfurt am Main und Hamburg war er Research Fellow unter anderem an der Cornell University sowie am Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst. Pauen ist Gründungsdirektor der Berlin School of Mind and Brain. In der allerersten Ausgabe von »Gehirn&Geist« 2002 schrieb er einen Überblicksartikel zu den größten Problemen der Bewusstseinstheorie. Zum 20. Geburtstag des Magazins wollten wir wissen, was seitdem erreicht wurde.

Bleiben wir beim letzten Punkt: Was hieße es eigentlich, Bewusstsein zu erklären? Wann könnte man sagen: »So, jetzt haben wir es verstanden!«?

Pauen: Meist ergibt sich aus der richtigen Antwort ein völlig neues Verständnis der Frage. Anders gesagt: Ich glaube, Bewusstsein wird dann erklärt sein, wenn wir es auf eine ganz andere Art begreifen. Würde man uns hier und jetzt die Erklärung geben, könnten wir wahrscheinlich nichts damit anfangen. Etwas Ähnliches war etwa beim Begriff der Wärme der Fall. Jahrhundertelang glaubte man an die Existenz eines mysteriösen Wärmestoffs, der prinzipiell jeden Gegenstand durchdringe. Um unsere heutige Erklärung zu verstehen, musste sich erst eine ganz andere Vorstellung von Wärme durchsetzen: kein Stoff, sondern eine Form molekularer Bewegung. Bewusstseinsforschung besteht nicht darin, nur immer mehr Daten zu einem altbekannten Problem zu sammeln, sondern sie versucht, das Problem selbst besser und anders zu verstehen. Erstaunlicherweise lösen sich viele vermeintliche Rätsel, an denen man sich lange Zeit die Zähne ausbiss, plötzlich in Luft auf.

Wilke: Aus meiner Erfahrung würde ich auch sagen, wir müssen vor allem die richtigen Fragen stellen. Wie bei jedem naturwissenschaftlichen Phänomen können wir nur das Wie beantworten – wie kommt es zu diesem oder jenem Phänomen –, aber nicht, warum etwas so ist. Wenn wir zu allgemein nach dem Bewusstsein fragen, können wir darüber nicht viel Sinnvolles aussagen.

Aber in welche Richtung könnte so eine neuartige Formulierung des Bewusstseinsproblems gehen?

Pauen: Wenn man sich die Wissenschaftsgeschichte ansieht, so ging man bei sehr vielen Dingen zunächst davon aus, es müsse eine Substanz dahinterstecken. Man hatte also ein naiv-materialistisches, dinghaftes Verständnis. Schon in der Steinzeit glaubten die Menschen vermutlich, die Seele sei eine Art Stoff, der beim Tod aus dem Körper entweicht. Und selbst noch bei Descartes begegnen wir der »res cogitans«, der »denkenden Sache«. Zuerst müssen wir besser differenzieren, was wir mit dem großen Wort Bewusstsein genau meinen – und dann zeigen, was neurophysiologisch dahintersteckt.

Frau Wilke, bleibt bei alledem nicht die Kluft zwischen subjektivem Erleben und physiologischen Vorgängen bestehen? Das, was der Philosoph David Chalmers einst das »harte Problem« nannte: Wie kann aus elektrochemischen Vorgängen Denken und Fühlen werden?

Wilke: In der Hirnforschung geht es zunächst einmal darum, Dinge verlässlich zu beschreiben, zu operationalisieren und zu messen. Man nutzte dafür beispielsweise experimentelle Methoden, bei denen Probanden mehrdeutige visuelle Reize betrachten – also Bilder, die mal so und mal so gesehen werden. Ein bekanntes Beispiel sind Kippfiguren. Diese können, obwohl der physikalische Input jeweils identisch ist, auf verschiedene Weise wahrgenommen werden. Was dabei im Gehirn geschieht, betrachtete man als das neuronale Korrelat von Bewusstsein. Später zeigte sich jedoch, dass die Korrelate ganz anders aussehen, wenn die Probanden keine Auskunft darüber geben, was sie sehen, sondern wenn man ihre Wahrnehmung durch gewisse experimentelle Bedingungen steuert (siehe »Das No-Report-Paradigma«). Wir müssen also zwischen einer bewussten Wahrnehmung und dem Bericht über diese Wahrnehmung unterscheiden. So verfeinern wir einerseits unser Instrumentarium, andererseits aber auch das, was wir eigentlich untersuchen. Eine Theorie von Bewusstsein ist immer nur so gut wie die Vorannahmen und Methoden, auf denen sie fußt. Übrigens betrifft das die gesamte kognitive Neurowissenschaft. Die eine Sache ist der Prozess, den man vielleicht mit Testverfahren und Fragebogen beschreiben kann und der klinisch-therapeutisch sinnvoll ist; doch die Neurobiologie ist eine völlig andere Beschreibungsebene.

Das No-Report-Paradigma

Das No-Report-Paradigma | Bei Studien zur visuellen Wahrnehmung zeigte sich: Das Auskunftgeben (englisch: report) über Seheindrücke ist vom Erleben neuronal zu unterscheiden. Wissenschaftler um Stefan Frässle untersuchten dies am Beispiel der binokularen Rivalität: Präsentiert man Probanden im Labor auf jedem Auge ein anderes Streifenmuster (oben schematisch dargestellt), so wechselt das wahrgenommene Bild meist in kurzen Abständen von wenigen Sekunden zwischen beiden hin und her. An bestimmten Blickfolgebewegungen lässt sich ablesen, ob etwa gerade das nach links wandernde grün-schwarze oder das nach rechts laufende rot-schwarze Muster gesehen wird. Personen, die aktiv über ihren momentanen Eindruck berichten, zeigen großflächige Aktivierungen im präfrontalen Kortex (linkes Hirn), ohne die Mitteilung hingegen nicht (rechts). Das neuronale Korrelat hängt also von der Untersuchungsmethode ab. 

[Nota bene: Das ist der Unterschied zwischen (unmittelbarem) Erleben und (mittelbarer) Reflexion. JE]


Pauen: Noch kurz zu der vermeintlichen Kluft zwischen Geist und Materie: Seit den 1990er Jahren suchen Forscher nach den neuronalen Korrelaten des Bewusstseins, in der Fachsprache NCC (neural correlates of consciousness) genannt. Jetzt ist ein Korrelat allein noch keine Erklärung, völlig klar. Aber solche Korrelate sind immer eingebettet in Modellannahmen. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Wasser. Was ist das und wie lassen sich seine unterschiedlichen Zustände erklären? Nun, gemäß dem Atommodell wissen wir, dass Wasser ein Molekül bestehend aus zwei Wasserstoff- und einem Sauerstoffatom ist. Und die jeweilige Art, wie diese Atome miteinander verbunden sind, bestimmt darüber, ob das Wasser fest, flüssig oder gasförmig ist. Im übertragenen Sinn heißt das: Was uns derzeit noch fehlt, ist eine Art Atommodell für Bewusstsein.

Wenn ich Sie richtig verstehe, Frau Wilke, gibt es einen grundlegenden Unterschied zwischen dem Auskunftgeben und dem bewussten Erleben selbst. Das erinnert mich an ein Gespräch, das ich einmal mit dem britischen Philosophen Peter Carruthers führte, der glaubt, bewusste Prozesse gebe es eigentlich gar nicht, sondern es würden uns nur die Resultate gewisser mentaler Prozesse bewusst. Wie sehen Sie das?

Wilke: Nach der Global-Workspace-Theorie (GWT, siehe »Die vier wichtigsten Bewusstseinstheorien«) ist es ein zentrales Kennzeichen von bewussten Inhalten, dass sie anderen kognitiven Funktionen wie Entscheiden, Urteilen und Berichten zur Verfügung stehen. Nach diesem Ansatz ist alles, was nicht berichtet werden kann, auch nicht bewusst – folglich zeigen sich bei Experimenten deutlich andere Korrelate, nämlich zum Beispiel eine stärkere Aktivierung präfrontaler Hirnbereiche. Sie könnte jedoch genauso gut ein Korrelat der Introspektion, also der höheren kognitiven Verarbeitung, sein und nicht der bewussten Wahrnehmung selbst.

 

Die vier wichtigsten Bewusstseinstheorien

In der theoretischen Bewusstseinsforschung werden heute folgende Ansätze am intensivsten diskutiert. Sie schließen sich nicht in jeder Hinsicht gegenseitig aus, stellen aber unterschiedliche Aspekte in den Vordergrund.

Global-Workspace-Theorie

Bewusst sind jene mentalen Inhalte, die der Informationsverarbeitung in verschiedenen Hirnarealen zur Verfügung stehen. Eine zentral gelegene Region unterhalb der Großhirnrinde (Kortex), der Thalamus, fungiert hierbei wie eine Art Schaltstelle, als »Tor zum Bewusstsein«. Vom Thalamus generierte Signale können den Informationsstrom von einzelnen Arealen ausgehend auf weite Hirnbereiche verteilen.

