Dienstag, 23. Juni 2020

Farb-Töne.

aus nzz.ch, 19.06.2020
Das weibliche Gehirn spreche stärker auf Rosa an? 
Nein, sagt dieser Farbexperte: «Pink war eigentlich für Jungs»
Farben haben viel Macht über uns, ohne dass wir es merken: Das sagt der italienische Grafikdesigner Riccardo Falcinelli. Er weiss, warum die Chinesen bei Trauer Weiss tragen und Reiche Schwarz gern haben.

von Silke Wichert 

Herr Falcinelli, wir nehmen einen immer grösseren Teil unserer Umwelt über Bildschirme wahr. In den letzten Wochen sogar noch mehr, da haben wir Museen, Strände, Läden vor allem virtuell besucht. Was macht das mit unserem Farbempfinden?

Sehr viel. Wir gewöhnen uns seit etwa zwanzig Jahren immer mehr an leuchtende Bilder, die also Licht abstrahlen, statt – wie etwa ein Gemälde – Licht zu absorbieren. Früher gab es das nur im Kino. Ich unterrichte an der Kunsthochschule in Rom Wahrnehmungspsychologie. Was glauben Sie, sagen meine Studenten, wenn sie ein Gemälde, das sie bisher nur aus dem Internet kannten, plötzlich in echt sehen?

Dass es ganz anders aussehe?


Mehr noch, sie sind enttäuscht. Weil die Farben nicht leuchten, sondern matt sind. Und das, obwohl ein Bildschirm all die verschiedenen Schattierungen von etwa Grau oder Blau gar nicht richtig wiedergeben, sondern nur imitieren kann.

Die echte Schönheit scheint weniger brillant als die digitale – kriegen wir damit nicht mehr und mehr ein falsches Bild von der Realität?

Ich würde nicht von echter Schönheit sprechen. Jede Ära hat ihre Art, die Welt zu sehen. Für unsere Gesellschaft gibt es jetzt eben das echte Gemälde und die digitale Version davon, eine reale und eine virtuelle Sicht der Dinge. Daran kann ich grundsätzlich erst mal nichts Schlechtes finden, auch wenn manche amerikanischen Museen bereits dazu tendieren, Gemälde farblich so zu restaurieren, dass sie im Internet besser rüberkommen. Wir müssen allerdings kritisch bleiben und den Blick für die verschiedenen Versionen wachhalten.

Ihr Buch «Cromorama» wurde in Ihrer Heimat Italien ein Bestseller und gilt bereits als «Bibel der Farben», nächstes Jahr erscheint es auf Englisch. Wie kommt man darauf, fast 500 Seiten über Blau, Gelb, Purpur zu schreiben?

Viele, denen ich von meinem Vorhaben erzählte, sagten spontan: «Ah, ein Buch für Frauen!» Viele halten Farbe seltsamerweise für etwas Frivoles, etwas, was nur in der Mode und im Design eine Rolle spielt. Ein grosses Vorurteil.

Inwiefern?

Wir nehmen all die Farben um uns herum heute als etwas vollkommen Selbstverständliches wahr. Ich will zeigen, dass die Dinge viel komplexer sind und dieses sogenannt feminine Thema sogar sehr viel Macht über uns haben kann.

Zum Beispiel?

Wir sprechen von «Color enters first»: Von einem Gegenstand nehmen wir als Allererstes die Farbe wahr – vor der Form oder Schriftzeichen darauf. Auch bei Personen sehen wir als Erstes den Farbton ihrer Klei-dung. Deshalb werden Farben in unserer Gesellschaft dazu benutzt, Dinge zu verkaufen, weil sie uns schnell erreichen und leicht zu erinnern sind. Wenn jemand ‹Coca-Cola›, ‹Facebook›, ‹Hermès›, ‹Tiffany› sagt, haben wir sofort Rot, Blau, Orange und Türkis im Kopf.

In Ihrem Buch schreiben Sie, als man Coca-Cola in orangefarbene Dosen füllte, hätten Probanden gesagt, das Getränk schmecke nach Fanta.


Farben vermitteln uns ganze Systeme von Ideen und Werten. Ausserdem sind sie schön anzuschauen. Ich würde sagen, Farben sind der Zuckerguss des Designs – sie geben den Dingen einen bestimmten Geschmack.

Das Beispiel, das jetzt natürlich kommen muss: «Rosa ist für Mädchen, Blau für Jungs.»

Ja, wir lachen darüber, aber dieses angebliche Gesetz ist unglaublich stark, dabei gibt es historisch nicht den geringsten Grund dafür. Das weibliche Gehirn reagiert auf Pink nicht stärker als auf andere Farben. Und historisch war Pink eigentlich für Jungs: Weil Rot für Blut, Krieg und Mars stand, trugen die jungen Männer das «zarte Rot».

Ändern sich solche Konnotationen mit der Zeit?

Das meiste ist kulturell fest verwurzelt. Für uns kann Trauerkleidung nur schwarz sein – dabei ist sie in China weiss, weil das der Farbe der Knochen entspricht. Andererseits: Vor einigen Jahren war der Disney-Film «Frozen» (deutsch: «Die Eiskönigin») ein riesiger Kassenerfolg. Seitdem sehe ich viele hellblaue Kleider für Mädchen in den Läden. Wer prägt also unsere Kultur – wir oder Disney? Ich wage zu behaupten, es ist das Marketing.


