
aus spektrum.de, 20. 5. 2022
»Das Ende des Individuums
Das Ende der Objektivität
Ein
Philosoph scheitert an dem Versuch, sich mit neuesten Entwicklungen der
künstlichen Intelligenz unbefangen auseinanderzusetzen. Eine Rezension
von Maxime Pasker
Die
meisten Politiker in Deutschland waren vor ihrem parteilichen
Engagement entweder Juristen – wie etwa Olaf Scholz – oder haben eine
universitäre Ausbildung genossen, die sie auf die Zukunft als
Berufspolitiker vorbereitet – man denke an Annalena Baerbock.
Philo-sophen gibt es unter ihnen dagegen wenige. Robert Habeck ist einer
von ihnen. Oder der Franzose Gaspard Kœnig, Autor von »Das Ende des
Individuums«. Er ist seit einigen Jahren Vertreter einer liberalen Partei
und leitet den von ihm gegründeten Thinktank »Génération libre«.
Auch
in seinem Buch ist in nahezu jeder Zeile zu spüren, dass die Freiheit
des Einzelnen und der freie Wille des Menschen für den Autor das höchste
Gut darstellen. Daher leuchtet auch ein, warum die KI für ihn eine
Gefahr darstellt. Die meisten Menschen bemerken kaum, wie sehr sie
tagtäglich mit künstlicher Intelligenz in Kontakt kommen. Dafür muss man
keinen »intelligenten« Sprachassistenten wie Alexa oder Siri zu Hause
haben. Egal ob die Musik- oder Filmauswahl bei digitalen
Streaminganbietern, personalisierte Werbung im Internet oder die
Ergebnisse einer Google-Suche: All das wird mit Hilfe selbstlernender
Algorithmen gesteuert. Solche aktuellen Einschränkungen des freien
Willens sieht der Autor höchst kritisch. Er befürchtet, dass sich die KI
künftig auf alle Bereiche des Lebens ausdehnen wird – und in letzter
Konsequenz den freien Willen des Menschen abschafft.
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Kœnig hat mit vielen Personen aus der Informationstechnik,
der Computerforschung und Tech-Unternehmen gesprochen und zeichnet diese
Unterhaltungen in seinem Buch nach. Sein Blick ist allerdings selten
objektiv. Er verlässt den Blickwinkel des Humanisten und
Geisteswissenschaftlers zu keiner Zeit. Der zu Beginn geäußerte Wunsch,
der »wohlfeilen Versuchung der Technophobie« zu widerstehen, ist schon
im nächsten Satz vergessen.
Gängige Klischees, apokalyptische Vorhersagen
Es hilft auch nicht, dass Kœnig jeden zweiten Satz mit einem Zitat des großen Philosophen und Mathematiker Blaise Pascal (1623–1662) garniert. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Autor eine Art Wohlfühlklima für Freunde und Kenner der klassischen europäischen Philosophie schaffen möchte, um dann in dieser Blase hemmungslos mit apokalyptischen Vorhersagen vom Kollaps der individuellen Freiheit um sich zu werfen.
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Beim Lesen wird schnell klar, dass es sich hier mehr um eine Kampfschrift gegen den technischen Fortschritt der KI handelt als um eine nüchterne Betrachtung selbiger. Immerhin: Wer über den überheblichen Duktus und die akademische Sprache hinweglesen kann, findet in dem Werk viele interessante Gedanken zur Zukunft der künstlichen Intelligenz, die sich aus den zahlreichen Unterredungen mit Spezialisten dieses Fachgebiets ergeben. Leider betrachtet der Autor sie alle im Licht seiner Endzeitstimmung. Letztlich fragt man sich, ob der Autor seinen subjektiven, ideologisch geprägten Blick, der als Politiker im Wahlkampf durchaus seine Berechtigung hat, nicht im falschen Gebiet angewandt hat.

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