Klicker, pixelio.de
Einbildungskraft ist das Vermögen, einen Gegenstand auch ohne dessen Gegenwart in der Anschauung vorzustellen.
Da nun alle
unsere Anschauung sinnlich ist, so gehört die Einbildungskraft, der
subjektiven Bedingung wegen, unter der sie allein den
Verstandesbegriffen eine korrespondierende An-schauung geben kann, zur
Sinnlichkeit; sofern aber doch ihre Synthesis eine Ausübung der
Spontaneität ist, welche bestimmend, und nicht, wie der Sinn, / bloß
bestimmbar ist, mithin a priori den Sinn seiner Form nach der Einheit
der Apperzeption gemäß bestimmen kann, so ist die Einbildungskraft
sofern ein Vermögen, die Sinnlichkeit a priori zu bestimmen, und ihre
Synthesis der Anschauungen, den Kategorien gemäß, muß die
transzendentale Synthesis der Einbildungskraft sein, welches eine
Wirkung des Verstandes auf die Sinnlich-keit und die erste Anwendung
desselben (zugleich der Grund aller übrigen) auf Gegenstän-de der uns
möglichen Anschauung ist.
Sie ist, als figürlich, von der intellektuellen Synthesis ohne alle
Einbildungskraft bloß durch den Ver- stand unterschieden.
Sofern die
Einbildungskraft nun Spontaneität ist, nenne ich sie auch bisweilen die
produk-tive Einbildungskraft, und unterscheide sie dadurch von der
reproduktiven, deren Synthesis lediglich empirischen Gesetzen, nämlich
denen der Assoziation, unterworfen ist, und wel-che daher zur Erklärung
der Möglichkeit der Erkenntnis a priori nichts beiträgt, und um
deswillen nicht in die Transzendentalphilosophie, sondern in die
Psychologie gehört.
__________________________________
Kant, Kritik der reinen Vernunft, B 151f.
Nota. - Kant
hat das phänomenologische Verfahren in die Philosophie eingeführt: Er
beob-achtet, was die Intelligenz auf ihrem Wege wirklich tut, und zerlegt
es analytisch, um einen Sinn darin erkenntlich zu machen. Dann
allerdings begnügt er sich mit einer Definition. So erhält er z. B.
nacheinander die drei Grundvermögen theoretische Vernunft, praktische
Ver-nunft und Urteilsvermögen. Sie nach ihrer Herkunft alias Wesen zu
befragen, hält er nicht für seines Amtes. Zwar deutet er die Möglichkeit
an, dass es sich 'im Grunde' nur um ver-schiedene Handlungsweisen ein
und desselben menschlichen Gesamtvermögens handeln könnte, aber er kommt
darauf nicht wieder zurück.
Hier nun hat die Beobachtung die Einbildungskraft identifiziert: das Vermögen, einen
Ge-genstand auch ohne dessen Gegenwart in der Anschauung vorzustellen.
So etwas kann die Intelligenz, wir können ihr dabei zusehen, aber woher
sie kommt, 'was sie ist', ist nicht wei-ter zu eruieren. Und dass sie
einmal produktiv, ein andermal nur reproduktiv tätig wird, muss
lediglich definitorisch unterschieden werden.
Dabei liegt eine Welt dazwischen, denn als bloß repoduktive fällt sie gar nicht in den Be-reich der Philosophie, sondern der Psychologie. Als produktive Einbildungskraft jedoch, als "eine Wirkung des Verstandes auf die Sinnlichkeit und die erste Anwendung desselben (zu-gleich der Grund aller übrigen) auf Gegenstände der uns möglichen Anschauung ist", fällt sie geradezu ins Zentrum der Transzendentalphilosophie!
Fichte hat sie folgerichtig zum menschlichen Grundvermögen erklärt, aus dem alle andern Tätigkeiten der Intelligenz abzuleiten sind.
JE, 15. 3. 15
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen