aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
3. Das eben Aufgezeigte soll an das, wovon wir im vorigen Paragraphen
gesprochen haben, angeknüpft werden. Es war die Rede von dem
Mannigfaltigen des Gefühls, inwiefern wir Kausalität haben; oder wie wir
Einheit in das Mannigfaltige bringen dadurch, dass wir es auf unser
Wollen beziehen und davon ableiten. Das ist der Anfang alles
Bewusstseins.
Diesen Zustand wollen wir näher betrachten: In ihm liegt zweierlei ganz
Verschiedenes. Es sind gleichsam zwei Seiten, auf der einen etwas
Sinnliches, das Mannigfaltige des Gefühls; auf der anderen Seite das
intelligible Ich, das Wollende. In der Mitte als Vereinigung von beiden:
das Denken meiner selbst als enthaltend den Grund der Sukzession des
Mannigfal-tigen. Wie ist nun dieses Denken meiner selbst möglich?
Dies untersuchen wir
jetzt. Wie finde ich mich, wie werde ich mir gegeben? Denn das Denken
ist ein idealer Akt, welcher sein Objekt als gegeben voraussetzt.
Im vorigen Paragraphen haben wir vorläufig geantwortet: Dieses Denken bezieht sich auf eine intellktuelle Anschauung; //142// und dies muss hier näher bestimmt werden. Was ist denn nun die intellektuelle Anschauung selbst, und wie entsteht sie?
Entstehen ist ein
Zeitbegriff, ein Sinnliches, aber die intellektuelle Anschauung ist
nicht sinnlich, sie entsteht also nicht, sie ist; und es kann nur von
ihr gesprochen werden im Gegensatz zur sinnlichen.
Zuvörderst kommt die
intellektuelle Anschauung nicht unmittelbar vor, sondern sie wird in
jedem Denkakte nur gedacht, sie ist das Höchste im endlichen Wesen. Auch
der Philosoph kann sie nur durch Abstraktion und Reflexion zu Stande
bringen.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 141f.
Nota. - Das Denken ist ein idealer Akt, welcher sein Objekt als gegeben voraussetzt. Der Ausgangspunkt ist die Sinnlichkeit, das Gefühl.
Soll ich mir als gegebenes Objekt vorkom-men, muss ich mich als Teil des
Mannigfaltigen anschauen. Zugleich soll mich aber als das Wollende
denken, welches ein Intelligibles ist. - Die Mannigfaltigen stehen zu
einander im Verhältnis der Dependenz. Mich als wollend und als Teil des sinnlich Mannigfaltigen auf-fassen kann ich als Kausalität (=das Kausierende) der Dependenz: als absoluter Anfang der Sukzession. - Das kann in unmittelbarer Anschauung nicht geschehen, es muss gedacht werden - nämlich als notwendig anzunehmende Vorausssetzung all meines Tuns; als etwas, das vor dem 'absoluten Anfang' lag. Es ist ein Reflexion, die nicht über sich hinaus, sondern hinter sich zurück geht.
JE, 19. 12. 16
Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE
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