Samstag, 4. Juli 2020

Perspektivwechsel ist nicht Empathie.

aus spektrum.de, 2. Jul 2020                                                                                               zu Levana, oder Erziehlehre

Verstehen Kleinkinder, was in unserem Kopf vorgeht?
Bislang ging die Wissenschaft davon aus, dass Kinder sich erst im Alter von etwa vier Jahren in die Perspektive anderer hineinversetzen können. Erst dann würden sie verstehen, dass andere manchmal anders denken als sie selbst. In den letzten Jahren haben Forscher jedoch herausge-funden, dass schon jüngere Kinder mit ihrem Blick signalisieren, was der andere denken könnte.

von Charlotte Grosse-Wiesmann

Die dreijährige Maja spielt mit ihrem Papa Verstecken. Zunächst versteckt sich der Papa demonstrativ hinter dem Vorhang. Maja rennt lachend hinterher und enttarnt ihn. Dann ist Maja dran mit dem Verste-cken. Sie bleibt direkt vor ihrem Papa stehen und hält sich einfach mit den Händen die Augen zu. Eine Szene, die viele schon gesehen oder davon gehört haben. Kleine Kinder zwischen zwei und vier Jahren halten beim Versteckspiel oft einfach ihre Augen zu. Sie scheinen zu denken: Wenn ich mich selbst nicht sehe, kann mich auch niemand anders sehen. 

Auch wenn Maja vorhersagen soll, wo ihr Bruder nach der Schokolade suchen wird, die der Papa vor ihm versteckt hat, fällt es ihr schwer, zwischen ihrer eigenen Perspektive und der ihres Bruders zu unterschei-den. Kennt sie selbst das neue Versteck, geht sie automatisch davon aus, dass auch ihr Bruder weiß, wo die Schokolade jetzt ist und er direkt zum richtigen Ort gehen wird. Maja scheint noch nicht zu verstehen, dass andere um sie herum andere Dinge sehen und wissen, als sie selbst. Dieser Entwicklungsschritt, sich in andere hineinzuversetzen und zu verstehen, was in ihnen vorgeht, gilt als ein Meilenstein in der Entwick-lung sozialer Fähigkeiten. 

Bislang ging die Wissenschaft davon aus, dass Kinder sich erst im Alter von etwa vier Jahren in die Per-spektive anderer hineinversetzen können. Erst dann würden sie verstehen, dass andere manchmal anders denken als sie selbst. In den letzten Jahren haben Forscher jedoch herausgefunden, dass schon jüngere Kinder in ihrem Blick richtige Erwartungen an das Suchverhalten anderer zeigen – aber nur, solange man sie nicht direkt danach fragt. Kommt der Bruder auf der Suche nach Süßigkeiten in den Raum, schauen sie zum Beispiel mehr zum ursprünglichen Ort der Schokolade als zum neuen Versteck, von dem der Junge noch nichts weiß. In ihrem Blick scheinen sie richtig vorherzusagen, dass der er am alten Ort suchen wird. Fragt man sie jedoch direkt, wo der Bruder jetzt hingehen wird, geben sie die falsche Antwort, als wüsste der Bruder bereits ebenso wie sie vom dem neuen Versteck.

Diese neuen Befunde waren für die Forschung ein Rätsel: Warum können Vorschulkinder das Suchver-halten und fehlende Wissen der anderen noch nicht in Worte fassen, wenn doch Säuglinge schon zum richtigen Ort schauen?

Eine neue Studie hat jetzt herausgefunden, dass es sich hierbei um unterschiedliche kognitive Prozesse handelt, die durch unterschiedliche Hirnnetzwerke unterstützt werden (Link zur Original-Studie: hier). Erst wenn die Hirnregionen herangereift sind, die auch bei Erwachsenen für die Perspektivübernahme zuständig sind, können Vierjährige formulieren, was andere wissen oder denken und sich so daraus erschließen, wie diese handeln werden. Während dieser Entwicklung reifen nicht nur die einzelnen Hirnregionen heran. Auch ihre Verbindungen miteinander im Gehirn werden stärker (Referenz hier). Erst im Alter von vier Jahren, wenn dieses Netzwerk vollständig ausgereift ist, verstehen Kinder, dass andere eine unterschiedli-che Perspektive haben als sie selbst.

Die Säuglinge benutzen für ihr Blickverhalten hingegen eine andere Strategie, die auf einem völlig anderen Hirnnetzwerk beruht. Sie schauen zwar zum richtigen Ort, an dem der Bruder vergeblich nach der Schokolade suchen wird, scheinen sich aber noch nicht in gleicher Weise zu erschließen, was sich dieser dabei denkt. Es ist sogar unklar, ob die kleinen Kinder selbst noch wissen, wo die Schoko-lade wirklich ist oder ob sie sich womöglich durch das Unwissen des Bruders haben anstecken oder verwirren lassen. Tatsächlich wäre dies gar nicht so unpraktisch. Für ein Baby oder Kleinkind ist es womöglich wichtiger zu wissen, was Mama oder Papa tun werden und erwartungsvoll in ihre Richtung zu schauen – als selber zu wissen, wo das Essen ist.

Zurück zum Versteckspiel. Ob Maja wirklich nicht versteht, dass die anderen sie weiterhin sehen können, selbst wenn sie sich die Augen zuhält, darüber sind sich Wissenschaftler noch uneinig. Manche gehen davon aus, dass sie sehr wohl begreift, dass ihr Körper sichtbar bleibt. Vielmehr denkt das Mädchen, der Augenkontakt sei entscheidend, um gesehen und gefunden zu werden


Nota. -  Empathie bedeute Einfühlung. Darin steckt das griechische Verb pathein = erleiden. Der perspek-tivische Seitenwechsel 'Ich als der Andere' ist kein mit-Leiden, sondern zielgerichtete Tätigkeit. Es ist die Urform der Reflexion und gewissermaßen der Anfang des Bewusstseins: denn dass ich den Andern als nicht-mich erkenne, liegt als Vorstellung der Vorstellung von 'mir-selbst' voraus. 

Wenn empirische Psychologen Empathie und Perspektivwechsel verwechselten, wäre es nur dumm. Wenn Pädagogen das tun, ist es schädlich.

Merke: Der Spiegeltest markiert kein Gefühl, sondern eine Einsicht..
JE

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen