In den 1980er Jahren wurde er kultisch verehrt, heute ist er beinahe vergessen: die Geschichte von
Aufstieg und Fall des Philosophen Jacques
Derrida
«Dekonstruktion» nannte er sein Denken, und der Begriff gehört längst zum gepflegten Alltagsvokabular. Dennoch wirken Jacques Derridas Schriften heute bloss noch wie ironische Gesten aus einer fernen Zeit. Eine Erinnerung anlässlich seines 90. Geburtstags.
«Dekonstruktion» nannte er sein Denken, und der Begriff gehört längst zum gepflegten Alltagsvokabular. Dennoch wirken Jacques Derridas Schriften heute bloss noch wie ironische Gesten aus einer fernen Zeit. Eine Erinnerung anlässlich seines 90. Geburtstags.
Als Jacques Derrida im Oktober 2004 starb, hatte der von ihm erfundene Stil philosophischen Schreibens den Höhepunkt seiner Faszination überschritten. Die Intensität der Reaktionen auf diesen Tod liess schon damals erahnen, dass eine Epoche an ihr Ende gekommen war.
Die «New York Times», die gleich zwei Nachrufe publizierte, erhob Derrida zum «grössten Philosophen des zwanzigsten Jahrhunderts». Und amerikanische Universitäten richteten spezielle Sitzungen ein, um Derridas Bewunderern öffentliche Abschiede von ihrem Helden zu ermöglichen. Damit setzten sie eine quasireligiöse Haltung fort, die bis dahin nur wenigen anderen Autoren (Karl Marx etwa oder Sigmund Freud) vergönnt war und in der immer selben Leser-Frage Ausdruck fand, «was Derrida uns denn habe sagen wollen». So als sei jedes Wort aus Derridas Hand – wie das Wort eines monotheistischen Gottes – immer schon an alle Menschen (einschliesslich der ganzen Nachwelt) gerichtet gewesen.
Aufhalten oder gar umkehren konnten diese Gesten den damals bereits fortschreitenden Kursverfall der Dekonstruktion freilich nicht. Bis vor kurzem hat zwar in politisch korrekten Zirkeln der Habitus überlebt, von ihren Autoren in ostentativer Hochachtung zu sprechen – vielleicht weil sie immer noch mit der Chance assoziiert werden, intellektuelle Gegner mittels weniger wohlklingender, aber schwerverständlicher Sätze abzukanzeln und sich selbst zugleich unangreifbar zu machen.
Jüngst aber hat sich der Eindruck schnell wachsender Ferne zu einem Extremfall der Rezeptionsgeschichte verdichtet angesichts der konkreten Gewissheit, dass kein philosophischer Ansatz weniger Bedeutung für Corona-Zeiten haben kann als die einst halbgöttliche Dekonstruktion. Was steckt hinter dieser einzigartigen Bewegung von Aufstieg und Verfall?
Der frühe Erfolg: die Faktoren
Derrida war mit einem Schlag durch drei im persönlichen «Wunderjahr» 1967 publizierte Bücher international berühmt geworden. Schon 1966 hatte ihn bei einer den grossen französischen Denkern gewidmeten Tagung an der Johns Hopkins University seine innovative – und bald durch eine Sammlung von Essays verbreitete – Kritik am damals dominanten Paradigma des Strukturalismus vom unbekannten jungen Gelehrten zum akademischen Geheimtipp gemacht. Wie sich zeigte, liess sich jenes «Auseinandernehmen» («Dekonstruktion») des für den Strukturalismus typischen Objektivitätsanspruchs auch auf den damals virulenten, aber von Derrida nie kritisch erwähnten Marxismus beziehen. Hier lag eine erste Komponente des Erfolgs.
Zweitens hatte Derrida seine als «Metaphysik-Kritik» – das hiess: als Skepsis gegenüber jedem Glauben an objektive Welterfassung – angelegte These in einer Auseinandersetzung mit Edmund Husserls Methode entwickelt, via Selbstbeobachtung allgemeine Grundformen des menschlichen Bewusstseins zu erfassen. Dieses Verfahren, so Derridas in mikroskopischer Nähe zu Husserls Schriften erarbeitete Monografie «Die Stimme und das Phänomen», gehe auf das Prinzip der platonischen Texte zurück, primär schriftlich vollzogene Reflexionen über das Bewusstsein und über die Welt als Gespräche zu inszenieren. Denn erst aus dieser inszenierten Mündlichkeit entstehe die Illusion, sich selbst – objektiv – hören zu können und dadurch als ganzes Bewusstsein oder gar als «Person» zu erfassen, die über der europäischen Tradition der Welterfassung liege.
