Sonntag, 29. November 2020

Frédéric Bazille.

 aus FAZ.NET, 28.11.2020                                                                    L'ambulance improvisée (Claude Monet blessé) 1865

Maler Frédéric Bazille: Ein Initiator der Moderne
Kaum hatte er seinen Vater von seinem Weg überzeugt, zerstörte der deutsch-französische Krieg eine vielversprechende Karriere: Vor hundertfünfzig Jahren fiel der Maler Frédéric Bazille auf dem Schlachtfeld.
 
Von Peter Kropmanns, Paris
 
Schon einige Jahre bevor es junge Künstler wie Liebermann, Corinth oder Klinger zwecks Weiterbildung an die Seine zog, hat sich der Maler Otto Scholderer nach Paris begeben, wo er kein Fremder blieb: Im Frühjahr 1870 konnte man ihn im Salon, der wichtigen Jahresausstellung, auf einem großformatigen Gemälde dargestellt ausmachen. Henri Fantin-Latour hatte den Frankfurter auf dem Gruppenbild „Un atelier aux Batignolles“, heute im Pariser Musée d’Orsay, stehend neben den vor einer Staffelei sitzenden Manet plaziert. Es zeigt an ihrer Seite Monet, Renoir, den Kunstsammler Maître sowie die Kritiker Astruc und Zola. Fantin widmete das Bild – ein Manifest – Protagonisten im Kampf gegen Verkrustungen des Kunstlebens und Konventionen in der Malerei. In diesen Kreis von Vertretern neuer Sehweisen nahm er auch Frédéric Bazille auf.
 
 
Scène d'été, 1869 

Der elegant aussehende Bazille war 1862 als Medizinstudent aus Montpellier nach Paris gekommen. Er spielte leidenschaftlich Klavier, begeisterte sich für Berlioz oder Chopin und war geradezu versessen auf Noten von Komponisten wie Mendelssohn-Bartholdy, Schumann und Wagner, möglicherweise auch Brahms. Mehr noch als Anatomie und Musik fesselte ihn Malerei. Aus der Nebensache wurde schnell Berufung. Als Schüler der privaten Akademie von Charles Gleyre gründete er mit seinen Kameraden Monet und Renoir Wohn- und Ateliergemeinschaften; Sisley war dort häufiger Gast. Sie alle waren noch unbekannt und lebten von der Hand in den Mund. Ihre Hoffnung galt dem Erfolg – mit Freilichtmalerei, leuchtenden Farben und neuen Motiven oder neu gesehenen Themen.

 

Le petit jardinier
 
Im Kugelhagel der Geschütze

Im täglichen Miteinander und bei gemeinsamen Aufenthalten in der Normandie oder am Wald von Fontainebleau schuf Bazille Landschaften und Stillleben, Akte und Interieurs, Porträts, Selbstbildnisse und Figurenbilder. Monet malte er als von ihm improvisiert verarzteten Rekonvaleszenten im Bett, Renoir porträtierte er mit an die Sitzfläche eines Stuhls hochgezogenen Füßen. Als Modelle dienten daneben Familienmitglieder, eine Blumen arrangierende Schwarze oder Männer, die fischen oder baden. 


Pierre-Auguste Renoir

Dabei blitzen Reminiszenzen an Alte Meister oder zeitgenössische Idole auf. Mediterranen Überschwang dämpft protestantischer Glaube. Nur vermeintlich widersprüchlich ist, dass Bazille sich selbst das Etikett eines „Historienmalers“ anheftete, nicht das eines „Peintre de la vie moderne“ (Baudelaire), während seine Bilder mit herkömmlicher Kunst wenig, dagegen einiges mit der Suche nach Alternativen zu tun hatten. Mit jener „nouvelle peinture“ (Duranty) nämlich, die um 1865 im Entstehen war und 1874 bis 1876, versehen mit dem Etikett „Impressionismus“, ihren Durchbruch erlebte.

 

Aigues-Mortes

Diesen Siegeszug erlebte Bazille nicht mehr. Trotz vorangegangener diplomatischer Verstimmungen ahnte kaum jemand, der im Salon das Gemälde Fantins betrachtete oder auch auf ihm dargestellt worden war, dass die Welt nur wenige Wochen später aus den Fugen geraten würde. Frankreich und Deutschland begannen im Juli 1870, Krieg zu führen, nicht mal ein halbes Jahr später war nichts mehr, wie es war und – Bazille tot. Er hatte Atelier und Künstlercafés adieu gesagt, sich freiwillig ins Feld gemeldet und stieß nach kurzer Ausbildung in Algerien zum 3. Regiment der Zuaven. Knapp hundert Kilometer südlich von Paris und fünfzig vom Wald von Fontainebleau entfernt, geriet er dann zwischen bald preußische, bald bayerische Verbände. Am 28. November, vor 150 Jahren, fiel er bei Beaune-la-Rolande im Kugelhagel der Geschütze; einige Tage später wäre er 29 Jahre alt geworden.

