Sonntag, 22. März 2020

Precisionism und Neue Sachlichkeit.

aus Geschmackssachen
Conrad Felixmüller, Zeitungsjunge
 
Der Weg der Kunst führt, seit sie nicht mehr eine handwerkliche Zunft unter anderen, sondern etwas Besonderes sein wollte, nämlich seit der Renaissance, fort von den weltlichen oder geistlichen Themen hin zur reinen Ästhetik, hin zum bloßen - schönen oder 'erhabenen' - Schein. Es konnte nicht ausbleiben, dass die Bewegung als eine weg von den Gegenständen aufgefasst wurde. Die ungegenständliche Malerei erwies sich schnell als eine Sackgasse, sie trat bald auf der Stelle und verlor sich im Dekorativen.

 Felixmüller, Klöckner-Hochofen-Werk, Haspe vom Wohnzimmerfenster Familie Wulf, 30er Jahre

Zurück zu den Anfängen? Mindestens zurück zu "den Sachen". Neue Sachlichkeit ist mehr eine Programm- losung als eine ästhetischen Richtung. Corad Felixmüller und Otto Dix hatten der  Abstraktion nie gehuldigt und haben ihre expressionistische Herkunft auch nie verleugnen mögen. Otto Schlemmer, der oben gar keine Erwähnung findet, kehrt halbherzig zum Kubismus zurück, aber wirklich heimisch ist keiner der Maler in der neu-alten Richtung geworden. Malen wie in der Renaissance? Chirico hat einen längeren Abstecher versucht, aber froh ist er damit auch nicht geworden und hat sich schließlich selbst plagiiert. Immerhin ist ihnen eingefallen, wenigstens die Perspektive, jenes Schlachtross der Renaissance, zu dynamisieren, aber auch nur ein bisschen, jedenfalls nicht mehr als Tintoretto. 

Neue Sachlichkeit war eine Verlegenheitslösung, die ohne den braunen Feldzug gegen die Entarteten vielleicht ganz in Vergessenheit geraten wäre.

Interessant ist nämlich, dass es fast gleichzeitig in Nordamerika, wo die Abtraktion noch gar nicht gelandet war, im Precisionism eine Parallelbewegung gab, die nicht ein geschmacklicher Pendelausschlag war, sondern eine originäre ästhetische Strömung. Der inzwischen in Europa bewunderte Edward Hopper gehört ebenso dazu wie die noch bis vor kurzem tätige Georgia O'Keefe und - Andrew Wyeth! 

Andrew Wyeth, Christina's world, 1948

Und wenn wir schon bei der Familie Wyeth sind, darf Winslow Homer nicht übergangen werden. Und muss der große Einfluss erwähnt werden, den Reklame und Gebrauchsgraphik in Amerika anders als in Europa von Anfang an auf die bildende Kunst gehabt haben. Man möchte meinen, dass das Bedürfnis nach einer rein ästhetischen Kunst dort noch gar nicht aufgekommen ist. Dann beurteilt man vielleicht auf Jeff Koons und Damien Hirst nachsichtiger; und versteht Cy Twombly besser.
 
Winslow Homer, The Green Hill aka On the Hill

aus Neue Sachlichkeit und Neues Sehen bei Bucerius in Hamburg, 4. 4. 19

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