In der nun von Derrida vollzogenen Verschiebung der Aufmerksamkeit von der mündlichen Rede hin zur Schrift und Lektüre sollte die Möglichkeit eines neuen Weltzugangs liegen – die Welt liegt demnach niemals als ganze vor, sondern bloss in Fragmenten, die sich ihrerseits zuletzt niemals gänzlich entziffern lassen. Er versuchte zu demonstrieren, dass selbstreflexive Gewissheit immer nur für den Sekundenbruchteil eines je gegenwärtigen Lesemoments gegeben sei (nie in übergreifenden Synthesen) – und deshalb für die Erkenntnis keine Konsequenzen habe. Alle deutlichen Begriffsunterscheidungen und mithin jede Annahme, die Welt sprachlich erfassen zu können, beruhten auf der illusionären Wirkung von Synthesen und seien deshalb als naiv abzulehnen.
Das Panorama denkbarer historischer und systematischer Einwände gegen Derridas Metaphysik-Kritik ist von ihren Gegnern gnadenlos entfaltet worden. Es führt allerdings nicht an dem Talent vorbei, mit dem er vor allem in «Grammatologie», seinem längsten und dunkelsten Buch, die immer selbe philosophische Intuition zu einem literarisch attraktiven Diskurs verarbeitete, der über Jahrzehnte zahllose Versuche der Nachahmung anregte. Dieser Diskurs traf vor allem in den Vereinigten Staaten auf eine intellektuelle Stimmung, welche die Dekonstruktion in den Jahren nach 1968 zum Ereignis werden liess.
Zunächst einmal konvergierte Derridas textnahe Arbeit (man hat zu Recht bemerkt, dass seine Essays stets an Rezensionen erinnern) mit der Kultur des «close reading», wie sie in den amerikanischen Geisteswissenschaften seit den späten zwanziger Jahren zur Norm geworden war. Vor allem aber traf die frühe Dekonstruktion in den westlichen Ländern auf eine Generation von Intellektuellen, die, tief enttäuscht von den politischen Schritten der hegemonialen Sowjetunion, vor dem schweren Schritt stand, sich vom Marxismus als zuvor mit Begeisterung hochgehaltener Alternative zu verabschieden. Ihnen eröffnete Derridas Denken eine Chance, den Abschied zu vollziehen, ohne ihre neue – potenziell peinliche – Distanz zum Marxismus explizit machen zu müssen. Und er gab ihnen mit dem Abbau der vermeintlich naiven «Metaphysik» zugleich eine neue existenzielle Mission.
Derridas Schwäche: Abgrenzungsunfähigkeit
Zweifellos hat die Dekonstruktion – gemeinsam mit anderen Metaphysik-kritischen Denkbewegungen jener Zeit, wie etwa Richard Rortys «Pragmatismus» oder Niklas Luhmanns «Systemtheorie» – die selbstzufriedene Szene der etablierten philosophischen Schulen heftig aufgemischt. Dennoch hatte sie von Anfang an ein klares Ablaufdatum – weil sie sich inflationär auf alles und jedes anwenden liess.
Als langfristig entscheidende Bedrohung für das Ansehen Derridas erwies sich keinesfalls ein Mangel an Kompetenz, sondern seine freundliche Neigung, den Projektionen jener Leser allzu weit entgegenzukommen, die von Bewunderern zu Gläubigen geworden waren (nicht zufällig sprach man damals in Frankreich von der «chapelle déconstructiviste»). Bei drei Vortragsbesuchen in Stanford während seines letzten Lebensjahrzehnts beeindruckte uns Jacques Derrida in der Tat als ein eher bescheidener Kollege, dessen Umgangsformen an einen Diplomaten oder auch an den Besitzer eines Weinguts erinnerten. Mit dem Propheten-Antlitz der Buchumschläge, dessen Blick ekstatisch ins Weite gerichtet war, jedenfalls hatte seine Präsenz rein gar nichts zu tun.