 

Selbst.

Nachrichten von den Kämpfen, denen auf beiden Seiten viele tausend Soldaten zum Opfer gefallen waren, drangen schnell bis nach Montpellier. Gaston Bazille wurde über eine Verwundung seines Sohnes informiert und machte sich unverzüglich auf die 700 Kilometer lange Reise. Als er ankam, herrschte klirrender Frost. Statt in ein Lazarett wurde er auf einen Acker geführt, wo trotz heftigen Schneetreibens Pferdekadaver sowie verlorene Helme, Säbel und Rucksäcke zu erkennen waren. Wenig später ließ er Frédéric aus einem Massengrab bergen und in die Heimat überführen. Vater Gaston und Mutter Camille erreichten tröstende Worte von Manet, Zola und Renoir. Scholderer schrieb, sich daran zu erinnern, dass der Verstorbene derart von Zweifeln am Erfolg seiner Bilder geplagt wurde, als habe dies in Verbindung zu seinem frühen Tod gestanden.

 

Henri Fantin-Latour, Ein Atelier in Batignolles 1870; v. lks. Otto Schölderer, Édouard Manet, Pierre-Auguste Renoir, Zacharie Astruc, Émile Zola, Edmond Maître, Fréd. Bazille, Claude Monet

Als Initiator der Moderne gewürdigt

Tatsächlich hatte Bazille viel gehadert – zunächst, weil von ihm erwartet wurde, eine gesellschaftliche Stellung zu erlangen. Doch kaum hatte er die Medizinische Fakultät in Montpellier mit der in Paris getauscht, wo er Theater, Konzerte und Künstlertreffpunkte wie „Closerie des Lilas“, „Bal Bullier“ oder „Café Guerbois“ besuchte, erinnerte er sich Eindrücken, die er als Jugendlicher bei erstem Zeichenunterricht und Besuchen des Musée Fabre, des Kunstmuseums seiner Heimatstadt, sowie des Nachbarn Alfred Bruyas gewonnen hatte. Dieser war Sammler und besaß unter anderem Werke von Courbet. In Paris gewahrte Bazille, dass man hier nur noch von diesem „Realisten“ sprach – und von Manet, dem zweiten „Skandalmaler“ jener Jahre. Je mehr er das Interesse an eine „bürgerliche Karriere“ versprechenden Seminaren verlor und das an einer Ausbildung zum Maler zeigte, desto mehr schien er auf Widerstand seines Vaters zu stoßen. 1869, bei der „Inspektion“ des Pariser Ateliers, überzeugte diesen eines seiner Bilder jedoch so sehr, dass er es trotz der Gegenwehr seines Urhebers kurzerhand nach Montpellier expedieren ließ.

 

  La toilette, 1870

Besonders für eine Retrospektive in Montpellier, die 2016/17 gleichfalls in Paris und Washington zu sehen war, sind das kurze Leben und das entsprechend überschaubare Werk Bazilles aufgearbeitet worden; dafür haben Franzosen wie Amerikaner ältere Grundlagenforschung revidiert. Obwohl sich Bazille für deutsche Musik begeisterte und ihn deutsche Kugeln trafen, diesseits des Rheins auch stets Interesse nicht nur am Impressionismus, sondern auch an dessen Entstehung bestand, hat sich hierzulande bisher kein Museum an eine Ausstellung getraut: Zweifel an der Neugierde des Publikums und Furcht um „die Quote“ standen dagegen.

 

Saint Sauveur, 1865

Dabei lieferten vorzügliche deutschsprachige Kenner französischer Kunst Steilvorlagen: Um 1900 haben Hugo von Tschudi, erst Direktor der Nationalgalerie in Berlin, dann der Gemäldesammlungen in München, der Kunstschriftsteller Julius Meier-Graefe sowie der Kunsthistoriker Richard Muther Werke Bazilles kommentiert. Das geriet in Deutschland in Vergessenheit, wurde aber auch von der Bazille-Forschung bis heute nicht registriert. Dagegen hat diese kolportiert, der Kunsthistoriker Otto Grautoff habe in den zwanziger Jahren eine Bazille-Schau geplant, und immerhin wahrgenommen, dass der von den Nationalsozialisten verfolgte Kollege Ernst Scheyer (Breslau/Detroit) und der ebenfalls in die Emigration gezwungene Kunsthistoriker Gustav alias John Rewald (Hamburg/New York) Bazille seit den vierziger Jahren als einen Initiator der Moderne gewürdigt haben.

Selbst.
 

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