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Montag, 24. Januar 2022

about: Philosophieren im System.

          zu Philosophierungen, zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Kant unterscheidet zwei Klassen von Philosophen - die "nach dem Schulbegriff" und die "nach dem Weltbegriff". Nach dem Schulbegriff, das sind die, die Philosophie an der Uni-versität betreiben. Einen Philosophen "nach dem Weltbegriff" hingegen darf sich keiner selber nennen, das können höchstens Andere tun, denn das wäre einer, der jenen zeigt, wo es lang geht.

Ein Schulphilosoph bin ich nicht geworden, bin aber, nachdem ich meinen Erwerbsberuf beendet hatte, zum Philosophieren zurückgekehrt. Dabei ist es mir widerfahren, meine Vor-stellungen zu einem System zu ordnen - nur im Kopf, nicht auf dem Papier, denn das ist schwierig. - Nun gilt systematisches Philosophieren in Fachkreisen heut ohnehin als dumm und anmaßend, und wenn ich dort überhaupt eine Chance haben will, muss ich gewissen-haft vorzeigen, dass ich 'mein System' weißgott nicht mutwillig konstruiere, sondern nur auf Schritt und Tritt mir zuziehe, ohne es hindern zu können. Darum die Form der täglich fort-zuschreibenden Blogs und deren Zerstreuung in ein gutes halbes Dutzend. 

Die Fichtiana und die Philosophierungen sind das Kernstück, sie erläutern einander. Und da am empirisch-anthropologischen Anfangspunkt meines pp. Systems 'das Ästhetische' als Spezifikum des poietischen Vermögens alias produktive Einbildungskraft, an seinem speku-lativ-transzendentalen Endpunkt aber 'das Absolute' als die ästhetische Idee schlechthin steht, ist das Blog Geschmackssachen der Dritte im Bund.

Der fragmentarische Vortrag macht die Beschäftigung mit 'meinem System' abwechslungs-reich und unterhaltsam, aber übersichtlich ist er nicht. Allerdings vermute ich, wer sein Sy-stem übersichtlich darstellen kann, hat es nicht richtig verstanden. 

30. 4. 15

Nachtrag.  Sie werden es bemerkt haben: Die erwähnten Kernstücke  meines systemati-schen Vorwärtstastens aktualisiere ich schon seit Jahren nicht mehr. Der Grund ist eine Softwarepanne, die Microsoft offenbar nicht reparieren kann oder will. Das Blog Einblick, in das Sie gerade schauen, war zuerst bloß behelfsmäßig gemeint, aber inzwischen ist aus dem  Provisorium ein Dauerzustand geworden. Er hat den unerwarteten Vorteil, dass ich mein System hir nun doch etwas übersichtlicher vorstellen kann - indem ich manches aus den alten Blogs auswähle und meist neu kommentiere. Es ist alles reichlich verlinkt, und wer mehr wissen will, findet genügend Hinweise. Wenn Sie das eine oder andere Ihrerseits kom-mentieren wollen, tun Sie es ganz ungeniert - mir wird mein Monologisieren nämlich lang-sam eintönig.

Jochen Ebmeier 



Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Samstag, 6. Juni 2020

Mein System.

Le Corbusier                                                                                       aus Philosophierungen

Lieber Leser, 'mein System', von dem ich immer wieder rede und von dem Sie vielleicht doch noch nicht viel erkennen konnten, nimmt langsam Gestalt an; weniger literarisch als sachlich. Das Ästhetische schimmert immer öfter aus dem Strom der Wörter hervor, und nicht bloß als thematischer roter Faden oder als Hintergrundrauschen, das alle andern Töne einfärbt, sondern als das Bindemittel zwischen der Anthropologie auf der empirischen und der Transzendentalphilosophie auf der theoretischen Seite.

Das klingt nun ebenso eitel wie trivial; wenn man nämlich von dem Ästhetischen einen trivialen Begriff hat. Ich fasse aber das Ästhetische (wie Fichte an Schiller schrieb) so weit, wie Sie es sich nicht einmal träumen lassen. So weit und so scharf, wie ich ergänzend hin-zufüge, und dann ist es nicht mehr trivial.

*

Auf den ersten Blick ist es freilich das Thema der Vernunft, durch das die Anthropologie mit der Transzendentalphilosophie zusammenhängt; als das specificum humanum hier und als Medium und Gegenstand dort: Selbstreflexion der Intelligenz.

Die Intelligenz selber zeichnet das Humane schon lange nicht mehr aus. Je länger die Etho-logen observieren, um so weiter wird das Feld der tierischen Intelligenz. Angefangen hat es mit dem Werkzeuggebrauch der Schimpansen, inzwischen sind wir bei absichtlicher Täu-schung und Perspektivenwechsel bei den Rabenvögeln, und wer weiß, was noch kommt.

Es ist wohl wahr, tierische Intelligenz manifestiert sich immer punktuell und momentan, nur bei der Familie Homo ist ihr Gebrauch habituell und ubiquitär. Wäre das kein Unter-schied? Es wäre keiner, der sich bestimmen lässt. Denn dazu müsstest du eine Grenze ziehen. Doch auf welchen Punkt du immer reflektierst, der Übergang ist fließend.


Qualitativ dagegen ist dieser Unterschied: Im Tierreich steht aller Intelligenzgebrauch im Dienste der Selbst- oder der Arterhaltung, auch da, wo er nicht genetisch, sondern kulturell vererbt wirbt. Allein Homo sapiens bemüht - und je länger seine Geschichte auf Erden dauert, umso wissentlicher - Zwecke, die abseits der Erhaltungsfunktion liegen: Verum, bonum, pulchrum.

Das ist es, was den Menschen vor andern Lebewesen auszeichnet: Er kann nicht nur wahr-, sondern auch wertnehmen. Und recht eigentlich muss er wertnehmen, so dass Max Scheler sagen konnte: Wertnehmen kommt vor wahrnehmen, es ist seine Bedingung. 

Das ist ein Satz, der der Anthropologie ebenso angehört wie der Transzendentalphiloso-phie, die das Praktische vor und über das Theoretische stellt. Wertnehmen ist das Wahrneh-men von Qualitäten, und so nennen wir Eigenschaften, die schlechterdings - "ohne Inter-esse" - von einem Urteil des Beifallens oder der Missbilligung begleitet sind. Und eben das ist das Ästhetische.

Was morphologisch der aufrechte Gang für die Hominisation bedeutete, bedeutet für die geistige Hominisation die Entwicklung seines ästhetischen Vermögens. Es ist der Stoff der Vernunft.



So weit die Anthropologie.

Vernunft nennen wir nun diejenige Intelligenz, die nicht nur die Wirkzusammenhänge der Dinge in Hinblick auf unsere Zwecke beurteilt, sondern die Zwecke selbst. Eine Intelligenz, die sich als einem Maß unterworfen vorstellt. Vernünftig nennen wir ein Handeln, das seine Zwecke als einer obersten Instanz, als einem Zweck der Zwecke verantwortlich erachtet. Dies genetisch herzuleiten aus dem idealen Ursprung der Vernunft selbst, jener Tathand-lung, in der sich das Ich als frei setzt, ist wiederum Sache der Transzendentalphilosophie. Die Fiktion eines obersten Zwecks - verum, bonum, pulchrum - ist eine ästhetische Idee. Sie ist nicht bedingt, sondern durch Freiheit möglich. Und recht besehen, ist am äußersten Ende der Vernunft nur sie noch durch Freiheit möglich.

*

Das sind die beiden Pole, zwischen denen "mein System" verläuft.*
________________________________________________ 
*) Wie es verläuft, sehen Sie, wenn Sie meinen Links folgen. 


27. 6. 14

Freitag, 4. Juni 2021

Kleines System der Philosophie.

                                                                         aus Philosophierungen  
 
Philosophie ist wissenschaftlich nur als Kritik. Und nur als Kritik sollte sie sich zu einem System ordnen lassen. Negativ zwar, sofern ihr letzter Grund darin aufgefunden wird, dass ein realer Urgrund des Wissens sich nicht nachweisen lässt. Sie ist Wissen des Wissens und endet in der Einsicht, dass das Wahre als beabsichtigter Gegenstand des Wissens nicht auf-gefunden, sondern postuliert wird. Ein solches Wissen vom Wissen ist in seiner Negativität rein formal und hat keinen Inhalt. 

Das war aber nicht die Absicht, aus der heraus die Philosophie entstanden ist. Sie wollte im Gegenteil ein positives Wissen, das als Wegweiser zur richtigen Lebensführung taugt. Die Kritik zeigt nun: Mit theoretischen Mitteln ist das nicht zu haben. Die richtige Lebensfüh-rung lässt sich nicht ergründen, sondern kann nur entworfen werden. Sie muss frei erfun-den werden, und ihr einziger Maßstab* ist Schönheit – nämlich ob sie vor allem Interesse gefällt. Da kann die theoretische, wissenschaftliche, kritische Philosophie allerdings sekun-där behilflich werden: indem sie die Interessen ans Licht zieht und abweist.
 

Die Kritik fügt dem Wissen sachlich nichts hinzu. Sie macht aber durch ihre Distinktionen das Wissens selbst – nicht erst das Gewusste – zu einem möglichen Gegenstand des Urteils: Was ist vor-, was ist nachgeordnet? Sie prüft den Wert des Wissens und ist also selber prak-tisch.

Daraus erhellt aber zugleich, dass der Maßstab zur Beurteilung des Wissens nicht in ihm selber aufzufinden ist, sondern ihm 'vor'-, d. h. übergeordnet war. Die 'Begründung' des Wissens geschieht actu im 'metaphilosophischen' Raum – und hat sich in der praktischen oder Lebensphilosophie zu bewähren. Sie ist eine pragmatische Fiktion, und insofern eben doch: 'Hypothese', genauer: Hypostase. Ist nicht proiectio, sondern proiectum. Und dies ist das einzige 'Interesse', das der Kritik standhält. 

*) Einen Urteilsgrund gibt es nicht. Und ein Urteil ohne Grund nennen wir 'ästhetisch': Es hat als Anhaltspunkt nichts als den Geschmack. 


irgendwann in 2010

 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Mittwoch, 27. Januar 2021

Mein Leib ist das System meiner Gefühle.

prezi                                 aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Ich muss allerdings annehmen, dass ich die Materie im Raume außer mir nicht nur teilbar denken, sondern auch wirklich teilen könne. Aber ich kann dies nicht unmittelbar durch den Willen, sondern ich muss erst durch Mittelzustände hindurchgehen.

Aber die Materie, worin durch den bloßen Willen etwas geschieht, ist mein Leib, in wiefern er artikuliert, nicht inwiefern er organisiert ist. (Es ist hier vom Leib die Rede, in wiefern ich durch ihn wahrnehme und wirke, in wiefern er Sinn ist und Organ; er ist das System meiner Gefühle, das Medium, durch welches Anschauung und Gefühl vereinigt wird. Zum Verdau-en und Blutumlauf tut mein Wille nichts, aber mein Hand- oder Fußbewegen hängt von ihm ab.) 


Also das System meiner Begrenzbarkeit und meines Strebens in der synthetischen Vereini-gung gedacht wird mir zum artikulierten Leibe; dadurch wird Anschauung und Gefühl ver-einigt, ich schaue mich an als fühlend, indem ich mich fühle als anschauend ein Objekt im Raume.
________________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 120
 



Nota. - Ein Leib-Seele-Problem taucht hier nicht auf: Der Leib ist selber die Synthesis von (physiologischem) Fühlen und (intellektivem) Anschauen. Er ist es aber nur, wenn seine Einsheit als System begriffen wird. 

Dann kann man auch nicht mehr auf die Schnapsidee verfallen, zwischen 'dem Hirn' und einem ominösen Extra-Ich zu unterscheiden. Mehr als dieses System bin 'ich' nicht, aber auch nicht weniger.
JE, 17. 11. 16

 

 

Sonntag, 16. Mai 2021

Über die Kant'sche Philosophie.

Ms. Kant, aus Opus postumum  

zu  Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Der Verfasser der Wissenschaftslehre wurde durch eine geringe Bekanntschaft mit der phi-losophischen Literatur seit der Erscheinung der Kantischen Kritiken sehr bald überzeugt, dass diesem grossen Manne sein Vorhaben, die Denkart des Zeitalters über Philosophie, und mit ihr über alle Wissenschaft, aus dem Grunde umzustimmen, gänzlich mislungen sey; indem kein einziger unter seinen zahlreichen Nachfolgern bemerkt, wovon eigentlich gere-det werde. Der Verfasser glaubte das letztere zu wissen; er beschloss, sein Leben einer von Kant ganz unabhängigen Darstellung jener grossen Entdeckung zu widmen, und wird die-sen Entschluss nicht aufgeben. Ob es ihm besser gelingen werde, sich in seinem Zeitalter verständlich zu machen, wird die Zeit lehren. Auf jeden Fall weiss er, dass nichts wahres und nützliches, was einmal in die Menschheit gekommen, verloren geht; gesetzt auch, erst die späte Nachkommenschaft wisse es zu gebrauchen. ...

/ Ich habe von jeher gesagt, und sage es hier wieder, dass mein System kein anderes sey als das Kantische. Das heisst: es enthält dieselbe Ansicht der Sache, ist aber in seinem Verfah-ren ganz unabhängig von der Kantischen Darstellung. Ich habe dies gesagt, nicht um durch eine grosse Autorität mich zu decken, oder meiner Lehre eine Stütze ausser ihr selbst zu suchen; sondern um die Wahrheit zu sagen, um gerecht zu seyn.

Bewiesen möchte es etwa nach zwanzig Jahren werden können. Kant ist bis jetzt, einen neuerlich gegebenen Wink abgerechnet, den ich tiefer unten bezeichnen werde, ein ver-schlossenes Buch, und was man aus ihm herausgelesen hat, ist gerade dasjenige, was in ihn nicht passt, und was er widerlegen wollte. Meine Schriften wollen Kant nicht erklären, oder aus ihm / erklärt seyn; sie selbst müssen für sich stehen, und Kant bleibt ganz aus dem Spiele. 

Es ist mir – dass ich es gerade heraus sage – nicht um Berichtigung und Ergänzung der philosophischen Begriffe, die etwa im Umlaufe sind, mögen sie Anti-Kantisch oder Kan-tisch heissen, es ist mir um ihre gänzliche Ausrottung und die völlige Umkehrung der Denkart über diese Puncte des Nachdenkens zu thun, so dass in allem Ernste, und nicht bloss so zu sagen, das Object durch das Erkenntnissvermögen, und nicht das Erkenntniss-vermögen durch das Object gesetzt und bestimmt werde. Mein System kann sonach nur aus sich selbst, nicht aus den Sätzen irgend einer Philosophie geprüft werden; es soll nur mit sich selbst übereinstimmen; es kann nur uns sich selbst erklärt, nur aus sich selbst bewiesen oder widerlegt werden; man muss es ganz annehmen, oder ganz verwerfen.
______________________________________________________________________
J. G. Fichte,  Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre, SW I, 419ff.

 
 

Sonntag, 31. Januar 2021

Über die Kant'sche Philosophie.

Ms. Kant, aus Opus postumum, Akademie-Ausgabe                                           aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik


Der Verfasser der Wissenschaftslehre wurde durch eine geringe Bekanntschaft mit der phi-losophischen Literatur seit der Erscheinung der Kantischen Kritiken sehr bald überzeugt, dass diesem grossen Manne sein Vorhaben, die Denkart des Zeitalters über Philosophie, und mit ihr über alle Wissenschaft, aus dem Grunde umzustimmen, gänzlich mislungen sey; indem kein einziger unter seinen zahlreichen Nachfolgern bemerkt, wovon eigentlich gere-det werde. Der Verfasser glaubte das letztere zu wissen; er beschloss, sein Leben einer von Kant ganz unabhängigen Darstellung jener grossen Entdeckung zu widmen, und wird die-sen Entschluss nicht aufgeben. Ob es ihm besser gelingen werde, sich in seinem Zeitalter verständlich zu machen, wird die Zeit lehren. Auf jeden Fall weiss er, dass nichts wahres und nützliches, was einmal in die Menschheit gekommen, verloren geht; gesetzt auch, erst die späte Nachkommenschaft wisse es zu gebrauchen. ...

/ Ich habe von jeher gesagt, und sage es hier wieder, dass mein System kein anderes sey als das Kantische. Das heisst: es enthält dieselbe Ansicht der Sache, ist aber in seinem Verfah-ren ganz unabhängig von der Kantischen Darstellung. Ich habe dies gesagt, nicht um durch eine grosse Autorität mich zu decken, oder meiner Lehre eine Stütze ausser ihr selbst zu suchen; sondern um die Wahrheit zu sagen, um gerecht zu seyn.

Bewiesen möchte es etwa nach zwanzig Jahren werden können. Kant ist bis jetzt, einen neuerlich gegebenen Wink abgerechnet, den ich tiefer unten bezeichnen werde, ein ver-schlossenes Buch, und was man aus ihm herausgelesen hat, ist gerade dasjenige, was in ihn nicht passt, und was er widerlegen wollte. Meine Schriften wollen Kant nicht erklären, oder aus ihm / erklärt seyn; sie selbst müssen für sich stehen, und Kant bleibt ganz aus dem Spiele. 

Es ist mir – dass ich es gerade heraus sage – nicht um Berichtigung und Ergänzung der philosophischen Begriffe, die etwa im Umlaufe sind, mögen sie Anti-Kantisch oder Kan-tisch heissen, es ist mir um ihre gänzliche Ausrottung und die völlige Umkehrung der Denkart über diese Puncte des Nachdenkens zu thun, so dass in allem Ernste, und nicht bloss so zu sagen, das Object durch das Erkenntnissvermögen, und nicht das Erkenntniss-vermögen durch das Object gesetzt und bestimmt werde. Mein System kann sonach nur aus sich selbst, nicht aus den Sätzen irgend einer Philosophie geprüft werden; es soll nur mit sich selbst übereinstimmen; es kann nur aus sich selbst erklärt, nur aus sich selbst bewiesen oder widerlegt werden; man muss es ganz annehmen, oder ganz verwerfen.
_______________________________________________________________________J. G. Fichte,
Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre, SW I, 419ff.  

 

 

Samstag, 20. November 2021

Fragmentarische Systematik; in eigner Sache.

dreamstime                                                                              zu Philosophierungen

Was immer einer zu Papier bringt - oder sagen wir: ein Text -, hat einen Anfang und ein Ende.

Was immer einer zu sagen oder zu schreiben hat, ist ein Fragment aus seiner Welt- und Lebensanschauung - ob er sich dessen gewärtig ist oder nicht. Es ist ein zufälliges Bruch-stück von dem, 'was er zu sagen hat'. Wenn auch dieses sein Geamtbild noch so lückenhaft ist, wenn es auch quietscht und eiert, ist es doch ein System; ist es sein System.

 

 

Jede Art seiner Darstellung, die einen Anfang und ein Ende hätte, wäre falsch: nämlich ein willkürlich herausgebrochenes Fragment. Eine angemessene Darstellung wäre ein unendli-cher Text, der nicht anfängt und nicht endet. Einsicht darin nehmen kann man immer nur an dieser oder jener Stelle: an einem Fragment

Eine systematische Darstellung seines Systems wären darum sinnwidrig; sie finge willkürlich hier an und käme dort zu einem Ende und führte sich ipso facto ad absurdum.

 

 

Das Internet macht es möglich, einen 'Text' zu schreiben, den - der Verfasser zwar hier oder dort anfangen und hier oder dort beenden musste - der Leser nach Belieben oder nach Zu-fall, was auf dasselbe hinausläuft, dort anfangen kann, wo es ihm einfällt; nämlich in einem Blog oder gar in mehreren, die untereinander verlinkt sind. Einen Hypertext nennen sie das im Internetjargon.

Und hätte ich zuvor ein anderes Medium gefunden (habe ich nicht), das mir erlaubte, meine Gedanken zu veröffentlichen - heute würde ich es gegen dieses eintauschen




Dienstag, 17. November 2020

Zu meinem Verfahren.

R. Campin St. Joseph dans son atelier                       zu Wissenschaftslehre - die fast...

Fichte hat bis zum Schluss versichert, er habe allezeit dasselbe gelehrt. Der gewissenhafte Student ist daher gehalten, die frühen Darstellungen der Wissenschaftslehre im Lichte der späteren, und die späteren Darstellungen im Lichte der früheren zu lesen. Das braucht seine Zeit. Erst wenn er es immer wieder erfolglos versucht hat, darf er daran gehen, die frühen und die späten Darstellungen je für sich und unabhängig voneinander zu verstehen.

Dann allerdings muss er die Stelle dingfest machen, wo die späteren von den früheren ab-weichen; die Stelle, wo nicht bloß die Darstellung, sondern das Dargestellte ein anderes wird. Es liegt auf der Hand, diese Stelle irgend- wo im Umkreis des Atheismusstreits zu suchen. So bin ich verfahren.

Dass zwischen dem unvollendeten Manuskript Rückerinnerungen, Antworten, Fragen und der veröffentlichten Bestimmung des Menschen nicht einfach ein Übergang, sondern ein Bruch stattfand, ein Sprung, ist nicht zu übersehen, er spricht ihn ja selber aus, indem ihm das bisherige Wissen ungenügend wurde und er den Glauben in die Transzendentalphilo-sophie einfügte.

In die Transzendentalphilosophie? Das ja wohl eben nicht. Mochte Fichte selber meinen, die Wissenschaftslehre sei vorher und hinterher dieselbe gewesen – Transzendentalphilo-sophie war sie hinterher jedenfalls nicht mehr. Ein reales Absolutes, das – als dogmatische Zusatzbedingung – aber doch in keinem Moment Objekt werden soll, das erfordert in der Tat eine proiectio per hiatum irrationalem, und er wird die Zeit, die ihm verblieb, damit zu- bringen, sie unter dialektischen Winkelzügen zu verbergen. 

Jacobi hatte ihn dazu verleitet, aber das hätte er nicht gekonnt, wenn es nicht bei Fichte schon einen wunden Punkt gab, in den er den Finger bohren konnte. Es war die Doppel-deutigkeit dessen, was Fichte unter Vernunft verstand.

*

Um die Wurzel dieser Doppeldeutigkeit aufzufinden, habe ich mich der Wissenschaftslehre nova methodo zugewandt, der letzten Gestalt, die Fichtes Lehre vor dem Atheismusstreit angenommen hatte. In dieser gegenüber der Grundlage von 1794/95 in systematischer Hinsicht wesentlich verbesserten Darstellung musste sich der Punkt finden lassen, wo die beiden konkurrierenden und eigentlich unvereinbaren Vorstellungen von der Vernunft auseinandertreten: hier als ein vorgegebener Plan, den die endlichen Intelligenzen aufzu-finden und zu verfolgen hätten, dort als die Aufgabe unendlicher Bestimmung aus Freiheit.

Ich wurde enttäuscht, ich fand diesen Punkt nicht. Wo immer Fichte die Vernunft trans-zendental aus der Freiheit herleitet, kann er sie immer nur als offene Aufgabe ausweisen; aus den Prämissen der Wissenschaftlehre selbst kann die dogmatische Auffassung eines zu erfüllenden Plans nie entwickelt werden. Sie ist ein Fremdkörper, der von außen künstlich in die Transzendentalphilosphie hineingetragen wurde.

Von außen? Von außerhalb der Wissenschaftslehre, ja; aber von Fichte selbst, und es war schon die seine, bevor er die Arbeit an der Wissenschaftslehre überhaupt begonnen hatte. Er hat sie ausgesprochen in den populären öffentlichen Vorträgen Von den Pflichten der Gelehrten, die er unmittelbar vor Beginn seiner akademischen Lehrtätigkeit in Jena gehalten hat; das wird Gegenstand einer späteren gesonderten Darstellung sein, hier teile ich es nur 'historisch' vorab mit; es kann ja jeder selbst nachlesen.

*

Die logische Forsetzung der WL nova methodo wäre der Übergang zu einem System der Ästhetik gewesen. Dazu ist es aus den bekannten Gründen nicht gekommen. Stattdessen ist sein System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschaftslehre 1798 erschienen, wäh-rend er eben begonnen hatte, die Wissenschaftslehre zum ersten Mal "nach neuer Methode" vorzutragen. Man muss sie daher als eine Fortsetzung der Grundlage, der ersten Darstel-lung der WL betrachten. 

Tatsächlich knüpft sie thematisch unmittelbar an die Einführungsvorlesungen Von den Pflichten der Gelehrten aus dem Jahr 1794 an und war wohl als Schlussstein - clef de voûte - des ganzen Systems gedacht. Dass er in der Darstellung der Wissenschaftslehre nach neuer Methode an die Sittenlehre noch einen  ästhetischen Systemteil fügen müsste, war ihm noch nicht bewusst. Zwar schließt er auch dort seine Pflichtenlehre mit einem Abschnitt über die "Pflichten des ästhetischen Künstlers" ab, aber eben doch als die Angelegenheit eines be-sonderen gesellschaftlichen Standes. 

Die Aufgabe der Sittenlehre sei "die: Freie Willen sollen zu einem gewissen mechanischen Zusammenhang und Wechselwirkung gefügt werden. Nun gibt es so einen Naturmechanis-mus an sich nicht, er hängt zum Teil mit von unserer Freiheit ab", heißt es nun. Es müsse ein Übergang gefunden werden aus dem Standpunkt des natürlichen Bewusstseins der kon-kreten Menschen (zu denen der Philosoph selber gehört) auf den Standpunkt der Transzen-dentalphilosophie. Es entstünde der Philosophie die Aufgabe, "in ihr ihre eigene Möglich-keit zu erklären". 

"Es ist faktisch erwiesen, dass es so ein Mittleres gibt zwischen der transzendentalen und gemeinen Ansicht; dieser Mittelpunkt ist die Ästhetik. Auf dem gemeinen Gesichtspunkte erscheint die Welt als gegeben, auf dem transzendentalen als gemacht ('Alles in mir'); auf dem ästhetischen erscheint sie als gegeben, so als ob wir sie gemacht hätten und wie wir selbst es machen würden (vide Sittenlehre von den Pflichten des ästhetischen Künstlers)." 

*

Angenommen nun, dass der Wechsel vom gemeinen zum ästhetischen Standpunkt die Bedingung der Möglichkeit der Wissenschaftslehre ist; ist er dann womöglich auch die Bedingung der Möglichkeit von... mehr? Ist er Bedingung der Möglichkeit nicht nur der theoretischen, sondern unmittelbar auch Bedingung der Möglichkeit der praktischen Vernunft? 

Andere haben es so aufgefasst und haben die Moralität aus der Ästhetik hergeleitet. Ich habe außer philosophischen auch lebenspraktische Gründe, diese Lösung zu favorisieren. 

Dann müsste Fichtes Sittenlehre von 1798 auf fehlerhaften Gründen beruhen. Ich habe eine Vermutung: Es ist wieder die Doppeldeutigkeit seiner Vernunft. Ich will mich ihr daher nun im Besondern zuwenden.

Die Einleitung war dazu ein erster Schritt.

13. 1. 18
 
 
Nachtrag.
 
Die Vorträge Von den Pflichten der Gelehrten  wurden vor Beginn seiner regulären Vorle-sungen an der Jenaer Universität gehalten; man dürfte sie füglich als Voraussetzung der Wissenschaftslehre ansehen. Dürfte, wenn wir nicht über den Text einer noch früheren Einführungsvorlesung Fichtes verfügen würden. Unmittelbar vor seinem Fortgang aus Zürich, wo er als Hauslehrer tätig gewesen war, hat er einer Handvoll örtlicher Honoratio-ren unterm programmatischen Titel Über die Würde des Menschen einen Abriss der Kri-tischen Philosophie, wie er sie verstand, vorgetragen. Hier stellt er mit aller wünschbaren Schärfe Vernunft als freie Schöpfung der Menschen dar. 'Kritiker' war Fichte, ehe er 'Mysti-ker und Romantiker' wurde. Auf jeden Fall aber war der Zwiespalt da, bevor ein System der Wissenschaftslehre entstand. Mehr behaupte ich nicht, doch auch nicht weniger.
 
 

Montag, 4. Oktober 2021

Wie es ist und was es bedeutet - neurologisch.


aus spektrum.de, 3. 9. 2021

Leseprobe »Leben mit Hirn«:                                                                    zu Jochen Ebmeiers Realien
Die eigenen Erzählungen: 
Wie wir unser Hirn verzaubern
 
In Stress-Situationen reagiert unser Gehirn mit einer von drei Überlebensstrategien: Angriff, Flucht oder Starre. Die Bereiche, die im Hirn für vorausschauendes Denken, Impulskontrolle, aber auch für Empathie und Mitgefühl zuständig sind, werden »blockiert«. Wir verlieren unseren klaren Kopf. Was können wir tun, um in schwierigen Situationen trotzdem Zugang zu unseren höheren kognitiven Fähigkeiten zu behalten? Eine Leseprobe

von Sebastian Purps-Pardigol

Es war an einem Samstagvormittag vor einigen Jahren. Mein kleiner Sohn war gerade zweieinhalb Jahre alt. Ich hatte mit ihm an diesem Morgen bisher vieles unternommen, was er sehr mochte: Wir haben in seinem Lieblingsbuch gelesen, haben Pancakes gebacken und passend dazu im Thermomix frisches Apfelmus zubereitet. Er saß glücklich auf seinem Kinderstuhl und war mit den klein geschnittenen Pfannkuchenstückchen beschäftigt. Da klingelte mein Handy. Ich sah die Nummer und den Namen eines Unternehmers im Display. Ihn und seine Firmen unterstütze ich als Berater und Prozessbegleiter bereits seit einigen Jahren bei der Verbesserung der Unternehmenskultur. »Herr Purps-Pardigol, sorry, dass ich am Wochenende störe, aber ich brauche mal ganz dringend Ihre Einschätzung. Ich habe Ihnen gerade ein Dokument gemailt.« Ich schaute zu meinem Sohn, sah die große Menge Essen auf seinem Teller und schätzte, dass er dafür wohl noch fünf Minuten Zeit brauchen würde. »Wir haben drei Minuten«, antwortete ich ins Telefon, um auf der sicheren Seite zu sein. Dann eilte ich die Treppe zu meinem Arbeitszimmer hoch. Nach zwei Minuten und 38 Sekunden war ich mit dem Gespräch fertig. Ich habe das später an meinem Handy überprüft, denn ich wollte wissen, in welch kurzer Zeit ein Kleinkind eine ganze Küche verwüsten kann.

Meinen Sohn konnte ich nicht mehr sehen, als ich wieder hereinkam. Dafür jedoch die Packung mit den nun aufgeplatzten Eiern, die er von der Kücheninsel auf das Parkett heruntergerissen hatte. Er schien versucht zu haben, die glibberige Masse aus der Packung herauszuholen, denn in einem Radius von einem halben Meter sah ich überall Teile des Eigelbs, die durch den Aufprall allein niemals so weit hätten spritzen können. Mit der Reismilch ist er nicht ganz so weit gekommen. Er hatte den auf dem Schrank stehenden Tetra Pak nur umgeworfen. Da ich vergessen hatte, ihn zuzuschrauben, war der Großteil der Milch aus einem Meter Höhe auf den Boden und teilweise unter die Fußleisten geflossen, wie ich später am Tag fluchend feststellte. Dann gab es noch diesen kleinen Mehlberg auf dem Fußboden. Ihm entsprang eine verdächtige Spur um die Kücheninsel herum, die mich zu meinem Sohn führte. Irgendwo hatte er noch eine Schüssel aufgetan. In ihr zermatschte er die erbeuteten Zutaten – so, wie er es aus seiner Kinderküche kannte. Dieses Mal war es jedoch echtes Essen und echtes Chaos.

Ich war ernsthaft enttäuscht. »Er hatte den perfekten Morgen: Ich habe ihm aus seinem Lieblingsbuch vorgelesen, er hat sein Lieblingsessen bekommen, wir haben viel Zeit miteinander verbracht … wieso verwüstet er die Küche?!«, dachte ich mir. Mit genervter Stimme und einem Armschwung, der auf das ganze Chaos hinweisen sollte, stand ich vor ihm und fragte ihn, warum er so ein Schlachtfeld erschaffen habe. Mein kleiner Sohn war jedoch ganz in seiner Welt versunken. Er bemerkte mich nicht einmal. Ich stellte fest, dass ich nicht zu ihm durchdrang und setzte mich neben ihn auf ein kleines, verbleibendes Stück sauberen Boden. Mit ruhigerer und interessierterer Stimme fragte ich: »Kannst du dem Papa erklären, was du da gerade machst?« Als er mich und meine Frage endlich bemerkte, fing er über beide Ohren an zu strahlen. Er schob mir die Schüssel herüber und sagte: »Papa. Essen!« Ich verstand nun, dass mein kleiner Sohn mir Frühstück zubereitet hatte. So wie ich es kurz zuvor an diesem Morgen für ihn getan hatte. Innerhalb eines Wimpernschlags war mein Frust verschwunden.

Unser innerer Zustand kann sich rasend schnell verändern , wenn wir in der Lage sind, Erlebnisse anders zu verarbeiten. Manchmal geschieht das, indem wir durch äußere Einflüsse eine andere innere Perspektive erhalten. Bei mir war es der Moment, als mein Sohn mir freudig strahlend erklärte, dass er mir Frühstück gemacht hatte. Plötzlich konnte ich dem Schlachtfeld in unserer Küche eine andere Bedeutung geben.

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Doch auch dann, wenn diese äußeren Impulse fehlen, haben wir wirksame Möglichkeiten, unseren inneren Zustand schnell und nachhaltig zu verändern. So wirksam, dass man die unmittelbaren Verbesserungen sogar neuronal messen kann. Der Philosoph und Neurowissenschaftler Anthony Jack von der Case Western Reserve University in Cleveland hat im Jahr 2012 eindrucksvoll gezeigt, wie sehr unsere Gedanken unsere neuronalen Aktivitätsmuster beeinflussen.

Stellen Sie sich vor, Sie lägen in einem funktionellen Magnetresonanztomografen (fMRT), mit dem man Scans Ihres Gehirns erstellen kann. Anthony Jack bittet Sie darum, zwei unterschiedliche Arten innerer Bilder in sich zu erzeugen. Zuerst wird Jack Sie fragen: »Wenn alles in Ihrem Leben ideal laufen würde – wo sähen Sie sich in zehn Jahren? Wo würden Sie leben? Wie würden Sie Ihre Zeit verbringen? Was wären Sie dann für ein Mensch?« Denken Sie einen Augenblick über die Antworten nach, die Ihnen auf diese Frage einfallen …

Während Sie in Ihren Zukunftsträumen schwelgen, würde der Wissenschaftler Jack mit dem fMRT erkennen, dass Ihr linker präfrontaler Cortex (PFC) aktiver geworden ist. Dieser Teil des menschlichen Gehirns ist von Geburt an mit der Erfahrung von persönlichem Wohlempfinden assoziiert.

Woher man das weiß? In anderen Studien, bei denen man wenige Wochen alten Babys etwas Zuckerwasser auf die Lippen träufelte und dabei die elektrische Aktivität des Gehirns untersuchte, fingen die Kleinen an zu lächeln: Sie freuten sich über den süßlichen Geschmack. Die Wissenschaftler konnten eine höhere Aktivität des linken PFC bei den Babys messen. Der aktivste linke PFC, den man wissenschaftlich jemals erfasst hat, war übrigens derjenige von Matthieu Ricard, einem engen Vertrauten des Dalai Lama. Dieser Mönch hat viel Zeit seines Lebens eine besondere Form der Meditation praktiziert, die zu diesen bemerkenswerten Veränderungen in seinem Hirn geführt haben. Seit den Untersuchungen in einem neurowissenschaftlichen Labor gilt er als »happiest man in the world«. Matthieus Form der Meditation, mit der sich auch Ihr linker PFC mehr aktivieren lässt, lernen Sie in Kapitel 3 kennen.

Doch zuerst zurück zu Ihnen, zu Ihrem aktiven linken PFC und zu Anthony Jack. Letzterer würde in Ihrem Kopf noch etwas anderes entdecken: Einen recht aktiven ventromedialen PFC. Dieser Teil des Hirns ist bedeutsam für die Erzeugung eines sogenannten »safety signal«, eines Gefühls sozial-emotionaler Sicherheit. In weiteren Untersuchungen wäre auch sichtbar, dass Ihr parasympathisches Nervensystem hochgefahren ist. Das ist der Teil des peripheren Nervensystems, der aktiv wird, wenn nach einer Anstrengung der Ruhezustand eintritt. Es verlangsamt Herzschlag und Atmung, erweitert die Blutgefäße und bringt die Verdauung in Gang.

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Nun beginnt Phase zwei des Experiments. Anthony Jack bittet Sie, andere innerer Bilder entstehen zu lassen. »Welche Herausforderungen erleben Sie derzeit? Was könnte in Ihrem Leben aktuell schwierig werden? Welche Ängste beschäftigen Sie?« Während Sie sich mit diesen Fragen beschäftigen, kann Jack völlig andere Aktivitätsmuster in Ihrem Gehirn feststellen. Es werden neuronale Netzwerke aktiv, die mit dem sympathischen Nervensystem verbunden sind.

Der Name trügt, denn so sympathisch ist dieses System gar nicht. Wenn es aktiv ist, steigert es Blutdruck und Herzfrequenz, während es die Sekretion von Verdauungssäften reduziert. Es bereitet unseren Körper auf Flucht oder Kampf vor. Während Sie sich weiterhin mit den problemorientierten Fragen des Wissenschaftlers beschäftigen, zeigen die Hirnscans, dass die Aktivität in Ihrem linken PFC gesunken und dafür im rechten PFC gestiegen ist. Dieser Bereich ist eher mit unangenehmen Gefühlen assoziiert. Denken Sie nochmal an die Babys und das Zuckerwasser. Es gab damals einen weiteren Teil des Experiments, bei dem man ihnen etwas Zitronenwasser auf die Lippen träufelte. Die Kleinen verzogen das Gesicht. Die Wissenschaftler sahen eine Erhöhung der Erregung nun in ihrem rechten PFC.

Ob Sie sich nun also etwas unangenehm Schmeckendes in Ihren Mund stecken oder über Probleme in Ihrem Leben grübeln – in beiden Fällen springt Ihr rechter PFC an. Beides fühlt sich nicht gut an.

Durch unsere Gedanken beeinflussen wir unmittelbar, welche Bereiche unseres Gehirns aktiviert werden.

Hätte man an dem Morgen, als mein Sohn mir »Frühstück« zubereitete, bei mir die neuronale Aktivität gemessen, wäre mutmaßlich eine sprunghafte Veränderung sichtbar gewesen: Das stressassoziierte sympathische Nervensystem und der rechte PFC waren vermutlich hochaktiv, als ich zurück in die Küche ging und das Chaos sah. Dann kam der Moment, in dem ich realisierte, dass er das alles getan hatte, um mir Frühstück zuzubereiten. Der linke PFC fuhr hoch und das sympathische Nervensystem fuhr herunter. Mein Hirn beruhigte sich. Ich fühlte mich besser – und geliebt.

Die Auswirkungen unserer Gedanken auf uns sind nicht nur unmittelbar, sondern auch langfristig messbar. So hat beispielsweise der Glaube, eine Bestimmung im Leben zu haben, einen messbaren Einfluss auf Gesundheit, Leben und Tod. Der Kardiologe Randy Cohen vom Mount Sinai Medical Center in New York hat zehn Studien analysiert, die sich mit dem Gefühl der Lebensbestimmung beschäftigen. Er veröffentlichte seine Erkenntnisse in der Studie »Purpose in Life and its Relationship to All-Cause Mortality and Cardiovascular Events: A Meta-Analysis«. Cohen hatte Zugriff auf die Daten von 137 000 Menschen, die untersucht und befragt worden waren. Hatten diese Menschen in Interviews angegeben, eine Bestimmung oder einen Sinn in ihrem Leben zu haben, war die Wahrscheinlichkeit, dass sie an einer Herzerkrankung litten, um 19 Prozent geringer als in den Vergleichsgruppen. Die Langzeitstudien zeigten, dass die Sterblichkeitsrate von Menschen, die ein sinnerfülltes Leben führen, um ganze 23 Prozent niedriger liegt als die der übrigen. »Für Ihr eigenes Wohlbefinden sollten Sie alles dafür tun, eine Bestimmung für sich zu finden«, resümiert Cohen.

Ich habe Ihnen nun erste messbare Auswirkungen unserer Gedanken auf unser Gehirn und den restlichen Körper nähergebracht. Im Folgenden möchte ich Ihnen erklären, wie Sie idealerweise mit unangenehmen Umständen umgehen, damit sich diese nicht ungünstig auf Ihre Gedanken und Ihre innere Welt auswirken.

Lassen Sie uns dafür einige Tausend Jahre in die Vergangenheit reisen und die alt-indische Sprache Sanskrit betrachten. Darin gibt es zwei Begriffe, die bis heute sowohl hinduistische als auch buddhistische Konzepte beeinflussen: »Sukha« und »Dukkha«. »Sukha« bedeutet Glück, Freude und Zufriedenheit. »Dukkha« ist die Beschreibung des Zustands von Stress, Schmerz und Leid. Interessant ist die Herkunft dieser beiden Begriffe. Sanskrit wurde von den alten Ariern (die übrigens ursprünglich Menschen aus dem indo-iranischen Sprachgebiet sind – und für gewöhnlich keine blonden Haare und blaue Augen haben) in den fernen Osten gebracht. Dieses nomadische Volk reiste zu Pferd und mit kleinen Wagen. Gut ausgebaute Straßen fehlten und eine Reise war deutlich beschwerlicher als heutzutage. Die Wege waren damals voller Schlaglöcher. Darum machte die Qualität des Wagens den großen Unterschied, ob es eine angenehme oder weniger angenehme Reise wurde. War die Achse des Wagens nicht zentral ausgerichtet, ruckelte das Gefährt stark oder fiel sogar in den Kurven um. Der damalige Begriff »kha« beschreibt das Loch der Achse. »Su« und »Dus« waren Präfixe und bedeuteten »gut« und »schlecht«. »Sukha« stand daher für die »gute Achse« und »Dukkha« für die »schlechte Achse«. Auf ein und derselben Straße konnte das nomadische Volk mit einer guten Achse eine angenehme und mit einer schlechten Achse eine unangenehme Reise erleben. Nun konnten die Nomaden nicht überall neue Straßen bauen, doch sie hatten Einfluss auf die Qualität ihrer Wagen und deren Achsen.

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Buddhistische Konzepte übernahmen den Begriff von »Sukha« und »Dukkha«: Wir können die Qualität der Wege, die wir in unserem Leben gehen, nur bedingt beeinflussen. Doch wie das nomadische Volk der Arier Einfluss auf die Qualität ihrer Achsen hatte, so haben wir Einfluss auf unseren Geist. Ist er in einem schlechten, starren Zustand (»Dukkha«), erleben wir vieles, was uns widerfährt, als Leid und Schmerz. Ist er dagegen in einem guten, flexiblen Zustand (»Sukha«), nehmen wir das, was uns geschieht, mit deutlich mehr Freude und Zufriedenheit wahr – selbst dann, wenn uns eine Menge Schlaglöcher auf unserem Weg begegnen.

Doch wie können wir so einen »Sukha«-Zustand des Geistes in uns stärken? Lassen Sie uns dafür in die Gegenwart zurückkehren und einige neurowissenschaftliche Labore besuchen, in denen in den vergangenen Jahren viele hilfreiche Entdeckungen gemacht wurden. Sie müssen sich all die Namen und Orte nicht merken – Sie werden die Inhalte des Buchs auch dann verstehen, wenn Sie sie ignorieren. Ich habe sie hauptsächlich für all die Leserinnen und Leser aufgeführt, denen diese Details wichtig sind.

Leben mit Hirn

Sebastian Purps-Pardigol
Leben mit Hirn
Wie Sie Ihre Potenziale entfalten, egal was um Sie herum geschieht
Verlag: Campus Verlag, Frankfurt 2021
ISBN: 9783593514710 | Preis: 22,00 €

 

Nota. - Wie weit man es mit der Meditation bringen kann, weiß ich nicht, ist auch nicht mein vordringliches Interesse. Hier kommt es mir nur auf dies an: Denken ist, was immer es sonst auch sein mag, zuerst das Zuschreiben von Qualitäten an sinnliche Reize; das, was der Transzendentalphilosoph Fichte unter Anschauung versteht. 

'Der Mensch' ist nicht zum Teil sinnlich und zu einem andern Teil geistig. Schlicht und phä-nomenal aufgefasst ist jeder Mensch, was immer er sonst auch sein mag, zuerst ein (ein) Or-ganismus. Das Wort stammt daher, dass darin verschiedene Organe mit verschiedenen Funk-tionen so organisiert sind, dass sie fürs Überleben und die Fortpflanzung des Organismus zusammenwirken. Man wird Organe und Funktionen einander zuweisen, um die Gesamt-funktion verstehen zu können - aber dazu muss man sie erst unterscheiden und individua-lisieren. 

Dass man danach dieses unter Intelligenz und jenes unter Physis gruppiert, wird später noch genügend Denkschwierigkeiten machen. Vollends unbegreiflich wird es aber, wenn man beide als zwei gleich ursprüngliche Einheiten auffasst, die erst nachträglich (wie und von wem?) kombiniert und einander koordiniert wurden. 

Wenn man die Dualität von Geist und Materie voraussetzt, wird man sie nicht nachträglich hinwegsophistizieren. Es gibt dafür allerding keinen denkökonomischen ("logischen") An-lass - von Gründen gar nicht zu reden.

JE