
aus FAZ.NET, 10. 5. 2022 Metamateriell: reagiert auf Druck mit einer Drehung
"Intelligente Metaoberflächen" – das ist das Thema eines Beitrags in „eLight“, einer Fach-zeitschrift für Optik und Photonik. Wieder ein neues Wort mit dem vorangestellten Silben-paar, dessen Karriere immer schwindelerregendere Höhen erklimmt. Wer dafür einen Schuldigen sucht, wird schließlich bei einem gewissen Andronikos von Rhodos landen, der im ersten Jahrhundert vor Christus die allgemeinphilosophischen Schriften des Aristoteles unter dem Titel „Metaphysik“ herausgab – einfach weil er sie nach den Schriften über die Natur (griechisch „physis“) einordnete und „meta“ als Präposition mit Akkusativ „nach“ bedeutet.
Meistens ist das „nach“ dabei räumlich oder zeitlich gemeint, gelegentlich allerdings auch qualitativ zur Verortung in einer Rangfolge. Das enorme denkerische Niveau der aristote-lischen theoretischen Philosophie verhalf nun der qualitativen Nebenbedeutung von „meta“ zu seiner Konjunktur, allerdings in einer eigentümlichen Umkehrung: aus „darunter“ wurde “darüber“. Denn indem Metaphysik fundamentaler über die Welt nachdenkt, ist sie doch eine ranghöhere, zumindest aber anspruchsvollere Wissenschaft als bloße Naturkunde. Phi-losophen, die der Siegeszug der neuzeitlichen Naturwissenschaft begeisterte, stießen sich daran und übten Metaphysikkritik, bis hin zu jenen Denkern der 1920er Jahre, die alle nicht auf Empirie gestützten Sätze für unsinnig erklärten – außer natürlich denen, welchen sie formulierten, als sie ebendies erklärten. Das ging also schief.
Aber seither darf man nicht nur wieder Metaphysik betreiben und ein vielzelliges Lebewe-sen (wie sich selbst) ohne rot zu werden, als „Metazoon“ bezeichnen. Das „Meta“ hat auch etwas von seinem Gebrauch als Präposition mit Genitiv erhalten – dort bedeutete es „mit“ oder auch „mittels“. Bei einem Wort mit vorangestelltem „Meta“ ist also quasi immer etwas Grundsätzlicheres darüber mitgedacht, etwas, das erst in den Blick kommt, wenn man eine höhere Perspektive einnimmt, sich also auf die Metaebene begibt und dafür offenbleibt, da-mit nur eine von vielleicht mehreren Reflexionsstufen erklommen zu haben – „meta“ mit Dativ bedeutet nämlich „zwischen“, auch im Sinne des Hinüberwechselns und der Vermitt-lung.
Doch langsam kommt das Präfix auf die schiefe Bahn. Während Metastudien noch viele Studien studieren, um danach mehr zu wissen als diese zusammen, treten in Metamateria-lien durch Einarbeiten bestimmter Strukturen lediglich neue Eigenschaften auf. Metaober-flächen, noch dazu intelligente, können irgendwie mehr als nur räumliche Körper begren-zen und das Metaverse ist viel toller, als das Universum je sein könnte - mehr weiß man darüber allerdings noch nicht. Da möchte man neutestamentlich werden und rufen „Meta-noeite!“ (Markus 1,15). Wörtlich bedeutet das: „Denkt um!“ Luther übersetzt: „Tut Buße!“
Nota. - Elementar und daher unersetzlich ist der Gebrauch von meta in der Semantik - von wo das Wörtlein schließlich seine weltliche Karriere begann; nämlich als zweite semantische Ebene, für Sätze, die über Sätze ausgesprochen werden; Metaaussagen über Objektaussagen.
Und da fällt auf, dass in der Philosophie die Rede von der Meta philosophie längst üblich war - als eins von diesen Fachwörtern, durch die Kenner sich vom Vulgus abheben können. Doch unverzichtbar ist es gerade auch dort.
Und übrigens, Herr v. Rauchhaupt, haben nicht erst Physiker des 20. Jahrhunderts Meta-physik kritisiert, sondern - vernichtend - schon Immanuel Kant im 18. Jahrhundert.
JE
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