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Dienstag, 11. Mai 2021

Es gilt nichts ohne Bedingung.

youtube                                                           aus Philosophierungen

Nichts gilt ohne Voraussetzung - eine tiefsinnige Trivialität. Tiefsinnig, weil man erst darauf gebracht werden muss, um sie einzusehen; aber dann kommt sie wie eine Erleuchtung. Tri-vial, weil sie halbherzig ist. So wie sie da steht, heißt sie nur: Ein jedes borgt seine Geltung aus von einem über ihm; oder unter, wie man will. Na, und so weiter! Die Konsequenz, dass letzten Endes gar nichts gilt, ist nur scheinbar radikal, denn lebenspraktisch läuft sie doch nur darauf hinaus, dass alles nur mehr oder weniger gilt; je nachdem, anything goes.

Wahrer ist der Satz: Nichts gilt ohne Bedingung. Wahr, weil tautologisch, denn Geltung ist die Bedingung - ihrer selbst. Gilt etwas an sich und überhaupt? Es gilt etwas nur für einen, der urteilen will. Urteilen ist der Elementarakt schlechthin: einem Ding eine Bestimmung zuweisen. Es ist die abstrakteste Form des Handelns. Nur für einen Handelnden gilt etwas, und nur im Akt des Handelns; wozu das Urteil als seine Bedingung gehört. Handeln kann ich nur so oder anders. Es ist bestimmt, indem es bestimmend ist. Es ist die Bedingung von Allem, was gelten kann.

7. 10. 18


Dem Ding eine Bedeutung beimessen ist bestimmen. Bestimmen als dieses oder jenes. Urteilen ist der Modus, dieses oder jenes ist das Materiale. Der Akt ist derselbe.
 
 
 

Dienstag, 5. Oktober 2021

Urteilen ist geltend-Machen.

                              zu Wissenschaftslehre: die fast vollendete Vernunftkritik

Irgend eine Thatsache des empirischen Bewusstseyns wird aufgestellt; und es wird eine em-pirische Bestimmung nach der anderen von ihr abgesondert, so lange bis dasjenige, was sich schlechthin selbst nicht wegdenken und wovon sich weiter nichts absondern lässt, rein zu-rückbleibt.

1) Den Satz: A ist A (soviel als A = A, denn das ist die Bedeutung der logischen Copula) giebt Jeder zu; und zwar / ohne sich im geringsten darüber zu bedenken: man erkennt ihn für völlig gewiss und ausgemacht an.

Wenn aber Jemand einen Beweis desselben fordern sollte, so würde man sich auf einen sol-chen Beweis gar nicht einlassen, sondern behaupten, jener Satz sey schlechthin, d. i. ohne allen weiteren Grund, gewiss: und indem man dieses, ohne Zweifel mit allgemeiner Beistim-mung, thut, schreibt man sich das Vermögen zu, etwas schlechthin zu setzen.

2) Man setzt durch die Behauptung, dass obiger Satz an sich gewiss sey, nicht, dass A sey. Der Satz: A ist A ist gar nicht gleichgeltend dem: A ist, oder: es ist ein A. (Seyn, ohne Prä-dicat gesetzt, drückt etwas ganz anderes aus, als seyn mit einem Prädicate; worüber weiter unten.) Man nehme an, A bedeute einen in zwei gerade Linien eingeschlossenen Raum, so bleibt jener Satz immer richtig; obgleich der Satz: A ist, offenbar falsch wäre. Sondern man setzt: wenn A sey, so sey A. Mithin ist davon, ob überhaupt A sey oder nicht, gar nicht die Frage. Es ist nicht die Frage vom Gehalte des Satzes, sondern bloss von seiner Form; nicht von dem, wovon man etwas weiss, sondern von dem, was man weiss, von irgend einem Ge-genstande, welcher es auch seyn möge.

Mithin wird durch die Behauptung, dass der obige Satz schlechthin gewiss sey, das festge-setzt, dass zwischen jenem Wenn und diesem So ein nothwendiger Zusammenhang sey; und der nothwendige Zusammenhang zwischen beiden ist es, der schlechthin, und ohne allen Grund gesetzt wird. Ich nenne diesen nothwendigen Zusammenhang vorläufig = X.

3) In Rücksicht auf A selbst aber, ob es sey oder nicht, ist dadurch noch nichts gesetzt. Es entsteht also die Frage: unter welcher Bedingung ist denn A?

a. X wenigstens ist im Ich, und durch das Ich gesetzt – denn das Ich ist es, welches im obi-gen Satze urtheilt, und zwar nach X als einem Gesetze urtheilt; welches mithin dem Ich gegeben, und da es schlechthin und ohne allen weiteren / Grund aufgestellt wird, dem Ich durch das Ich selbst gegeben seyn muss.

b. Ob, und wie A überhaupt gesetzt sey, wissen wir nicht; aber da X einen Zusammenhang zwischen einem unbekannten Setzen des A, und einem unter der Bedingung jenes Setzens absoluten Setzen desselben A bezeichnen soll, so ist, wenigstens insofern jener Zusammen-hang gesetzt wird, A in dem Ich, und durch das Ich gesetzt, so wie X; X ist nur in Bezie-hung auf ein A möglich; nun ist X im Ich wirklich gesetzt: mithin muss auch A im Ich ge-setzt sein, insofern X darauf bezogen wird.

c. X bezieht sich auf dasjenige A, welches im obigen Satze die logische Stelle des Subjects einnimmt, ebenso wie auf dasjenige, welches für das des Prädicats steht; denn beide werden durch X vereinigt. Beide also sind, insofern sie gesetzt sind, im Ich gesetzt; und das im Prä-dicate wird, unter der Bedingung, dass das im Subjecte gesetzt sey, schlechthin gesetzt; und der obige Satz lässt demnach sich auch so ausdrücken: Wenn A im Ich gesetzt ist, so ist es gesetzt; oder – so ist es.

4) Es wird demnach durch das Ich vermittelst X gesetzt: A sey für das urtheilende Ich schlechthin und lediglich kraft seines Gesetztseyns im Ich überhaupt; das heisst: es wird gesetzt, dass im Ich – es sey nun insbesondere setzend, oder urtheilend, oder was es auch sey – etwas sey, das sich stets gleich, stets Ein und ebendasselbe seyn; und das schlechthin gesetzte X lässt sich auch so ausdrücken: Ich = Ich; Ich bin Ich.

5) Durch diese Operation sind wir schon unvermerkt zu dem Satze: Ich bin (zwar nicht als Ausdruck einer Thathandlung, aber doch einer Thatsache) angekommen. Denn X ist schlechthin gesetzt; das ist Thatsache des empirischen Bewusstseyns. Nun ist X gleich dem Satze: Ich bin Ich; mithin ist auch dieser schlechthin gesetzt.

Aber der Satz: Ich bin Ich, hat eine ganz andere Bedeutung als der Satz: A ist A. – Nemlich der letztere hat nur unter einer gewissen Bedingung einen Gehalt. Wenn A ge-/setzt ist, so ist es freilich als A, mit dem Prädicate A gesetzt. Es ist aber durch jenen Satz noch gar nicht ausgemacht, ob es überhaupt gesetzt, mithin, ob es mit irgend einem Prädicate gesetzt sey. Der Satz: Ich bin Ich, aber gilt unbedingt und schlechthin, denn er ist gleich dem Satze X; er gilt nicht nur der Form, er gilt auch seinem Gehalte nach. In ihm ist das Ich, nicht unter Bedingung, sondern schlechthin, mit dem Prädicate der Gleichheit mit sich selbst gesetzt; es ist also gesetzt; und der Satz lässt sich auch ausdrücken: Ich bin.

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J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 92-95



Nota I. - Das transzendentale Ich ist Dasjenige, was urteilt. Es ist die schiere Tatsache, dass die Menschen urteilen, die die Annahme unumgägnlich macht, dass sie es können. Dieses Urteilenkönnen, dieses Vermögen ist das transzendentale Ich. Es ist ein reines Gedanken-ding, 'es selbst' tritt nie in Erscheinung, man weiß von ihm nur durch sein Wirken: indem wirklich geurteilt wird. Es "ist" der Grund von Allem. 

