Venus von Kostienki zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Wer an ein festes, beharrliches und todtes Seyn glaubt, der glaubt nur
darum daran, weil er in sich selbst todt ist; und, nachdem er einmal
todt ist, kann er nicht anders, denn also glau-ben, sobald er nur in sich
selbst klar wird. Er selbst und seine ganze Gattung von Anbeginn bis
ans Ende wird ihm ein zweites, und eine nothwendige Folge aus irgend
einem
/ voraus-zusetzenden ersten Gliede. Diese Voraussetzung ist sein
wirkliches, keinesweges ein bloss gedachtes Denken, sein wahrer Sinn,
der Punct, wo sein Denken unmittelbar selbst Leben ist; und ist so die
Quelle alles seines übrigen Denkens und Beurtheilens seines Geschlechts,
in seiner Vergangenheit, der Geschichte, seiner Zukunft, den
Erwartungen von ihm, und seiner Gegenwart, im wirklichen Leben an ihm
selber und andern.
___________________________________________________________
J. G. Fichte, Reden an die deutsche Nation, 7. Rede, SW Bd. VII, S. 372f.
Nota I. - Was für eine Philosophie man wählt, hängt davon ab, was man für ein Mensch ist: Das bedeutet nichts anderes. Die Wissenschaftslehre ist eine Anthropologie - aber keine the-oretische, sondern eine praktische: ein Postulat.
Nota II. - Anders kann es auch nicht sein, wenn man die Untersuchung so anlegt, dass die Vernunft als ihr eigener Zweck erscheinen muss - und ein freier Wille als ihr Ursprung. Die historisch-faktische Gegebenheit der Vernunft war die Voraussetzung der Kantschen Kri-tik gewesen. Deren Fortführung durch die Wissenschaftslehre hatte nach Abzug aller spezi-fischen Bestimmungen das sich-selbst-setzende Ich und ein ursprüngliches Wollen als ihren irreduziblen Grund freigelegt. Sofern - und so lange - das Wollen als dasjenige wirklicher historischer Menschen aufgefasst wird, muss Vernunft als immanente Bestimmung der Men-schen erscheinen.
Die Philosophen hätten die Welt nur verschieden interpretiert, es käme aber darauf an, sie zu verändern - dieser Satz stammt von Marx. Er hätte ebensogut von Fichte sein können. Die gemeinte Veränderung wäre gewesen, Vernunft in der Welt* zur Herrschaft zu bringen; nicht als zu einem Zeitpunkt erreichbares Ziel, sondern als allzeitige Richtung.
*) ahd. diu werelt: die Gegend, wo die Menschen sind.
JE
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen