
aus spektrum.de, 11. 5. 2022
Raum und Zeit könnten aus fundamentalen Bausteinen hervorgehen, die von ganz anderer Art sind als die bekannten Teilchen und Wechselwirkungen. Auf einem Weg zu einer Quantentheorie der Schwerkraft gilt es herauszufinden, welche genau das sind.
von Adam Becker
... Aber
für die beiden Konzepte findet sich partout kein gemeinsamer Rahmen.
Bei der Relativitätstheorie ergeben sich Widersprüche und
unphysikalische Unendlichkeiten, sofern man versucht, sie auf den Skalen
der Quantenphysik anzuwenden. Irgendwie gelingt es der Natur trotzdem,
beide zusammenzubringen, denn nichts anderes muss in den ersten Momenten
des Urknalls geschehen sein, und es passiert weiterhin im Inneren der
Schwarzen Löcher. Wir Menschen haben bloß noch nicht verstanden, wie der
Trick funktioniert. Ein Teil des Problems betrifft die Art und Weise,
wie die Theorien mit Raum und Zeit umgehen. Während beide in der
Quantenphysik als unveränderlich gelten, lassen sie sich in der
allgemeinen Relativitätstheorie nach Belieben verzerren.

Wie Raumzeit entstehen könnte | Raum und Zeit gelten gemeinhin als Bühne, auf der sich alles im Universum abspielt. Doch hinter den Kulissen wirken womöglich noch fundamentalere Elemente, die völlig andere Eigenschaften haben. Aus deren Zusammenspiel würde die Raumzeit dann emergent hervorgehen. Im Lauf einer jahrzehntelangen Suche haben sich in Fachkreisen zwei grundverschiedene Modelle als besonders vielversprechend hervorgetan: die Stringtheorie und die Schleifenquantengravitation. Dabei ist völlig offen, welche von ihnen der wahren Natur der emergenten Raumzeit nahekommt – oder ob womöglich beide danebenliegen
Eine Theorie der Quantengravitation müsste die unterschiedlichen Vorstellungen irgendwie miteinander in Einklang bringen. Eine Möglichkeit dazu wäre, das Problem an seiner Wurzel zu packen, der Raumzeit selbst, indem man diese aus etwas Fundamentalerem entstehen lässt. Viel versprechende Ansätze und erste Erfolge bei Teilaspekten beleben seit einigen Jahren die Hoffnung auf einen Durchbruch. Wenn die Raumzeit emergent ist, dann könnte die Klärung der Frage, wie und woraus sie entsteht, der fehlende Schlüssel zu einer Theorie von allem sein.Mathematische Brücken zwischen grundverschiedenen Welten
Die meisten Fachleute hängen heute der so genannten Stringtheorie an. Hierbei sind Vibrationen der namensgebenden Strings die Ursache jedweder Materie und Energie. Sie rufen die unzähligen subatomaren Partikel hervor, die in Teilchenbeschleunigern auf der ganzen Welt beobachtet werden können. Sie sind sogar für die Schwerkraft verantwortlich, da sie ein hypothetisches Teilchen erzeugen, das sie überträgt, das Graviton.
Ein Beispiel dafür ist die eingangs erwähnte Beziehung
von kleinen und großen Dimensionen. Versucht man, eine Raumrichtung
kompakt zusammenzupressen, so erhält man etwas, das identisch ist mit
einer Welt, in der die Dimension stattdessen riesig ist. Der
Stringtheorie zufolge sind beide Situationen austauschbar. Dann kann man
rechnerisch hin- und herwechseln und Werkzeuge aus der einen Umgebung
nutzen, um die andere besser zu verstehen.
Viele Ansätze zur Quantengravitation
Zahlreiche
Modelle sollen Quantenmechanik und Gravitation zusammenführen. Einige
der am häufigsten diskutierten stellen wir hier vor.
Schleifenquantengravitation| Bei dem Modell erzeugen hypothetische gewundene Gebilde durch ihr Zusammenwirken die Raumzeit. Dadurch ist diese nicht mehr glatt, sondern durch Schleifen und deren Knoten in Größenordnungen der Plancklänge quantisiert. Die Knoten des Netzwerks ähneln mathematisch den Spins von Elementarteilchen, daher ist der Raum ein »Spin-Netzwerk«. Das auch Loop-Quantengravitation genannte Modell ist seit seinen Anfängen in den 1970er und 1980er Jahren bereits weit entwickelt und zählt zu den aussichtsreichsten Kandidaten für einen Durchbruch.

Stringtheorie | Die Stringtheorie verwendet als fundamentale Objekte eindimensionale »Strings« (englisch für Saiten). Da es keine punktförmigen Objekte mehr gibt, werden unendlich große Werte automatisch vermieden. Typisch ist das Auftreten zahlreicher Extradimensionen neben den uns bekannten vier. Sie müssten dann auf Skalen »kompaktifiziert« (mathematisch eingerollt) werden, die wir experimentell noch nicht beobachten können. Es sollten weitere Teilchen vorkommen, etwa im Rahmen der »Supersymmetrie« verschiedene extrem schwere Partner der bereits bekannten Elementarteilchen. Der Nachweis solcher Objekte würde die Stringtheorie unterstützen, war aber bislang erfolglos.

Kausale dynamische Triangulation | Diese
Theorie baut die Raumzeit aus vierdimensionalen Dreiecken als kleinsten
Bausteinen auf (daher Triangulation). Dabei werden nur solche Dreiecke
verknüpft, welche in die gleiche zeitliche Richtung weisen (daher
kausal). Die einzelnen Elemente der Raumzeit organisieren sich dann von
selbst. Das Modell erinnert an Strukturbildung, wie sie auf größeren
Skalen in der Natur stattfindet, oder an eine Simulation in einem
Computerprogramm, wo stark variable mikroskopische Elemente allein auf
Grund gewisser Verknüpfungsvorschriften und Rahmenbedingungen am Ende in
einen stabilen Zustand gelangen.

Für viele, die sich mit der Stringtheorie beschäftigen, ist eine spezielle Dualität ausgesprochen interessant. Sie legt nahe, dass der Raum selbst emergent ist. Die Idee entstand 1997, als Juan Maldacena vom Institute for Advanced Study in Princeton eine gut verstandene Quantentheorie namens konforme Feldtheorie (CFT) mit einer ungewöhnlichen Art von Raumzeit verknüpfte, dem Anti-de-Sitter-Raum, kurz AdS-Raum. Auf den ersten Blick scheinen die beiden Modelle grundverschieden zu sein. Die CFT enthält keinerlei Schwerkraft, während im AdS-Raum die Relativitätstheorie gilt. Dennoch können beide Welten auf eine gemeinsame Weise beschrieben werden. Die Entdeckung der »AdS/CFT-Korrespondenz« verband eine Quantentheorie mit einem hypothetischen Universum mit Gravitation.
Der AdS-Raum
besitzt in dieser Dualität eine Dimension mehr als die Quantenwelt der
CFT. Doch die Diskrepanz ist kein Problem, sondern vielmehr ein
Glücksfall. Das passt nämlich zu einer anderen Art von Korrespondenz,
die einige Jahre zuvor von den Physikern Gerard ’t Hooft von der
Universität Utrecht und Leonard Susskind von der Stanford University
hergeleitet wurde und holografisches Prinzip heißt. Ausgehend von
Überlegungen über Schwarze Löcher vermuteten ’t Hooft und Susskind, die
Eigenschaften eines Raumgebiets ließen sich vollständig durch seine
Grenzen beschreiben. Das heißt, die zweidimensionale Oberfläche eines
Schwarzen Lochs enthält alle Informationen, die man braucht, um Aussagen
über sein dreidimensionales Inneres zu treffen. »Viele Leute hielten
uns vermutlich für verrückt«, erinnert sich Susskind. »Wir mussten
wirken wie zwei gute Physiker auf Irrwegen.«
Wie
bei dem holografischen Prinzip codiert die vierdimensionale CFT in der
AdS/CFT-Korrespondenz jedwede Information über den mit ihr verknüpften
fünfdimensionalen AdS-Raum. Dieser ganze Bereich geht aus den
Wechselwirkungen zwischen den Bestandteilen des Quantensystems hervor.
Maldacena vergleicht den Prozess mit dem Lesen eines Romans. »Wenn man
eine Geschichte erzählt, konstruiert man handelnde Figuren«, sagt er.
»Doch eigentlich gibt es nur Textzeilen. Aus diesen wird abgeleitet, was
die Charaktere tun.« Laut Maldacena wären die Figuren im Buch so etwas
wie die AdS-Theorie, während die CFT dem Text entspricht.
Die Welt steht und fällt mit quantenmechanischen Verbindungen
Aber
woher kommt der Raum im AdS-Raum, und wenn er emergent ist, woraus
entsteht er dann? Die Antwort verbirgt sich in einer seltsamen Art der
quantenmechanischen Verknüpfung: der so genannten Verschränkung, durch
die Eigenschaften von Objekten miteinander korreliert werden. Das
geschieht auf eine Weise, die sich weder dem Zufall zurechnen noch mit
klassischer Physik erklären lässt, was Einstein dazu bewogen hat, sie
als »spukhafte Fernwirkung« zu bezeichnen.
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Falls der Raum jedoch emergent ist, wäre die Eigenart der Verschränkung, über große Entfernungen hinweg konserviert zu bleiben, vielleicht gar nicht so mysteriös – schließlich wären Abstände dann lediglich ein Konstrukt. 2006 legten die Theoretiker Shinsei Ryū von der Princeton University und Tadashi Takayanagi von der Universität Kyoto im Rahmen einer gemeinsamen Veröffentlichung nahe, dass es überhaupt erst die Verschränkung ist, die Entfernungen im AdS-Raum hervorruft. Eng beieinanderliegende Bereiche auf der AdS-Seite der Dualität entsprechen dann stark korrelierten Komponenten der CFT.
Möglicherweise gilt
so eine Beziehung nicht nur für das AdS-Modelluniversum, sondern auch
für unseren Kosmos. »Was hält den Raum zusammen und unterbindet seinen
Zerfall in einzelne Unterregionen?«, fragt Susskind und vermutet:
»Verschränkungen zwischen seinen Teilen.« Quantenmechanische
Verknüpfungen könnten also erst für die geordnete Geometrie um uns herum
sorgen. »Zerstörte man sie irgendwie, fiele der Raum auseinander«,
fährt Susskind fort. »Wir würden quasi das Gegenteil von emergentem
Verhalten beobachten.«

Emergente Gravitation| Das Verhalten von
Flüssigkeiten, die aus unzähligen mikroskopischen Teilchen mit vielen
Freiheitsgraden bestehen, lässt sich mit Hilfe der Strömungsmechanik
beschreiben. Deren Gesetze haben mit den molekularen Komponenten des
Systems nichts mehr zu tun. Der analoge Ansatz bei der emergenten
Gravitation ist, die Raumzeit und ihre Krümmungen aus dem Zusammenspiel
elementarer Bausteine und ihrer Kräfte herzuleiten. Die Idee geht auf
den sowjetischen Physiker Andrei Sacharow zurück, der 1967 davon
ausging, andere Felder würden die Schwerkraft durch Vakuumanregungen
erzeugen – ähnlich wie beispielsweise ein magnetisches Feld elektrische
Ströme induziert. Daher wird die Theorie auch induzierte Gravitation
genannt.
Kausale Mengen | Bei kausalen Mengen ist
die Raumzeit nicht kontinuierlich, sondern besteht aus vielen diskreten
Punkten. Auf genügend kleinen Skalen verschwindet sie gewissermaßen.
Physikalische Vorgänge lassen sich aus Ordnungsprinzipien innerhalb der
Punktmengen herleiten. Elemente werden kausal miteinander verknüpft, so
dass sich etwa für die möglichen Bewegungen von Teilchen eine Art
Stammbaum ergibt. Das Volumen einer Raumregion wird durch einfaches
Abzählen bestimmbar. Das Modell geht von relativ wenigen Voraussetzungen
aus und führt dennoch zu überprüfbaren Ergebnissen. Beispielsweise
sagten Anhänger der Theorie bereits in den 1990er Jahren eine
kosmologische Konstante in der richtigen Größenordnung vorher – lange
bevor die Expansion im realen Universum entdeckt wurde. Viele
Detailfragen zur physikalischen Dynamik sind aber noch offen.
Sollte dem so sein, legt das eine einfachere
Lösung des Rätsels der Quantengravitation nahe: Die Raumkrümmungen
müssten dann nicht mehr auf die Quantenebene heruntergebrochen werden,
weil der Raum selbst aus einem grundlegenden Quantenphänomen hervorgeht.
Susskind vermutet, das ist der Grund, warum es so schwierig war, eine
Theorie der Quantengravitation zu finden. »Das hat nicht gut
funktioniert, weil man von zwei verschiedenen Dingen ausgegangen ist,
der allgemeinen Relativitätstheorie und der Quantenmechanik, und
versucht hat, beide zusammenzubringen«, führt er aus. »Dabei sind beide
viel zu eng miteinander verbunden, um sie schadlos erst voneinander zu
trennen und dann wieder zusammenzufügen. Es gibt keine Gravitation ohne
Quantenmechanik.«
Doch
der Raum ist nur die halbe Miete. Da er und die Zeit in der
Relativitätstheorie eng miteinander zur Raumzeit verbunden sind, muss
jede Erklärung beide berücksichtigen. »Zeit muss auch irgendwie emergent
sein«, meint Mark Van Raamsdonk von der University of British Columbia
in Vancouver. Er gehört zu den Vordenkern einer Bewegung, die Raumzeit
mit Hilfe von Verschränkungen konstruieren will. »Aber das ist noch
nicht gut verstanden und ein aktives Forschungsgebiet.«![]()
Die Frage, wie wir etwas jenseits von Raum und Zeit begreifen sollen, grenzt an Philosophie
Sollte die Stringtheorie richtig liegen, dann bestehen der Raum und eventuell auch die Zeit aus Quantenverschränkungen. Doch was genau soll das wiederum bedeuten? Wenn der Raum aus der Verschränkung zwischen Objekten gemacht ist, müssen diese dann nicht selbst irgendwo existieren? Und wie können sie miteinander verschränkt werden, sofern sie nicht prinzipiell Veränderung und somit Zeit erfahren? Wie sollen wir ihr Vorhandensein überhaupt begreifen, wenn die betrachteten Dinge weder Raum noch Zeit bevölkern?
Solche Fragen grenzen an Philosophie, und in der Tat beschäftigt sich dieses Fachgebiet intensiv damit. So betont Eleanor Knox, eine Philosophin der Physik am King’s College London, eine emergente Raumzeit sei zwar unintuitiv. Aber das wäre kein Problem, denn »unsere Intuition liegt manchmal schrecklich daneben«. Sie habe sich »in der afrikanischen Savanne entwickelt, wo unsere Vorfahren mit makroskopischen Objekten, Flüssigkeiten und Tieren interagierten«. Das ließe sich nicht auf die Welt der Quantenmechanik übertragen. Wenn es um die Quantengravitation gehe, seien Fragen danach, wo sich etwas befinde, schlicht nicht zielführend.
Sicherlich nehmen Objekte im Alltag bestimmte Orte ein. Wie Knox und andere jedoch betonen, müssten Raum und Zeit deswegen noch lange nicht fundamental sein, sondern nur auf zuverlässige Weise aus dem entstehen, was eigentlich die Basis von allem ist. Der Wissenschaftsphilosoph Christian Wüthrich von der Universität Genf bemüht als Analogie eine Flüssigkeit. »Letztlich geht sie zurück auf Elementarteilchen wie Elektronen, Protonen und Neutronen oder, noch fundamentaler, Quarks und Leptonen. Haben Quarks und Leptonen flüssige Eigenschaften? Das ergibt doch keinen Sinn, oder? Aber wenn die Teilchen in ausreichender Zahl zusammenkommen und kollektiv auf eine bestimmte Weise auftreten, dann verhalten sie sich wie eine Flüssigkeit.« Analog mögen Raum und Zeit in der Stringtheorie und anderen Theorien der Quantengravitation zu Stande kommen. Insbesondere könnte sich die Raumzeit auf emergente Art aus den Dingen bilden, von denen wir normalerweise behaupten würden, sie bevölkerten das Universum, nämlich Materie und Energie selbst. »Es ist ja nicht so, dass wir ausgehend von Raum und Zeit diesen anschließend etwas Materie hinzufügen müssten«, erläutert Wüthrich. »Vielmehr kann etwas Materielles eine notwendige Bedingung für die Existenz von Raum und Zeit sein. Dann ist die Verbindung immer noch sehr eng, aber genau andersherum als ursprünglich gedacht.«
Es gibt allerdings auch andere Interpretationen der
Erkenntnisse aus der AdS/CFT-Korrespondenz. Diese gilt zwar oft als
Beispiel dafür, wie die Raumzeit aus einem Quantensystem hervorgehen
könnte. Aber die Philosophin Alyssa Ney von der University of California
in Davis hält den umgekehrten Fall für ebenso gerechtfertigt. »AdS/CFT
dient als Übersetzungsanleitung zwischen Wissen über die Raumzeit und
über die Quantentheorie«, resümiert Ney. Dazu passe die Behauptung,
Erstere sei emergent und Letztere fundamental – in der gegensätzlichen
Richtung sei das jedoch genauso möglich. Die Korrespondenz könnte also
gleichermaßen darauf hinweisen, dass die Quantentheorie emergent und die
Raumzeit fundamental ist, oder sogar darauf, dass das für keine der
beiden gilt und es eine noch grundlegendere Theorie gibt. Emergenz sei
eine starke Behauptung, und Ney gibt sich offen dafür. »Aber wenn ich
mir nur AdS/CFT anschaue, reicht mir das noch nicht als überzeugendes
Argument.«
Passt das Modell zur realen Welt?
Die wohl
größere Schwierigkeit für solche stringtheoretischen Interpretationen
steckt im Namen der AdS/CFT-Korrespondenz selbst. »Wir leben nicht in
einem Anti-de-Sitter-Raum«, betont Susskind, »sondern in etwas, was viel
eher einem De-Sitter-Raum entspricht.« Der De-Sitter-Raum beschreibt
ein beschleunigt expandierendes Universum wie unseres. »Wir haben
keinerlei Vorstellung davon, wie sich das holografische Prinzip darauf
übertragen ließe«, räumt Susskind ein. Deswegen ist es eine der
drängendsten Aufgaben für die Stringtheorie, herauszufinden, ob eine
ähnliche Korrespondenz für einen Raum gilt, der dem tatsächlichen
Weltall näher kommt. »Wir werden einen besseren Zugang zu einer
kosmologischen Version davon finden«, gibt sich Van Raamsdonk
optimistisch.
Unterdessen hat sich noch bei keinem Experiment an
Teilchenbeschleunigern irgendein Beweis für so genannte
supersymmetrische Teilchen gefunden, auf die viele Versionen der
Stringtheorie setzen. Laut der Supersymmetrie haben alle bekannten
Teilchen ihren eigenen »Superpartner«. Dadurch würde sich die Anzahl der
fundamentalen Teilchen verdoppeln. Am Large Hadron Collider des CERN
bei Genf, auf den sich die Hoffnungen bei der Suche nach Superpartnern
lange konzentrierten, gab es keine Anzeichen dafür. »Supersymmetrische
Theorien bilden den Rahmen für alle präzise ausgearbeiteten Versionen
der emergenten Raumzeit«, erklärt Susskind. »Gibt man die Supersymmetrie
auf, verpufft jede mathematische Nachvollziehbarkeit der Gleichungen.
Holografisch | Vielleicht erzeugen Verknüpfungen den Raum wie eine 2-D-Struktur ein 3-D-Bild.
Die Stringtheorie ist allerdings nicht der
einzige Ansatz für eine emergente Raumzeit. Laut Abhay Ashtekar von der
Pennsylvania State University in University Park hat sie »ihr
Versprechen, Gravitation und Quantenmechanik zu vereinen, nicht
eingelöst. Die Stärke der Stringtheorie liegt nun in ihrem extrem
reichhaltigen Instrumentarium, das im gesamten Spektrum der Physik
breite Anwendung findet.« Ashtekar ist einer der Begründer der
populärsten Alternative zur Stringtheorie, der so genannten
Schleifenquantengravitation. Dort sind Raum und Zeit nicht glatt und
kontinuierlich wie in der allgemeinen Relativitätstheorie, sondern
bestehen aus diskreten Komponenten. Ashtekar nennt sie »Stückchen oder
Atome der Raumzeit«.
Diese sind zu einem Netzwerk verbunden und
spannen mittels ein- und zweidimensionaler Fäden und Bänder einen so
genannten Spin-Schaum auf. Der Schaum ist zwar auf zwei Dimensionen
beschränkt, dennoch ergibt sich daraus unsere vierdimensionale Welt.
Ashtekar veranschaulicht die Situation mit einem Kleidungsstück: »Wenn
Sie Ihr Hemd betrachten, wirkt es wie eine zweidimensionale Oberfläche.
Unter einem Vergrößerungsglas sieht man, dass es aus eindimensionalen
Fäden besteht. Aber weil sie so dicht gepackt sind, ist das Hemd für
alle praktischen Zwecke zweidimensional. Entsprechend erscheint uns der
Raum als ein dreidimensionales Kontinuum, das in Wirklichkeit von den
Atomen der Raumzeit gewoben wird.«
Spektrum Kompakt: Gravitationswellen – Start in eine neue Astronomie
Trotz solcher Unterschiede
entsteht die Raumzeit sowohl bei der Schleifenquantengravitation als
auch bei der Stringtheorie aus grundlegenderen Komponenten. Andere
Modelle einer Quantengravitation weisen ebenfalls in diese Richtung,
etwa die »Kausalen Mengen« (siehe »Viele Ansätze zur
Quantengravitation«). »Es ist wirklich auffällig, dass die meisten
plausiblen Theorien heute in gewisser Weise die Aussage enthalten, die
Raumzeit aus der allgemeinen Relativitätstheorie sei auf fundamentaler
Ebene gar nicht mehr vorhanden«, merkt Knox an. »Zumindest in einer
Sache scheinen die verschiedenen Herangehensweisen also
übereinzustimmen. Bereits dieser Gedanke ist aufregend.«
Mangelnde experimentelle Daten erschweren die Suche nach einer Quantengravitation
Die
moderne Physik ist zum Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Sowohl die
Quantenphysik als auch die allgemeine Relativitätstheorie machen in
ihrem jeweiligen Geltungsbereich phänomenal präzise zutreffende
Vorhersagen. Deswegen ist die Quantengravitation als Beschreibung nur in
Extremsituationen vonnöten, bei denen enorme Massen auf unvorstellbar
winzige Raumbereiche zusammengepresst werden. In der Natur kommen solche
Bedingungen bloß an wenigen Orten vor, etwa im Zentrum eines Schwarzen
Lochs. Insbesondere begegnet man ihnen nicht in Physiklabors, nicht
einmal in den größten und leistungsfähigsten. Dieser Mangel an direkten
experimentellen Daten ist ein wesentlicher Grund dafür, dass die Suche
nach einer Theorie der Quantengravitation schon so lange andauert.
