aus spektrum.de, 3. 9. 2021
Die eigenen Erzählungen:
Wie wir unser Hirn verzaubern
In
Stress-Situationen reagiert unser Gehirn mit einer von drei
Überlebensstrategien: Angriff, Flucht oder Starre. Die Bereiche, die im
Hirn für vorausschauendes Denken, Impulskontrolle, aber auch für
Empathie und Mitgefühl zuständig sind, werden »blockiert«. Wir verlieren
unseren klaren Kopf. Was können wir tun, um in schwierigen Situationen
trotzdem Zugang zu unseren höheren kognitiven Fähigkeiten zu behalten?
Eine Leseprobe
von Sebastian Purps-Pardigol
Es
war an einem Samstagvormittag vor einigen Jahren. Mein kleiner Sohn war
gerade zweieinhalb Jahre alt. Ich hatte mit ihm an diesem Morgen bisher
vieles unternommen, was er sehr mochte: Wir haben in seinem
Lieblingsbuch gelesen, haben Pancakes gebacken und passend dazu im
Thermomix frisches Apfelmus zubereitet. Er saß glücklich auf seinem
Kinderstuhl und war mit den klein geschnittenen Pfannkuchenstückchen
beschäftigt. Da klingelte mein Handy. Ich sah die Nummer und den Namen
eines Unternehmers im Display. Ihn und seine Firmen unterstütze ich als
Berater und Prozessbegleiter bereits seit einigen Jahren bei der
Verbesserung der Unternehmenskultur. »Herr Purps-Pardigol, sorry, dass
ich am Wochenende störe, aber ich brauche mal ganz dringend Ihre
Einschätzung. Ich habe Ihnen gerade ein Dokument gemailt.« Ich schaute
zu meinem Sohn, sah die große Menge Essen auf seinem Teller und
schätzte, dass er dafür wohl noch fünf Minuten Zeit brauchen würde. »Wir
haben drei Minuten«, antwortete ich ins Telefon, um auf der sicheren
Seite zu sein. Dann eilte ich die Treppe zu meinem Arbeitszimmer hoch.
Nach zwei Minuten und 38 Sekunden war ich mit dem Gespräch fertig. Ich
habe das später an meinem Handy überprüft, denn ich wollte wissen, in
welch kurzer Zeit ein Kleinkind eine ganze Küche verwüsten kann.
Meinen Sohn
konnte ich nicht mehr sehen, als ich wieder hereinkam. Dafür jedoch die
Packung mit den nun aufgeplatzten Eiern, die er von der Kücheninsel auf
das Parkett heruntergerissen hatte. Er schien versucht zu haben, die
glibberige Masse aus der Packung herauszuholen, denn in einem Radius von
einem halben Meter sah ich überall Teile des Eigelbs, die durch den
Aufprall allein niemals so weit hätten spritzen können. Mit der
Reismilch ist er nicht ganz so weit gekommen. Er hatte den auf dem
Schrank stehenden Tetra Pak nur umgeworfen. Da ich vergessen hatte, ihn
zuzuschrauben, war der Großteil der Milch aus einem Meter Höhe auf den
Boden und teilweise unter die Fußleisten geflossen, wie ich später am
Tag fluchend feststellte. Dann gab es noch diesen kleinen Mehlberg auf
dem Fußboden. Ihm entsprang eine verdächtige Spur um die Kücheninsel
herum, die mich zu meinem Sohn führte. Irgendwo hatte er noch eine
Schüssel aufgetan. In ihr zermatschte er die erbeuteten Zutaten – so,
wie er es aus seiner Kinderküche kannte. Dieses Mal war es jedoch echtes
Essen und echtes Chaos.
Ich war ernsthaft enttäuscht. »Er hatte
den perfekten Morgen: Ich habe ihm aus seinem Lieblingsbuch vorgelesen,
er hat sein Lieblingsessen bekommen, wir haben viel Zeit miteinander
verbracht … wieso verwüstet er die Küche?!«, dachte ich mir. Mit
genervter Stimme und einem Armschwung, der auf das ganze Chaos hinweisen
sollte, stand ich vor ihm und fragte ihn, warum er so ein Schlachtfeld
erschaffen habe. Mein kleiner Sohn war jedoch ganz in seiner Welt
versunken. Er bemerkte mich nicht einmal. Ich stellte fest, dass ich
nicht zu ihm durchdrang und setzte mich neben ihn auf ein kleines,
verbleibendes Stück sauberen Boden. Mit ruhigerer und interessierterer
Stimme fragte ich: »Kannst du dem Papa erklären, was du da gerade
machst?« Als er mich und meine Frage endlich bemerkte, fing er über
beide Ohren an zu strahlen. Er schob mir die Schüssel herüber und sagte:
»Papa. Essen!« Ich verstand nun, dass mein kleiner Sohn mir Frühstück
zubereitet hatte. So wie ich es kurz zuvor an diesem Morgen für ihn
getan hatte. Innerhalb eines Wimpernschlags war mein Frust verschwunden.
Unser innerer Zustand kann sich rasend schnell verändern ,
wenn wir in der Lage sind, Erlebnisse anders zu verarbeiten. Manchmal
geschieht das, indem wir durch äußere Einflüsse eine andere innere
Perspektive erhalten. Bei mir war es der Moment, als mein Sohn mir
freudig strahlend erklärte, dass er mir Frühstück gemacht hatte.
Plötzlich konnte ich dem Schlachtfeld in unserer Küche eine andere
Bedeutung geben.
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Doch auch dann, wenn diese äußeren Impulse fehlen, haben wir
wirksame Möglichkeiten, unseren inneren Zustand schnell und nachhaltig
zu verändern. So wirksam, dass man die unmittelbaren Verbesserungen
sogar neuronal messen kann. Der Philosoph und Neurowissenschaftler
Anthony Jack von der Case Western Reserve University in Cleveland hat im
Jahr 2012 eindrucksvoll gezeigt, wie sehr unsere Gedanken unsere
neuronalen Aktivitätsmuster beeinflussen.
Stellen Sie sich vor,
Sie lägen in einem funktionellen Magnetresonanztomografen (fMRT), mit
dem man Scans Ihres Gehirns erstellen kann. Anthony Jack bittet Sie
darum, zwei unterschiedliche Arten innerer Bilder in sich zu erzeugen.
Zuerst wird Jack Sie fragen: »Wenn alles in Ihrem Leben ideal laufen
würde – wo sähen Sie sich in zehn Jahren? Wo würden Sie leben? Wie
würden Sie Ihre Zeit verbringen? Was wären Sie dann für ein Mensch?«
Denken Sie einen Augenblick über die Antworten nach, die Ihnen auf diese
Frage einfallen …
Während
Sie in Ihren Zukunftsträumen schwelgen, würde der Wissenschaftler Jack
mit dem fMRT erkennen, dass Ihr linker präfrontaler Cortex (PFC) aktiver
geworden ist. Dieser Teil des menschlichen Gehirns ist von Geburt an
mit der Erfahrung von persönlichem Wohlempfinden assoziiert.
Woher
man das weiß? In anderen Studien, bei denen man wenige Wochen alten
Babys etwas Zuckerwasser auf die Lippen träufelte und dabei die
elektrische Aktivität des Gehirns untersuchte, fingen die Kleinen an zu
lächeln: Sie freuten sich über den süßlichen Geschmack. Die
Wissenschaftler konnten eine höhere Aktivität des linken PFC bei den
Babys messen. Der aktivste linke PFC, den man wissenschaftlich jemals
erfasst hat, war übrigens derjenige von Matthieu Ricard, einem engen
Vertrauten des Dalai Lama. Dieser Mönch hat viel Zeit seines Lebens eine
besondere Form der Meditation praktiziert, die zu diesen
bemerkenswerten Veränderungen in seinem Hirn geführt haben. Seit den
Untersuchungen in einem neurowissenschaftlichen Labor gilt er als
»happiest man in the world«. Matthieus Form der Meditation, mit der sich
auch Ihr linker PFC mehr aktivieren lässt, lernen Sie in Kapitel 3
kennen.
Doch zuerst zurück zu Ihnen, zu Ihrem aktiven linken PFC
und zu Anthony Jack. Letzterer würde in Ihrem Kopf noch etwas anderes
entdecken: Einen recht aktiven ventromedialen PFC. Dieser Teil des Hirns
ist bedeutsam für die Erzeugung eines sogenannten »safety signal«,
eines Gefühls sozial-emotionaler Sicherheit. In weiteren Untersuchungen
wäre auch sichtbar, dass Ihr parasympathisches Nervensystem hochgefahren
ist. Das ist der Teil des peripheren Nervensystems, der aktiv wird,
wenn nach einer Anstrengung der Ruhezustand eintritt. Es verlangsamt
Herzschlag und Atmung, erweitert die Blutgefäße und bringt die Verdauung
in Gang.
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Nun beginnt Phase zwei des Experiments. Anthony Jack bittet
Sie, andere innerer Bilder entstehen zu lassen. »Welche
Herausforderungen erleben Sie derzeit? Was könnte in Ihrem Leben aktuell
schwierig werden? Welche Ängste beschäftigen Sie?« Während Sie sich mit
diesen Fragen beschäftigen, kann Jack völlig andere Aktivitätsmuster in
Ihrem Gehirn feststellen. Es werden neuronale Netzwerke aktiv, die mit
dem sympathischen Nervensystem verbunden sind.
Der
Name trügt, denn so sympathisch ist dieses System gar nicht. Wenn es
aktiv ist, steigert es Blutdruck und Herzfrequenz, während es die
Sekretion von Verdauungssäften reduziert. Es bereitet unseren Körper auf
Flucht oder Kampf vor. Während Sie sich weiterhin mit den
problemorientierten Fragen des Wissenschaftlers beschäftigen, zeigen die
Hirnscans, dass die Aktivität in Ihrem linken PFC gesunken und dafür im
rechten PFC gestiegen ist. Dieser Bereich ist eher mit unangenehmen
Gefühlen assoziiert. Denken Sie nochmal an die Babys und das
Zuckerwasser. Es gab damals einen weiteren Teil des Experiments, bei dem
man ihnen etwas Zitronenwasser auf die Lippen träufelte. Die Kleinen
verzogen das Gesicht. Die Wissenschaftler sahen eine Erhöhung der
Erregung nun in ihrem rechten PFC.
Ob Sie sich nun also etwas
unangenehm Schmeckendes in Ihren Mund stecken oder über Probleme in
Ihrem Leben grübeln – in beiden Fällen springt Ihr rechter PFC an.
Beides fühlt sich nicht gut an.
Durch unsere Gedanken beeinflussen wir unmittelbar, welche Bereiche unseres Gehirns aktiviert werden.
Hätte
man an dem Morgen, als mein Sohn mir »Frühstück« zubereitete, bei mir
die neuronale Aktivität gemessen, wäre mutmaßlich eine sprunghafte
Veränderung sichtbar gewesen: Das stressassoziierte sympathische
Nervensystem und der rechte PFC waren vermutlich hochaktiv, als ich
zurück in die Küche ging und das Chaos sah. Dann kam der Moment, in dem
ich realisierte, dass er das alles getan hatte, um mir Frühstück
zuzubereiten. Der linke PFC fuhr hoch und das sympathische Nervensystem
fuhr herunter. Mein Hirn beruhigte sich. Ich fühlte mich besser – und
geliebt.
Die Auswirkungen unserer Gedanken auf uns sind nicht nur unmittelbar, sondern auch langfristig messbar.
So hat beispielsweise der Glaube, eine Bestimmung im Leben zu haben,
einen messbaren Einfluss auf Gesundheit, Leben und Tod. Der Kardiologe
Randy Cohen vom Mount Sinai Medical Center in New York hat zehn Studien
analysiert, die sich mit dem Gefühl der Lebensbestimmung beschäftigen.
Er veröffentlichte seine Erkenntnisse in der Studie »Purpose in Life and
its Relationship to All-Cause Mortality and Cardiovascular Events: A
Meta-Analysis«. Cohen hatte Zugriff auf die Daten von 137 000 Menschen,
die untersucht und befragt worden waren. Hatten diese Menschen in
Interviews angegeben, eine Bestimmung oder einen Sinn in ihrem Leben zu
haben, war die Wahrscheinlichkeit, dass sie an einer Herzerkrankung
litten, um 19 Prozent geringer als in den Vergleichsgruppen. Die
Langzeitstudien zeigten, dass die Sterblichkeitsrate von Menschen, die
ein sinnerfülltes Leben führen, um ganze 23 Prozent niedriger liegt als
die der übrigen. »Für Ihr eigenes Wohlbefinden sollten Sie alles dafür
tun, eine Bestimmung für sich zu finden«, resümiert Cohen.
Ich
habe Ihnen nun erste messbare Auswirkungen unserer Gedanken auf unser
Gehirn und den restlichen Körper nähergebracht. Im Folgenden möchte ich
Ihnen erklären, wie Sie idealerweise mit unangenehmen Umständen umgehen,
damit sich diese nicht ungünstig auf Ihre Gedanken und Ihre innere Welt
auswirken.
Lassen Sie uns dafür einige Tausend Jahre in die
Vergangenheit reisen und die alt-indische Sprache Sanskrit betrachten.
Darin gibt es zwei Begriffe, die bis heute sowohl hinduistische als auch
buddhistische Konzepte beeinflussen: »Sukha« und »Dukkha«. »Sukha«
bedeutet Glück, Freude und Zufriedenheit. »Dukkha« ist die Beschreibung
des Zustands von Stress, Schmerz und Leid. Interessant ist die Herkunft
dieser beiden Begriffe. Sanskrit wurde von den alten Ariern (die
übrigens ursprünglich Menschen aus dem indo-iranischen Sprachgebiet
sind – und für gewöhnlich keine blonden Haare und blaue Augen haben) in
den fernen Osten gebracht. Dieses nomadische Volk reiste zu Pferd und
mit kleinen Wagen. Gut ausgebaute Straßen fehlten und eine Reise war
deutlich beschwerlicher als heutzutage. Die Wege waren damals voller
Schlaglöcher. Darum machte die Qualität des Wagens den großen
Unterschied, ob es eine angenehme oder weniger angenehme Reise wurde.
War die Achse des Wagens nicht zentral ausgerichtet, ruckelte das
Gefährt stark oder fiel sogar in den Kurven um. Der damalige Begriff
»kha« beschreibt das Loch der Achse. »Su« und »Dus« waren Präfixe und
bedeuteten »gut« und »schlecht«. »Sukha« stand daher für die »gute
Achse« und »Dukkha« für die »schlechte Achse«. Auf ein und derselben
Straße konnte das nomadische Volk mit einer guten Achse eine angenehme
und mit einer schlechten Achse eine unangenehme Reise erleben. Nun
konnten die Nomaden nicht überall neue Straßen bauen, doch sie hatten
Einfluss auf die Qualität ihrer Wagen und deren Achsen.
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Buddhistische Konzepte übernahmen den Begriff von »Sukha« und
»Dukkha«: Wir können die Qualität der Wege, die wir in unserem Leben
gehen, nur bedingt beeinflussen. Doch wie das nomadische Volk der Arier
Einfluss auf die Qualität ihrer Achsen hatte, so haben wir Einfluss auf
unseren Geist. Ist er in einem schlechten, starren Zustand (»Dukkha«),
erleben wir vieles, was uns widerfährt, als Leid und Schmerz. Ist er
dagegen in einem guten, flexiblen Zustand (»Sukha«), nehmen wir das, was
uns geschieht, mit deutlich mehr Freude und Zufriedenheit wahr – selbst
dann, wenn uns eine Menge Schlaglöcher auf unserem Weg begegnen.
Doch
wie können wir so einen »Sukha«-Zustand des Geistes in uns stärken?
Lassen Sie uns dafür in die Gegenwart zurückkehren und einige
neurowissenschaftliche Labore besuchen, in denen in den vergangenen
Jahren viele hilfreiche Entdeckungen gemacht wurden. Sie müssen sich all
die Namen und Orte nicht merken – Sie werden die Inhalte des Buchs auch
dann verstehen, wenn Sie sie ignorieren. Ich habe sie hauptsächlich für
all die Leserinnen und Leser aufgeführt, denen diese Details wichtig
sind.

Sebastian Purps-Pardigol
Leben mit Hirn
Wie Sie Ihre Potenziale entfalten, egal was um Sie herum geschieht
Verlag: Campus Verlag, Frankfurt 2021
ISBN: 9783593514710 | Preis: 22,00 €
Nota. - Wie weit man es mit der Meditation bringen kann, weiß ich nicht, ist auch nicht mein vordringliches Interesse. Hier kommt es mir nur auf dies an: Denken ist, was immer es sonst auch sein mag, zuerst das Zuschreiben von Qualitäten an sinnliche Reize; das, was der Transzendentalphilosoph Fichte unter Anschauung versteht.
'Der Mensch' ist nicht zum Teil sinnlich und zu einem andern Teil geistig. Schlicht und phä-nomenal aufgefasst ist jeder Mensch, was immer er sonst auch sein mag, zuerst ein (ein) Or-ganismus. Das Wort stammt daher, dass darin verschiedene Organe mit verschiedenen Funk-tionen so organisiert sind, dass sie fürs Überleben und die Fortpflanzung des Organismus zusammenwirken. Man wird Organe und Funktionen einander zuweisen, um die Gesamt-funktion verstehen zu können - aber dazu muss man sie erst unterscheiden und individua-lisieren.
Dass man danach dieses unter Intelligenz und jenes unter Physis gruppiert, wird später noch genügend Denkschwierigkeiten machen. Vollends unbegreiflich wird es aber, wenn man beide als zwei gleich ursprüngliche Einheiten auffasst, die erst nachträglich (wie und von wem?) kombiniert und einander koordiniert wurden.
Wenn man die Dualität von Geist und Materie voraussetzt, wird man sie nicht nachträglich hinwegsophistizieren. Es gibt dafür allerding keinen denkökonomischen ("logischen") An-lass - von Gründen gar nicht zu reden.
JE