Freitag, 20. Mai 2022

Leibniz.


aus scinexx.de     Gottfried Wilhelm Leibniz war Philosoph, Mathematiker, Erfinder und Universalgelehrter.       zuJochen Ebmeiers Realien;
Gottfried Wilhelm Leibniz
Gottfried Wilhelm Leibniz wurde zwei Jahre vor Ende des Dreißigjährigen Kriegs, geboren und gilt wohl zu Recht als das letzte Universalgenie. Es gab keine Wissenschaft, die ihn nicht interessierte und so wurde er zum herausragenden Philosophen, Theologen, Juristen, Mathematiker, Historiker, Erfinder, Politiker und wahrscheinlich genialsten Kopf seiner Epoche.

Der Universalgelehrte strebte sein Leben lang nach einer besseren Welt und dem Wohl der Allgemeinheit. Viele seiner Überlegungen und Erfindungen entstammen diesem Streben, genauso wie seiner großen Leidenschaft für Zahlen, der wir heute Entwicklungen wie das binäre Zahlensystem, auf dem moderne Computer basieren, oder die Infinitesimalrechnung verdanken.

Leibniz sah die Wissenschaft als etwas Ganzheitliches. Zeitlebens wollte er die verschiedenen Richtungen zu einer logischen Einheit verbinden, um die Welt um sich herum zu erklären. Zusätzlich machten ihn seine unerschöpfliche Neugier und hochgradige Intelligenz zu dem universalen Genie, das er war. So soll er gesagt haben: „Beim Erwachen hatte ich schon so viele Einfälle, dass der Tag nicht ausreichte, um sie niederzuschreiben“

Erste Jahre eines Universalgenies
Privilegierte Kinderstube

Am 1. Juli 1646 wird Gottfried Wilhelm Leibniz in eine Professorenfamilie hineingeboren. Sein Vater ist Notar und Juraprofessor an der Leipziger Universität, die Mutter ist Tochter eines Universitätsprofessors. Durch den hohen Bildungsstand seiner Familie genießt er das Privileg, mit sieben Jahren die Nikolai-Schule in Leipzig besuchen zu dürfen. Denn von einer Schulpflicht ist man zu dieser Zeit noch weit entfernt.

Universität
Die Universität in Altdorf, an der Leibniz promovierte Hans Recknagel/ historisch

Und nicht nur das: In einer Zeit, in der Lesen und Schreiben noch lange keine Selbstverständlichkeit für Kinder ist, steht dem jungen Leibniz die Bibliothek seines Vaters offen. Hier kann das schlummernde Genie früh geweckt und gefördert werden. So bringt er sich mit kaum acht Jahren anhand der Bücher autodidaktisch Latein bei und liest interessiert philosophische Abhandlungen und lateinische Schriften des Vaters.

Mit seinen Lateinkenntnissen beherrscht er nun schon als Kind die damals führende Sprache der Wissenschaft und schafft eine unerlässliche Voraussetzung für späteren hochkarätigen akademischen Austausch und wissenschaftliche Erfolge.

Promotion auf Umwegen

Seine Neugier und Wissbegierde führen dazu, dass er bereits mit 15 Jahren Philosophiestudent an der Leipziger Universität wird, an der er zusätzlich Vorlesungen in Mathematik sowie griechischer und lateinischer Poesie belegt. Nebenher beschäftigt Leibniz sich außerdem mit Physik und Problemen der Logik. Schon nach zwei Jahren schließt er sein Studium ab und widmet sich den Rechtswissenschaften. Trotz hervorragender Leistungen wird ihm allerdings, aufgrund seines geringen Alters, eine Promotion im Kirchen- und Zivilrecht verwehrt.

 

 

Mit gerade Mal 20 Jahren ist er daher gezwungen die Universität zu wechseln und gelangt nach Altdorf in der Nähe von Nürnberg. Hier legt er der Professorenschaft ein bereits fertig gestelltes Thesenpapier mit dem Titel „Disputation zu schwierigen Fällen im Rechtswesen“ vor und promoviert mit Bravour.

Früher Vordenker der Aufklärung

In seinem Thesenpapier beschäftigt sich Leibniz mit schwierigen Fällen, für die es im damaligen Recht keine eindeutige Lösung gab und diskutiert Ansätze, auf welcher Basis solche Fälle gelöst werden sollten. Er erklärt, der Richter könnte eine Entscheidung verweigern, eine Münze werfen, nach gesundem Menschenverstand oder allgemeinen ethischen Prinzipien urteilen.

Leibniz bevorzugt letztere Lösung und beruft sich auf das sogenannte Naturrecht, welches die Moral als Grundlage für Recht und Ordnung ansieht, und das laut Leibniz, aufgrund der vorherrschenden Staatsform im damaligen Recht nur unzureichend abgedeckt ist.

Das Besondere ist hier, dass Leibniz die Quelle der Moral nicht nur einfach in der Natur, sondern in der von Gott gegebenen Vernunft sieht, die uns befähigt, moralische Grundlagen des Rechts zu erkennen. Damit spricht er sich schon in jungen Jahren und lange vor Beginn der Aufklärung für vernunftgesteuertes Handeln aus und ist seiner Zeit weit voraus.

„Theoria cum praxi“

Nach der herausragenden Promotion erhält Leibniz gleich zwei Angebote für eine Professur, die er überraschenderweise aber beide ablehnt. Ganz nach seinem Motto „Theoria cum praxi“ – „Theorie mit Praxis“, will er praktisch arbeiten und in die Welt hinaus. Er möchte seinen Horizont erweitern, wissenschaftlich aufsteigen und die Welt verbessern, indem er Einfluss auf die Mächtigen der Zeit nimmt.

Schönborn
Leibniz‘ langjähriger Arbeitgeber, Kurfürst Johann Philipp von Schönborn, ermöglichte ihm weitreichende wissenschaftliche Tätigkeit.

Durch seine vielfältigen Studien in Philosophie, Theologie und Naturwissenschaften ist er zu der Ansicht gelangt, dass in jeder widerstreitenden Meinung ein wahrer Kern liegt, den es zu ergründen gilt, um die Wissenschaft zu vereinen. Auch um dieses Ziel zu verfolgen und sich intensiv mit verschiedenen wissenschaftlichen Ansichten auseinanderzusetzten, möchte er die Professur nicht annehmen.

Leibniz fasst Fuß

Seine erste Anstellung hat wenig mit dem späteren Glanz seiner Erfolge zu tun. Unter falscher Vorgabe von Alchemiekenntnissen ergattert Leibniz einen Arbeitsplatz bei einer Nürnberger Gesellschaft, die geheime, alchemistische Experimente durchführt. Er wird ihr Sekretär und arbeitet auch mit im Labor. Später spricht er zwar selbst etwas herablassend über die fragwürdigen Versuche, brauchte zu dieser Zeit jedoch dringend Geld.

Dann aber hat Leibniz Glück und das Risiko der abgelehnten Professur zahlt sich aus: Im Jahr nach seiner Promotion begegnet er Baron Johann Christian von Boineburg, seinem späteren Gönner und Freund. Dieser ist Diplomat und Minister des mächtigen Mainzer Kurfürsten und Erzbischofs Johann Philipp von Schönborn und vermittelt Leibniz eine Anstellung an dessen Hof.

Hier hat Leibniz neben seiner Beschäftigung als persönlicher Berater Boineburgs und dessen Anwalt Zeit und Mittel, sich mit allen möglichen Fragestellungen seiner Zeit auseinanderzusetzen. So befasst er sich mit religiösen Streitfragen, philosophischen, physikalischen, mathematischen und historischen Problemen und verfasst diverse Abhandlungen.

Zwecks Gedankenaustauschs beginnt er Briefwechsel mit den führenden Gelehrten seiner Zeit, den er stets weiter ausbauen wird. So wird der Gelehrte am Ende seines Lebens mit über 1.300 hellen Köpfen in Austausch gestanden sein und Kontakte bis China geknüpft haben.

Leibniz schaut über den Tellerrand
Erfindergeist und eine Leidenschaft für Zahlen

Für Leibniz prägend wird insbesondere ein Aufenthalt in Paris, das zu dieser Zeit als wissenschaftliches und intellektuelles Zentrum Europas gilt. Dorthin wird er nach zwei Jahren am Hofe des Kurfürsten von Mainz gesandt, um den Sonnenkönig Ludwig XIV. von einem Krieg abzuhalten, der sich in ganz Europa ausbreiten könnte.

Dies gelingt Leibniz zwar nicht, die vier Jahre in Paris werden aber zu den fruchtbarsten und erfolgreichsten des großen Denkers zählen. Hier trifft er mit internationalen Gelehrten zusammen, gewinnt Zugang zu wissenschaftlichen Zirkeln und erfährt vom aktuellsten Kenntnisstand der Wissenschaft in all ihren Bereichen. Er kann über den Tellerrand seines bisherigen Universitätswissens blicken und an aktueller Forschung teilhaben.

Dyadik
Leibniz‘ Aufzeichnungen zum binären Zahlensystem.

Rechnen mit Nullen und Einsen

In Paris widmet sich Leibniz auch seiner Leidenschaft für Zahlen und entwickelt ein bis heute höchst relevantes mathematisches System: die Dyadik oder auch das binäre Zahlensystem. Dieses besteht nur aus zwei Ziffern, der Null für das Nichts und der Eins für Gott, so Leibniz, da dieser alles aus dem Nichts erschaffen hat.

Mit diesen beiden Ziffern lässt sich nun jede beliebige Zahl darstellen. Die Zahl sieben, der letzte Tag der Schöpfung, entspricht im binären Code der Zahlenfolge 111, in der Leibniz die Dreifaltigkeit Gottes erkennt. Leibniz sieht in dem binären System aber auch „das Grundlegendste der Wissenschaft“ und zeigt, dass sich mit binären Zahlen genauso rechnen lässt wie mit Zahlen unseres Dezimalsystems.

Für elektronische Rechner heutzutage bildet das Binärsystem die Basis. Das binäre System eignet sich besonders, da es klar auf zwei Zustände begrenzt ist. Es kann in „An“ und „Aus“, „Strom fließt“ und „fließt nicht“ oder in „wahr“ und „falsch“ unterschieden werden. So können Algorithmen Informationen durch binäre Zahlen codieren – ohne diese gäbe es heute wohl keine Computer.

Rechenmaschine
Ein bis heute erhaltenes Modell der Rechenmaschine.

Ein Urahn des Computers

Zusammen mit der Dyadik erfindet Leibniz in Paris auch eine erste mechanische Rechenmaschine, die alle vier Grundrechenarten beherrscht, und legt so einen frühen Grundstein für die spätere Entwicklung des Computers. Mithilfe der von ihm erfundenen Staffelwalze, die bis heute Bestandteil von mechanischen Rechenmaschinen ist, können Zahnräder so bewegt werden, dass je nach Laufrichtung eine Addition oder Subtraktion stattfindet, deren Ergebnis dann auf kleinen Scheiben abgelesen werden kann. Multiplikationen werden als mehrere Additionen, Divisionen durch mehrere Subtraktionen durchgeführt.

Dieser erste „Rechner“ kann allerdings nur in unserem Dezimalsystem und nicht wie heutige elektronische Rechner im binären System arbeiten. Trotz Vorschlägen und Skizzen von Leibniz scheitert es hier noch an der feinmechanischen Umsetzung.

Durchbruch in der höheren Mathematik

Nach knapp einem Jahr in Paris reist der Universalgelehrte für einen kurzen Aufenthalt nach London, das sich zu dieser Zeit als intellektuelle Stadt durchaus mit Paris messen kann. Hier stellt er der Royal Society einen Prototyp seiner Rechenmaschine vor und wird kaum drei Monate später in die Gesellschaft aufgenommen. Auch erfährt er dort durch Wissenschaftler um Isaac Newton von neuesten Erkenntnissen im Bereich der Physik und Mathematik.

Zurück in Paris gelingt es Leibniz die mathematischen Überlegungen zu vertiefen und entwickelt, zeitgleich mit Newton, aber unabhängig von diesem, zwei Jahre später die Infinitesimalrechnung. Es ist sein mathematisch wahrscheinlich bedeutendster Durchbruch. Mithilfe der nun möglichen Differential- und Integralrechnung lassen sich erstmals die Steigung von Kurven sowie Inhalte krummlinig begrenzter Flächen berechnen. Diese Grundlagen der höheren Mathematik sind bis heute fester Bestandteil eines jeden Matheunterrichts.

Differentialrechnung
Das Konzept der Differentialrechnung geht auf Leibniz zurück. 

Ein Jahr später muss Leibniz aus finanziellen Gründen Paris verlassen, denn sowohl sein Gönner Boineburg als auch der Kurfürst von Mainz versterben kurz nacheinander. Leibniz muss sich nach einer neuen Arbeitsstelle umsehen und gelangt so als Hofrat und Bibliothekar in den Dienst des Herzogs Johann Friedrich nach Hannover, seinem Lebensmittelpunkt für die nächsten 40 Jahre.

Ingenieurskunst trotz Widerständen

Sein neuer Arbeitgeber ermöglicht es Leibniz zunächst noch seinen wissenschaftlichen Tätigkeiten nachzugehen. So entwickelt der Universalgelehrte Pläne für ein erstes U-Boot, das Prinzip des Dübels, einem Gerät zur Messung der Windgeschwindigkeit und vieles mehr, die zuerst jedoch wenig Beachtung finden.

Dann aber darf Leibniz Ideen zur Innovation des Bergbaus im Harz praktisch umsetzen. Mit der „Horizontalwindkunst“ wird er zum Pionier der Windkraft, die er zum Antrieb von Pumpen nutzt, um die Stollen zu entwässern. Dabei pumpt er das Wasser in höher gelegene Seen, um die Wasserkraft wieder zu verwenden. Ein Prinzip, nach dem noch heute Pumpspeicherkraftwerke arbeiten. Auch die rundlaufende Endloskette, die er zur Erzbeförderung entwickelt, findet heute vielfältige Anwendung.

Leibniz scheitert jedoch an der langfristigen Umsetzung seiner Erfindungen, da sich ihm Geldmangel, wenig geeignete Materialien und traditionsverhaftete Bergleute in den Weg stellen. Als dann sein Arbeitgeber Herzog Johann Friedrich stirbt, werden unter dessen Nachfolger Leibniz‘ wissenschaftliche Tätigkeiten vollständig eingeschränkt. Herzog Ernst August hat wenig Verständnis für Leibniz Interessen und so muss dieser seine Versuche im Harz schließlich abbrechen.

Vater der Geschichtsschreibung und Herr der Bücher
Historiker, Philosoph und Theologe

Leibniz neuer Dienstherr, Herzog Ernst August von Hannover, verlangt, dass der Gelehrte statt der Forschung seinen Aufgaben als Hofrat nachkommt und beauftragt ihn 1685 mit der Niederschreibung der Welfengeschichte. Die Welfen sind ein altes Adelsgeschlecht, zu denen auch Herzog Ernst August gehört und die lange Zeit viel Einfluss in Hannover besitzen werden.

So gründlich und stets auf den Ursprung der Dinge bedacht wie es Leibniz ist, beginnt er diese Geschichte mit einer Abhandlung über die Entstehung der Welt. So ist es auch nicht verwunderlich, dass er die Historie niemals fertigstellen, sondern „nur“ bis in das Jahr 1005 nach Christus vordringen wird. Das Projekt wird ihn zudem bis an sein Lebensende begleiten.

Allerdings veröffentlicht Leibniz in den Jahren von 1701 bis 1711 seine Zwischenergebnisse und eine umfangreiche Quellensammlung, damit das große Werk auch nach seinem Tod nicht verloren ginge. Insbesondere diesem Fokus auf die Wichtigkeit der Quellen und den Umgang mit ihnen verdankt Leibniz heute den Titel als Stammvater der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung. Der Gelehrte ist der Meinung, dass nur der richtige Umgang mit Quellen eine geschichtliche Wahrheitsfindung ermöglicht und dass nur eine Publikation der Quellen wissenschaftlich fundierte und überprüfbare Geschichtsschreibung bedingt.

Herzog-August Bibliothek
Die Herzog-August Bibliothek in Wolfenbüttel, an der Leibniz 1691 die Leitung übernahm

Auf seinen Recherchereisen für das große Welfen Geschichtswerk gelangt er auch nach Rom, wo ihm die Leitung der Vatikanbibliothek angeboten wird. Da er Protestant ist, lehnt er diese zwar ab, übernimmt aber noch im gleichen Jahr die Leitung der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel. Hier geht er mit der Konzipierung des ersten Ordnungssystems für Bücher in die Geschichte ein. Erstmals sortiert er Werke nach Genre, Fachbereichen und nach Alphabet. So können die einzelnen Werke nun schnell und gezielt gefunden werden.

Monadologie

Während seiner Zeit in Hannover beschäftigte sich Leibniz auch immer wieder mit einem seiner frühesten Tätigkeitsfelder, der Philosophie. Zu seinen heute bekanntesten Theorien in diesem Bereich zählt die „Monadologie“. Nach dieser besteht die ganze Welt aus sogenannten Monaden. Dies sind die einfachsten und unteilbaren Einheiten aus denen sich alles um uns herum aufbaut. Dabei besitzen alle Monaden geistige Fähigkeiten wie die Wahrnehmung, selbst Monaden lebloser Gegenstände wie die eines Steins.

Monadologie
Leibniz‘ handschriftliche Notizen über die Monaden.

Die Monaden anorganischer Dinge besitzen laut Leibniz jedoch die unklarste und damit niedrigste Form der Wahrnehmung, während er Gott die klarste und damit höchste Art der Wahrnehmung zuschreibt. Gott selbst habe auch die Monaden geschaffen und in ihnen bereits alles angelegt, was die Zukunft für sie bereithält. So ist die ganze Welt in Leibniz‘ Vorstellung perfekt aufeinander abgestimmt und diese vorherbestimmte Harmonie durch die Schöpfung nennt er prästabilisierte Harmonie.

Damit erklärt der Gelehrte auch Fragen der sogenannten Metaphysik, die sich mit dem beschäftigt, was die Physik, das sinnlich Erfahrbare übersteigt. Mit den Monaden beantwortet Leibniz im Speziellen das sogenannte Leib-Seele Problem: Ob Körper und Seele zusammengehören und warum der Körper auf etwas nur Gedachtes reagieren kann. Laut Leibniz können durch die prästabilisierte Harmonie der Monaden körperliche und geistige Vorgänge synchron ablaufen, da Gott uns so geschaffen hat.

Heutzutage sind diese Ansichten natürlich längst überholt. Trotzdem bieten seine Theorien späteren Philosophen bis heute Denkanstöße und gelten als Vorläufer moderner, philosophischer Konzepte.

Die beste aller Welten

Ein weiteres philosophisches, aber auch theologisches Werk, das Leibniz am Ende seines Lebens veröffentlicht, beschäftigt sich mit der Frage, wie Leid und Elend in der Welt vereinbar sind mit einem gütigen und allmächtigem Gott. Leibniz nennt sein Werk „Theodizee“ und prägt so den bis heute gültigen Begriff für die Auseinandersetzung mit dieser Fragestellung.

Aber er wäre nicht Leibniz, hätte er nicht auch eine Antwort auf dieses Problem gegeben. Er löst es mit dem Ausspruch „Die beste aller möglichen Welten“. Damit meint er, dass Gott in seiner Güte und Allmächtigkeit die bestmögliche Welt identifiziert und erschaffen hat. Denn Leibniz leugnet nicht das Schlechte in unserer Welt. Er ist aber der Meinung, dass unsere Welt in der Summe die bestmögliche ist und das Schlechte wichtig, um das Gute erkennen zu können. So wäre die Welt ohne das Schlechte insgesamt keine bessere Welt.

Zudem ist er der Auffassung, unsere Welt dürfe gar nicht vollkommen sein. Wäre sie es, so hätte Gott etwas identisch Vollkommenes wie sich selbst, eine Art zweiten Gott, geschaffen und sich somit lediglich verdoppelt. Daher musste Gott bei der Erschaffung der Welt Abstriche machen.

Nur wenige Jahre nach der Fertigstellung seiner Werke „Theodizee“ und „Monadologie“ stirbt Leibniz schließlich 1716 im Alter von 70 Jahren in Hannover.

Bewegtes Leben mit Auswirkungen bis heute
Allrounder Leibniz

Insgesamt sah und erlebte Leibniz in seinem Leben wohl weit mehr als die meisten seiner Zeitgenossen. Dafür sorgten seine Reisen, wie die nach Paris, London, Wien oder Prag, weltweite Kontakte, sogar bis China, und sein Einfluss auf die Mächtigen seiner Zeit wie den Kurfürsten von Mainz, die Welfenherzöge und später sogar den russischen Zaren Peter I. Im wahrsten Sinne des Wortes lebte Leibniz ein bewegtes Leben.

Der letzte echte Universalgelehrte

Unermüdlich studierte, knobelte und rätselte er. Dabei beschäftigte er sich immer mit den unterschiedlichsten Themenbereichen gleichzeitig und verstand die Wissenschaft als Ganzes. Ein wahrer Universalgelehrter, der sich mit „reinen“ Physikern, Mathematikern, Philosophen oder Historikern seiner Zeit messen konnte und, auch durch den massiven Wissenszuwachs im 17. und 18. Jahrhundert, wohl zu Recht als letzter Universalgelehrter bezeichnet wird.

Leibniz-Denkmal
Leibniz-Denkmal in Hannover. 

Doch was war Leibniz für ein Mensch, dass er es schaffte, so über seine Zeitgenossen herauszuragen? Was trieb ihn zu diesem universalen Wissenserwerb und seinem Übermaß an Entdeckungen an? Eigenen Aussagen zufolge wollte er seine Zeit nutzen und sich geistig betätigen. Er schlief zwar nicht viel, dafür aber gut, da er gerne lange wach blieb, um zu arbeiten. Schon als Kind las er lieber, als dass der spielte und auch als Erwachsener hatte er am liebsten seine Ruhe, um nachzudenken. Er lebte jedoch keineswegs vollkommen zurückgezogen, sondern suchte den Gedankenaustausch und das Gespräch.

Seine lebenslange, intensive Auseinandersetzung mit ganz und gar unterschiedlichen Themengebieten verdankt er neben seiner unzweifelhaften Wissbegierde und frühen Förderung auch seinem Streben nach Harmonie. Für den Gelehrten gab es kein „richtig“ oder „falsch“. Er wollte stets den Kern der Wahrheit in widerstreitenden Parteien finden und diese versöhnen. Sei es in der Wissenschaft oder in der Kirche, wo er Protestanten und Katholiken vereinigen wollte.

Allgemeinwohl im Blick

Von diesem Wunsch, für eine bessere Welt und Allgemeinwohl zu sorgen, sind viele seiner Ideen getrieben, wie die Rechenmaschine zur Zeitersparnis, einer Universalsprache zur Völkerverständigung, aber auch gefederten Kutschensitzen sowie Konzepten zur Krankenvorsorge und Unfallversicherungen. Leibniz wollte stets praktisch arbeiten und die Anwendbarkeit seiner Ideen für die Menschen war ihm wichtig.

Sein Durchhaltevermögen, das auch zu seinem stetigen Wissenszuwachs beitrug, verdankte Leibniz zum einen seinem wissenschaftlichen Ehrgeiz, den er über das Streben nach Reichtum stellt. Zum anderen aber auch der Tatsache, dass er sich bei Rückschlägen, wie seinen Versuchen im Harz oder fehlender Beachtung seiner Projekte, nicht entmutigen ließ. Letztendlich ging es ihm eigenen Aussagen zufolge um das allgemeine Wohl, egal, ob sein Tun anerkannt wurde oder nicht.

Sein Ziel, dem Allgemeinwohl zu dienen und die Welt zu verbessern, hat Leibniz wohl auf jeden Fall erreicht. Auch, wenn er nicht alle seine Ideen durchsetzen, geschweige denn alleine umsetzen, konnte, hat er seine Zeit mit wertvollem Gedankengut und wissenschaftlichen Errungenschaften weit vorangebracht. Noch heute profitieren wir davon.

Ein schier unendlicher Nachlass

So hat Leibniz‘ Tatkraft bis heute, mehr als 400 Jahre später, noch immer Auswirkungen. Und damit sind nicht nur der deutschlandweit bekannte und nach ihm benannte Leibniz-Keks oder der Leibniz-Preis als Deutschlands höchste wissenschaftliche Auszeichnung gemeint.

Leibniz-Keks
Vielleicht sogar bekannter als sein beeindruckender Namensgeber? Der Leibniz-Keks.

Seine Erfindungen und Prinzipien, wie die Infinitesimalrechnung, das Ordnungssystem für Bücher, die Endloskette oder das binäre Zahlensystem, finden heutzutage nicht nur unverändert ihre Anwendung, sondern bieten noch immer Anknüpfungspunkte für moderne Wissenschaftler. Manche von ihnen reisen sogar extra nach Hannover an, um dort in der Gottfried-Wilhelm-Leibniz Bibliothek Einblicke in Leibniz‘ Nachlass zu erhalten und sich von seinen Überlegungen inspirieren zu lassen.

Und das, obwohl wir heute wohl noch nicht einmal die Hälfte seines Nachlasses kennen. Dieser wurde nach seinem Tod versiegelt, weshalb seine etwa 50.000 Schriften im Umfang von rund 200.000 Seiten vollständig erhalten, auf Grund der Fülle und Unübersichtlichkeit erst zu einem Bruchteil erfasst, sind. Sein Briefverkehr aus etwa 20.000 Briefen zählt heute sogar zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Wissenschaftler arbeiten seit 1923 an einer Gesamtedition seines Nachlasses, doch ein Ende ist wohl erst gegen 2055 in Sicht. So entdecken die Forscher immer weiter Neues und vermuten sogar, dass sie in Zukunft auf Antworten stoßen könnten zu denen wir zur Zeit noch nicht einmal Fragen haben.

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