Mittwoch, 17. März 2021

Kunst ist, was Künstler machen - wenn sie können.

Nils Mönkemeyer                              z aus nzz.ch, 10. 3. 2021                                                                                                                                Mit 42 Jahren hat Nils Mönkemeyer seinen Platz in der Musikwelt gefunden. Die Chancen heutiger Absolventen mit Ende zwanzig machen ihm dagegen Sorgen.

Zur Lage junger Musiker
«Es findet gerade eine darwinsche Selektion statt»
Wie wirkt sich die Pandemie auf den künstlerischen Nachwuchs aus? Der gefeierte Bratschist Nils Mönkemeyer sieht eine «Generation Fragezeichen» heranwachsen.

von Marco Frei
 
Die These sorgte im Frühsommer 2020 für beträchtliche Aufregung: Kurz nach dem ersten Shutdown, der sich für die Kulturwelt in einen dauerhaften verwandelt hat, warnte der Tenor Jonas Kaufmann davor, dass die Auswirkungen der Krise für die Kultur in ihrem ganzen Ausmass erst viel später deutlich werden könnten. Konkret bestehe die Gefahr, dass im Musikleben in einigen Jahrzehnten der Nachwuchs fehle – weil sich viele junge Talente aufgrund der desolaten Aussichten für einen anderen Beruf entschieden.

Für Nils Mönkemeyer mutet diese These Kaufmanns realistisch, aber auch «ziemlich apokalyptisch» an. «Es war noch nie besonders leicht, in der Profimusik gross zu werden. Es ist sehr hart gesagt, aber: Ich glaube, dass die Corona-Pandemie gegenwärtig das Mittelfeld wegsortiert. Es ist eine Art darwinsche Selektion, die gerade stattfindet. Das klingt brutal, und das ist es auch.»

«Kultureller Erdrutsch»

Mönkemeyer weiss, wovon er redet. Als einer der führenden Musiker seiner Generation ist er ausgesprochen breit aufgestellt und hat einen weiten Überblick. In Normalzeiten tourt der Wahlmünchner nicht nur als Solist und Kammermusiker durch die Klassikwelt, sondern ist auch als Veranstalter aktiv. Gemeinsam mit seinem Klavierpartner William Youn leitet er seit 2019 die «Insel-Konzerte» auf Herrenchiemsee, sozusagen auf halber Strecke zwischen Salzburg und München. Zudem hat er in Zusammenarbeit mit der Caritas das Festival «Klassik für alle» in Bonn entwickelt. Und nicht zuletzt ist Mönkemeyer ein allseits geschätzter Pädagoge.

 

 

Schon an der Escuela Superior de Música Reina Sofía in Madrid wirkte er als Assistenzprofessor und wurde im Oktober 2009 an die Musikhochschule Carl Maria von Weber nach Dresden berufen. Seit 2011 unterrichtet er als Bratschen-Professor an der Hochschule für Musik und Theater in München. Für Mönkemeyer tangiert die besagte «darwinsche Selektion» einerseits das individuelle künstlerische Niveau wie andererseits auch – «auf erschreckende Weise» – das «ganze Mittelfeld der Orchester und Veranstalter».

«Diese Pandemie werden wahrscheinlich nur die Besten künstlerisch überleben. Gleichzeitig kann sich die Kreativität nicht durchsetzen: weil die alternative, freie Szene, wo hochspannende Dinge passieren, als Erstes wegbrechen wird.» Im Gespräch zieht Mönkemeyer eine Parallele zu den kulturpolitischen Entwicklungen in den Niederlanden vor rund zehn Jahren, als der Staat die Zuschüsse für Kunst und Kultur zusammengestrichen hatte. Der grosse Dirigent Bernard Haitink attestierte seiner Heimat damals auf Nachfrage, während eines Dirigier-Meisterkurses im Rahmen des Lucerne Festival an Ostern 2012, einen «kulturellen Erdrutsch». «Viele tolle Initiativen sind damals gestorben», erinnert sich Mönkemeyer. «Es ist meine grösste Sorge, dass alle, die nicht den konventionellen Weg gehen wollen, es jetzt noch schwerer haben als ohnehin schon.»

«Diese Pandemie werden wahrscheinlich nur die Besten künstlerisch überleben.»

Wie wichtig ihm selbst gerade die freie Szene ist, zeigen seine Konzerte und bisherigen Einspielungen – so auch sein jüngstes Album. Sie schlägt eine Brücke von den Barockmeistern Antonio Vivaldi und Giuseppe Tartini über Alessandro Rolla bis zu Niccolò Paganini. Dieses «Italienische Album», vielleicht seine bisher beste und kühnste CD, hat Mönkemeyer mit dem innovativen Originalklang-Ensemble L’arte del mondo von Werner Ehrhardt aus Leverkusen realisiert.

Generation Fragezeichen

Wie aber ist derzeit die Stimmung in seiner Bratschen-Klasse in München? «Niemand von meinen Studierenden hat aufgehört zu üben oder sich überlegt, den Beruf zu wechseln», erwidert Mönkemeyer. Doch es gebe «sehr viel Verunsicherung und Angst» – zumal nicht klar sei, wie der Arbeitsmarkt nach der Pandemie aussehen werde.

«Für die Studierenden zwischen 26 und 30 Jahren, die in der Jobfindungsphase sind, ist es wirklich schlimm: weil ihre Chancen schwinden. Für sie ist es beängstigend, da ihnen buchstäblich die Zeit davonläuft.» Da sind etwa die wichtigen Probespiele für Anstellungen in Orchestern oder erste Aushilfsverträge in Klangkörpern, die wegen Corona nicht angetreten werden konnten: «Wer über 30 Jahre ist, bekommt faktisch nur dann eine Einladung zu einem Probespiel im Orchester, wenn man bereits eine gleichwertige feste Stelle irgendwo hat. Wenn ich gerade Ende zwanzig wäre, würde ich mir sehr grosse Sorgen machen.»

Gleichzeitig bemerkt Mönkemeyer unter seinen Studentinnen und Studenten aber auch das «Prinzip Hoffnung», wie er es selbst aus seiner Studienzeit kennt. «Klappt das eine nicht, habe ich noch eine andere Chance.» Ein «grosses Fragezeichen für die Zukunft» sei allerdings das Wegbrechen der internationalen Ausrichtung der Musik. «Das wird den gesamten Markt verändern und gleichzeitig Chancen wegnehmen», meint Mönkemeyer. «Die Globalisierung der Musikszene ist momentan ganz merkwürdig gestoppt.»

Neue nationale Schulen?

Das berührt nicht nur das Konzertleben und die Tourneen, sondern auch die multinationalen Austauschprogramme in der Musikausbildung. «Genau dieser Austausch fehlt im Lockdown. Dafür ist die Studienzeit da, und das kann man nie mehr nachholen.» Wie international wird also das Musikleben nach der Krise sein? Für Mönkemeyer steht fest: «Sollten wir nationaler werden, wird das auch einen grossen Einfluss auf unser Spiel haben.»

Dann droht für Mönkemeyer die Rückkehr zu einem Denken in künstlerischen und stilistischen Schulen. «Ich fände das bedauerlich, weil ich überzeugt bin, dass unsere zeitgemässe Art zu musizieren aus der Offenheit des Austauschs kommt.» Gleichwohl glaubt Mönkemeyer unverdrossen weiter an den «inneren Drang» in der Kunst. «Es gibt etwas, das grösser ist und erklärt, warum man etwas macht: weil man es eben machen muss. Wer das in sich fühlt, wird immer Künstler werden und das auch bleiben. Genau diese Personen werden in Zukunft weiterhin eine Chance haben.»

 

Nota. - Kunst kommt von können - wie wahr. Aber es reicht nicht, dass der Künstler das, was er macht, kann. Er muss es auch machen können.

In der feudalen Ständeordnung war das kein Problem. Wer keine Begabung zu erkennen gab, wurde gar nicht erst in eine Malerwerkstatt zur Lehre gegeben. Von da an hatte er in seiner Zunft einen Platz. Seit die Kunst frei geworden ist, braucht der Künstler erstens einen, der ihn ernährt, solange er noch sein Handwerk erlernt - auf die Gefahr hin, dass sein Talent dann doch nicht reicht; und dann muss er von seiner Kunst leben können, und das ist eine Sache des Marktes. 

Vor der französischen Revolution waren es fürstliche Mäzene, die sich diesen Luxus leisteten, und ihnen war der Künstler seine Werke schuldig. Heute hilft der Staat aus; durch Stipendien und, bei den Musikern, mit Orchesterstellen. Doch die Voraussetzung ist ja immer, dass der Künstler ein Publikum findet: Das müssen ihm in der bildenden Kunst die Galerien zuführen - und in der Musik die Konzerthäuser. Eine momentane Flaute kann man überbrücken. Doch inzwischen gehn wir ins zweite Jahr. Wenn keine Darbietung stattfindet, können Orchester nicht spielen. Und kann es geschehen, dass der Künstler den Faden verliert...

Mit andern Worten, Künstler sein ist nicht nur eine Frage des künstlerischen Könnens. Dazu gehören eine ganz Reihe von unkünstlerischen Fertigkeiten, von denen das Publikum gar nichts merkt - weil er sie braucht, bevor vor Publikum treten kann. Auch in diesem Sinne ist Kunst das, was Künstler machen.

JE 


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