
aus spektrum.de, 22.06.2021 Cranach d. Ä. Jungbrunnen
von Christian Wolf
Man
ist, so heißt es ja, immer nur so alt, wie man sich fühlt. Ist an der
Volksweisheit etwas dran? Hängt unser körperlicher und geistiger Zustand
gar nicht so sehr von den Lebensjahren ab, sondern davon, wie wir das
selbst einschätzen? Es scheint tatsächlich so, als beeinflusse unser
subjektiv gefühltes Alter, wie schnell wir biologisch altern. Und so
macht es dann einen Unterschied, ob wir dem Altern positive Seiten
abgewinnen können oder das Älterwerden als Schreckgespenst wahrnehmen.
Diese persönliche Einstellung eines
Menschen zum Älterwerden ist nicht einfach zu messen. Klar, man kann
schlicht abfragen, ob jemand eher eine positive oder negative Sicht auf
das Älterwerden hat. Wertvoller sind allerdings differenziertere
Analysen; denn Altern ist ja für kaum einen Menschen ausschließlich gut
oder schlecht. Befragte können für sich selbst zum Beispiel auf der
körperlichen Ebene Verluste, auf der kognitiven aber Gewinne
bilanzieren: etwa wenn sie selbst daran glauben, noch viel lernen oder
sich immer weiterentwickeln zu können.
»Für die Gesundheit und
Langlebigkeit ist sowohl das Sich-jünger-Fühlen gut als auch eine
generell positive Einstellung gegenüber dem Älterwerden«, sagt die
Entwicklungspsychologin und Alternsforscherin Susanne Wurm von der
Universitätsmedizin Greifswald. Diesen Effekt haben Wissenschaftler um
die Psychologin Becca Levy von der Yale University bereits 2002 mit
Zahlen untermauert: Zu ihrer Überraschung lebten Menschen mit einer
positiveren Sicht auf das Älterwerden im Durchschnitt gleich
siebeneinhalb Jahre länger als Menschen mit einer eher negativen.
Die
Haltung gegenüber dem Alter macht sich im Körper auf unterschiedliche
Arten bemerkbar. Herzerkrankungen etwa sind bei Menschen mit einer
positiven Einstellung seltener. Dass Altern Kopfsache ist, zeigt sich
ebenso im Gehirn. Generell nimmt mit zunehmenden Jahren das Volumen der
grauen Substanz im Gehirn ab, die vorwiegend aus Nervenzellkörpern
besteht. Bei Älteren, die sich für jünger halten, scheint dieser Prozess
gebremst: Sie haben ein biologisch jüngeres Gehirn, und das Volumen der
grauen Substanz in bestimmten Hirnregionen ist nicht so stark
geschrumpft wie zu erwarten. Bei solchen subjektiv Junggebliebenen
lassen geistige Fähigkeiten wie das Gedächtnis im Alter auch weniger
stark nach.
In den Zellen ist die Länge der Telomere ein wichtiger Indikator für das biologische Alter. Telomere, die Schutzkappen an den Enden der Chromosomen, werden mit jeder Zellteilung kürzer, bis die Zellen sich irgendwann nicht mehr teilen können und vergreisen. Die Telomerlänge hat das Team um Levy in einer Studie mit mehr als 300 älteren Erwachsenen als Altersmarker ins Auge gefasst. Dabei untersuchte es die Einstellung der Teilnehmer gegenüber dem Altern sowie die Länge der Telomere vier Jahre nach der Befragung. Wie sich zeigte, verkürzten sich die Telomere bei Probanden mit einer negativen Haltung im Vergleich tatsächlich deutlicher.
Der Zusammenhang scheint also klar – nur stellt sich auch die berühmte Frage nach Henne und Ei, nach Ursache und Wirkung. Beeinflussen die Einstellungen gegenüber dem Altern und das subjektive Alter wirklich Gesundheit und Langlebigkeit? Oder verhält es sich gerade umgekehrt? Man könnte ja durchaus an sich selbst eine schlechte körperliche Gesundheit oder ein Nachlassen der geistigen Leistungsfähigkeit wahrnehmen und diese Einbußen auf das Älterwerden zurückführen. In der Folge hadert man dann mit dem Altern – und fühlt sich älter.
Susanne Wurm erklärt, dass man Ursache und Wirkung schon unterscheiden könne, denn es handle sich bei den relevanten Untersuchungen häufig um Längsschnittstudien. Dabei werden Personengruppen über einen längeren Zeitraum beobachtet, und man kann erkennen, ob die negative Einstellung zum Altern oder die schlechtere Gesundheit zuerst da waren. In der Tat hat sowohl das Gefühl, sich jünger zu fühlen, einen Effekt als auch eine positive Einstellung gegenüber dem Altern, sagt Wurm. Beides trage dazu bei, »dass Menschen über die Zeit hinweg weniger erkranken, eine bessere Mobilität haben, seltener stürzen und seltener an Demenz erkranken«. Das gilt sogar dann, wenn andere mögliche Einflussfaktoren herausgerechnet werden, etwa ein mehr oder weniger gesundes Verhalten oder psychische Faktoren, beispielsweise ein stärkerer Optimismus.
Mit Längsschnittstudien lassen sich ebenfalls sehr gut Effekte auseinanderdividieren, die sich gegenseitig beeinflussen. Man könne sich so etwa anschauen, »wie sich die Einstellung gegenüber dem Älterwerden zu einem bestimmten Zeitpunkt auf die Gesundheit Jahre später auswirkt«, sagt Susanne Wurm. Umgekehrt lasse sich aber auch erkennen, wie die Gesundheit zu einem bestimmten Zeitpunkt die Einstellung gegenüber dem Alter Jahre später voraussagt: Es gebe Wirkungen in beide Richtungen. »Dabei sehen wir, dass die Einstellung zum Älterwerden stärker die Gesundheit vorhersagt als umgekehrt die Gesundheit die spätere Einstellung.«
Das bestätigt der Psychologe und Alternsforscher Hans-Werner Wahl von der Universität Heidelberg. »Die Wirkung scheint eindeutig in eine Richtung zu gehen – ungünstiges subjektives Altern trägt zu gesundheitlichen Risiken bei«, umgekehrt wirke der Effekt deutlich schwächer. Die Psyche beeinflusst also offenbar ganz objektiv die Langlebigkeit – wenn auch vielleicht manchmal nur geringfügig. Allerdings haben »das subjektive Alter und die Einstellung zum Altern einen größeren Effekt auf die Langlebigkeit als beispielsweise das Rauchen«, macht Wahl deutlich. Aus seiner Sicht ist das subjektive Alter viel entscheidender als das objektive, oder etwas zugespitzt: »Altern findet vor allem im Kopf statt.«
Verschiedene Mechanismen sorgen
dafür, dass für den Körper Folgen haben kann, was im Kopf stattfindet.
Einfach nachvollziehbar ist, dass Menschen, die sich subjektiv jünger
fühlen oder eine positivere Sicht auf das Älterwerden haben, körperlich
aktiver sind. Sie ernähren sich gesünder und gehen häufiger zu
Vorsorgeuntersuchungen. »Es gibt dabei Abwärtsspiralen und
Aufwärtsspiralen«, sagt Susanne Wurm. »Wer etwa negativer auf das Altern
blickt, betätigt sich körperlich weniger, dadurch baut er physisch
schneller ab, was zu einer noch negativeren Sicht auf das Altern führt.«
Ein
wichtiger Faktor ist zudem der Umgang mit Stress. Ohnehin ist es eines
der größten Risiken für die psychische und physische Gesundheit, unter
Dauerdruck zu stehen. Menschen lassen dies mehr oder weniger an sich
heran: In einer Studie von Becca Levy stieg bei älteren Probanden mit
negativer Eistellung gegenüber dem Altern der Spiegel des Stresshormons
Kortisol im Lauf von 30 Jahren hinweg an – ein Anstieg, der bei eher
positiv eingestellten Personen nicht zu erkennen war.
Ein jüngeres subjektives Alter wirkt offenbar als
eine Art Stresspuffer, wie etwa eine aktuelle Langzeitstudie von Markus
Wettstein vom Deutschen Zentrum für Altersfragen in Berlin nahelegt:
Die Befragung nach drei Jahren ergab, dass sich größerer Stress weniger
nachteilig auf die Gesundheit von Probanden auswirkt, wenn diese sich
subjektiv jünger fühlten, als sie nach Lebensjahren objektiv waren.
Die
Psyche wirkt aber noch auf anderen Wegen. Hans-Werner Wahl verdeutlicht
dies an einem Beispiel. Wenn man sagt: »Frau Schmidt, toll, dass Sie
als hochbetagte Dame es hierhergeschafft haben und an einem kognitiven
Test teilnehmen«, dann werde die Probandin schlechter abschneiden, als
wenn man ihr Alter nicht betont. »Das hat viel mit Motivation zu tun«,
so Wahl. »Wenn man sich jünger fühlt, glaubt man, mehr erreichen zu
können.« Menschen, die sich jung fühlen, haben neben einem stärkeren
Lebenswillen eher das Gefühl, Dinge bewirken und Probleme bewältigen zu
können. Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Kompakt: Knochen, Muskeln, Gelenke – Das Gerüst unseres Körpers
Am Ende wird deutlich: Gutes und gesundes Altern ist auch
eine Frage der Einstellung. Doch was folgt daraus? Denn klar ist
ebenfalls, dass es bei dieser Einstellung nicht immer zum Besten steht.
In unserer westlichen Kultur hat das Altern ein echtes Imageproblem. Es
wird mit körperlichen Gebrechen, geistigem Verfall und dem Dahinsiechen
in Pflegeheimen assoziiert. Immerhin, das ließe sich durchaus ändern.
Man könne am Image des Alterns mit Interventionen arbeiten, sagt Susanne
Wurm: etwa Menschen dazu motivieren, darüber nachzudenken, was auch
schön am Älterwerden ist, statt einem defizitorientierten Denken nichts
entgegenzusetzen. Möglich wäre ebenfalls die Unterstützung durch neue
technische Hilfsmittel; so könnten ältere Menschen den Umgang mit
bestimmten Apps erlernen, dabei merken, was sie auch im Alter noch
leisten können, und eine positivere Sicht aufs Altern gewinnen.
Allerdings:
»Daneben brauchen wir viel differenziertere Bilder vom Alter in dem
Medien, in der Politik und der Arbeitswelt«, sagt Susanne Wurm. Was hier
schiefläuft, wurde in der Coronakrise deutlich: Ältere sind
beispielsweise recht einseitig als schutzbedürftig dargestellt worden.
»Dabei sind ältere Menschen keine homogene Gruppe, die man über einen
Kamm scheren kann.« Es wird also Zeit für neue Altersbilder. Und was
könnte als Anreiz verlockender sein, als gesünder und länger zu leben.
Nota. - Der Haken ist nur: Wie man sich fühlt, kann man sich nicht einfach aussuchen. Man muss ansetzen bei dem, was man vorfindet. Wieviel der gute Wille daran dann ändern kann, hängt davon ab, wie... man sich fühlt.
JE
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