Montag, 20. Juli 2020

Wahr ist ein Satz...

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Wahr ist ein Satz, der ohne Bedingung gilt. Ein Satz über Tatsächliches gilt nur unter der Bedingung, dass tausenderlei sachliche Bedingungen gegeben sind. 'Die Sonne  scheint' ist nur wahr, wenn die Sonne scheint. Ein Satz über Tatsächliches, der zugleich alle Bedingungen angibt, unter denen er gilt, ist unbedingt wahr. Allerdings ist er im Grenzfall tautologisch bis absurd.

So verfahren die (nomothetischen) Naturwissenschaften. Dass die Bedingungen restlos genannt werden, be-sorgt das Protokoll der Versuchsanordnung. Die ebenfalls in die Versuchsanordnung und umso mehr in die Auswertung eingehenden unausgesprochenen Selbstverständlichkeiten - alias Paradigmen - werden selbstver-ständlich nicht mit ausgesprochen. So erweisen sich manche naturwissenschaftliche Befunde mit der Zeit als nur ein bisschen wahr.

Ein idiographischer Satz aus den sog. Geisteswissenschaften kann die Bedingungen seiner Geltung nicht aussprechen: Sie sind nicht alle bekannt. Die Naturwissenschaften legen ihrer Forschung die Annahme von Gesetzen zugrunde. Ein Jedes ist Wirkung einer oder vieler Ursachen; diese müssten sie aufsagen können. Die idiographischen Disziplinen setzen die Wechselwirkung lebender Individuen voraus. Diese lassen sich nicht kausal darstellen. Die Wahrheit in den idiographischen Disziplinen ist 'lediglich' eine pragmatische: indem ihre Aussagen (um/zu statt weil) praktische Schlussfolgerungen erlauben, die sich ihnerseits bewähren können (oder nicht). Wenn also die kritische Arbeit eines Rezensenten dem Dichter die Augen öffnet und zu einem großen Wurf anregt; oder wenn die Lehren aus einem historischen Ereignis die Politik befähigt,... (ach je).

Aber ob oder ob nicht, wird immer wieder dem Meinungskampf unterliegen, der sich seinerseits nur - prag-matisch entscheiden lässt, durch Bewähren oder Scheitern. Die Wahrheiten der idiographischen Fächer hängen gewissermaßen in der Luft. Darum lässt sich auf ihnen auch nicht aufbauen wie in den Naturwissenschaften: Eine Akkumulation geprüften Wissens findet in ihnen nicht statt, man fängt irgendwie immer von vorne an. Da hat es die Intuition dann leichter als das logische Argument - sie bewährt sich öfter.
20. 10. 13


Philosophie ist weder dieses noch jenes. Sie ist ein Wissen sui generis, wörtlich: 'von ihm selbst'. Gesetze kann sie nicht aufstellen, denn das setzte voraus, dass ihnen ein Grund voraus- und übergeordnet wäre, aus dem alles andere mit Notwendigkeit folgt. Nicht das Folgen ist hier das Problem, sondern die Notwendigkeit. In den Naturwissenschaften ist sie die - inzwischen nur noch problematisch, aber immerhin - geltende Prämisse.  


Ist sie idiographisch? Wenn wir uns darauf verständigen könnten, dass Transzendentalphilosophie die ganz Philosophie ist, dann würde ich sagen: Sie beschreibt einen begrenzten und bestimmten, weil sich-selbst-be-stimmenden Gegenstand auf dem Wege seiner Bestimmung. 

Aber ihr Gegenstand ist kein wirklicher, sondern ein Abstraktum: die Vernunft

Das ist... kein historisch Gegebenes, sondern bloß ein erdachtes Modell? Historisch gegeben ist allerdings eine Zivilisation, die Vernunft für sich als geltend behauptet. Transzendentalphilosophie alias Vernunftkritik will darum ein Modell der Vernunft herleiten, an dem sie die Grade von Vernünftigkeit der historisch Handelnden messen kann.

Also doch nomothetisch? Gewissermaßen. Sie bechreibt nicht, was diese und jene tun; da käme sie nicht einmal zu Zwischenergebnissen, denn welche Grenzen sollte sie ziehen? Sondern sie schreibt vor, was sie tun sollten. Sollten aber nicht als eine Bestimmtheit, die hinter ihnen liegt und ihnen ihre Schritte vorgibt, sondern eine Be-stimmung, die sie aufsuchen und an der sie ihre Richtung wählen sollen.

Sie beschreibt ihren Gegenstand als ein Modell, das, wenn es seinen Zweck erfüllen soll, sich sein Gesetz selber geben muss. 

Wie ich es aber drehe - wenn der Zweck auch nicht von hinten treibt, sondern nach vorne zieht, so war er ja wohl irgendwie schon 'da'?

Da war er als Anfang: Das Ich setzt sich selbst, indem es sich ein/em Nichtich entgegensetzt; aus Freiheit, aber ohne Ende

Ist das wahr? Es soll unter allen denkbaren Bedingungen gelten. Will mir da einer widersprechen?



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