Aufmerksamkeitsschema

Das Gehirn verfügt über ein Modell seiner selbst. Gemäß dieser von Michael Graziano und anderen entwickelten Idee bringen Hirnprozesse unterschiedliche Signale aus der Außenwelt sowie aus dem Körperinneren wie auf einer Art Radarschirm zusammen. Was nicht auf diesem erscheint, bleibt unbewusst.

Predictive processing

Was wir bewusst erfahren, ist laut diesem Ansatz die Diskrepanz zwischen vom Gehirn generierten Vorhersagen und dem registrierten Input. Nur was den neuronalen Prognosen widerspricht, wird durch Bewusstseinsprozesse neu angepasst. Folglich hängt die neuronale Informationsverarbeitung weit stärker davon ab, was wir erwarten, als von dem, was physikalisch gegeben ist.

Integrierte Informationsverarbeitung

Bewusste Zustände gehen mit stark erhöhter funktioneller Konnektivität einher, das heißt, verschiedene Hirnbereiche kommunizieren dann viel intensiver miteinander als bei unbewussten Wahrnehmungen. Wie sehr Signale unterschiedlicher Kanäle verknüpft werden, bestimmt über den Bewusstseinsgrad.

Können wir bewusste Wahrnehmungen haben, von denen wir nichts wissen? Ist das nicht eine Art »Bewusstsein ohne Bewusstsein«?

Pauen: Das Wort Bewusstsein entstand im 17. und 18. Jahrhundert aus dem lateinischen »con sciencia«, zu Deutsch: »mit Wissen«. Dem ursprünglichen Verständnis nach gibt es tatsächlich keine bewusste Erfahrung ohne die kognitive Komponente des Wissens über diese Erfahrung. Jetzt nehmen wir aber zum Beispiel Babys oder auch höher entwickelte Tiere. Die empfinden sicherlich Schmerzen, doch sie wissen nicht um diese eigene Erfahrung. Es gibt also Schmerz ohne ausgereiftes Ich-Konzept, ohne Reflexion. Das Wissen über eine Erfahrung ist etwas anderes als die Erfahrung selbst, nur leider setzen wir beides intuitiv gleich. Die Differenzierung ist ein entscheidender Fortschritt, wir schärfen unsere begrifflichen Werkzeuge, um Bewusstsein erfassen und untersuchen zu können. Und diese Entwicklung hat tatsächlich erst in den letzten Jahren richtig Fahrt aufgenommen.

Wilke: Wir müssen beachten, dass Bewusstsein auf unterschiedlichen Niveaus oder Komplexitätsgraden auftritt. Schmerz hat sowohl einen unmittelbaren Erfahrungsaspekt als auch eine Ebene der emotionalen Bewertung. Laut einigen Theoretikern bedarf es der neuronalen Repräsentation eines Ichs, gespeist aus Signalen des eigenen Körpers, um Schmerz bewusst zu empfinden. Ich bin ehrlich gesagt unsicher, inwieweit es sinnvoll ist, nur das eine oder das andere als Bewusstsein zu bezeichnen. Fest steht, dass wir unterschiedliche Grade unterscheiden müssen.


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Pauen: Der Witz an der Sache und eine Quelle vieler Irrtümer ist, dass wir Bewusstsein immer nur mit solchen Gelegenheiten identifizieren, wo wir etwas als bewusst erkannt haben. Das Surren eine Klimaanlage etwa kann mir erst zu einem bestimmten Zeitpunkt auffallen. Möglicherweise habe ich es aber schon längere Zeit wahrgenommen und es hat mich beeinflusst, ohne dass ich die kategoriale Zuordnung vorgenommen habe, ohne dass ich meine Erfahrung in die Schublade einsortierte »Du hörst gerade das Surren einer Klimaanlage«.

Gibt es, wie man oft von Meditationsgurus hört, »reines Bewusstsein« ohne Inhalt? Oder ist Bewusstsein stets auf einen Gegenstand bezogen?

Pauen: Knifflige Frage. Sicherlich gibt es verschiedene Grade und Intensitäten von Bewusstsein, doch wie sollte man sich so eine inhaltslose, leere Hülle von Bewusstsein vorstellen? Ich glaube, es handelt sich dabei eher um Flow-Zustände, in denen wir unsere Aufmerksamkeit nicht aktiv steuern und die wir mit einer Metapher wie »geistige Leere« beschreiben. Wir sollten besser gar nicht von dem Bewusstsein sprechen, sondern von Erfahrungen, Schmerzerfahrungen etwa. Die übliche Verdinglichung von Bewusstsein ist meines Erachtens irreführend.

 

Kurz erklärt

Inattentional blindness

Fachbegriff dafür, dass uns bei erhöhter Aufmerksamkeit für einen Wahrnehmungsaspekt selbst starke Veränderungen eines Bildes oder einer Szene oft entgehen. Beispiel: Zählen Probanden die Pässe eines Basketballteams mit, fällt ein quer durchs Bild laufender Mensch im Gorillakostüm kaum auf.

Perturbational complexity index (PCI)

Neurowissenschaftliches Verfahren, bei dem man mittels elektrophysiologischer Messungen die Stärke und Dauer einer Erregungswelle im Gehirn bestimmt. Ein von außen etwa über Magnetspulen verabreichter Impuls kann so Auskunft geben über bewusste Träume oder Komazustände.

Manche Kritiker glauben, Bewusstsein könne nicht bloß im Gehirn verortet sein, weil es sonst eine Art inneren Agenten geben müsste, der die Bilder und Repräsentationen im Kopf liest oder wahrnimmt. Was halten Sie von diesem Argument?

Pauen: Das halte ich für Unsinn. Da wird die Hirnforschung zu einer Art Vogelscheuche gemacht, die man anschließend mit viel Tamtam abbrennt. Kein ernst zu nehmender Forscher glaubt mehr an einen Homunkulus im Kopf.

Wilke: Ich habe dazu auch keinen Bezug. Wir Neurowissenschaftler betrachten geistige Leistungen und Bewusstsein als dynamisch verteilte Hirnaktivität, dafür braucht es keine innere Instanz und keinen Homunkulus-Agenten.

»Gehirn&Geist« begleitet die Bewusstseinsforschung mittlerweile seit 20 Jahren. Was war für Sie in dieser Zeit der größte Fortschritt?

Wilke: Zunächst einmal, dass Bewusstsein als Gegenstand naturwissenschaftlicher Forschung anerkannt wurde. Es gibt inzwischen viele reproduzierbare Ergebnisse, die auch Vorhersagen erlauben. In dieser Hinsicht war die Entwicklung des »perturbational complexity index« (PCI, siehe »Kurz erklärt«) vielleicht der größte Fortschritt. Man kann einen Wert dafür berechnen, wie stabil und weiträumig sich elektrische Signale, zum Beispiel induziert durch eine Magnetspule, im Nervengewebe ausbreiten. So lässt sich beispielsweise bei Schlafenden gut unterscheiden, ob jemand gerade träumt oder nicht.

Pauen: Wir haben sowohl empirisch als auch theoretisch viele Unterscheidungen klarer fassen können. Etwa die, dass phänomenale Erfahrung und kognitiver Zugang, also Wissen, verschiedene Dinge sind. Doch ich glaube, die Vielfalt der Bewusstseinstheorien beruht darauf, dass wir diese Dinge noch nicht gut experimentell erfassen können. Viele Ansätze beschreiben lediglich unterschiedliche Aspekte, reden aber sonst aneinander vorbei.
Spektrum Kompakt:  Das Rätsel Bewusstsein Spektrum Kompakt: Das Rätsel Bewusstsein

Wilke: Das ist aus meiner Sicht auch ein ganz wesentlicher Fortschritt: Bewusstsein ist heute ein völlig etablierter Gegenstand empirischer Forschung. Es gibt gar keine Zweifel mehr daran, dass man es neurowissenschaftlich untersuchen und zumindest ansatzweise verstehen kann.

Machte die Hirnforschung vor allem deshalb Fortschritte, weil man heute mit viel größeren Datenmengen umgehen kann und so der Komplexität des Gehirns eher gerecht wird?

Wilke: Mit großen Datenmengen zu operieren, ist sicher hilfreich, aber nein, das ist nicht in erster Linie eine Frage des Berechnens oder der Verarbeitungskapazität unserer Computer. Wir müssen vielmehr die richtigen Fragen stellen. Vor allem müssen wir geeignete experimentelle Prozeduren entwickeln, die uns helfen, verschiedene Grade und Komponenten von Bewusstsein verlässlich und trennscharf zu erfassen. Dann erst können wir Hypothesen über die zu Grunde liegenden Mechanismen testen.

»Selbst wenn wir ein spezifisches, verlässliches Maß für Bewusstsein hätten, wäre damit noch nicht gesagt, was Bewusstsein ist und wie es entsteht« (Michael Pauen, Philosoph)

Lassen sich unterschiedliche Grade von Bewusstsein mit der von Ihnen erwähnten PCI-Methode unterschieden?

