Freitag, 12. Juni 2020

Wirklich nix Besonderes.


aus FAZ.NET, 12.06.2020                                                                 Maria Angelika Weiss, Mädchenbildnis, 1826 
Romantische Malerinnen
Auf Augenhöhe 
Die Ausstellung „Talent kennt kein Geschlecht“ im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt zeigt großartige Bilder. Doch sie scheitert an falschen Saaltexten.

Von Stefan Trinks

Es könnte so einfach sein in der Kunst: Wer malen kann, setzt sich durch, egal ob Mann oder Frau. Dass dies nicht so war, weiß jeder. Schon die gängige These aber, vom sechzehnten bis ins neunzehnte Jahr-hundert hätten sich nur „Ausnahmetalente“ durchgesetzt, hält der historischen Überprüfung nicht stand. Im Barock des siebzehnten Jahrhunderts etwa war ein Viertel der Maler in New York weiblich; sehr häufig arbeiteten Töchter von Malern reibungslos in den Ateliers mit oder machten sich selbständig. Zwar ver-hinderte die separierende Ausstellungspraxis noch Anfang des neunzehnten Jahrhunderts meist den direkten Vergleich zwischen Künstlern und Künstlerinnen, aber die oft zitierten abfälligen Bemerkungen über Frauenmalerei lassen sich fast durchgängig auf Kollegenneid und unverbesserliche Misogynie zurückführen.

Eine Konstanzer Ausstellung zeigt aktuell zehn berühmte Künstlerinnen der Bodensee-Region aus zwei Jahrhunderten, von der mittlerweile verdient bekannten badischen Hofmalerin Marie Ellenrieder um 1820 bis zu Nelly Dix aus den vierziger Jahren. Erstere spielt auch eine Hauptrolle in der Ausstellung „Talent kennt kein Geschlecht“ im süddeutschen Museum Georg Schäfer, die „Malerinnen und Maler der Romantik auf Augenhöhe“ präsentieren will. Ein löbliches Unterfangen, das von der vorzüglichen Qualität der ausgestellten Bilder her gelingt, in der theoretischen Hinterfütterung der Absicht jedoch scheitert. 

Nach Vorbildern rekonstruierter Chiton des alten Hellas

Dass auf jedem der Saaltexte die Angst vor dem falsch auslegbaren Wort mitschrieb und dadurch vieles verfälscht wurde, ist unübersehbar. So hängt gleich im ersten Saal eine berühmte Allegorie auf die berühmten weiblichen Drillinge Pictura, Musica und Sculptura des schwäbischen Hofmalers Philipp Friedrich von Hetsch aus dem Jahr 1793. Malerei und Musik sitzen einträchtig nebeneinander, wobei die Personifikation der Tonkunst im Begriff ist, ihrer Schwester einen frisch komponierten Hymnus auf George Washingtons Sieg in der Entscheidungsschlacht bei Trenton vorzusingen. Dem ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten huldigt auch die körperlich nicht anwesende Sculptura, indem ihr Denkmal für Washington von der Hand Danneckers im Hintergrund des Bildes zu sehen ist. Es handelt sich mithin um eine Verkörperung der „schönen Künste“ durch schöne Frauen.

Das aber meint man offenbar, heute so nicht mehr schreiben zu können. Der explikatorische Text neben dem Bild, im Katalog wiederholt, lautet daher: „Auch Philipp von Hetsch verbringt seine junge blonde ,Malerei‘, hier ausgerüstet mit Palette, Pinsel und Staffelei, aus der Gefahrenzone auf neutrales Terrain, wenn er Malerei und Musik in der Allegorie auf Washington zu Schwestern erklärt. Ihre körperlichen Reize verhüllt er geradezu auffallend durch mehrere Lagen Stoff – was sowohl der Mode seiner Zeit als auch den Gewandformen der griechisch-römischen Antike widersprach.“ Außer dem Thema des Gemäldes stimmt in diesen zwei Sätzen nichts.

Schweinfurter Vogelschuss, Katharina Geiger, nach 1804
 
Bildnis des Freiherrn von Jaccomini und dessen Tochter, von Franz Eybl, 1834
Johanna Henriette Schopenhauer mit ihrer Tochter Luise Adele, um 1806, von Caroline Bardua


Freifrau von Bauer, von Angelica Kauffmann, 1786

   
Barbara Krafft, Bauer mit Pfeife, 1799 

Denn natürlich sind Malerei und Musik Schwestern und gab es 1793 nicht den geringsten Grund für den Maler, seine „blonde“ Personifikation aus einer „Gefahrenzone auf neutrales Terrain“ verbringen zu müssen. Angsterfülltes Perhorreszieren etwaig aufbrausender feministischer Schimpfstürme spricht auch aus der Behauptung, dass Hetsch ihre körperlichen Reize „geradezu auffallend durch mehrere Lagen Stoff“ verhüllt habe – unübersehbar drückt sich die rechte Brustwarze der Pictura durch das angeblich manteldicke Gewand, das an dieser Stelle de facto nur genau eine Schicht dick ist und den „Gewandformen der griechisch-römischen Antike“ keinesfalls „widerspricht“, handelt es sich doch um einen vom Maler nach Vorbildern rekonstruierten Chiton des alten Hellas.
 
Einengend und irreführend

Das Schlimme an derlei sprachlichen Verrenkungen ist leider, dass der Blick auf die Bilder bei unwissender Lektüre konditioniert wird. Warntafeln sollten eher dazu auffordern, die Bilder, nicht die Texte zu lesen, da in der Schau Maler und Malerinnen gemischt gehängt sind und sich ohne Ansehen der Person (auf der Exponatbeschriftung an der Wand) jeder selbst eine neutrale Meinung bilden könnte. Gleich in jenem ersten Saal neben Hetsch bietet die Stillleben-Malerin Katharina Treu hierfür ein schlagendes Exempel: Nicht nur müssen sich ihre safttriefenden und tauglänzenden Weintrauben und andere Früchte in nichts vor dem Stillleben ihrer männlichen Kollegen verstecken, sie steckt diese malerisch sogar ebenso leicht in die Tasche wie Ernestine Wendel ihren Lehrer Gottfried Völcker mit dem „Holländischen Blumenstillleben“, so präzise porträtiert sie die Pflanzen wie zuvor nur Maria Sibylla Merian.

Auch die im Ausstellungstitel gegebene Begrenzung auf die „Malerei der Romantik“ ist einengend und irreführend: Romantische Malerei klingt zu idyllisch und nach klischeehafter Zuschreibung an typisch Weibliches, zumal die deutsche Romantik erst nach dem Jahr 1820 beginnt. Eine Ludovike Simanowiz aber gehört mit ihren an französischer Revolutionsmalerei geschulten Bildern um 1790 (das Schiller-gleich flammende „Bildnis des Architekten Nicolas Vestier“ mit Dreitagebart als einsamer Höhepunkt) ebenso wenig dazu wie die ebenfalls vertretene legendäre Angelika Kauffmann. Deren aus der Staatsgalerie Stuttgart entliehene „Blumenwindende Schäferin (Abra)“ von etwa 1780 ist ein einsamer Höhepunkt der Rokokomalerei, obwohl das Oval auf Kupfer nur dreißig Zentimeter misst. Das Gesicht der schönen Hirtin ist ein aktualisierter Remix aus Raffael und Leonardo, die wilde Landschaft hinter ihr könnte auch von Gainsborough oder Reynolds stammen. Viele „Klassizistinnen“ zieren die Ausstellung, viele Stilverweigerinnen wie die unglaubliche und leider wirklich kaum bekannte Barbara Krafft, die 1799 ihren „Bauer mit Pfeife“ derart pastos und derb auf die Leinwand spachtelt, dass sie Leibl und Van Gogh um fast hundert Jahre voraus ist, halten eine solche Schau spannend.

Und noch ein Sonderfall

Bleibt noch die kitschige Frage, ob Frauen „anders“ malen, dem vor allem im Saal mit der Malerei christlicher Motive nachgegangen wird. Dort ist „die Kauffmann“ mit „Christus und die Samariterin am Brunnen“ von 1796 zu sehen, erkennbar von der barocken Vorbildkomposition Il Guercinos von 1641 inspiriert. Doch welch ein Unterschied: Christus rafft nicht mehr distanziert sein Gewand als Barriere zu der Frau und weist auch nicht hinter sich auf eine vage Zukunft für diese weit außerhalb des Bildes – bei Kauffmann geht die in einem Gespräch „auf Augenhöhe“ natürlich wirkende Geste nach oben und der offene Blick zu ihr, was sie mit einer ebenso offenen Geste honoriert.

Und noch ein Sonderfall, dem die Schau anhand etlicher überragender Beispiele nachspürt, sind die qua Adelsbonus in großer ökonomischer und mentaler Freiheit malenden Freifrauen, von denen es insbesondere ab 1820 tatsächlich so wenige nicht gab. Electrine von Freyberg zeigt sich in ihrem phänomenalen „Selbstbildnis“ in einem bläulich-weiß schimmernden Gewand, das, selbst wenn es vielleicht nicht bis ins letzte Detail ausgeführt sein sollte, jeden Impressionisten vor Neid erblassen ließe. Monet oder Cézanne aber sind im Entstehungsjahr des Bildes 1836 noch nicht einmal geboren. Oder auch das Plakatwerbebild der Ausstellung, das Porträt der „Königin Therese von Bayern“ aus dem selben Jahr von Julie Gräfin von Egloffstein: Fern jeder Hofetikette lagert die Königliche Hoheit zwar mit prächtigem roten Samtgewand und Hermelin, Paradiesvogel-Federschmuck und Perlendiadem, aber sichtlich tiefenentspannt auf einer Récamiere und wendet sich zurück, als werde sie im nächsten Moment bei ihrem Diener noch einen Digestif ordern; auf ihren Knien liegt der Bequemlichkeit halber ein wärmender Teppich. Obwohl die Insignien dafür gegeben wären, ist es alles anderes als ein Staatsporträt. Es darf angenommen werden, dass ein männlicher Porträtist der Königin nicht derart „nahe“ gekommen wäre. Ob dies am adeligen Stand der Malerin lag, oder ein Teil der Kunst von Julie Gräfin von Egloffstein war, muss jeder selbst entscheiden.

Talent kennt kein Geschlecht. Malerinnen und Maler der Romantik auf Augenhöhe. Im Museum Georg Schäfer, Schweinfurt; bis zum 12. Juli. Der Katalog kostet 35 Euro


Nota. - Hätte er schreiben dürfen "Das ist alles murks und nicht der Rede wert"? Dann hätte die FAZ ihn gefeuert wie die NYT ihren Meinungschef. - Ach nein, vielleicht doch nicht gleich, aber Ärger hätte er ge-kriegt. Also navigiert er in gerechter Sprache. Schon mit seiner Überschrift zeigt er dem aufmerksamen Leser, wie's gemeint ist: Stellen Sie sich den Riesen Goliath und den Zwerg Nase "auf Augenhöhe" neben-einander vor, dann hängt einer von ihnen mit den Beinen in der Luft. 

Im Ernst: Großartige Bilder hat es zu jeder Zeit massenhaft gegeben. Nicht viele haben zu ihrer Zeit Auf-sehen erregt, und noch weniger taten es in der Zeit danach. Einiges ist erst viel später in seinem künstleri-schen Wert erkannt worden, etwa Jan Vermeer van Delft, und Caravaggio musste erst in Vergessenheit ge-raten, um Jahrhunderte später zu ganz großen Ehren zu gelangen.

Keinen neuen, sondern zeitgenössischen Ruhm hat die unvermeidliche Angelika Kauffmann erworben, weil ihre Kunst schon zu Lebzeiten als die perfekte Realisierung des Rokkoko-Geschmacks gegolten hat - und ebendarum wurde der/die gefeierte europäische Superstar/in schon gleich nach ihrem Tod vergessen. Indem man nun krampfhaft Bilder hervorkramt, weil sie von Malerinnen stammen, und sie als große Entdeckungen heraustrompetet, zeigt man in Wahrheit, wie ehrenwert, aber durchschnittlich sie sind. Das ist nicht über-flüssig, wirkt aber anders, als die Begleittexte suggerieren wollen. 

Stefan Trinks musste sprachlich navigieren, hat es aber mit Anstand hinbekommen.

PS.  Eine Entdeckung ist doch dabei: Das oberste Bild von Maria Angelika Weiss ist für die Zeit ungewöhn-lich individuell und lebendig, während die Porträts von Angelika Kauffmann sich alle ähnlichsehen - ob es die Freifrau von Bauer ist oder der Prinz Lubomirski: Sie hatte eben einen eigenen Geschmack; einen.
JE

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