Dienstag, 21. Juli 2020

Lieben aus der Ferne: Die Troubadours.

aus nzz.ch, 21.07.2020                                 Jaufré Rudel stirbt in den Armen der Gräfin von Tripolis.
"Und wenn ich dich lieb habe, was geht’s dich an?"
Liebe lässt sich durch nichts bändigen. 
Die Troubadours des Mittelalters wussten das
Liebe passt nicht ins bürgerliche Zeitalter. Dafür ist sie zu wild und zu zerstörerisch. Und vielleicht kann Dichtung nur aus Liebe entstehen.

von Sarah Pines

Für Stendhal, der jahrelang unglücklich in eine verheiratete Generalsfrau verliebt war, gab es eine Liebe vor und nach der Französischen Revolution. Niemals, so schrieb er, dürfe man die Liebe des Bürgerzeit-alters, durch Ehe, Kleinfamilie und Arbeitszwänge unterjocht und bedrängt, mit der freieren höfischen Liebe verwechseln.

«Ich liebe das, was ich nicht sehe», sinnierte der Dichter und Kreuzritter Jaufré Rudel zur Zeit des zweiten Kreuzzuges. In Akkon, einer Kreuzfahrerstadt in Israel, verliebte er sich in die ferne Gräfin von Tripolis und verglich sie in seinen Gedichten mit all dem, was er vom Leben in Frankreich vermisste: zarte Land-schaften, milde Maitage und Weissdornbüsche. Er sollte sie erst an seinem Sterbebett persönlich treffen.


Fällt der Begriff «Troubadour», kommen einem edel klingende Namen in den Sinn, kitschiger Gesang und Corned-Beef-farbene Tapisserien. Aber Troubadouren sind verwegen. Sie stehen am Anfang der abendlän-dischen Liebe, der Dichtung und aller westlichen Phantasien von Untreue. Bei kastanienfarbener Suppe im Café des Jardin du Luxembourg kann einen unvermittelt die Sehnsucht nach alten Troubadourgeschichten befallen. Geschichten wie jene von Peire Vidal, der vor Liebe rasend wurde und, eingepackt in ein Wolfs-fell, auf Knien der Dame Loba de Pennautier (Wölfin von Pennautier) hinterherkroch. Aber « die, die ich so liebe, dreht sich mit einem Lächeln von mir ab . . .», schrieb er und machte stur weiter. 

Was Leidenschaft ist

An den Fürstenhöfen in der Provence, im Poitou und in der Gegend der Loire setzten Troubadouren – junge Adelige, die einem Herrscher dienstlich verpflichtet waren – im 12. Jahrhundert mit der «amor de lonh», der Liebe aus der Ferne, einen Massstab für das, was in der westlichen Welt als Leidenschaft gelten sollte.

Männer wie Rudel, Bernart de Ventadorn oder Walther von der Vogelweide verfassten Gedichte und sangen sie bei Hof vor: Es ging um die unerfüllte Liebe zu verheirateten, adeligen Damen – trotz Verschlüsselun-gen und Andeutungen wussten meist alle ganz genau, wer gemeint war. Die Gedichte priesen die Reize der Damen und schufen eine Art von weltlichem Marienkult.

Manessische Handschrift 

Cercamont und Macabru besangen die Damen von Aquitanien, als wären sie Rosettenfenster einer Kathe-drale, Abt Baudri von Bourgueil umschwärmte die Gräfinnen von Anjou, es ging um Liebe, Krieg, Irrfahr-ten und den Krieg vor Troja. Ovids «Liebeskunst» war Vorbild: Die Liebe hat eine profane und eine sakrale Seite, erfordert Mutproben, Begehren, Hoffnung. 

Warten auf die einzige Liebe

Beide allerdings, der Anbetende und die angebetete Frau, hatten strikt platonisch zu handeln, zu Sex kommt es nicht einmal in der Phantasie. In einem der schönsten Troubadourgedichte, Ventadorns «Ler-chenlied», lungert ein klagender, abgewiesener Mann irr auf einer Brücke herum und überlegt, sich in den darunter fliessenden Fluss zu stürzen.

Der Troubadour und die Dame kommen trotz aller Unmöglichkeit nicht voneinander los. In den Gedichten wird diese Fessel durch die Haarlocke symbolisiert. Troubadouren harren und klagen, warten auf die erste, einzige, manchmal letzte Liebe (einer der Letzten, lange nach dem Mittelalter, war Goethes Werther). Heu-te ist die geduldige, eisern ausharrende Liebe in Libertinage abgeglitten, in Aufreisser- und Abschleppkul-turen. Das Interesse an Komplikationen ist weg, die Akkumulation vieler Erfahrungen interessiert mehr als auf Lanzen gestützte Warterei.

Dabei waren Troubadouren im Grunde sehr modern: Das Gefühl, sich für jemanden opfern zu wollen und trotzdem manchmal Lust auf einen Seitensprung zu haben, dürfte jedem bekannt sein. Die Kultur der Trou-badouren gestand Mann und Frau aussereheliche Gefühle zu. Eheleute, so die Annahme, empfinden Zunei-gung füreinander, die wahre Liebe aber liegt woanders: in der irrationalen, unwiderstehlichen Sehnsucht nach einer anderen Person, die aber nie erfüllt wird, weil es mit ihr keine Zukunft geben darf. Die Folge: die damals neue Vorstellung der schmerzlichen Liebe, das ewige Hin und Her aus Zuneigung und Reser-viertheit («Warum antwortet er nicht, gestern schrieb er doch noch . . .»), das wir heute noch kennen. 


Nota. - Wie platonisch die Liebe der Troubadoure war, ist strittig. Immmerhin war Platos eigne Liebeslyrik kein bisschen 'platonisch' gemeint.

Der eine oder andere Verehrer wird velleicht doch einen Weg gefunden haben. Das provenzalische troba-dor bedeutet schließlich Finder.
JE

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