Wilke: Ja, man verwendet das beispielsweise zur Unterscheidung bewusster und unbewusster Schlafphasen, aber auch zur Prognose bei Komapatienten.

Pauen: Allerdings muss man sagen: Selbst wenn wir ein spezifisches, verlässliches Maß für Bewusstsein hätten, wäre damit noch nicht gesagt, was Bewusstsein ist und wie es entsteht. Beispiel: Bestimmte Atemmuster könnten einem ebenfalls Auskunft über Bewusstseinszustände geben, dennoch hat die Atmung selbst nicht direkt mit Bewusstsein zu tun.

Schrumpft die Zahl derjenigen, die der Hirnforschung »Neuroreduktionismus« vorwerfen?

Pauen: Das kann ich nicht genau sagen. Ich glaube, solange es kein tragfähiges wissenschaftliches Modell von Bewusstsein gibt, bleibt immer ein Markt für »alternative Sichtweisen« bestehen. Und wer da besonders schrill oder rhetorisch geschickt auftritt, findet eben Gehör in der Öffentlichkeit. Hier klaffen populäre Vorstellungen von Wissenschaft und das, was Wissenschaftler eigentlich tun und denken, teils weit auseinander.

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Und das »hard problem«, die Kluft zwischen Neuronen und Erleben – sehen Sie das persönlich nach wie vor als Problem an?

Pauen: Natürlich, intuitiv kommt mir das auch rätselhaft vor. Solche Intuitionen werden jahrhundertelang als unüberwindbar angesehen, doch kaum hat man einen Ansatzpunkt für Erklärungen gefunden, vergessen die Leute das einfach. Für Descartes zum Beispiel war die Sprache, die prinzipiell unerklärbar sei, ein Argument dafür, warum Geist einer immateriellen Sphäre angehöre. Und kaum hatte man die neuronalen Grundlagen der Sprachverarbeitung erkannt, war diese Intuition einfach weg. Ich bin guter Dinge, dass sich das Rätsel des Bewusstseins auf ähnliche Weise auflösen wird, vielleicht nicht in diesem Jahrhundert, aber irgendwann.

Wilke: Ich denke, wir haben genug Probleme, die wir zumindest theoretisch neurowissenschaftlich lösen können, also konzentriere ich mich darauf.

In Bezug auf das Impfen oder den Mobilfunk existieren hartnäckige Mythen, die manchen Fortschritt hemmen. Hat die Idee, Bewusstsein könne nicht bloß im Gehirn stattfinden, ähnlich negative Folgen?

Pauen: Nein, dafür ist die Bewusstseinsforschung vermutlich einfach zu abstrakt, zu weit entfernt vom Lebensalltag der Menschen. Natürlich hält sich bei einigen der Glaube an eine unsterbliche Seele oder an ein Leben nach dem Tod. Aber die Forschung tangiert das nicht.

Wilke: Wir haben in der Forschung eher das Problem, dass Bewusstsein mit Entscheidungen und Verhalten verwechselt wird. Die Hoffnung, dass wir Bewusstsein »unsterblich« machen und unabhängig vom Gehirn irgendwo hochladen können, scheint jedoch viele junge Leute zu motivieren, dieses Problem wissenschaftlich anzupacken. Das ist gut.

 

Nota. - Das Beste daran ist Michael Pauens Antwort auf die Frage, ob er sein Gehirn und ob sein Gehirn er wäre. Nein, ist er nicht, denn er kann beispielsweise Fahrrad fahren, aber nicht sein Gehirn. Das Gehirn gehört zu einem Gesamtorganismus, ohne den es nichts vermag, und der lebt seinerseits - so hat er seine Geschichte einmal gemacht - in einer Welt, in der er - anders als die umweltgebundenen Tiere - sein Leben führen muss: Er muss im-mer wieder entscheiden, ob so oder so. Er muss seinen Willen bestimmen. Wie eng oder weit sein Entscheidungsspielraum im jeweiligen Moment auch sei - er muss ihn ausfüllen, das ist es, worauf es ankommt. Und das ist es, woher und wozu er ein Bewussstsein hat; denn ohne dies könnte er nicht reflektieren, doch das muss er, denn er muss wissen kön-nen, was er will - und das muss das Tier nicht.

Dem solllte Micharl Pauen zustimmen können; wir überschätzten die Rolle unseres Be-wusstseins ja darum, sagt er, "weil all das, was uns nicht bewusst ist, in unseren Erklärun-gen für das eigene Handeln gar nicht auftaucht". Ums Verstehen der Handlungen geht es also - das ist der harte Kern.

JE