Dienstag, 22. Juni 2021

Man kann sich wirklich jünger denken.


aus spektrum.de, 22.06.2021                                                                                      Cranach d. Ä. Jungbrunnen

Alternsforschung                                                                                                zuJochen Ebmeiers Realien
Denke dich jung, denk dich gesund!
Das Altern trifft jeden, und es findet auch im Kopf statt. Gut so, denn: Schon allein sich jünger zu fühlen, kann gesund sein und das Leben verlängern.

von Christian Wolf

Man ist, so heißt es ja, immer nur so alt, wie man sich fühlt. Ist an der Volksweisheit etwas dran? Hängt unser körperlicher und geistiger Zustand gar nicht so sehr von den Lebensjahren ab, sondern davon, wie wir das selbst einschätzen? Es scheint tatsächlich so, als beeinflusse unser subjektiv gefühltes Alter, wie schnell wir biologisch altern. Und so macht es dann einen Unterschied, ob wir dem Altern positive Seiten abgewinnen können oder das Älterwerden als Schreckgespenst wahrnehmen.

Diese persönliche Einstellung eines Menschen zum Älterwerden ist nicht einfach zu messen. Klar, man kann schlicht abfragen, ob jemand eher eine positive oder negative Sicht auf das Älterwerden hat. Wertvoller sind allerdings differenziertere Analysen; denn Altern ist ja für kaum einen Menschen ausschließlich gut oder schlecht. Befragte können für sich selbst zum Beispiel auf der körperlichen Ebene Verluste, auf der kognitiven aber Gewinne bilanzieren: etwa wenn sie selbst daran glauben, noch viel lernen oder sich immer weiterentwickeln zu können.

»Für die Gesundheit und Langlebigkeit ist sowohl das Sich-jünger-Fühlen gut als auch eine generell positive Einstellung gegenüber dem Älterwerden«, sagt die Entwicklungspsychologin und Alternsforscherin Susanne Wurm von der Universitätsmedizin Greifswald. Diesen Effekt haben Wissenschaftler um die Psychologin Becca Levy von der Yale University bereits 2002 mit Zahlen untermauert: Zu ihrer Überraschung lebten Menschen mit einer positiveren Sicht auf das Älterwerden im Durchschnitt gleich siebeneinhalb Jahre länger als Menschen mit einer eher negativen.

Die Haltung gegenüber dem Alter macht sich im Körper auf unterschiedliche Arten bemerkbar. Herzerkrankungen etwa sind bei Menschen mit einer positiven Einstellung seltener. Dass Altern Kopfsache ist, zeigt sich ebenso im Gehirn. Generell nimmt mit zunehmenden Jahren das Volumen der grauen Substanz im Gehirn ab, die vorwiegend aus Nervenzellkörpern besteht. Bei Älteren, die sich für jünger halten, scheint dieser Prozess gebremst: Sie haben ein biologisch jüngeres Gehirn, und das Volumen der grauen Substanz in bestimmten Hirnregionen ist nicht so stark geschrumpft wie zu erwarten. Bei solchen subjektiv Junggebliebenen lassen geistige Fähigkeiten wie das Gedächtnis im Alter auch weniger stark nach.

In den Zellen ist die Länge der Telomere ein wichtiger Indikator für das biologische Alter. Telomere, die Schutzkappen an den Enden der Chromosomen, werden mit jeder Zellteilung kürzer, bis die Zellen sich irgendwann nicht mehr teilen können und vergreisen. Die Telomerlänge hat das Team um Levy in einer Studie mit mehr als 300 älteren Erwachsenen als Altersmarker ins Auge gefasst. Dabei untersuchte es die Einstellung der Teilnehmer gegenüber dem Altern sowie die Länge der Telomere vier Jahre nach der Befragung. Wie sich zeigte, verkürzten sich die Telomere bei Probanden mit einer negativen Haltung im Vergleich tatsächlich deutlicher.

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Der Zusammenhang scheint also klar – nur stellt sich auch die berühmte Frage nach Henne und Ei, nach Ursache und Wirkung. Beeinflussen die Einstellungen gegenüber dem Altern und das subjektive Alter wirklich Gesundheit und Langlebigkeit? Oder verhält es sich gerade umgekehrt? Man könnte ja durchaus an sich selbst eine schlechte körperliche Gesundheit oder ein Nachlassen der geistigen Leistungsfähigkeit wahrnehmen und diese Einbußen auf das Älterwerden zurückführen. In der Folge hadert man dann mit dem Altern – und fühlt sich älter.

Susanne Wurm erklärt, dass man Ursache und Wirkung schon unterscheiden könne, denn es handle sich bei den relevanten Untersuchungen häufig um Längsschnittstudien. Dabei werden Personengruppen über einen längeren Zeitraum beobachtet, und man kann erkennen, ob die negative Einstellung zum Altern oder die schlechtere Gesundheit zuerst da waren. In der Tat hat sowohl das Gefühl, sich jünger zu fühlen, einen Effekt als auch eine positive Einstellung gegenüber dem Altern, sagt Wurm. Beides trage dazu bei, »dass Menschen über die Zeit hinweg weniger erkranken, eine bessere Mobilität haben, seltener stürzen und seltener an Demenz erkranken«. Das gilt sogar dann, wenn andere mögliche Einflussfaktoren herausgerechnet werden, etwa ein mehr oder weniger gesundes Verhalten oder psychische Faktoren, beispielsweise ein stärkerer Optimismus.

Mit Längsschnittstudien lassen sich ebenfalls sehr gut Effekte auseinanderdividieren, die sich gegenseitig beeinflussen. Man könne sich so etwa anschauen, »wie sich die Einstellung gegenüber dem Älterwerden zu einem bestimmten Zeitpunkt auf die Gesundheit Jahre später auswirkt«, sagt Susanne Wurm. Umgekehrt lasse sich aber auch erkennen, wie die Gesundheit zu einem bestimmten Zeitpunkt die Einstellung gegenüber dem Alter Jahre später voraussagt: Es gebe Wirkungen in beide Richtungen. »Dabei sehen wir, dass die Einstellung zum Älterwerden stärker die Gesundheit vorhersagt als umgekehrt die Gesundheit die spätere Einstellung.«

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Das bestätigt der Psychologe und Alternsforscher Hans-Werner Wahl von der Universität Heidelberg. »Die Wirkung scheint eindeutig in eine Richtung zu gehen – ungünstiges subjektives Altern trägt zu gesundheitlichen Risiken bei«, umgekehrt wirke der Effekt deutlich schwächer. Die Psyche beeinflusst also offenbar ganz objektiv die Langlebigkeit – wenn auch vielleicht manchmal nur geringfügig. Allerdings haben »das subjektive Alter und die Einstellung zum Altern einen größeren Effekt auf die Langlebigkeit als beispielsweise das Rauchen«, macht Wahl deutlich. Aus seiner Sicht ist das subjektive Alter viel entscheidender als das objektive, oder etwas zugespitzt: »Altern findet vor allem im Kopf statt.«

Verschiedene Mechanismen sorgen dafür, dass für den Körper Folgen haben kann, was im Kopf stattfindet. Einfach nachvollziehbar ist, dass Menschen, die sich subjektiv jünger fühlen oder eine positivere Sicht auf das Älterwerden haben, körperlich aktiver sind. Sie ernähren sich gesünder und gehen häufiger zu Vorsorgeuntersuchungen. »Es gibt dabei Abwärtsspiralen und Aufwärtsspiralen«, sagt Susanne Wurm. »Wer etwa negativer auf das Altern blickt, betätigt sich körperlich weniger, dadurch baut er physisch schneller ab, was zu einer noch negativeren Sicht auf das Altern führt.«

Ein wichtiger Faktor ist zudem der Umgang mit Stress. Ohnehin ist es eines der größten Risiken für die psychische und physische Gesundheit, unter Dauerdruck zu stehen. Menschen lassen dies mehr oder weniger an sich heran: In einer Studie von Becca Levy stieg bei älteren Probanden mit negativer Eistellung gegenüber dem Altern der Spiegel des Stresshormons Kortisol im Lauf von 30 Jahren hinweg an – ein Anstieg, der bei eher positiv eingestellten Personen nicht zu erkennen war.

Ein jüngeres subjektives Alter wirkt offenbar als eine Art Stresspuffer, wie etwa eine aktuelle Langzeitstudie von Markus Wettstein vom Deutschen Zentrum für Altersfragen in Berlin nahelegt: Die Befragung nach drei Jahren ergab, dass sich größerer Stress weniger nachteilig auf die Gesundheit von Probanden auswirkt, wenn diese sich subjektiv jünger fühlten, als sie nach Lebensjahren objektiv waren.

Die Psyche wirkt aber noch auf anderen Wegen. Hans-Werner Wahl verdeutlicht dies an einem Beispiel. Wenn man sagt: »Frau Schmidt, toll, dass Sie als hochbetagte Dame es hierhergeschafft haben und an einem kognitiven Test teilnehmen«, dann werde die Probandin schlechter abschneiden, als wenn man ihr Alter nicht betont. »Das hat viel mit Motivation zu tun«, so Wahl. »Wenn man sich jünger fühlt, glaubt man, mehr erreichen zu können.« Menschen, die sich jung fühlen, haben neben einem stärkeren Lebenswillen eher das Gefühl, Dinge bewirken und Probleme bewältigen zu können.

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Am Ende wird deutlich: Gutes und gesundes Altern ist auch eine Frage der Einstellung. Doch was folgt daraus? Denn klar ist ebenfalls, dass es bei dieser Einstellung nicht immer zum Besten steht. In unserer westlichen Kultur hat das Altern ein echtes Imageproblem. Es wird mit körperlichen Gebrechen, geistigem Verfall und dem Dahinsiechen in Pflegeheimen assoziiert. Immerhin, das ließe sich durchaus ändern. Man könne am Image des Alterns mit Interventionen arbeiten, sagt Susanne Wurm: etwa Menschen dazu motivieren, darüber nachzudenken, was auch schön am Älterwerden ist, statt einem defizitorientierten Denken nichts entgegenzusetzen. Möglich wäre ebenfalls die Unterstützung durch neue technische Hilfsmittel; so könnten ältere Menschen den Umgang mit bestimmten Apps erlernen, dabei merken, was sie auch im Alter noch leisten können, und eine positivere Sicht aufs Altern gewinnen.

Allerdings: »Daneben brauchen wir viel differenziertere Bilder vom Alter in dem Medien, in der Politik und der Arbeitswelt«, sagt Susanne Wurm. Was hier schiefläuft, wurde in der Coronakrise deutlich: Ältere sind beispielsweise recht einseitig als schutzbedürftig dargestellt worden. »Dabei sind ältere Menschen keine homogene Gruppe, die man über einen Kamm scheren kann.« Es wird also Zeit für neue Altersbilder. Und was könnte als Anreiz verlockender sein, als gesünder und länger zu leben.

 

Nota. - Der Haken ist nur: Wie man sich fühlt, kann man sich nicht einfach aussuchen. Man muss ansetzen bei dem, was man vorfindet. Wieviel der gute Wille daran dann ändern kann, hängt davon ab, wie... man sich fühlt.

 JE

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