
Dienstag, 8. Juni 2021
Große Pupillen verraten hohe Intelligenz.

aus spektrum.de, 8. 6. 2021 zu Jochen Ebmeiers Realien
von Jason S. Tsukahara, Alexander P. Burgoyne, Randall W. Engle
Die Pupillen des Menschen weiten und verengen sich nicht nur mit wechselnden Lichtver-hältnissen: Sie verraten durch subtile Veränderungen auch etwas über Gefühlsregungen, verändern sich bei Erregung, Interesse oder psychischer Erschöpfung. Sie spielen also und bei der sozialen Kommunikation eine wichtige Rolle. Allerdings sind die Pupillen nicht nur ein Spiegel der Seele – sie könnten ebenso einen direkten Blick auf das Hirn und seine Lei-stungsfähigkeit möglich machen, wie die neuen Studienergebnisse unserer Arbeitsgruppe am Georgia Institute of Technology nahelegen.
Sie lassen eine erstaunliche Schlussfolgerung zu: Offenbar hängt die durchschnittliche Grö-ße der Pupillen eng mit Intelligenz einer Person zusammen – je größer die Pupillen, desto besser schnitten Freiwillige bei Tests ab, in denen die Fähigkeit zu logischem Denken, die Aufmerksamkeitsspanne und die Gedächtnisleistung ermittelt wurden. Dies bestätigte sich schließlich in drei unabhängigen Studien: Tatsächlich sind die Unterschiede der durch-schnittlichen Pupillengröße bei den besten und schwächsten Testteilnehmern der Kogniti-onstests groß genug, um sie mit dem bloßen Auge wahrnehmen zu können.
Die erste
Ahnung von diesem verblüffenden Zusammenhang hatten wir bekommen, als
wir versuchten, die mentale Anstrengung zu messen, die verschiedene
Probanden bei Gedächt-nistests aufwenden. Wir hatten die
Pupillenerweiterung damals als Messindikator für die Anstrengung
gewählt – eine Idee, die der Psychologe Daniel Kahnemann in den 1960er
und 1970er Jahren populär gemacht hatte. Bei diesen Versuchen war uns
eine Korrelation von Pupillengröße und Intelligenz bereits aufgefallen –
es war uns aber völlig unklar, ob der Effekt in der Realität etwas zu
bedeuten hat. Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Kompakt: Aufmerksamkeit und Konzentration
Mit den Messdaten berechneten wir dann die durchschnittliche Pupillengröße jedes Teilneh-mers – also den exakten Durchmesser der schwarzen, kreisförmigen Öffnung in der Augen-mitte. Er kann zwischen zwei und acht Millimetern liegen. Die Pupille ist von einem farbi-gen Bereich umgeben, der Iris, die für die Steuerung der Pupillengröße verantwortlich ist. Sie verengt die Pupillen unter anderem als Reaktion auf helles Licht, deshalb haben wir das Labor für alle Teilnehmer dunkel gehalten.
Im nächsten Teil des Experiments absolvierten die Teilnehmer eine Reihe von kognitiven Tests, bei denen wir die so genannte »fluide Intelligenz« bestimmt haben, also die Fähigkeit, neue Probleme zu durchdenken. Zudem ermittelten wir die Leistungsfähigkeit des Arbeits-gedächtnisses und die Fähigkeit, sich Informationen über einen bestimmten Zeitraum zu merken, sowie die Fähigkeit, trotz Ablenkungen und Störungen ein gewisses Maß an Auf-merksamkeit für die Aufgabe zu halten.
Solche Aufmerksamkeitskontrolltests am Computer können die Teilnehmer zum Beispiel vor die Aufgabe stellen, auffällig flackernde Sternchen an einer Stelle des Monitors bewusst zu ignorieren, während sie an einer anderen Stelle möglichst schnell Buchstaben identifi-zieren. Das klappt natürlich nur, wenn man nicht im falschen Augenblick wegschaut und den Buchstaben verpasst. Allerdings sind Menschen darauf programmiert, auf plötzlich erscheinende Objekte in ihrer peripheren Sicht zu reagieren – schließlich musste, so die gängige Erklärung, der Mensch im Laufe seiner evolutionären Entwicklung auf rasch auf-tauchende Beutetiere oder Feinde reagieren. Diese Reaktion zu unterdrücken, benötigt mentale Anstrengung.
Am Ende ergaben die Auswertungen, dass eine größere durchschnittliche Pupille mit einer höheren fluiden Intelligenz und Aufmerksamkeitskontrolle korreliert ist – und, allerdings weniger deutlich, mit der Kapazität des Arbeitsgedächtnisses. Interessanterweise hängen auch Pupillengröße und Alter zusammen; ältere Teilnehmer hatten tendenziell kleinere, stärker verengte Pupillen. Der Alterseffekt hat unsere Ergebnisse allerdings nicht entschei-dend beeinflusst: Rechnet man ihn heraus, so bleibt es bei dem beobachteten Zusammen-hang.
Die
Frage ist nur: Warum korrelieren Pupillengröße und Intelligenz
überhaupt? Hier hilft womöglich ein Blick auf die Arbeitsweise von
Sinnesapparat und Gehirn. Die Pupillengröße hängt mit der Aktivität im Locus coeruleus
zusammen, einem Areal im oberen Hirnstamm, das neuronale Verbindungen
in teils weit entfernte andere Bereiche des Gehirns bildet. Und der
Locus coeruleus setzt Noradrenalin frei, das sowohl als Neurotransmitter
als auch als Hormon im Gehirn und im Körper wirkt und Prozesse wie
Wahrnehmung, Aufmerksam-keit, Lernen und Gedächtnis reguliert. Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Kompakt: Die Vermessung der Intelligenz
Zudem übernimmt das Areal eine Funktion bei der Koordination
der Hirnaktivität und ermöglicht eine Zusammenarbeit von weit
voneinander entfernten Gehirnregionen bei komplexen Prozessen. Wenn der
Locus coeruleus nicht richtig arbeitet, dann bricht diese koordinierte
Hirnorganisation zusammen, was womöglich zu verschiedenen Störungen
führen kann – diskutiert wird etwa die Alzheimerkrankheit und die
Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Jedenfalls ist
Aktivitätsorganisation wohl enorm wichtig: Das Ge-hirn wendet hierfür die
meiste Energie auf, und das auch, wenn wir sonst gar nichts tun, also
etwa minutenlang auf einen leeren Computerbildschirm starren.
Zusammengefasst:
Es könnte sein, dass der Locus coeruleus von Menschen, die in
Inaktivi-tätsphasen größere Pupillen haben, die Aktivitäten effizienter
reguliert – was dann, so die Hypothese, der kognitiven Leistung und der
Gehirnfunktion im Ruhezustand zugutekommt. Dies muss noch durch weitere
Forschung untersucht werden – offensichtlich aber verrät unser Auge uns
wohl mehr, als man auf den ersten Blick denken könnte.
© Scientific American
Scientific American, »Pupil Size Is a Marker of Intelligence«, 2021
Nota. - Einer "macht große Augen" - was ist daran so interessant, dass ich es in mein Blog übernehme? Natürlich nicht die Pupille selbst. Sondern dass eine Funktion, die so tief im ältesten Teil des Gehirns verwuzelt ist, nicht nur auf der rein physiologischen Oberfläche 'erscheint', sondern zugleich im subtilsten Teil des Kognitionsapparats wirkt. Allerdings nicht auf der konkreten Sachebene des Dies-oder-Jenes-Bedeutens, sondern auf der Meta-Ebene des Dass.
Wenn es sonst nichts zu bedeuten hat, illustriert es immerhin die systemische Verfassung unseres Gehirns, und macht seine Plastizität einsichtiger.
JE
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