Umso mehr waren wir Universitäts-Amerikaner deshalb vom zeremoniellen Protokoll eines Rituals überrascht, das sich nach Derridas Diskussion mit den Doktoranden ergab. Geduldig standen sie an, um dem Meister dankbar schweigend die Hand zu drücken, und wurden durch Momente ebenfalls schweigenden Augenkontakts belohnt. Die meisten kalifornischen Jünger bauten in ihrem Augen-Blick die Übergabe von Kuverts ein, die der Gast mit einer einvernehmlich wirkenden Verbeugung entgegennahm.
Wir Zuschauer ahnten, was es mit dieser Choreografie auf sich hatte. Anfang 1982 war Derrida bei einem Besuch in der Tschechoslowakei wegen mutmasslichen Drogenhandels verhaftet und bald wieder freigelassen worden. Den internationalen Aufschrei der Entrüstung begleitete sofort die stillschweigend-begeisterte Identifikation mit einem Autor, der seine Texte anscheinend unter Drogeneinfluss schrieb.
Seither, erzählte mir Derrida eine halbe Stunde später auf dem Weg zum Hotel, seien solche Kuverts zu einer Routine seiner Gastauftritte geworden – weil er es nicht übers Herz bringe, den grosszügigen Anhängern zu gestehen, dass Rauschmittel nie zu seinem Leben gehört hätten. Dann liess er die Scheibe des Autos herunter und entledigte sich der Geschenke, die als eine kleine weisse Wolke im Fahrtwind zurückblieben.
Ähnlich muss es ihm mit den Lieblingstexten und Ideologien seiner Lesergemeinde gegangen sein. Es fiel Jacques Derrida einfach schwer, Erwartungen zu enttäuschen und sich von sympathiegetragenen Projektionen abzugrenzen. Dies erklärt, warum er immer mehr Aufsätze und Bücher über Themen verfasste, zu denen er wenig zu sagen hatte. Die vielleicht auffälligsten Beispiele sind der verzweifelt geistreiche Vergleich zwischen James Joyce’ Roman «Ulysses» und dem Klang eines Grammophons sowie das späte Werk über Karl Marx mit seinen endlosen Wortspielen, die von der Rede über den Kommunismus als «Gespenst» im Manifest von 1848 ausgehen. Sie sind heute – zu Recht – völlig vergessen.
Denken einer untergegangenen Welt
Von den Spielen mit der Metaphysik-Kritik sind die Philosophen inzwischen zu einem neuen Ernst und einem neuen Realismus zurückgekehrt, die sich ihrer Grenzen bewusst sind. Für Autoren wie Kwame Anthony Appiah in New York, Bruno Latour in Paris oder Markus Gabriel in Bonn steht die Unmöglichkeit «objektiver» Analysen im traditionellen Sinn ebenso fest wie die Notwendigkeit, ihnen so nah als möglich zu kommen. Der inflationäre Verweis der Dekonstruktion auf die Illegitimität klarer Begriffsunterscheidungen ist so inzwischen zur ironischen Erinnerung an eine entfernte Vergangenheit abgestiegen, als die solide Welt solche als Ernst getarnte philosophische Spielereien noch ertrug.
Nun hat ein Virus die Menschheit herausgefordert, das sich weder von den Naturwissenschaften beschreiben noch von Statistiken erfassen lässt – nicht zu reden von den existenziellen Konsequenzen der Pandemie für individuelles oder gesellschaftliches Leben. Aus ironisch getönten Erinnerungsstücken werden Derridas Texte im Wind der Gegenwart zu weissen Wolken aus der Schönwetter-Philosophie einer anderen Welt.
Kaum zu glauben, aber wahr: Am 15. Juli 2020 wäre Jacques Derrida 90 Jahre alt geworden.
Nota. - Nach Descartes waren französische Denker eigentlich eher Literaten, littérateurs - das begann mit seinem jüngeren Zeitgenossen Pascal, fand seinen Höhepunkt und relative Rechtfertigung bei den Enzyklo-pädisten, die zu ihrer Zeit indes les philosophes genannt wurden, und reicht über Bergson und Sartre bis - Jacques Derrida. Die Eigenart dieser Gattung ist es, dass sie aktuell Furore machen kann, aber gar nicht für die Ewigkeit geeignet ist. Sie überlebt ihre Autoren nur selten.
Es ist eine Sache des Publikums und seiner Erwartungen. Aber eine Sache des Nationalcharakters ist es nicht: Unserm Adorno, der doch seine bierernste Miene keinen Moment abgesetzt hat, ging es nicht anders. Allerdings sind bei uns nicht alle so.
JE

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