Justen Beer zu Levana, oder Erziehlehre
aus DiePresse.com, 8. 6. 20211
Die Idee zur Erforschung von heutiger Kindheit vor dem Hintergrund
der Mediengesell-schaft hatte die Soziologin Astrid Ebner-Zarl, als sie
vor knapp zehn Jahren im Fernsehen über eine Folge der Castingshow „The
Voice Kids“ gestolpert ist. „Ich war sprachlos angesichts der
hochprofessionellen Auftritte von Kindern, die wie Erwachsene sangen und
auf der Bühne agierten“, sagt sie. Sofort sei ihr das soziologische
Konzept der Entgrenzung in den Sinn gekommen, das den Wandel der
Arbeitsgesellschaft seit den 1980er-Jahren angesichts der Auflösung der
Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und Privatleben beschreibt. „Der Begriff
stellte sich für mich in einen neuen Zusammenhang.“
Ebner-Zarl,
die an der Fachhochschule St. Pölten am Institut für Medienwirtschaft
tätig ist, beschloss, ihrem Gefühl wissenschaftlich nachzugehen, und
analysierte daraufhin deutsche und österreichische Castingshows für
Kinder. Ihre Ergebnisse sind kürzlich in Buchform erschienen („Die
Entgrenzung von Kindheit in der Mediengesellschaft“, Springer VS, 782
Seiten, 66,81 Euro).
Förderung und Leistungsdruck
Ebner-Zarl
stellte ihrer Studie die These voran, dass die Digitalisierung und neue
Medienplattformen Entgrenzungsprozesse zur Erwachsenenwelt anschieben:
„Kinder und Jugendliche gelten als besonders medienaffine Gruppen, und
in ihrer intensiven Nutzung von digitalen Medien gehen reale und
virtuelle Umwelten selbstverständlich ineinander über.“ Neben dieser
Mediatisierung seien für die Gegenwartskindheit auch Kommerzialisierung,
Sexualisierung sowie Frühförderung und Leistungsorientierung prägend.
In den von ihr untersuchten Castingshows „The Voice Kids“ und „Kiddy
Contest“ konnte Ebner-Zarl alle vier Aspekte wiederfinden: „Die beiden
Komponenten, die am stärksten zum Tragen kamen, sind Kommerzialisierung
sowie Frühförderung und Leistungsorientierung.“ Auch die konstatierte
Entgrenzung zwischen den Generationen führten die Talentshows
eindrücklich vor.
„Die Formate entsprachen in ihrer Dimension
großen Hauptabendshows für Erwachsene“, erklärt die Forscherin. Die
Teilnehmerinnen und Teilnehmer wirkten sowohl in ihrem Verhalten als
auch in ihrem Können sehr reif und unterschieden sich in vielerlei
Hinsicht, wie der hohen Professionalität oder dem Umgang mit Scheitern,
kaum von Erwachsenen. Darüber hinaus teilten die Kinder mit den
erwachsenen Akteurinnen und Akteuren der Shows nicht nur ähnliche
Social-Media-Kanäle und eine gemeinsame Populärkultur (musikalische
Orientierung, Styling, Musikgeschmack), sondern auch aus Songtexten
abgeleitete Erfahrungen von Liebe und Beziehung.
Dennoch kam es vor allem in „The Voice Kids“ zu Brüchen, die verdeutlichen, dass die Kandidatinnen und Kandidaten ungeachtet des erwachsenen Anscheins eben doch Kinder waren. „Dies äußerte sich zum Beispiel in der Mitnahme von Stofftieren, dem Interesse an kindlichen Themen und Wünschen wie hexen zu können.“
Momente der Enttäuschung
Klare
Grenzen fand die Soziologin in den Strukturen der Fernsehsendungen: Sie
wurden von den Erwachsenen gesetzt, die als Coaches oder Jury über
Scheitern und Weiterkommen entschieden – oftmals willkürlich und
subjektiv. Und auch wenn die meisten kontrolliert mit ihrem Ausscheiden
umgingen, so gab es wiederholt Kinder, die im Moment der Enttäuschung in
ihren Grundfesten erschüttert wirkten. Sie schienen unter Schock.
Stille Tränen und leere Blicke kennzeichneten ihre Reaktion: „Diese
Momente zeigten, dass sie durch die Willkürstrukturen der Shows auch
zutiefst verletzt werden können.“
Als ein kennzeichnendes Merkmal
für Kind-Sein in der Gegenwart leitet Ebner-Zarl aus den untersuchten
Sendungen die hohe Bedeutung der Talentförderung ab. Es herrsche eine
Sehnsucht nach dem „besonderen Kind“. Dabei handle es sich jedoch
keineswegs um ein Minderheitenphänomen. Das suggerieren zumindest die
Shows, wenn das junge Publikum aufgerufen wird, sich für die nächste
Staffel zu bewerben.
Nota. - Das obige Bild stammt nicht aus einer Castingshow, sondern gewissermaßen aus dem Gegenteil: einem Dance-Contest im HipHop-Milieu. Da hat zwar auch der Kommerz die Finger im Spiel, aber Veranstalter, Protagonisten un Publikum stehen sich hier unver-gleichlich näher als dort.
Der Wunsch, sich hervorzutun, ist keinem Kind ganz fremd. In einer von Erwachsenen für Erwachsene eingerichteten Welt muss es sich immer wieder mal ein bisschen geringge-schätzt vorkommen. In der Regel wird das kompensiert durch die Zuneigung und Hut, die es im Familienkreis und in der Nachbarschaft findet. Besondere Neigung und Begabung erlauben ihm dann gelegentlich mal einen Soloauftritt.
Wem es an alldem fehlt, neigt dazu, das Gefühl der Minderwertigkeit zu einem Komplex auszubauen. Einen Ausweg bietet die Überkompensation: eine Anstrengung weit über das normale Maß, um 'den Durchschnitt' zu überragen. Manche atemberaubende Spitzenlei-stung ist so zustandegekommen. Oft wirkt sie aber so wie der Versuch, den Durst mit Salzwasser zu löschen.
*
Wenn es aber wirklich so wäre, dass die Grenze zwischen Kindheit und Erwachsenheit schwindet, würde sich die Bedingungslage entschieden ändern. Entschiedener als durch eine 'Entgrenzung' der Kindheit freilich durch das Veralten der Erwachsenheit.
JE
Nota.
Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden.
Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht
wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE
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