aus nzz.ch, 14.11.2019 zu Levana, oder Erziehlehre
Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?
Das Bildungswesen gehe den Bach hinunter – das ist immer wieder zu hören. Zwei Autoren untersuchen die Trends der letzten Jahre und üben scharfe Kritik an den permanenten Reformen.
Übermässig
Mitleid mit den Profis braucht man nicht zu haben, aber ein wenig kann
man ihren Frust verstehen, wenn sie bei Winterhoff zum x-ten Mal lesen
müssen, dass alles den Bach hinuntergehe, Eltern, Kinder, Schule – und
jetzt noch das ganze Land. Die «Zeit» nennt Winterhoff bereits den
«Thilo Sarrazin der Erziehung» und seine Ideen eine «Pädagogik des
Grauens», es wird seinen Verkaufserfolg nicht schmälern.
Die
Grossthese des Kinderpsychiaters: Es wachse gerade eine ganze
Generation verhaltensgestörter junger Menschen mit der geistigen Reife
von Kleinkindern heran. Weil die Eltern nicht mehr Eltern sein wollten
oder könnten und bei der Erziehung komplett versagten – «dieser Kampf
ist so gut wie verloren» (Winterhoff) –, müsse es nun die Schule
richten. Wenn sie nur könnte. Denn auch das Bildungswesen sieht der
Autor seit zwanzig Jahren durch alle möglichen und unmöglichen Reformen
ruiniert.
Auf jeder
zweiten Seite ist von «Chaos», «Katastrophen» und «Wahnsinn» die Rede,
und sollte sich das Bildungssystem nicht rasch und gründlich ändern,
schreibt Winterhoff im Schlusskapitel, dann «wird das schleichende Gift
der fehlenden psychischen Entwicklung unsere Gesellschaft unrettbar und
binnen kurzer Zeit aushöhlen».
Karikaturhafte Kritik
Ziemlich
schrille Thesen. Oft genug sind sie mehr anekdotisch behauptet als
empirisch belegt, aber offensichtlich ritzen sie einen dicken Nerv. Ganz
besonders verbeisst sich Winterhoff in die «Ideologie des offenen
Unterrichts» und des «autonomen Lernens», bei dem die Lehrerin zur
Lernbegleiterin degradiert werde und nicht mehr die Chefin mit klaren
Ansagen sei.
Tatsächlich
gibt es viele gute Gründe, das Rollenverständnis eines passiven
Lehrers, der sich den tagesaktuellen Launen seiner Klasse ergibt, für
falsch zu halten; der Bildungsforscher John Hattie hat sie in seiner
epochalen Studie über guten Unterricht genannt. Doch ist diese Kritik
nicht eher eine Karikatur der Realität? Winterhoff tut so, als sei
offener Unterricht in ganz Deutschland quasidiktatorisch verordnet
worden und habe sich im Schulalltag als flächendeckende ideologische
Unterwanderung durchgesetzt. Beides stimmt nicht, nicht für Deutschland
und noch weniger für die Schweiz.
Winterhoff
will «wieder auf Bindung und Beziehung» in der Schule setzen. Daran ist
nichts gruselig, im Gegenteil, ohne Beziehung kann weder Erziehung noch
Schule funktionieren. Doch warum «wieder»? Das klingt, als hätte «die»
Schule seit eh und je auf Bindung und Beziehung gesetzt. Gute Lehrer
taten das tatsächlich schon immer und ganz von sich aus, aber was ist
mit den vielen, vielen andern? Winterhoff will offenbar zurück in die
Zeiten vor 1990, als die Schule noch «einigermassen gut» funktioniert
habe, wie er behauptet. Doch damit verklärt er nicht nur die alten
Zeiten, sondern er verkennt auch, wie sehr sich die Umstände verändert
haben.
Aufs Maximum reduzieren
Für
alle, denen Winterhoffs Daueralarmismus auf die Nerven geht, gibt es
eine Alternative. Sie stammt von Jürgen Kaube, der das Kunststück
schafft, neben seinem Job als Mitherausgeber der «Frankfurter
Allgemeinen Zeitung» regelmässig interessante Bücher zu schreiben
(zuletzt über «Die Anfänge von allem» oder eine Biografie von Max
Weber). «Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?», fragt jetzt der
zweifache Vater Kaube im Titel. Auch er schreibt kritisch, aber nicht im
Weltuntergangsmodus wie Winterhoff.
