aus Levana, oder Erziehlehre
Wie so viele Gelehrte seiner Zeit mußte sich auch Immanuel Kant in
seinen Jugendjahren als “Hofmeister” (Hauslehrer) durchschlagen, ehe er
eine Anstellung an der Königsberger Universität fand. Es habe wohl nie
einen schlechteren Hofmeister gegeben als ihn, sagte er später. Aber das
war Koketterie. Seine Brotgeber und namentlich deren Kinder müssen
es anders empfunden ha- ben, denn sie blieben ihm über viele Jahre
freundschaftlich verbunden.
Immerhin fällt auf, wie vergleichsweise uninspiriert Kants spätes Buch “Über Pädagogik”[1] geraten ist. Hat ihn das Thema nicht interessiert? Der Text wurde 1803 wenige Monate vor seinem Tod von Freunden herausgegeben, er selbst konnte schon nicht mehr daran mitwirken. Tatsächlich handelt es sich um Manuskripte zu einer Vorlesungsreihe, die Kant über Jahrzehnte immer wieder gehal- ten hat – notgedrungen: Preußens König brauchte Pastoren, die das Volk Ehrfurcht vor Thron und Altar lehrten, und so waren alle ordentlichen Professoren gehalten, reihum über Pädagogik zu le- sen, was für ihre Studenten ebenso verbindlich war wie für die Lehrer. Vorschrift war auch, sich dabei an bewährte Lehrbücher zu halten. Kant wich in seinem Vortrag gelegentlich von den frem- den Kompendien ab und bereicherte sie durch Einschübe aus seinen beliebten Anthropologie-Vorlesungen; z. B. Rousseau sagt: Ihr werdet niemals einen tüchtigen Mann bilden, wenn ihr nicht vorher einen Gassenjungen habt! Sein “eigenes” Werk ist seine ‚Pädagogik’ aber nicht. War ihm die Sache nicht wichtig genug?
Das Gegenteil ist der Fall. Nur war die Anteilnahme des “alleszermalmenden” Königsbergers an der Pädagogik nicht wissenschaftlicher, sondern unmittelbar praktischer Art!
Immerhin fällt auf, wie vergleichsweise uninspiriert Kants spätes Buch “Über Pädagogik”[1] geraten ist. Hat ihn das Thema nicht interessiert? Der Text wurde 1803 wenige Monate vor seinem Tod von Freunden herausgegeben, er selbst konnte schon nicht mehr daran mitwirken. Tatsächlich handelt es sich um Manuskripte zu einer Vorlesungsreihe, die Kant über Jahrzehnte immer wieder gehal- ten hat – notgedrungen: Preußens König brauchte Pastoren, die das Volk Ehrfurcht vor Thron und Altar lehrten, und so waren alle ordentlichen Professoren gehalten, reihum über Pädagogik zu le- sen, was für ihre Studenten ebenso verbindlich war wie für die Lehrer. Vorschrift war auch, sich dabei an bewährte Lehrbücher zu halten. Kant wich in seinem Vortrag gelegentlich von den frem- den Kompendien ab und bereicherte sie durch Einschübe aus seinen beliebten Anthropologie-Vorlesungen; z. B. Rousseau sagt: Ihr werdet niemals einen tüchtigen Mann bilden, wenn ihr nicht vorher einen Gassenjungen habt! Sein “eigenes” Werk ist seine ‚Pädagogik’ aber nicht. War ihm die Sache nicht wichtig genug?
Das Gegenteil ist der Fall. Nur war die Anteilnahme des “alleszermalmenden” Königsbergers an der Pädagogik nicht wissenschaftlicher, sondern unmittelbar praktischer Art!
Gezeichnet von der “Jugendsklaverei”, die er selber am Kö- nigsberger Fridericianum
erdulden mußte, das vom Hallenser Pietismus geprägt war und wo man den
kindlichen Sinn durch Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle brach, wurde
er zu einem der lebhaftesten Propagandisten für Johann Bernhard
Basedows “Philantropin” in Dessau. Über Jahre sammelte er Geld und
rekrutierte Schüler. Wir dokumentieren hier einen Artikel, den er im
Frühjahr 1776 unter dem Titel “An das ge- meine Wesen” in den Königsberger gelehrten und politischen Zeitungen
veröffentlichte. In aufklärerischem Geist erwartet er von der Erziehung
die Besserung der Menschheit. Er hofft auch noch auf eine ‚endgültige’
Schule, nämlich eine, die den Keim zur Selbsterneuerung in sich trägt.
