
aus derStandard.at, 10. Mai 2022 zu Levana, oder Erziehlehre; zuJochen Ebmeiers Realien
Es ist seit längerem bekannt, dass sich der Body-Mass-Index (BMI) von Kindern in westlichen Ländern im Sommer ungünstig verändert. Als Ursache nahm die Forschung bisher vor allem Veränderungen in der körperlichen Aktivität und der Ernährung der Kinder während der Sommerzeit an. Eine Studie, die am Dienstag in der Zeitschrift "Frontiers in Physiology" veröffentlicht wurde, bringt einen neuen, überraschenden Faktor ins Spiel: Kinder wachsen während des Schuljahrs schneller als im Sommer, und das wiederum führt zu einem höheren BMI im Sommer. Die Gewichtszunahme selbst bleibt nämlich über das Jahr hinweg stabil.
Für ihre Untersuchung haben Erstautorin Jennette Moreno (Baylor College of Medicine in Houston, Texas) und ihr Team die Ergebnisse einer Studie aus dem Jahr 2013 statistisch neu ausgewertet. Sie hatten dafür 3.588 Kinder untersucht, die im September 2005 in den Kindergarten kamen und zu Beginn der Studie fünf oder sechs Jahre alt waren. In den nächsten fünf Jahren wurden zweimal im Jahr – Mitte September und Mitte April – die Größe und das Gewicht der Kinder gemessen.
Basierend auf diesen Werten teilten die Forschenden ihre jungen Probanden in fünf "BMI-Pfadgruppen" ein, basierend auf dem Muster ihrer BMI-Änderung im Lauf der Studie: 52,5 Prozent der texanischen Kinder hatten ein "anhaltend gesundes Gewicht", 22,6 Prozent der Kinder wurden als "chronisch übergewichtig oder fettleibig" eingestuft, jeweils rund acht Prozent hatten ein "zunehmend gesundes Gewicht", ein "spät einsetzendes Übergewicht" oder ein "früh (also bald nach dem Kindergarten, Anm.) einsetzendes Übergewicht".
Bei genauen Auswertungen der Größenmessungen zeigte sich, dass die Körpergröße der Kinder während des Schuljahrs schneller zunahm als während des Sommers, und zwar mit einer durchschnittlichen Differenz von 0,55 Millimeter pro Monat. Das sommerliche Defizit beim vertikalen Wachstum war in der Gruppe der "chronisch Übergewichtigen oder Fettleibigen" mit etwa einem Millimeter pro Monat am stärksten ausgeprägt.
Die Rate der Gewichtszunahme hingegen unterschied sich nicht nach Jahreszeit. Die letztgenannten kombinierten Muster von Größe und Gewicht bedeuteten jedoch, dass die Wahrscheinlichkeit, übergewichtig oder fettleibig zu werden, im Sommer jeweils stark anstieg.
Die Ursachen für die starke Saisonabhängigkeit des Wachstums sind noch nicht geklärt. Letztautor Craig Johnston (University of Houston) vermutet, dass es mit der durch die Schule erzwungenen Exposition der Kinder gegenüber dem täglichen Hell-dunkel-Zyklus zu tun haben könnte. Diese Frage würde sich aber nur durch weitere Studien klären lassen – etwa an Kindern, die das ganze Jahr über in die Schule gehen. (tasch.)
Originalstudie:
Frontiers in Physiology: "Seasonality of Children's Height and Weight and Weight and their Contribution to Accelerated Summer Weight Gain"
Nota. - Akzeleration nennt man das seit zwei Jahrhunderten beobachtete Phänomen, dass die Kinder immer schneller und höher wachsen und früher in die Pubertätkommen als ehedem. Die Ursachen sind rätselhaft, viele Faktoren kommen in Betracht, und man muß bis auf weiteres wohl spekulieren.
Weit verbreitet ist die Annahme, dass außer besserer Ernährung und Hygiene auch der Umstand eine Rolle spielt, dass in der indusstriellen Zivilisation das Leben auch der Kinder immer stärker von Stress geprägt wird. Ganz ohne Stress, nämlich Reize von außen, kann kein Organismus wachsen. Bei manchen in den letzten Jahrzehnte aufgetretenden Entwicklungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen wird Reizüberflutung und zu viel Stress als Ursache vermutet.
Vom zunehmenden Stress in unsern Schulen wird auch berichtet, doch mit dem Phänomen der Akzeleration wurde es wohl noch nicht in Verbindung gebracht. Da gibt es etwas nachzuholen.
Es wird aber auch beobachtet, dass sich die Akzeleration letzthin verlangsamt und womöglich gar in ihr Gegenteil umschlägt. Das kann an einem biologisch vorgegebenen Optimum oder doch Maximum liegen, dem wir uns angenähert hätten. Das ist allerdings reine Spekulation. Mindestens so nahe wenn nicht näher liegt der Verdacht, das Quantum an Stress möchte so groß geworden sein, dass sein stimulierender Effekt erschöpft ist und jetzt Verhaltens- und Gemütsstörungen an dessen Stelle treten. Das wäre doch eine Frage, die größere Mengen an Fördergeldern rechtfertigen würde.
JE
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen