Donnerstag, 23. Juli 2020

Wenn Freiheit möglich sein soll...

Rainer Sturm, pixelio.de                                                   
 ...muß ein Objektives vorausgesetzt werden - als problematische Projektion.

Wenn Freiheit möglich sein soll, dann muß ein Objektives vorgegeben sein. Denn wenn nicht, woran sollte sich meine Wahl entscheiden? Wenn ein Urteil möglich sein soll, dann muß es Gründe finden können. 

Denn wenn ich die Resultate meiner Wahlakte nur untereinander vergleichen könnte, dann wären sie alle gleich-gültig; d.h. ob ich so oder so wählte, wäre in letzter [!] Instanz ohne Bedeutung. Aber dann gäbe es keine Wahl. (Es wäre nicht einmal Dieses oder Jenes dauerhaft zu unterscheiden.)  

Soll ich wählen können, d.h. will ich frei sein, so muß ich meiner Willkür einen Entscheidungsgrund vorausset-zen, an dem die Resultate meiner Wahl sich sollen bewähren können, und als allem Handeln vorausgesetzt, nenne ich diesen Grund objektiv (oder absolut). Und je nachdem, auf welchem 'Feld' meiner Handlungsmöglichkeiten ich diesen Grund herbeiziehe, heißt er das Wahre, das Gute oder das Schöne.  

Aber ob ich frei sein will, muß ich schon selber wissen. Und ob ich es bin, kann sich nur actu erweisen: wenn und indem ich wirklich wähle. Darum ist auch das Objektive, das ich meinem Handeln als Bestimmunsgrund voraussetze, immer nur actu gegeben: wenn und indem ich wirklich wähle. Hernach kann ich mich seiner ge-wissermaßen nur noch "erinnern" - als an ein "Bild" (das ich dann allerdings später "erraten" darf).  

Freiheit ist keine Tatsache, sondern eine problematische Projektion, die sich jedesmal neu bewähren muß - sofern sie soll. Aber so ist auch das Objektive. 'Sinn' ist eine Petitio principii. 

aus e. Notizbuch, 4. 12. 94


Nota. - Erstens ist es ein Missverständnis, dass der (kritische - einen andern gibt es gar nicht) Idealismus ein Ob-jektives leugnete. Er leugnet zwar, dass wir etwas Objektives wissen können. Aber dass wir annehmen, unseren Vorstellungen entsprächen 'Dinge' außerhalb unserer Vorstellung, gilt ihm als Grundstein der Vernünftigkeit. Seine Aufgabe erkennt er geradezu darin, darzulegen, warum die Vernunft so verfahren muss. Anstoß nimmt die Bewusst-werdung im Gefühl, das uns die Objektität von Mannigfaltigem anzeigt. Die Objektivi tät der Bestimungen, die un-sere Vorstellungen an ihnen vornehmen, ist das philosophische Problem; nicht das Dass der Welt, sondern ihr Was.

Zweitens: Bei unserer Freiheit handelt es sich freilich nicht um ein durch sinnliche Daten verbürgtes Objekt. Es es ist eine Sinnbestimmung, die gelten soll. Sie kann nicht erfahrungsweise nachge wiesen, sondern allenfalls durch die Tat aufge wiesen werden. Die Objektivi tät, die an ihr behauptet wird, ist nicht ihr Sein, sondern ein Sollen.

Die Wissenschaftslehre, Transzendentalphilosophie höherer Potenz, stellt dar, dass die Bestimmungen, die unsere Vorstellungen an den Dingen vornehmen, denen wir in der Welt begegnen, den Zweckbegriffen entstammen, die wir an ihnen entwerfen. Dass die Bestimmungen 'an sich' also aus der Subjektität, der Ichheit der historisch-em-pirischen Individuen stammen. Sie weist aber zugleich darauf hin, dass - und weist nach, warum - es den histo-risch-empirischen Individuen nicht so vorkommt: Es kommt ihnen so vor, dass die Zweckbegriffe alle schon fix und fertig vor ihnen lägen und sie zwischen ihnen nur noch zu wählen bräuchten. So die Freiheit - die sich in der Refle-xion dann als Zweck der Zwecke erweist (nachdem sie als Grund vorauszusetzen war).
23. 6. 20


Nachtrag. Freiheit ist - ganz unter uns - kein feststellbarer Sachverhalt, sondern ein Existenzial. Dies Eine ist ja mal wahr: Wie immer die Dinge verständigerweise bestimmt werden können - darauf kommt es mir nicht an. Ich bin ja nicht objektiv, ich finde mich unter Umständen, die ich nicht gewählt habe. Soll ich mich darum für zufällig halten? Aber nein: Es sind die Umstände, die mir zufällig sind! Was sie mir wert sind, kann immer nur ich selber 'bestimmen'. Das ist, ob es mir recht ist oder nicht, meine Freiheit.

Ein 'Existenzial' ist sie, weil ich sie nicht wählen kann. 

Andersrum: Die Frage ist gar nicht, ob 'es' Freiheit 'gibt', sondern... nein, nicht, ob die Welt real ist, sondern ob das irgendeine Bedeutung für mich hat.

 Die Existenzphilosophie ist die Umkehrung der Wissenschaftslehre.
1. 6. 18 




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