Mittwoch, 25. März 2020

Der wahre Reichtum besteht in verfügbarer Zeit.

Fred. Leighton, The Sluggard                                                                    aus Marxiana 

Die Schöpfung von viel disposable time ausser der nothwendigen Arbeitszeit für die Gesellschaft überhaupt und jedes Glied derselben, (d. h. Raum für die Entwicklung der vollen Productivkräfte des Einzelnen, daher auch der Gesellschaft) diese Schöpfung von Nichtarbeitszeit erscheint auf dem Standpunkt des Capitals, wie aller frühren Stufen, als Nichtarbeitszeit, freie Zeit für einige. Das Capital fügt hinzu, daß es die Surplusarbeits- zeit der Masse durch alle Mittel der Kunst und Wissenschaft vermehrt, weil sein Reichthum direct in der Aneig- nung von Surplusarbeitszeit besteht; da sein Zweck direkt der Werth, nicht der Gebrauchswerth. 

Es ist so, malgré lui, instrumental in creating the means of social disposable time, um die Arbeitszeit für die ganze Gesellschaft auf ein fallendes Minimum zu reduciren, und so die Zeit aller frei für ihre eigne Entwicklung zu machen. Seine Tendenz aber immer, einerseits disposable time zu schaffen, andrerseits to convert it into sur- pluslabour. Gelingt ihm das erstre zu Gut, so leidet es an Surplusproduction und dann wird die nothwendige Arbeit unterbrochen, weil keine surpluslabour vom Capital verwerthet werden kann. 

Je mehr dieser Widerspruch sich entwickelt, um so mehr stellt sich heraus, daß das Wachsthum der Productiv- kräfte nicht mehr gebannt sein kann an die Aneignung fremder surpluslabour, sondern die Arbeitermasse selbst ihre Surplusarbeit sich aneignen muß. Hat sie das gethan, – und hört damit die disposable time auf gegensätzli- che Existenz zu haben – so wird einerseits die nothwendige Arbeitszeit ihr Maaß an den Bedürfnissen des ge- sellschaftlichen Individuums haben, andrerseits die Entwicklung der gesellschaftlichen Productivkraft so rasch wachsen, daß, obgleich nun auf den Reichthum aller die Production berechnet ist, die disposable time aller wächst. Denn der wirkliche Reichthum ist die entwickelte Productivkraft aller Individuen. Es ist dann keines- wegs mehr die Arbeitszeit, sondern die disposable time das Maaß des Reichthums. 

Die Arbeitszeit als Maaß des Reichthums sezt den Reichthum selbst als auf der Armuth begründet und die disposable time nur existirend im und durch den Gegensatz zur Surplusarbeitszeit oder Setzen der ganzen Zeit des Individuums als Arbeitszeit und Degradation desselben daher zum blosen Arbeiter, Subsumtion unter die Arbeit. Die entwickeltste Maschinerie zwingt den Arbeiter daher jezt länger zu arbeiten als der Wilde thut oder als er selbst mit den einfachsten, rohsten Werkzeugen that.
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.2, S. 584f. [MEW 42, S. 603f.]

 

Nota I. - Hieß es nicht eben noch, der Reichtum bestünde in der Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse?! - Marx war ein dialektischer Denker, und also schrieb er mit Bedacht: 'stofflich betrachtet'. Wofür immer ich meine Zeit ausgebe - es ist ipso facto Bedürfnis. Die stoffliche Seite sind die mannigfaltigen Bedürfnisse, die Verfügbarkeit der Zeit ist die ideelle Seite: die beliebige Vorstellung von dem, wofür ich sie verausgabe. 25. 3. 2020

Nota II. - Die Digitale Revolution wirft einen langen Schatten voraus: Schon hat sie die gesellschaftlich notwen- dige Arbeitszeit so weit reduziert, dass es im Westen für alle gar nicht mehr genug zu tun gibt. Was für ein Ge- schenk – ein zwölftausend Jahre alter Traum der Menschheit geht in Erfüllung: ein Leben lang freie Zeit, ausge- füllt nur mit der Ausbildung meiner eignen Fähigkeiten... wozu? Bloß um sie zu verspielen.

Wie kann die gesellschaftliche Produktion dauerhaft darauf beruhen, dass eine schwindende Handvoll Arbeiter länger arbeitet, als zur Reproduktion ihrer Arbeitskraft nötig wäre, wenn die notwendige Arbeitszeit gegen Null tendiert? Wenn der Arbeiter an einem Arbeitstag das Tausendfache von dem produziert, was er im Monat ver- braucht? Wenn das Tagespensum des Arbeiters schließlich nur noch in einem Kopfnicken oder Fingerschnip- pen besteht?  

Die absolute Grenze der digitalen Automation wäre erreicht, wenn die Maschinerie nicht mehr mit Kopfdruck, sondern durch einen Denkanstoß, durch bloße Gedankenübertragung in Gang gesetzt werden kann. Das bliebe technologisch unmöglich? Aber viel wird nicht fehlen, und so bleibt das Problem: Bei solch astronomischen Missverhältnissen verliert es allen Sinn, von Mehrarbeit zu sprechen. Die 'Formbstimmung' bleibt unberührt, aber sie bedeutet nichts mehr.

Die Formbestimmung ist nichts anderes als die Begriffe. In den Begriffen ist erfasst, gefasst das wirkliche Handeln wirklicher Menschen; 'gefasst': das heißt, so dargestellt, als ob es stillestünde, als ob es eingefroren wäre. Wenn sich das, was die Menschen wirklich tun, ändert, dann ändert sich doch nicht der Begriff; er fasst nur nichts mehr. Er wird leer, weil er nun ohne Anschauung ist.
JE, 13. 8. 15

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