aus spektrum.de, 2. Jul 2020 zu Levana, oder Erziehlehre
Verstehen Kleinkinder, was in unserem Kopf vorgeht?
Bislang ging die Wissenschaft davon aus, dass Kinder sich
erst im Alter von etwa vier Jahren in die Perspektive anderer
hineinversetzen können. Erst dann würden sie verstehen, dass andere
manchmal anders denken als sie selbst. In den letzten Jahren haben
Forscher jedoch herausge-funden, dass schon jüngere Kinder mit ihrem
Blick signalisieren, was der andere denken könnte.
von Charlotte Grosse-Wiesmann
Die dreijährige Maja spielt mit ihrem Papa Verstecken. Zunächst
versteckt sich der Papa demonstrativ hinter dem Vorhang. Maja rennt
lachend hinterher und enttarnt ihn. Dann ist Maja dran mit dem
Verste-cken. Sie bleibt direkt vor ihrem Papa stehen und hält sich
einfach mit den Händen die Augen zu. Eine Szene, die viele schon gesehen
oder davon gehört haben. Kleine Kinder zwischen zwei und vier Jahren
halten beim Versteckspiel oft einfach ihre Augen zu. Sie scheinen zu
denken: Wenn ich mich selbst nicht sehe, kann mich auch niemand anders
sehen.
Auch wenn Maja vorhersagen soll, wo ihr Bruder nach der Schokolade
suchen wird, die der Papa vor ihm versteckt hat, fällt es ihr schwer,
zwischen ihrer eigenen Perspektive und der ihres Bruders zu
unterschei-den. Kennt sie selbst das neue Versteck, geht sie automatisch
davon aus, dass auch ihr Bruder weiß, wo die Schokolade jetzt ist und er
direkt zum richtigen Ort gehen wird. Maja scheint noch nicht zu
verstehen, dass andere um sie herum andere Dinge sehen und wissen, als
sie selbst. Dieser Entwicklungsschritt, sich in andere hineinzuversetzen
und zu verstehen, was in ihnen vorgeht, gilt als ein Meilenstein in der
Entwick-lung sozialer Fähigkeiten.
Bislang ging die Wissenschaft davon aus, dass Kinder sich erst im
Alter von etwa vier Jahren in die Per-spektive anderer hineinversetzen
können. Erst dann würden sie verstehen, dass andere manchmal anders
denken als sie selbst. In den letzten Jahren haben Forscher jedoch
herausgefunden, dass schon jüngere Kinder in ihrem Blick richtige
Erwartungen an das Suchverhalten anderer zeigen – aber nur, solange man
sie nicht direkt danach fragt. Kommt der Bruder auf der Suche nach
Süßigkeiten in den Raum, schauen sie zum Beispiel mehr zum
ursprünglichen Ort der Schokolade als zum neuen Versteck, von dem der
Junge noch nichts weiß. In ihrem Blick scheinen sie richtig
vorherzusagen, dass der er am alten Ort suchen wird. Fragt man sie
jedoch direkt, wo der Bruder jetzt hingehen wird, geben sie die falsche
Antwort, als wüsste der Bruder bereits ebenso wie sie vom dem neuen
Versteck.
Diese neuen Befunde waren für die Forschung ein Rätsel: Warum können
Vorschulkinder das Suchver-halten und fehlende Wissen der anderen noch
nicht in Worte fassen, wenn doch Säuglinge schon zum richtigen Ort
schauen?
Eine neue Studie hat jetzt herausgefunden, dass es sich hierbei um
unterschiedliche kognitive Prozesse handelt, die durch unterschiedliche
Hirnnetzwerke unterstützt werden (Link zur Original-Studie: hier).
Erst wenn die Hirnregionen herangereift sind, die auch bei Erwachsenen
für die Perspektivübernahme zuständig sind, können Vierjährige
formulieren, was andere wissen oder denken und sich so daraus
erschließen, wie diese handeln werden. Während dieser Entwicklung reifen
nicht nur die einzelnen Hirnregionen heran. Auch ihre Verbindungen
miteinander im Gehirn werden stärker (Referenz hier).
Erst im Alter von vier Jahren, wenn dieses Netzwerk vollständig
ausgereift ist, verstehen Kinder, dass andere eine unterschiedli-che
Perspektive haben als sie selbst.
Die Säuglinge benutzen für ihr Blickverhalten hingegen eine andere
Strategie, die auf einem völlig anderen Hirnnetzwerk beruht. Sie schauen
zwar zum richtigen Ort, an dem der Bruder vergeblich nach der
Schokolade suchen wird, scheinen sich aber noch nicht in gleicher Weise
zu erschließen, was sich dieser dabei denkt. Es ist sogar unklar, ob die
kleinen Kinder selbst noch wissen, wo die Schoko-lade wirklich ist oder
ob sie sich womöglich durch das Unwissen des Bruders haben anstecken
oder verwirren lassen. Tatsächlich wäre dies gar nicht so unpraktisch.
Für ein Baby oder Kleinkind ist es womöglich wichtiger zu wissen, was
Mama oder Papa tun werden und erwartungsvoll in ihre Richtung zu schauen
– als selber zu wissen, wo das Essen ist.
Zurück zum Versteckspiel. Ob Maja wirklich nicht versteht, dass die
anderen sie weiterhin sehen können, selbst wenn sie sich die Augen
zuhält, darüber sind sich Wissenschaftler noch uneinig. Manche gehen
davon aus, dass sie sehr wohl begreift, dass ihr Körper sichtbar bleibt.
Vielmehr denkt das Mädchen, der Augenkontakt sei entscheidend, um
gesehen und gefunden zu werden
Nota. - Empathie bedeute Einfühlung. Darin steckt das griechische Verb pathein = erleiden. Der perspek-tivische Seitenwechsel 'Ich als der Andere' ist kein mit-Leiden, sondern zielgerichtete Tätigkeit. Es ist die Urform der Reflexion und gewissermaßen der Anfang des Bewusstseins: denn dass ich den Andern als nicht-mich erkenne, liegt als Vorstellung der Vorstellung von 'mir-selbst' voraus.
Wenn empirische Psychologen Empathie und Perspektivwechsel verwechselten, wäre es nur dumm. Wenn Pädagogen das tun, ist es schädlich.
Merke: Der Spiegeltest markiert kein Gefühl, sondern eine Einsicht..
JE

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