Angesichts
dessen setzen viele ihre Hoffnungen auf einen Blick in den Himmel.
Während seiner allerersten Augenblicke war das gesamte Universum
unvorstellbar klein und dicht. Die Situation lässt sich nur mit Hilfe
der Quantengravitation beschreiben, und Nachwirkungen davon könnten noch
immer zu sehen sein. »Unsere besten Chancen liegen in der Kosmologie«,
hofft Maldacena. »Vielleicht gibt es dort etwas, für das wir heute noch
keine Vorhersagen treffen können, das sich aber auf Grundlage eines
besseren theoretischen Verständnisses erschließen lässt.«
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Werden wir jemals die wahre Natur von Raum und Zeit in Erfahrung bringen? Geeignete kosmologische Beobachtungsdaten werden vielleicht noch lange auf sich warten lassen. Laborversuche könnten weiterhin nichts ergeben. Und wie Philosophen nur zu gut wissen, sind die Fragen nach dem Charakter von Raum und Zeit schon sehr alt. Vor 2500 Jahren hat Parmenides das Seiende als unteilbar und unveränderbar begriffen. Ihm zufolge ist der Wandel eine Illusion. Sein Schüler Zenon schuf berühmte Paradoxien, um den Standpunkt seines Lehrers zu beweisen und die Widersprüchlichkeiten aufzuzeigen, die Bewegungen innewohnen sollten. Solche Arbeiten warfen die Frage auf, ob Zeit und Raum nur Einbildung sind, und haben diese beunruhigende Perspektive der westlichen Philosophie aufgeprägt. »Die Tatsache, dass die alten Griechen Fragen nach Raum, Zeit und Veränderung stellten und dass wir das auch heute noch tun, heißt doch, dass es die richtigen waren«, sagt Christian Wüthrich. »Das Nachdenken darüber hat uns viel über die Physik gelehrt.«
Nota. - Glauben Sie mir: Das Formatieren von Beiträgen aus spektrum.de so, dass sie in mein Blog passen, ist so mühselig, dass mir zu einen sachlichen Kommentar für heute die Puste fehlt. Einstweilen bescheide ich mich mit einem Dank an den Verfasser für den Satz, dass die Frage, wie wir etwas jenseits von Raum und Zeit begreifen sollen, an Philosophie grenzt. Ein weniger gewissenhafter Autor hätte forsch geschrieben, dass sie Philosophie sei. Aber das ist sie nicht.
Eine Frage, die darauf geht, ob oder wie etwas ist, kann auch vorläufig nur aus der Erfah-rung beantwortet werden; und die ist Sache der reellen Wissenschaften. Die Philosophie kann beurteilen, ob die Wissenschaft ihre Wege vernunftgemäß wählt und ob dieser oder jener Begriff rechtmäßig verwendet wurde. Aus eignem Fundus kann sie äußerstenfalls spekulative Modelle erdenken, die aber immer von empirischer Forschung erprobt werden müssen. Ihr Feld sind nicht die wirklichen Erfahrungen selbst, sondern ausschließlich das Denken der Erfahrenden. Mit dem ausdrücklichen Zusatz, dass das Denken nicht erst mit den Begriffen und logischen Regeln beginnt, sondern bei den Vorstellungen, die jenen zu Grunde liegen.
JE
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