Donnerstag, 23. Dezember 2021

Ein natürlicher Kausalitätsbegriff?

 

aus derStandard.at, 22. 12. 2021                                                     Damit ein Border Collie den Ball in der Luft erwischt, muss er intuitiv erfassen können, wie sich das Objekt bewegt.                                                                                                           zuJochen Ebmeiers Realien

Unerwartete Wendung
Hunde erkennen, wenn im Film die Gesetze der Physik verletzt werden. Wiener Kognitionsforscher haben einer Gruppe von Hunden "surrealistische" Videos vorgespielt

Um bei der Jagd erfolgreich zu sein, müssen Wölfe eine Intuition dafür entwickeln, wie sich ihre Beute bewegt. Bei Hunden ist es ähnlich, wie eine aktuelle Studie zeigt: Beobachten die Vierbeiner etwas Unerwartetes, eine physikalische Unmöglichkeit, reagieren sie darauf mit Zeichen der Aufmerksamkeit, wie Christoph Völter und Ludwig Huber vom Clever Dog Lab (Messerli Forschungsinstitut) der Veterinärmedizinischen Universität Wien berichten.

Die Forscher schließen daraus, dass zumindest manche Hunde – so wie der Mensch ab dem sechsten Lebensmonat und nahe Verwandte wie Schimpansen – eine Art praktisches Ver-ständnis von Ursache und Wirkung besitzen.

Surrealistische Videos

Die beiden Verhaltensforscher setzten für ihre Untersuchung 14 erwachsene entsprechend trainierte Border Collies, Labrador Retriever und Mischlinge nacheinander vor einen Bild-schirm und zeigten ihnen zwei Videos. Dabei mussten die Tiere ihren Kopf auf eine Kinnstütze legen, mit Bick auf einem Computerbildschirm und ein Eye-Tracking-System.

Im Ersten Film stieß eine rollende Billardkugel auf eine andere und wurde durch den Aufprall gestoppt, woraufhin die andere losrollte – ganz den Newtonschen Bewegungsgesetzen entsprechend. Das zweite Video dagegen war "surrealistisch": Die erste Kugel stoppte plötzlich und lange bevor sie die andere erreicht hatte, trotzdem kullerte diese los, als wäre sie getroffen worden.

Unerwarteter Stopp

Beim zweiten Video verharrten die Hundeblicke länger auf der ersten Kugel, die offensichtlich grundlos zum Stillstand gekommen war, so die Forscher. Außerdem waren ihre Pupillen weiter geöffnet, was ein Zeichen von erhöhter Aufmerksamkeit und Erstaunen ist.

Die Reaktion lässt darauf schließen, dass die Vierbeiner etwas beobachtet habe, mit dem sie nicht gerechnet hatten, schreiben die Wissenschafter im Fachjournal "Biology Letters". Das heißt nicht, dass Hunde unbedingt die Gesetze der Physik verstanden hätten, sagte Völter. Aber es deute auf ein implizites Verständnis von Ursache und Wirkung und ihrer physischen Umgebung hin. Unklar sei noch, wie Hunde solche unerwarteten Ereignisse verarbeiten und was sie daraus machen. (red, APA,)

Studien

 

Nota. - Das Kausalitätsprinzip war nicht zufällig der härteste Stein des Anstoßes zur Ver-nunftkritik. 

Zunächst einmal, vor aller begrifflichen Finesse, gilt als unvernünftig, wer nicht stets und reflexhaft das Prinzip von Ursache und Wirkung vor Augen hat. Das mochte eine göttlich eingegebne Idee sein, doch die praktisch eingestellten, weil früh bürgerlich gesonnenen Engländer haben sich im Verlauf des 17. Jahrhunderts davon überzeugt, dass die Begriffe nicht vom Himmel fallen, sondern von den Menschen selber aus eigener Erfahrung abstra-hiert werden. Das war plausibel und mit dogmatisch-rationalistischen Vorhaltungen nicht wieder aus der Welt zu schaffen: Nicht das Erkennen ist der Eingang zur Vernunft, sondern das Fühlen. 

Doch auch der Sensualismus brachte seine Skeptiker hervor. David Hume legte den Finder darauf, dass der sogenannte Kausalnexus in der Erfahrung gar nicht vorkommt. Beobach-ten kann man immer nur der Zustand vorher und den Zustand nachher. Einen Moment, in dem eine Wirkung geschieht, bekommt man nimmer zu Gesicht.

Seine Beobachtung war genial, seine Folgerung war einfältig: Ursächlichkeit sei eine reine Denkgewohnheit. Doch warum? Wenn sie sich überall und immer bewährt, scheint sie ja doch etwas zu erklären, was man immer noch nicht verstehen kann. 

An dem Punkt begann Kants Kritik und die Kausalität wurde ihm zu seiner ersten "Kate-gorie". Woher allerdings das Apriori, wie er es nennt, stammt, ließ er vielsagend im Unge-wisssen.

*

Wenn nun selbst Hunde eine elementare Ahnung von der Kausalität haben, kann sie kaum aus der Erfahrung stammen, denn sie bilden keine Begriffe, die sie einander mitteilen und ihren Kindern überliefern. Jedenfalls nicht aus den bewusst gewordenen Erfahrung von In-dividuen. Denen geht sie vielmehr vorher; so wie Kant es bei den Menschen analysiert hat. Man wird es bei ihnen dort suchen müssen, wo man es schon bei jenen gefunden hat: "Die Leistungen des transzendentalen Subjekts haben ihre Basis in der Naturgeschichte der Men-schengattung", sagt J. Habermas.* Dass regelmäßig Erlebtes genetisch weitergegeben wird, sobald es zum Wettbewerbsvorteil bei der Fortpflanzung wurde, weiß man inzwischen auch, und es erklärt nicht nur manches, sondern macht es auch verständlich.

*)Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie’, Ffm. 1969, S. 161

JE

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