«Lehrer
und Schulen sollen dies und das Gegenteil, das Praktische und das
Theoretische, Chancengleichheit und Pisa-Leistungen, Arbeitsmarkt und
Abendland. Natürlich sollen sie dabei auch noch Einwanderer integrieren,
allen ambitionierten Eltern gefallen, keine Rechtsverordnung verletzen,
den Übergang in die digitale Welt unterstützen und die Handy-Welt
bekämpfen», schreibt Kaube. Und folgert plausibel, dies alles könne nur
in einer «verrückten Überforderung» enden.
Was
also muss die Schule? Seine Antwort, kurz und knapp: Sie muss die
Schüler lesen, schreiben, rechnen und selber denken lehren. «Reduce to
the max», um es mit einem alten Werbespruch zu sagen. Das mag wenig sein
und ist doch für erschreckend viele bereits zu viel verlangt, eingedenk
der Tatsache, dass in Deutschland jedes fünfte Kind die deutsche
Grundschule verlässt, ohne ausreichend lesen zu können.
Warnung vor «Digitalisierungswahn»
Obschon
die Tonalität der beiden Bücher sehr verschieden ist, so liegen ihre
Positionen immer wieder nahe beisammen. Auch Kaube argumentiert eher
konservativ, aber nicht deshalb, weil er früher alles besser fand,
sondern weil er Änderungen nicht a priori besser findet, nur weil ihnen
das Label «zeitgemäss», «progressiv» oder «modern» anhängt. Beide
Autoren kritisieren etwa die Pisa-Test-Gläubigkeit oder die einseitige
Fokussierung auf die Bedürfnisse der Wirtschaft; sie schreiben gegen den
Run auf die Gymnasien an und schonen jene Eltern nicht, die von der
Schule die Produktion von karrieretauglichem Nachwuchs verlangen wie von
ihrem Finanzberater eine gute Rendite.
Und
nicht zuletzt treffen sie sich in ihrer scharfen Kritik an den
schulischen Dauerreformen. Bei diesem Thema, so Kaube, «wären wir bei
einem entscheidenden Faktor des Leidens an der Schule. Bei den
Didaktikern, Lerntheoretikern, Methodenerfindern nämlich und ihren
erziehungswissenschaftlichen Begleitforschern. Sie haben, unterstützt
durch reformfreudige Bildungsbürokratien und eine mit Reformen ihre
Geschäfte machende Weiterbildungs- und Lehrmittelindustrie, die Schule
zu einem Experimentierfeld von angeblichen Modernisierungen gemacht.
Diese erfolgen oft ohne jeden anderen Anlass als ihr eigenes
Innovationsbedürfnis.»
Auch
mit dem jüngsten Hype an den Schulen, der Digitalisierung, gehen sie
hart ins Gericht. Kaube formuliert es so: «Ein wichtiges Lernziel an
Schulen ist Resistenz gegen Phrasendrescherei. Man könnte beim Thema
Digitalisierung damit anfangen.» Winterhoff fordert, die Schule müsse
die Kinder vor dem «Digitalisierungswahn» bewahren und bis zur vierten
Klasse eine «digitalfreie Zone» bleiben. So halten es bekanntlich
bereits die Digitalkönige in Kalifornien, die ihre eigenen Kinder in
Montessori-Schulen schicken.
In
der Schweiz liegen wir womöglich noch etwas näher an Kaubes
Idealschule, wohl auch deshalb, weil sich die föderalistisch
organisierte Volksschule bisher als praxisnäher und ideologieresistenter
erwiesen hat. Doch auch hierzulande ist die Pädagogik unterdessen ein
akademisches Modebusiness geworden, das mit den internationalen Wellen
schwimmt. Mit dem Lehrplan 21 hat sich die «Kompetenzphrasen-Industrie»
(Kaube) auch in der Schweiz durchgesetzt, nun beginnt man darüber zu
streiten, wie praxistauglich das alles wirklich ist und wie sich
Kompetenzen überhaupt messen lassen. Ob die Schüler am Ende tatsächlich
besser lesen, rechnen, schreiben und denken können – niemand weiss es,
auch nicht die Bildungsforschung. Sicher ist nur: Die Sache wird richtig teuer. Und die nächste Modewelle kommt bestimmt.