Blau widmen Sie ein ganzes Kapitel. Madame Bovary, der junge Werther – in der Literatur war es die Farbe für die, die anders sein wollten und Ambitionen hatten.

Vor der chemischen Revolution in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Blau unglaublich teuer herzustellen und schwierig zu färben. Das konnten sich nur die Reichen leisten, deshalb war der Farbton gerade bei Frauen sehr beliebt.

«Classic Blue» ist interessanterweise die Farbe des Jahres 2020.

Dieses ewige Gehabe um die «Farbe des Jahres» ist eigentlich ziemlich albern – sagt aber viel über unsere moderne Gesellschaft aus. Im Mittelalter wäre niemand auf die Idee gekommen, diese Frage zu stellen. Auch ein Renaissance-Maler konnte nur bestimmte Farben und nur gewisse Mengen von bestimmten Nuancen verwenden. Wir hingegen können heute aus Tausenden von Farben wählen und sind eher überfordert damit.

Google hat ein kunterbuntes Logo, wenn der Computer rechnet, erscheint ein Regenbogen-Ball, der Pantone-Fächer hat 2625 Nuancen – ist die Farbe des Moments in Wirklichkeit die unendliche Vielfalt?

Der Regenbogen ist zur Metapher für Vollkommenheit geworden, vor allem natürlich im technischen Bereich, für Kameras, Fernseher, Computer.


In einem Gedicht von Bonvesin de la Riva aus dem 18. Jahrhundert wird das Paradies als ein Ort beschrieben, in dem «die Farben brillant sind und nie verblassen». Demnach hätten wir jetzt paradiesische Zustände.

In gewisser Hinsicht ja, aber wir sehnen uns schon wieder nach etwas anderem.

Nämlich?

Weil wir von so vielen Bildern und Dingen umgeben sind, wünschen wir uns Stille – im metaphorischen Sinne. Also weniger Signale, weniger Lärm. Das gilt natürlich nicht für alle Menschen. Aber traditionell bevorzugen wohlhabende Leute tatsächlich Schwarz und Weiss, weil sie sich dieses «Weniger» leisten können.

Auch die Sehnsucht nach Vergangenem scheint gross. Nostalgie ist ein anhaltender Trend, auf Instagram werden haufenweise gelbstichige Bilder aus den Siebzigern geteilt. Wecken Farben in uns ähnlich starke Erinnerungen wie etwa Gerüche? Ein bestimmter Braunton, die Kombination aus Orange und Grün in Bädern und auf Tapeten, wie sie in den Siebzigern en vogue war?

Richtig. Farben transportieren sie allerdings nicht nur – sie konstruieren auch Erinnerungen.

Wie meinen Sie das? 

Die meisten meiner Studenten waren in den Siebzigern noch gar nicht geboren, glauben aber genau zu wissen, wie jene Jahre farblich aussahen.

Farben können uns also leicht etwas vorgaukeln?

Sicher. Ein anderer grosser Trend ist ja die Rückkehr zu natürlichem, biologischem Essen. Da werden auch Farben zu Hilfe genommen.


Ich dachte, möglichst natürlich heisst ohne Farbstoffe?

Ein Grossteil unseres Essens ist koloriert. Die gewünschten Farben sind jetzt nur andere als früher. Meine Grossmutter liebte künstlich aussehendes Essen, weil es für sie nach Fortschritt schmeckte. Jetzt sollen die Farben eben möglichst natürlich wirken.

Zum Beispiel?

Nehmen Sie Eier: Europäer empfinden heute die braune Schale als natürlich, Amerikaner die weisse. Also werden die Hühner entsprechend gefüttert, damit jeder Markt sein «natürliches» Ei bekommt. Auch bei Butter, Säften, überall wird nachgeholfen, damit das Produkt einer Marke immer die gleiche Farbe hat.

Das Coronavirus wird in den Medien meist rot oder pink, manchmal mit gelbem Rand gezeigt. Was ist die richtige Darstellung?

Bei uns in Italien war es meistens grün, dabei hat das Virus unter dem Mikroskop ja gar keine Farbe. Diese Infografiken sollen die Dinge nur verständlicher machen. Wir begreifen Krankheiten heute meist als etwas, was den Körper von aussen befällt. Wir kämpfen gegen diesen Eindringling, der irgendwie fremdartig ist. Farblich wird deshalb meist auf Science-Fiction zurückgegriffen, auf Rot und Grün, die Farbe von Aliens oder Marsmenschen eben. Farben von Krankheiten können sich mit der Zeit aber auch verändern. Ich erinnere mich, dass HIV in Italien früher knallorange dargestellt wurde. Wie etwas, was lichterloh in Flammen steht.

Jetzt ist die Schleife eher rot, das Virus selbst manchmal pink oder auch einfach grau – weil das Virus nicht mehr so bedrohlich ist?

Mag sein. Die Grippe jedenfalls wird in der Werbung fast immer blau dargestellt, weil sie meist im Winter grassiert, wenn es kalt ist.

Sind so viele Superhelden wie Spider-Man, Superman oder Wonder Woman deshalb rot und blau, weil sie auch irgendwie extraterrestrisch sind? Und Blau als irdischer Gegensatz zum Extraterrestrischen erscheint?

Nein, die Marvel-Charaktere haben diese Farben ausnahmsweise aus ganz praktischen Gründen: Rot und Blau waren auf dem frühen Comic-Papier einfach am besten zu drucken.

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