aus spektrum.de, 29. 7. 2021 zuJochen Ebmeiers Realien; zu Philosophierungen
Geschichte der Wissenschaft
Der
Publizist Ernst Peter Fischer präsentiert eine unterhaltsame und
kompakte Geschichte der Wissenschaft, von der Aufklärung bis zu den
drängenden Problemen der Zukunft.
von Tim Haarmann
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ISBN: 9783777628745 | Preis: 25,00 €
Mit der Coronakrise geriet die Wissenschaft verstärkt ins Scheinwerferlicht der öffentlichen Wahrnehmung: Virologen und Epidemiologen klären über die Eigenschaften des Krankheitserregers auf, während Modellierer die Politik mit Szenarien zum Pandemieverlauf beraten. Gleichzeitig sind die wissenschaftlichen Akteure mitunter heftiger – meist außerwissenschaftlicher – Kritik ausgesetzt, wenn sie ihre Einschätzungen im Lichte neuer Erkenntnisse korrigieren oder anpassen müssen. Während Interessengruppen versuchen, die Vielstimmigkeit der Wissenschaft für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, halten seriöse Medien dagegen und erklären, »wie Forschung funktioniert«.
Aktueller denn je
Zwar thematisiert der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer in seinem neuen Buch »Vom Staunen in der Welt« nicht primär die Coronakrise – gleichwohl ist es vor deren Hintergrund aktueller denn je und reiht sich gut in die heutigen Debatten ein. Fischer bereitet dabei den Fortschritt der Wissenschaft seit der Zeit der Aufklärung interessant auf und macht deutlich, wie wissenschaftliche Erkenntnis entsteht.
In neun Kapiteln stellt sich der Autor den Fragen, wie sich im 17. Jahrhundert eine wissen-schaftliche Arbeitsweise etablierte, welche Hoffnungen und Ziele die Menschen damit verbanden (und noch heute verbinden), wie die Wissenschaft als ein Berufsfeld entstand, welche Konflikte sich aus Erkenntnissen ergeben können (etwa bei der Kernenergie) und welche Anforderungen sich heute – vor dem Hintergrund von Klimawandel und Artenverlust im Anthropozän – an die Wissenschaft ergeben.
Bei der Frage, wie die Forschung seit der Aufklärung mit
der Gesellschaft wechselwirkt und diese geprägt hat, konzentriert sich
Fischer vor allem auf die naturwissenschaftlichen Errungenschaften, etwa
bei chemischen Synthesen, der Energiegewinnung, im Bereich der Medizin
oder Computertechnik. Hier sieht der Autor einige Bildungsdefizite
unserer Gesellschaft, an der insbesondere eine zu starke Fokussierung
auf den geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich schuld sei. Dabei
kriegen deren Vertreter ihr Fett weg: etwa Marcel Reich-Ranicki, den die
Natur schnell gelangweilt habe, oder Dietrich Schwanitz, dessen Buch
»Bildung – Alles, was man wissen muss« sich auf den
nichtnaturwissenschaftlichen Bereich fokussiere.
Sieht
man über diese Seitenhiebe hinweg, kann man dem Autor durchaus
beipflichten, dass die Naturwissenschaften unsere moderne Welt
substanziell geprägt haben: Angesichts der Corona-Pandemie treten die
Arbeiten Robert Kochs wieder in Erscheinung oder die des weniger
bekannten Arztes Ignaz Semmelweis, der im 18. Jahrhundert durch seine
Erkenntnisse zur Hygiene die Sterblichkeit junger Mütter auf
Entbindungsstationen erheblich reduzierte. Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Kompakt: Corona-Pandemie – Alltag unter Ausnahmebedingungen
Das ist alles interessant und gehört zu einer modernen Geschichte der Wissenschaft dazu, auch wenn sich die Themen auf so wenigen Seiten höchstens kurz anreißen lassen. Insgesamt ist Fischers Werk dennoch sehr lesenswert und verdeutlicht, was Wissenschaft in den vergangen Jahrhunderten alles möglich gemacht hat.
Nota. - Anfang der Philosophie sei das Staunen, heißt es seit Plato. Aber das läuft aus das-selbe hinaus: denn die ist der Anfang der Wissenschaft; sie war es, die "Wissenschaft möglich gemach" hat. Wenn das in dem Buch nicht zu lesen steht, dann ist es, so informativ und, na ja, unterhaltsam es sonst wäre, nicht viel wert.
Das heißt nicht, dass die Geisteswissenschaften historisch oder reell bedeutsamer wären als die Naturwissenschaften, denn eine solche ist die Philosophie nicht. Man kann Philosophie schlecht ohne Geistesgeschichte betreiben, was immer Naseweise heute auch behaupten mögen. Und es ist im Einzelnen schwer, das eine vom andern säuberlich zu trennen. Doch Philosophie, die es ernst meint, muss es jederzeit versuchen, sonst wäre sie weder Geistes- noch sonst eine Wissenschaft. Sie ist auch weder didaktisch noch wissenslogisch die Vor-aussetzung einer Einzelwissenschaft. Aber sie ist die kritische Instanz, die ihr jederzeit zur Seite steht und auf die Finger klopft, wenn sie es mit ihren Voraussetzungen wiedermal nicht so genau nimmt.
Merke: Wissenschfaft ist keine "Arbeitsweise", sondern die Kläranlage des Wissens. Sie statuiert, welches Wissen öffentlich gelten soll.
JE

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