Michael
Winterhoff: Deutschland verdummt. Wie das Bildungssystem die Zukunft
unserer Kinder verbaut. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2019. 221 S.,
Fr. 31.90.
Jürgen Kaube: Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder? Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2019. 335 S., Fr. 31.90.
Nota. - Es wäre schon ein großer Fortschritt, wenn aus den Köpfen die vage Vorstellung verscheucht werden könnte, bei der Schule handele es sich um den im neunzehnten Jahrhundert endlich aufgedeckten Plan der Natur für die wirkliche Bildung des Menschengeschlechts, und die heiligste Pflicht der Gemeinschaft sei es, sie so zu vervollkommnen, dass sie auf ewig allen Fährnissen der Zeit gewachsen bleibt.
Die Schule ist - wie übrigens die Marktwirtschaft - eine Erfindung der bürgerlichen Gesellschaft zwecks Erfüllung von deren Erwartungen an den Arbeitsmarkt. Das hat sie gerechtfertigt, doch in dem Maße, wie jene Erwartungen sich als zeitlich bedingt entpuppen, ist - nein, nicht diese oder jene Organisations-, Verwal- tungs- oder Lehrform der Schule, sondern: - die Schule als gesellschaftliche Institution selbst in Frage gestellt.
Pläne für die kommenden Gesellschaften mögen Diese und Jene entwerfen; die Schule, wie sie ebenmal besteht, muss die kommenden, sagen wir, dreißig Jahre im Auge haben. Es sind keine weltanschaulich zu beantwortenden Fragen an die Ewigkeit, die sie beantworten muss, sondern sie muss pragmatische Lösungen für eine absehbare Zeit finden. Sie müsste zum Beispiel das Heer der Berater und Spezialisten zum Teufel jagen, der Steuerzahler wird's danken, und dem gesunden Menschenverstand die Ehre erweisen. Aber nicht, damit er der Schule und ihren Beschäftigten nützt, sondern damit er in der Schule deren Bildungszweck dient - und wenn es sich als zweckmäißg erweist, auf Kosten von deren Strukturen, Methoden und Stellenplänen.
Verstehen Sie mich recht: Der Paradigmenwechsel - die Neuausrichtung der Perspektive - muss praktisch beginnen und sich um den Diskussionsbedarf der Gelehrten nicht scheren.
JE
Die Schule ist - wie übrigens die Marktwirtschaft - eine Erfindung der bürgerlichen Gesellschaft zwecks Erfüllung von deren Erwartungen an den Arbeitsmarkt. Das hat sie gerechtfertigt, doch in dem Maße, wie jene Erwartungen sich als zeitlich bedingt entpuppen, ist - nein, nicht diese oder jene Organisations-, Verwal- tungs- oder Lehrform der Schule, sondern: - die Schule als gesellschaftliche Institution selbst in Frage gestellt.
Pläne für die kommenden Gesellschaften mögen Diese und Jene entwerfen; die Schule, wie sie ebenmal besteht, muss die kommenden, sagen wir, dreißig Jahre im Auge haben. Es sind keine weltanschaulich zu beantwortenden Fragen an die Ewigkeit, die sie beantworten muss, sondern sie muss pragmatische Lösungen für eine absehbare Zeit finden. Sie müsste zum Beispiel das Heer der Berater und Spezialisten zum Teufel jagen, der Steuerzahler wird's danken, und dem gesunden Menschenverstand die Ehre erweisen. Aber nicht, damit er der Schule und ihren Beschäftigten nützt, sondern damit er in der Schule deren Bildungszweck dient - und wenn es sich als zweckmäißg erweist, auf Kosten von deren Strukturen, Methoden und Stellenplänen.
Verstehen Sie mich recht: Der Paradigmenwechsel - die Neuausrichtung der Perspektive - muss praktisch beginnen und sich um den Diskussionsbedarf der Gelehrten nicht scheren.
JE
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