Doch schon der folgenden Generation galt die bürgerliche
Nützlichkeits-Pädagogik der Phil- anthropiner als ein Irrweg. Ihr schärfster Kritiker war ausgerech- net ein ehemaliger Anführer der philosophischen Kant-Partei: Friedrich Immanuel Niethammer.[2] Es fehlt in den gesitteten Ländern von Europa nicht an Erziehungsanstalten und an wohlgemeintem Fleiße der Lehrer, jedermann in diesem Stücke zu Diensten zu sein, und gleichwohl ist es jetzt einleuchtend bewiesen, daß sie insgesamt im ersten Zuschnitt verdorben sind, daß, weil alles darin der Natur entgegen arbeitet, dadurch bei weitem nicht das Gute aus den Menschen gebracht werde, wozu die Natur die Anlage gegeben, und daß, weil wir tierische Geschöpfe nur durch Ausbildung zu Menschen gemacht werden, wir in kurzem ganz andre Menschen um uns sehen würden, wenn diejenige Erziehungsmethode allgemein in Schwang käme, die weislich aus der Na- tur selbst gezogen und nicht von der alten Gewohnheit unerfahrener Zeitalter sklavisch nachgeahmt worden.
Es
ist aber vergeblich, dieses Heil des mensch- lichen Geschlechts von einer
allmählichen Schul- verbesserung zu erwarten. Sie müssen umgeschaf- fen
werden, wenn etwas Gutes aus ihnen entste- hen soll: weil sie in ihrer
ursprünglichen Einrich- tung fehlerhaft sind, und selbst die Lehrer
dersel- ben eine neue Bildung annehmen müssen. Nicht eine langsame Reform,
sondern eine schnelle Re- volution kann dieses bewirken. Und dazu gehört
nichts weiter als nur
eine Schule, die nach der ech- ten Methode von Grunde aus neu angeordnet,
von aufgeklärten Männern nicht mit lohnsüchti- gem, sondern edelmütigem
Eifer bearbeitet und während ihrem Fortschritte zur Vollkommenheit von
dem auf- merksamen Auge der Kenner in allen Ländern beobachtet und
beurteilt, aber auch durch den vereinigten Beitrag aller Menschenfreunde
bis zur Erreichung ihrer Vollständigkeit unterstützt und fortgeholfen
würde.Eine solche Schule ist nicht bloß für die, welche sie erzieht, sondern, welches ungleich wichtiger ist, durch dieje- nigen, denen sie Gelegenheit gibt, sich nach und nach in großer Zahl bei ihr nach der wahren Erziehungsmetho- de zu Lehrern zu bilden, ein Samkorn, vermittelst dessen sorgfältiger Pflege in kurzer Zeit eine Menge wohl un- terwiesener Lehrer erwachsen kann, die ein ganzes Land bald mit guten Schulen bedecken werden.
Die Bemühungen des gemeinen Wesens aller Länder sollten nun darauf zuerst gerichtet sein, einer solchen Musterschule von allen Orten und Enden Handreichungen zu tun, um sie [sic] bald zu der ganzen Vollkommen- heit zu verhelfen, dazu sie in sich selbst schon die Quellen enthält. Denn diese Einrichtung und Anlage sofort in andern Ländern nachahmen zu wollen und sie selbst, die das erste vollständige Beispiel und Pflanzschule der guten Erziehung werden soll, indessen unter Mangel und Hindernissen in ihrem Fortschritt zur Vollkommenheit aufhalten, das heißt soviel: als den Samen vor der Reife aussäen, um hernach Unkraut zu ernten.
Eine
solche Erziehungsanstalt ist nun nicht mehr bloß eine schöne Idee,
sondern zeigt sich mit sichtbaren Beweisen der Tunlichkeit dessen, was
längst gewünscht worden (…). Gewiß eine Erscheinung unserer Zeit, die,
obzwar von gemeinen Augen übersehen, jedem verständigen und an dem Wohl
der Menschheit teilnehmenden Zuschauer
viel wichtiger sein muß, als das glänzende Nichts auf dem jederzeit
veränderlichen Schauplatze der großen Welt, wodurch das Beste der
Menschheit, wo nicht zurückgesetzt, doch nicht um ein Haar weiter
gebracht wird.Der öffentliche Ruf und vornehmlich die vereinigten Stimmen gewissenhafter und einsehender Kenner aus verschiedenen Ländern werden die Leser dieser Zeitung[3] schon das Dessauische Educationsinstitut (Philan- tropin) als dasjenige einzige kennen gelernt [sic] haben, was diese Merkmale der Vortrefflichkeit an sich trägt, wovon es eine nicht der geringsten ist: daß es seiner Einrichtung gemäß alle ihm im Anfange etwa noch vor- handenen Fehler natürlicher Weise von selbst abwerfen muß. (…)
Diesem Institute nun, welches der Menschheit und also der Teilnehmung jedes Weltbürgers gewidmet ist, einige Hilfe zu leisten (welche einzeln nur klein, aber durch die Menge wichtig werden kann) wird jetzt die Gelegenheit dargeboten. Wollte man seine Erfindungskraft anstrengen, um eine Gelegenheit zu erdenken, wo durch einen geringen Beitrag das größt mögliche, dauerhafteste und allgemeine Gute befördert werden könnte, so müßte es doch diejenige sein, da der Samen des Guten selbst, damit er sich mit der Zeit verbreite und verewige, gepflegt und unterhalten werden kann.
Diesen Begriffen und der guten Meinung zufolge, die wir uns von der Zahl wohl denkender Personen unseres gemeinen Wesens machen, beziehen wir uns auf das 21. Stück dieser gelehrten und politischen Zeitung[4] (…) und sehen einer zahlreichen Pränumeration entgegen: von allen Herren des geistlichen und Schulstandes, von Eltern überhaupt, denen, was zur besseren Bildung ihrer Kinder dient, nicht gleichgültig sein kann, ja selbst von denen, die, obgleich sie nicht Kinder haben, doch ehedem als Kinder Erziehung genossen und eben darum die Verbindlichkeit erkennen werden, wo nicht zur Vermehrung, doch wenigstens zur Bildung der Menschen das Ihrige beizutragen.
Auf diese von dem Dessauischen Educationsinstitut herauskommende Monatsschrift unter dem Titel Pädagogische Unterhandlungen wird nun die Pränumeration mit 2 Reichstalern 10 Groschen unseres Geldes angenommen. (…) Denn gedachtes Institut macht sich die Hoffnung: daß es viele edeldenkende Personen in allen Ländern gebe, die eine solche Gelegenheit willig ergreifen würden, um bei dieser Veranlassung über das Pränumerationsquantum noch ein feiwilliges kleines Geschenk (…) hinzuzufügen. Denn da (…) die Regierungen jetziger Zeit zu Schul- verbesserungen kein Geld zu haben scheinen, so wird es doch endlich, wofern solche nicht gar ungeschehen bleiben soll[en], auf bemittelte Privatpersonen ankommen, die so wichtige allgemeine Angelegenheit durch groß- mütigen Beitrag selbst zu befördern. Die Pränumeration hiesigen Orts wird bei Herrn Prof. Kant in den Vormittagsstunden von 10 bis Nachmittag gegen 1 Uhr und in der Kanterschen Buchhandlung[5] zu aller Zeit gegen Pränumerationsschein abgegeben.
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3]In den “Königsberger gelehrten und politische Zeitungen”, in denen Kants Aufsatz erschien, hatten auch andere namhafte Autoren für das Philanthropin geworben.
[4]die Ausgbe vom 13. März 1776 enthielt eine Vorankündigung der Basedow’schen Zeitschrift
5]Kants Wohnadresse und Vorlesungssaal
28. 10. 2008
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