Es ist der Grund der Geltung von allem. Wenn ich treuherzig sage Das ist, sage ich sachlich doch nur aus, dass mir Etwas als seiend gilt. Für mein Leben in der 'Reihe vernünftiger We-sen' ist das freilich dasselbe. Aber philosophisch, nämlich materiallogisch gesehen, ist es das nicht.

*

Urteilen ist der Alles fundierende poietische Akt: ein-Bilden eines Quale.
  30. 4. 18

 

Nota II. - "Irgend eine Thatsache des empirischen Bewusstseyns wird aufgestellt; und es wird eine empirische Bestimmung nach der anderen von ihr abgesondert, so lange bis das-jenige, was sich schlechthin selbst nicht wegdenken und wovon sich weiter nichts absondern lässt, rein zurückbleibt": Das ist das Verfahren der Wissenschaftslehre schlechthin. Das em-pirische Bewusstsein, von dem die Rede ist, ist das Bewusstsein der Reihe vernünftiger We-sen: Vernunft in ihrem Alltagsmodus. Es werden nach und nach sämtliche Bestimmungn - von den differenzertesten abwärts bis zu den elementarsten - von der/den Tatsache/n des empirischen Bewusstseins abgezogen wie die Häute einer Zwiebel, und das ist statthaft, weil inzwischen bekanntgeworden ist, dass sie samt und sonders Hinzufügungen eines als abso-lut gedachten Ichs sind. Ist nichts mehr abzuziehen übrig, sind wir offenbar am Grund allen Bestimmens angekommen - dem besagten absoluten Ich: Es ist der Inbegriff der historisch-empirischen Reihe vernünftiger Wesen.

JE

 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Montag, 10. Mai 2021

Was ohne Bedingung gilt.

                                                                         aus Philosophierungen
 
Wahr ist ein Satz, der ohne Bedingung gilt; der gilt, ohne dass etwas Anderes gelten muss, das ihm vorauszusetzen und 'zu Grunde zu legen' wäre.

Wenn ich Etwas wissen will, muss ich Es als mir vorausgesetzt denken. In meinem Wissen kann ergo nichts Wahres vorkommen: Was immer ich weiß, ist bedingt - durch etwas, das nicht ich ist.

Das ist ein Salto.

19. 5. 13

 
 
'Wahr' bezieht sich nicht auf Seins-Aussagen. Sage ich: Dies ist ein Baum, dann ist diese Aussage nur richtig. Denn sie bezieht sich lediglich auf diejenigen Eigenschaften, die 'er' mit allen andern Pflanzen teilt, die ich ebenso nenne. Wahr wäre lediglich eine Aussage, die sich auf alle seine Eigenschaften bezöge. Aber die könnte ich nicht aussagen, weil ihre Menge sich nicht bestimmen lässt. (Er 'hat' nur solche 'Eigenschaften', die ich an ihm finden kann; finden könnte, wenn ich ewig suchen könnte. Und vor Ablauf der Ewigkeit dürfte ich keine Aussage machen.) ...
 
'Wahr' ist keine Kategorie des empirischen Urteilens. Empirische Urteile sind nur richtig oder falsch.
 
'Wahrsein' ist eine logische Qualität eines Urteils. Wahr kann ein Urteil sein, welches gilt. Wahr ist ein Urteil, wenn es unter allen möglichen, allen denk möglichen Umständen gilt.
 
Die Frage "Unter welchen Umständen ist ein Urteil wahr?" ist widersinnig. Es muss unter allen Umständen wahr sein. Darum lässt sich nach Wahrheit nicht fragen. Oder vielmehr anders; Wahrheit 'gibt es' nur, sofern man nach ihr fragt: als Problem.
 
aus e. Notizbuch, Jan. 08
 
 
 
 
Nota. - Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

Dienstag, 26. April 2022

Ich kann nichts Bedingtes annehmen, ohne ein Absolutes vorauszusetzen.

pixabay                                                                                                         zu

Die größte Fabelei ist die von der Erkenntnis. Man möchte wissen, wie die Dinge an sich beschaffen sind: aber siehe da, es gibt keine Dinge an sich! Gesetzt aber sogar, es gäbe ein An-sich, ein Unbedingtes, so könnte es eben darum nicht erkannt werden! Etwas Unbe-dingtes kann nicht erkannt werden: sonst wäre es eben nicht unbedingt! Erkennen ist aber immer »sich irgendwozu in Bedingung setzen« – –; ein solch Erkennender will, daß das, was er erkennen will, ihn nichts angeht und daß dasselbe Etwas überhaupt niemanden nichts angeht: wobei erstlich ein Widerspruch gegeben ist im Erkennen-wollen und dem Verlan-gen, daß es ihn nichts angehen soll (wozu doch dann Erkennen?), und zweitens, weil etwas, das niemanden nichts angeht, gar nicht ist, also auch gar nicht erkannt werden kann. – 

Erkennen heißt »sich in Bedingung setzen zu etwas«: sich durch etwas bedingt fühlen und ebenso es selbst unsrerseits bedingen – – es ist also unter allen Umständen ein Feststellen, Bezeichnen, Bewußtmachen von Bedingungen (nicht ein Ergründen von Wesen, Dingen, »An-sichs«). [555] 
________________________________
Nietzsche, Aus dem Nachlass (XII)


Nota. - Ja, wo er Recht hat, hat er recht. Nämlich immer, wenn er sich der Pforte zur Transzendentalphilosophie nähert. Aber rein tritt er nie. Wenn etwas unbedingt sein soll, kann ich von ihm nichts wissen. Nicht einmal, ob 'es' sowas 'gibt' oder nicht. Aber wenn etwas gelten soll, muss 'es' Geltung 'geben', egal, was ich unter 'es' und 'geben' verstehe. Und wenn es 'nur bedingte' Geltung geben soll, dann muss es etwas geben, wodurch sie bedingt ist; und das gilt unbedingt.

Ich kann nichts Bedingtes annehmen, ohne ein Absolutes vorauszusetzen. Das wäre eine Fiktion? Allerdings. Logik beruht auf einer Fiktion.
6. 1. 19

Dienstag, 4. Mai 2021

Wahrheit ist eine praktische Kategorie.

Rainer Sturm  / pixelio.de                                                                aus Philosophierungen

Anders als die Gesetze der Geometrie ist die Annahme einer Wahrheit als konstitutivem Grund aller wahren Sätze nicht evident. 

Wer sagt, er könne die Sätze des Pythagoras nicht einsehen, der ist von Sinnen oder er will nicht. Dass 'es Wahrheit gibt', bestreiten dagegen viele, heute wie gestern. Es gebe nur Wahrheiten, nicht als eine Ganzheit, sondern ein möglicherweise endloses Neben- und Miteinander einzelner wahrer Sätze. Das mag man so einsichtig finden wie das Gegenteil, und der pragmatisch-skeptizistischen Grundstimmung der realen Wissenschaften liegt es heute sogar näher.

Dagegen kann man einwenden, dass allen Wahrheitsatomen dann immerhin diese eine Qualität gemeinsam wäre: wahr zu sein (oder richtig oder zutreffend oder wie immer man es nennen will). Das ist aber Ergebnis einer Reflexion aus vorab bestimmten Begriffe, und eben nicht unmittelbar einleuchtend.

Und es ist "bloß ein Gedanke", von dem keiner sagen kann, ob ihm in der Wirklichkeit etwas entspricht...

*

Nun wäre Wahrheit, ob es sie nun gibt oder nicht, keine Qualität des Wirklichen. Was ist, ist, und ist so, wie es ist. Es ist zwar richtig, dass 'es' die Qualitäten der Objekte nur 'gibt' als Antworten auf die Fragen, die Subjekte ihnen stellen. Ob sie antworten, liegt im Subjekt. Aber dass sie mit ja oder nein antworten, liegt daran, dass sie so oder so sind. 


Wahrheit ist keine Eigenschaft des Seienden. Wahrheit ist eine Eigenschaft von Sätzen, und die sind zunächst 'bloß ein Gedanke'. Wahr ist ein Satz, der gilt. Wenn er nur unter Bedin-gungen gilt, ist er nur bedingt wahr. Wenn er ohne Bedingungen gilt, ist er unbedingt wahr. Und das kann man denken. Gibt es mehrere Sätze, die unbedingt gelten, dann 'gibt es' die Qualität des Unbedingtgeltens.

Sätze über Erscheinungen in Raum und Zeit, vulgo in der Wirklichkeit, stehen unter den Bedingungen von Raum und Zeit. Dass sie unbedingt gelten könnten, wäre ein Widersinn.

