Freitag, 30. Juli 2021

Am Anfang stand das Staunen.

canalblog

aus spektrum.de, 29. 7. 2021                                                                        zuJochen Ebmeiers Realien; zu Philosophierungen

Geschichte der Wissenschaft
Der Publizist Ernst Peter Fischer präsentiert eine unterhaltsame und kompakte Geschichte der Wissenschaft, von der Aufklärung bis zu den drängenden Problemen der Zukunft.


von Tim Haarmann

 

Vom Staunen in der Welt 
Was Wissenschaft möglich macht - und was nicht
Verlag: S. Hirzel, Stuttgart 2021
ISBN: 9783777628745 | Preis: 25,00 €


Mit der Coronakrise geriet die Wissenschaft verstärkt ins Scheinwerferlicht der öffentlichen Wahrnehmung: Virologen und Epidemiologen klären über die Eigenschaften des Krankheitserregers auf, während Modellierer die Politik mit Szenarien zum Pandemieverlauf beraten. Gleichzeitig sind die wissenschaftlichen Akteure mitunter heftiger – meist außerwissenschaftlicher – Kritik ausgesetzt, wenn sie ihre Einschätzungen im Lichte neuer Erkenntnisse korrigieren oder anpassen müssen. Während Interessengruppen versuchen, die Vielstimmigkeit der Wissenschaft für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, halten seriöse Medien dagegen und erklären, »wie Forschung funktioniert«.

Aktueller denn je

Zwar thematisiert der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer in seinem neuen Buch »Vom Staunen in der Welt« nicht primär die Coronakrise – gleichwohl ist es vor deren Hintergrund aktueller denn je und reiht sich gut in die heutigen Debatten ein. Fischer bereitet dabei den Fortschritt der Wissenschaft seit der Zeit der Aufklärung interessant auf und macht deutlich, wie wissenschaftliche Erkenntnis entsteht.
 
30/2021  Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum – Die Woche, 30/2021

In neun Kapiteln stellt sich der Autor den Fragen, wie sich im 17. Jahrhundert eine wissen-schaftliche Arbeitsweise etablierte, welche Hoffnungen und Ziele die Menschen damit verbanden (und noch heute verbinden), wie die Wissenschaft als ein Berufsfeld entstand, welche Konflikte sich aus Erkenntnissen ergeben können (etwa bei der Kernenergie) und welche Anforderungen sich heute – vor dem Hintergrund von Klimawandel und Artenverlust im Anthropozän – an die Wissenschaft ergeben.

Bei der Frage, wie die Forschung seit der Aufklärung mit der Gesellschaft wechselwirkt und diese geprägt hat, konzentriert sich Fischer vor allem auf die naturwissenschaftlichen Errungenschaften, etwa bei chemischen Synthesen, der Energiegewinnung, im Bereich der Medizin oder Computertechnik. Hier sieht der Autor einige Bildungsdefizite unserer Gesellschaft, an der insbesondere eine zu starke Fokussierung auf den geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich schuld sei. Dabei kriegen deren Vertreter ihr Fett weg: etwa Marcel Reich-Ranicki, den die Natur schnell gelangweilt habe, oder Dietrich Schwanitz, dessen Buch »Bildung – Alles, was man wissen muss« sich auf den nichtnaturwissenschaftlichen Bereich fokussiere.

Sieht man über diese Seitenhiebe hinweg, kann man dem Autor durchaus beipflichten, dass die Naturwissenschaften unsere moderne Welt substanziell geprägt haben: Angesichts der Corona-Pandemie treten die Arbeiten Robert Kochs wieder in Erscheinung oder die des weniger bekannten Arztes Ignaz Semmelweis, der im 18. Jahrhundert durch seine Erkenntnisse zur Hygiene die Sterblichkeit junger Mütter auf Entbindungsstationen erheblich reduzierte.

Spektrum Kompakt:  Corona-Pandemie – Alltag unter Ausnahmebedingungen Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Kompakt: Corona-Pandemie – Alltag unter Ausnahmebedingungen

Im Schlussteil des Buchs befasst sich der Autor mit aktuellen wissenschaftlichen Aspekten sowie deren künftigen Herausforderungen – von denen es zahlreiche gibt, weshalb die ungefähr 50 Seiten, auf denen er eine große Palette von Themen anreißt, hierfür kaum ausreichen: Die Ziele der Vereinten Nationen werden ebenso beschrieben wie die überwundene Ozonloch-Problematik, der Club of Rome und dessen »Grenzen des Wachstums« dürfen nicht fehlen, ebenso wenig Geoengineering und »Fridays for Future«, Plastikmüll, das Anthropozän und vieles andere.<

Das ist alles interessant und gehört zu einer modernen Geschichte der Wissenschaft dazu, auch wenn sich die Themen auf so wenigen Seiten höchstens kurz anreißen lassen. Insgesamt ist Fischers Werk dennoch sehr lesenswert und verdeutlicht, was Wissenschaft in den vergangen Jahrhunderten alles möglich gemacht hat.


Nota. - Anfang der Philosophie sei das Staunen, heißt es seit Plato. Aber das läuft aus das-selbe hinaus: denn die ist der Anfang der Wissenschaft; sie war es, die "Wissenschaft möglich gemach" hat. Wenn das in dem Buch nicht zu lesen steht, dann ist es, so informativ und, na ja, unterhaltsam es sonst wäre, nicht viel wert. 

Das heißt nicht, dass die Geisteswissenschaften historisch oder reell bedeutsamer wären als die Naturwissenschaften, denn eine solche ist die Philosophie nicht. Man kann Philosophie schlecht ohne Geistesgeschichte betreiben, was immer Naseweise heute auch behaupten mögen. Und es ist im Einzelnen schwer, das eine vom andern säuberlich zu trennen. Doch Philosophie, die es ernst meint, muss es jederzeit versuchen, sonst wäre sie weder Geistes- noch sonst eine Wissenschaft. Sie ist auch weder didaktisch noch wissenslogisch die Vor-aussetzung einer Einzelwissenschaft. Aber sie ist die kritische Instanz, die ihr jederzeit zur Seite steht und auf die Finger klopft, wenn sie es mit ihren Voraussetzungen wiedermal nicht so genau nimmt.

Merke: Wissenschfaft ist keine "Arbeitsweise", sondern die Kläranlage des Wissens. Sie statuiert, welches Wissen öffentlich gelten soll.

JE

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen