Gauguins Palette aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Sehen Sie in diesem Beispiele
eine kurze Geschichte der Entwickelung unseres ganzen ästhetischen Vermögens. Während
der ruhigen Betrachtung, die nicht mehr auf die Erkenntnis dessen, was längst
erkannt ist, absieht, son- dern die gleichsam nochmal zum Überflusse an den
Gegenstand geht, - entwickelt, unter der Ruhe der Wissbegier- de und des
befriedigten Erkenntnistriebes, in der unbeschäftigten Seele sich der ästhetische
Sinn. ...
Von dieser noch an dem Faden der Wirklichkeit fortlaufenden Betrachtung, wo es uns schon nicht mehr um die wirkliche Beschaffenheit der Dinge, sondern um ihre Uebereinstimmung mit unserem Geiste zu tun ist, erhebt sich dann bald die dadurch zur Freiheit erzogener Einbildungskraft zur völligen Freiheit; einmal im Gebiete des ästhetischen Triebes angelangt, bleibt sie in demselben, auch da, wo er von der Natur abweicht, und stellt Gestal- ten dar, wie sie gar nicht sind, aber nach der Forderung jenes Triebes seyn sollten: und dieses freie Schöpfungsve- rmögen heißt Geist. Der Geschmack beurtheilt das Gegebene, der Geiste erschafft. ... Man kann Geschmack ha- ben ohne Geist, nicht aber Geist ohne Ge/schmack.
___________________________________________________________ Von dieser noch an dem Faden der Wirklichkeit fortlaufenden Betrachtung, wo es uns schon nicht mehr um die wirkliche Beschaffenheit der Dinge, sondern um ihre Uebereinstimmung mit unserem Geiste zu tun ist, erhebt sich dann bald die dadurch zur Freiheit erzogener Einbildungskraft zur völligen Freiheit; einmal im Gebiete des ästhetischen Triebes angelangt, bleibt sie in demselben, auch da, wo er von der Natur abweicht, und stellt Gestal- ten dar, wie sie gar nicht sind, aber nach der Forderung jenes Triebes seyn sollten: und dieses freie Schöpfungsve- rmögen heißt Geist. Der Geschmack beurtheilt das Gegebene, der Geiste erschafft. ... Man kann Geschmack ha- ben ohne Geist, nicht aber Geist ohne Ge/schmack.
J. G. Fichte, Über Geist und Buchstab in der Philosophie [1794] SW VIII , S. 290f.
Nota. - Fichte versteht unter Trieb nicht eine physiologisch bestimmte Energie; für ihn ist das menschliche Ver- mögen "eins". Aber es kann sich mannigfaltig an diesen oder jenen Gegenstand verwenden. Zuerst gestaltet es sich, zwecks Befriedigung seiner physischen Notdurft; zum Erkenntnistrieb. Doch darin erschöpft es sich nicht. Was darüber hinausschießt, sucht nach einem Gegenstand, worauf es sich verwenden kann, und wo es nichts vorfindet, er findet es selber. Das nennt er den ästhetischen Trieb.
JE
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