In den Realwissenschaften kann es die Wahrheit nicht geben. Da reicht die Annahme einer Menge von einzelnen Wahrheitsatomen völlig aus, und da sie in Raum und Zeit bedingt sind, sind sie nur vorläufig. Mehr anzunehmen untergrübe die Wissenschaft.

*

Fichte betrieb nicht Realwissenschaft, sondern Wissenschaftslehre. Dass er sie auf einem Zirkel begründen musste, hat er den Skeptikern, die damals so in Mode waren wie heute, freimütig eingeräumt:

"Ueber diesen Cirkel hat man nun nicht Ursache betreten zu seyn. Verlangen, dass er geho-ben werde, heisst verlangen, dass alles menschliche Wissen nur bedingt seyn, und dass kein Satz an sich, sondern jeder nur unter der Bedingung gelten solle, dass derjenige, aus dem er folgt, gelte, mit einem Worte, es heisst behaupten, dass es überhaupt keine unmittelbare, sondern nur vermittelte Wahrheit gebe – und ohne etwas, wodurch sie vermittelt wird."*

So muss, wer an die realen Wissenschaften mit dem Maßstab der formalen Logik herangin-ge, zugeben, dass auch sie 'vorübergehend' davon ausgehen muss, dass das, was jetzt gilt, gilt. Doch die Prämisse beruht auf einem Zirkel und gilt selber daher nur problematisch. In den reellen, 'theoretischen' Wissenschaften ist das kein wirklicher Mangel, denn der Wert ihrer Sätzen wird nicht an der Wahrheit gemessen, sondern daran, ob sie sich - technolo-gisch oder forschungspraktisch - bewähren. Solange sie das tun, schadet es nichts, sie so anzusehen, als ob sie wahr wären - denn daran liegt nichts. Ob es "etwas gibt, wodurch sie vermittelt werden", muss sie nicht kümmern; Realwissenschaft ist nur vorläufig.

*

Ob es 'Geltung überhaupt' gibt, die nicht durch (wechselnde) Umstände von Raum und Zeit bedingt ist, wird zu einer Frage überhaupt nur für einen, dem es darum geht, sein Leben zu führen. Darf, kann, muss er das nach Lust und Laune tun, oder gibt es etwas, woran er sich halten soll? - Die Frage nach der Wahrheit ist ein praktisches Problem; von Evidenz ist keine Spur.


*) J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 62

21. 4. 14

 

Sonntag, 24. Januar 2021

Wahrheit ist eine praktische Kategorie.

Rainer Sturm  / pixelio.de                                        aus Philosophierungen

Anders als die Gesetze der Geometrie ist die Annahme einer Wahrheit als konstitutivem Grund aller wahren Sätze nicht evident. 

Wer sagt, er könne die Sätze des Pythagoras nicht einsehen, der ist von Sinnen oder er will nicht. Dass 'es Wahrheit gibt', bestreiten dagegen viele, heute wie gestern. Es gebe nur Wahrheiten, nicht als eine Ganzheit, sondern ein möglicherweise endloses Neben- und Miteinander einzelner wahrer Sätze. Das mag man so einsichtig finden wie das Gegenteil, und der pragmatisch-skeptizistischen Grundstimmung der realen Wissenschaften liegt es heute sogar näher.

Dagegen kann man einwenden, dass allen Wahrheitsatomen dann immerhin diese eine Qua-lität gemeinsam wäre: wahr zu sein (oder richtig oder zutreffend oder wie immer man es nennen will). Das ist aber Ergebnis einer Reflexion aus vorab bestimmten Begriffen, und eben nicht unmittelbar einleuchtend.

Und es ist "bloß ein Gedanke", von dem keiner sagen kann, ob ihm in der Wirklichkeit etwas entspricht...

*

Nun wäre Wahrheit, ob es sie nun gibt oder nicht, keine Qualität des Wirklichen. Was ist, ist, und ist so, wie es ist. Es ist zwar richtig, dass 'es' die Qualitäten der Objekte nur 'gibt' als Antworten auf die Fragen, die Subjekte ihnen stellen. Ob sie antworten, liegt im Subjekt. Aber dass sie mit ja oder nein antworten, liegt daran, dass sie so oder so sind. 


Wahrheit ist keine Eigenschaft des Seienden. Wahrheit ist eine Eigenschaft von Sätzen, und die sind zunächst 'bloß ein Gedanke'. Wahr ist ein Satz, der gilt. Wenn er nur unter Bedin-gungen gilt, ist er nur bedingt wahr. Wenn er ohne Bedingungen gilt, ist er unbedingt wahr. Und das kann man denken. Gibt es mehrere Sätze, die unbedingt gelten, dann 'gibt es' die Qualität des Unbedingtgeltens.

Sätze über Erscheinungen in Raum und Zeit, vulgo in der Wirklichkeit, stehen unter den Bedingungen von Raum und Zeit. Dass sie unbedingt gelten könnten, wäre ein Widersinn.

In den Realwissenschaften kann es die Wahrheit nicht geben. Da reicht die Annahme einer Menge von einzelnen Wahrheitsatomen völlig aus, und da sie in Raum und Zeit bedingt sind, sind sie nur vorläufig. Mehr anzunehmen untergrübe die Wissenschaft.

*

Fichte betrieb nicht Realwissenschaft, sondern Wissenschaftslehre. Dass er sie auf einem Zirkel begründen musste, hat er den Skeptikern, die damals so in Mode waren wie heute, freimütig eingeräumt:

"Ueber diesen Cirkel hat man nun nicht Ursache betreten zu seyn. Verlangen, dass er geho-ben werde, heisst verlangen,dass alles menschliche Wissen nur bedingt seyn, und dass kein Satz an sich, sondern jeder nur unter der Bedingung gelten solle, dass derjenige, aus dem er folgt, gelte, mit einem Worte, es heisst behaupten, dass es überhaupt keine unmittelbare, sondern nur vermittelte Wahrheit gebe – und ohne etwas, wodurch sie vermittelt wird."*

So muss, wer an die realen Wissenschaften mit dem Maßstab der formalen Logik heran-ginge, zugeben, dass auch sie 'vorübergehend' davon ausgehen muss, dass das, was jetzt gilt, gilt. Doch die Prämisse beruht auf einem Zirkel und gilt selber daher nur problematisch. In den reellen, 'theoretischen' Wissenschaften ist das kein wirklicher Mangel, denn der Wert ihrer Sätzen wird nicht an der Wahrheit gemessen, sondern daran, ob sie sich - technolo-gisch oder forschungspraktisch - bewähren. Solange sie das tun, schadet es nichts, sie so anzusehen, als ob sie wahr wären - denn daran liegt nichts. Ob es "etwas gibt, wodurch sie vermittelt werden", muss sie nicht kümmern; Realwissenschaft ist nur vorläufig.

*

Ob es 'Geltung überhaupt' gibt, die nicht durch (wechselnde) Umstände von Raum und Zeit bedingt ist, wird zu einer Frage überhaupt nur für einen, dem es darum geht, sein Leben zu führen. Darf, kann, muss er das nach Lust und Laune tun, oder gibt es etwas, woran er sich halten soll? - Die Frage nach der Wahrheit ist ein praktisches Problem; von Evidenz ist keine Spur.

 
*) J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 62 

24. 4. 14

Dienstag, 19. November 2019

Unendliches Bedingungsverhältnis.

 ex nihilo Frederick Hart

Was als Welt im Bewusstsein vorkommt, ist nicht ein Summe von Seiendem, sondern ein unendliches Bedin- gungsverhältnis: Da ist Eines immer bedingt durch ein Vorangegangenes, und bedingt ein Anderes, das aus ihm folgt; doch da faktisch keines als Das Erste auftritt, kann man den unbegrenzten Komplex mal von hier und mal von da anschauen. Welches das Bedingte und welches die Bedingung ist, muss in jedem einzelnen Fall immer neu festgestellt werden; denn mal gilt die Bedingungsreihe so rum, mal gilt sie andersrum - es kommt immer darauf an, wo man anfängt.

Gemeint ist nämlich ein wirkliches Anfangen: so, als habe mit dem Bestimmen wirklich ein Erster angefangen, denn nichts anderes als Bestimmtheit heißt Bedingtheit und nichts anderes als Bedingen heißt bestimmen - es ist nicht, sondern muss getan werden. Und wenn nicht, gibt es ohne Bedingung keine Bestimmung und ohne Be- stimmtheit keinen Begriff.


Unendlich ist der Komplex nur nach vorn: Das Bestimmen kommt nie zu einem Schluss. Aber denkbar ist es nur, sofern es angefangen wurde. Ex nihilo, muss man einräumen, solange man im Reich der Begriffe bleibt. So mag man die Bedingungverhältnisse kreuz und quer verfolgen; nur umkehren lassen sie sich nicht. Hinter die vordere Grenze geht es nicht zurück. Hier muss die Einbildungskraft ihr Machwort sprechen.





 


Mittwoch, 2. Juni 2021

Es führt kein Weg aus der Vernunft hinaus.

                                                     zaus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Nur freie Wechselwirkung durch Begriffe und nach Begriffen, nur Geben und Empfangen von Erkenntnissen ist der eigentümliche Charakter der Menschheit, durch welchen allein jede Person sich als Menschen unwidersprechlich erhärtet. 

Ist ein Mensch, so ist notwendig auch eine Welt, und bestimmt solch eine Welt, wie die uns-rige es ist, die vernunftlose Objekte und vernünftige Wesen in sich enthält. (Es ist hier nicht der Ort, noch weiter zu gehen und die Notwendigkeit aller bestimmten Objekte in der Na-tur und ihre notwendige Klassifikation zu erhärten, die sich aber ebensowohl erhärten lässt, als die Notwendigkeit einer Welt überhaupt.)*

Die Frage über den Grund der Realität der Objekte ist sonach beantwortet. Die Realität der Welt - es versteht sich: für uns, d. h. für alle endliche Vernunft - ist Bedingung des Selbstbe-wusstseins, denn wir können uns selbst nicht setzen, ohne etwas außer uns zu setzen, dem wir die gleiche Realität zuschreiben müssen, die wir uns selbst beilegen. 

Nach einer Realität zu fragen, die bleiben soll, nachdem von aller Vernunft abstrahiert wor-den, ist widersprechend, denn der Fragende selbst hat doch wohl Vernunft, getrieben durch die eigene Vernünftigkeit, und will eine vernünftige Antwort; er hat mithin von der Ver-nunft nicht abstrahieret. Wir können aus dem Umkreis der Vernunft nicht hinausgehen. Gegen die Sache selbst ist gesorgt, die Philosophie will nur das erreichen, dass wir darum wissen und nicht wähnen, herausgegangen zu sein, wenn wir doch, wie sich versteht, darin befangen sind.

*) Wer dies nicht einsehen kann, der habe nur Geduld und folgere aus seinem Nichtein-sehen indes nichts weiter, als was wirklich darin liegt, nämlich dass er es nicht einsehen kann. /
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J. G. Fichte,
Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre,
 SW Bd. III, S. 40


Nota. - Vernunft ist immanent, es führt kein Weg hinaus - jedenfalls nicht durch vernünf-tiges Fragen. Wer fragt, ob es Wahrheit gibt, setzt sie voraus. Wahrheit ist kein Sachverhalt, sondern einBegriff (ein Begiff, der sich durch keine Bestimmung erschöpfen lässt, vulgo eine Idee). Es ist der Begriff von einer Geltung ohne Bedingungen. Wer fragt, ob es diesen Begriff gibt, der hat ihn sich bereits entworfen. Also 'gibt es' ihn. 

Doch das bedeutet selber noch gar nichts. Die Frage ist immer nur, wann und wo er gilt. Die wäre konkret zu beantworten. Der Satz, 'es gibt Wahrheiten, aber keine Wahrheit', ist ein Wortspiel. Wenn ein Satz gilt, und sei es unter tausendundeiner Bedingung, dann 'gibt es' Geltung; aber das heißt nichts weiter als: Außer seienden Dingen gibt es Geist. Was das sei, darüber darf man verschiedner Meinung sein. Aber dass es so ist, kann nur ein Geistlo-ser bestreiten; doch der könnte es nicht bestreiten.
3. 2. 19

Nota II. - Mit der Vernunft kann man brechen; doch über sie hinaus kommt man so nicht. 

JE

 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE