Montag, 18. November 2019

Der evolutionäre Platz des Spielens.


aus Die Presse, Wien, 19. 9. 2019                                                                                                 zu Jochen Ebmeiers Realien

Lass uns Verstecken spielen – mit Ratten
Biologen haben Ratten zum Versteckspiel animiert und dabei in kurzer Zeit Erstaunliches erlebt. 

Wo bist du? Ich kann dich nicht finden! In allen Kulturen und Ecken der Welt spielen Kinder Verstecken, und oft genug haben auch Eltern und erwachsene Verwandte ihren Spaß dabei. Nun stellt die Wissenschaft einen Tipp bereit: Falls gerade keine Kinder zur Hand sind – es geht auch mit jungen Ratten. Ein Team von Biologen und Neurologen der Humboldt-Universität in Berlin animierte zehn Versuchstiere dazu, und nach nur ein bis zwei Wochen hatten die Probanden sämtliche Tricks drauf.

Besonders erstaunlich: Fast alle Nager konnten problemlos zwischen der Versteck- und der Suchrolle wechseln. Das mussten sich Mensch und Tier freilich vorher ausmachen. Also, zum Nachbauen: Ist die Ratte mit Suchen dran, setzt sie der Mensch in eine „Startbox“ und schließt deren Deckel. Dann versteckt er sich in einem rund 30m² großen Raum, der mit möglichen Verstecken reich gespickt ist, und öffnet die Box per Fernbedienung. Ist er selbst mit Suchen dran, hockt er sich einfach mit eingezogenem Kopf neben die Startbox – das genügt als Einsatzzeichen.

Spielen um des Spieles willen

De große Frage für die Forscher: Warum spielen die Ratten mit? Sie wurden jedenfalls nicht im üblichen Sinne durch ein Futterversprechen darauf dressiert. Nach dem Finden gab es als Belohnung nur Kitzeln, Kraulen und spielerisches Raufen – lauter Dinge, von denen man schon vorher wusste, dass die Tiere es gerne tun. Sind sie also darauf aus? Offenbar nein. Alles spricht dafür, dass sie vielmehr so wie Kinder das Versteckspiel rein um seiner selbst spielen. Der große Eifer, die Ultraschall-Jauchzer beim Herumhuschen und ausgelassene Freudensprünge deuten klar darauf hin, dass sie einfach Spaß am Spiel haben.

Die Strategien zeigen, dass sie nicht so schnell gefunden werden wollen: Sie verstecken sich in geschlossenen Schachteln, nicht in durchsichtigen (suchen aber in beiden). Sie verhalten sich in ihrem Versteck mucksmäuschenstill (das Wort kommt wohl nicht von ungefähr). Und wenn sie gefunden werden, laufen sie oft davon und verstecken sich gleich wieder neu. Sie wollen also das Spiel verlängern, es ist für sie Belohnung genug. Nach 20 Runden sind sie dann müde und verlieren die Lust. Anders als bei den üblichen Experimenten, wo man sie für irgendeine spaßbefreite Tätigkeit mit Futter belohnt: Dort machen sie über hunderte Runden bis zur völligen Erschöpfung weiter, wofür der Überlebenstrieb sorgt. Aber sie bekunden dann keine Freude durch Piepsen.

Evolutionär angelegt?

Beim Spiel füllen sie ihre Rollen erstaunlich schlau aus. Als Sucher lassen sie zuerst den Blick schweifen und flitzen dann hektisch durch den Raum, um möglichst schnell viele potentielle Verstecke abzuchecken. Suchen sie selbst einen passenden Unterschlupf, lassen sie sich Zeit und bewegen sich viel langsamer. Von einer Runde zur nächsten wechseln sie ihr Versteck; ist aber der menschliche Mitspieler so doof, mehrmals hintereinander am gleichen Ort Zuflucht zu suchen, suchen sie zuerst dort und finden ihn entsprechend schnell.

Die schnelle Lernkurve gibt den Forschern zu denken. „Wir fragen uns tatsächlich, ob die Versteckspielfähigkeiten zumindest teilweise angeboren und damit evolutionär alt sind“, sagt Studien-Koautor Michael Brecht zur „Presse“. Der Beweis dafür wäre, dass sie auch untereinander spielen: „Wir haben den Eindruck, dass die Tiere das tun, aber müssen das noch weiter untersuchen.“ 


  
aus derStandard.at, 13. September 2019

Kurioses Experiment
Ratten amüsieren sich beim Versteckspiel mit Forschern
Biologen untersuchten das Spielverhalten der klugen Nagetiere und kommen zum Ergebnis: Die Ratten haben einfach großen Spaß
Berlin – Verstecken spielen ist nicht nur unter Menschen sehr beliebt. Auch Ratten scheinen sich dabei zu amüsieren, wie eine Studie von Berliner Forschern des Bernstein Center for Computational Neuroscience an der Humboldt-Universität nahelegt.

Die Nager lernten die Regeln demnach schnell und konnten zwischen der Rolle des Suchers und des Versteckten wechseln. Zudem machten sie den Eindruck, dass ihnen das Spiel Spaß bereite, berichten die Wissenschafter im Fachmagazin "Science". Ihre Ergebnisse ließen vermuten, dass dieses Spiel seine Anfänge schon sehr früh in der Evolutionsgeschichte hat. Auch andere Tiere spielen insgesamt gern und empfinden wahrscheinlich wie wir Menschen Spaß dabei.

Freudige Quietscher

Die Forscher hatten die Spielleidenschaft der Nager mit jugendlichen männlichen Ratten in einem Raum von 30 Quadratmetern und sieben Versteckmöglichkeiten untersucht. Sie brachten den Tieren zunächst die grundlegenden Regeln des Spiels bei. Alle sechs Ratten lernten innerhalb von ein bis zwei Wochen, eine versteckte Person zu suchen und zu finden. Fünf lernten außerdem, sich selbst zu verstecken und zwischen den Rollen zu wechseln.

Das eigentliche Experiment sah dann so aus: Die Forscher setzten die Ratte in eine Box mit ferngesteuertem Deckel. Dann versteckte sich der menschliche Spielkamerad. Sobald sich die Box öffnete, machte sich die Ratte auf die Suche nach dem Menschen. Wie die Wissenschafter berichten, schauten die Nager, begleitet von lautem Quietschen, hinter verschiedenen Versteckmöglichkeiten nach. Hatte die Ratte das Versteck gefunden, wurde sie mit Zuneigungsbekundungen belohnt, also etwa gekitzelt. Eine Futterbelohnung gab es nicht.

In einem zweiten Versuchsteil übernahm die Ratte die Rolle des Versteckten: Dazu kauerte sich der Mensch geräuschlos neben die offene Box, woraufhin das Tier heraussprang und sich versteckte. Anders als zuvor ging die Ratte jetzt ganz still vor und suchte ihr Versteck mit Bedacht, berichten die Forscher. Sie bevorzugte dabei undurchsichtige vor durchsichtigen Verstecken.

Evolutionäre Anlage

"Aufgrund einer ganzen Reihe von Beobachtungen innerhalb unserer Studie haben wir den Eindruck, dass die Ratten spaßeshalber spielen", so Michael Brecht, Ko-Autor der Studie. Völlig ausschließen können die Wissenschafter nicht, dass die Tiere nur der Belohnung wegen spielen. Aber vieles spreche für ihre Hypothese, etwa das laute Rufen und das geschickte Vorgehen der Tiere. "Wenn wir sie finden, sausen sie oft weg und verstecken sich noch mal an einem anderen Ort", so Brecht. Auf diese Weise verzögert sich die Belohnung – ein weiteres Indiz dafür, dass die Ratten wegen des Spaßeffekts Verstecken spielten.

Aufzeichnungen der Gehirnaktivität zeigten während des Spielens eine erhöhte Aktivität im präfrontalen Cortex der Ratten. Sie variierte mit den verschiedenen Rollen. Bei Menschen ist dieser Bereich des Gehirns für die soziale Wahrnehmung zuständig und ermöglicht einen gedanklichen Perspektivenwechsel. "Tiere mit komplexen Sozialverhalten spielen in der Regel besonders viel", so Brecht. Die Forscher gehen davon aus, dass das Spielen eine Art Trainingsverhalten des Gehirns ist, um bestimmte Fähigkeiten zu erwerben oder zu verbessern.

Spielverhalten wurde in der Vergangenheit bei vielen Arten beobachtet, etwa bei Wölfen, Raubkatzen oder Affen. Im Gegensatz zu spielerischem Balgen beinhaltet das Spiel Verstecken aber Regeln, die Tiere verstehen müssen – und die sie offensichtlich verstehen. (red, APA)

Abstract
Science: "Behavioral and neural correlates of hide-and-seek in rats"








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