Mittwoch, 10. Februar 2021

Ja, was können wir denn nun wissen?

 aus spektrum.de, 3. 2. 2021     

Resümee:                                                                                        
Bewusstsein, Philosophie, Religion und Naturwissenschaft
Von der Diskussion über Naturalismus, Materialismus und Dualismus zum Sinn des Lebens


Serie in vier Teilen
  1. Grundlagen: Materialismus, Reduktionismus, Ontologie & Epistemologie (3.2.2021) 
  2. Zwischenbilanz & Erklärung von Alltagsphänomenen (8.2.2021)
  3. Naturalismus & Ost vs. West 
  4. Rätselhafte Psyche & Schluss

Es scheint nach wie vor viel Diskussionsbedarf zum Thema Bewusstsein und zur Erklärungskraft der Naturwissenschaften zu geben. Immerhin ist Timm Grams’ Gastbeitrag Das fünfte Welträtsel: Bewusstsein gleich nach dem Aus-reißer Zum Verhältnis von Glauben, Philosophie und Naturwissenschaft nun der am zweithäufigsten diskutierte Beitrag hier bei MENSCHEN-BILDER geworden. 

In diesem Resümee möchte ich die Frage beantworten, was diese Diskussion gebracht hat und welche wesentlichen Punkte offenbleiben; dabei sei angemerkt, dass ich – allein schon aus Zeitgründen – nicht alle der inzwischen über 750 Kommentare gelesen habe. Meinem Eindruck nach waren schließlich auch immer mehr Wiederholungen dabei und dreht sich das Gespräch schließlich im Kreis. Um den Blick dafür zu schärfen, worüber geredet wird, will ich mit einigen begrifflichen Anmerkungen beginnen:

Begriffliches

Wenn man Phänomene wie Bewusstsein oder Willensfreiheit, aber auch Positionen ("Is-men") wie Materialismus, Naturalismus oder Dualismus diskutiert, dann sollte zumindest grob klar sein, worüber man spricht. Andernfalls produziert man vielleicht viele Worte, redet aber aneinander vorbei und nicht miteinander. Nun ist MENSCHEN-BILDER ein Blog, der ausdrücklich auch Hobby-Philosophinnen und Philosophen offensteht. Trotzdem sollte man die Begriffsschärfe nicht aus den Augen verlieren, wenn das hier mehr als nur ein Zeitvertreib sein soll. 

Zum Materialismus beziehe ich mich auf ein Lehrbuch der niederländischen Philosophen Sacha Bem und Huib Looren de Jong, das ich selbst jahrelang in meiner universitären Lehre verwendet habe – bis uns übrigens der Verlag den Stecker für die Online-Ausgabe gezogen hat, wohl um eine neue Printausgabe besser zu verkaufen. Jedenfalls definieren die beiden die Position so (in deutscher Übersetzung):

“Materialismus: Eine metaphysische Doktrin in der Philosophie, dass alles in der Welt und alle ihre Entitäten und Phänomene, einschließlich psychologi-scher Phänomene, Manifestationen raumzeitlicher Materie sind.”

Danach erklären sie, dass man diese Position in mehr oder weniger starker Weise vertreten kann:

“Es gibt starke und mehr oder weniger schwache Varianten. Die starken Varianten implizieren Reduktionismus: Mentale Phänomene müssen als Manifestationen von körperlichen oder Gehirnprozessen gesehen werden und müssen wissenschaftlich auf diese Prozesse reduziert werden.”

Bem & de Jong (2006), S. 277; dt. Übers. d. A.
 
Reduktionismus

Reduktionismus äußert sich oft in Aussagen der Form: “Wir verwenden heute zwar psy-chologisches Vokabular – etwa, dass wir an etwas denken oder etwas fühlen –, aber eigent-lich handelt es sich hierbei nur um Gehirnprozesse, die in zukünftiger Forschung genauer identifiziert werden.” Man stellt sich das also so vor, dass die Alltagssprache und auch die Wissenschaftssprache von Psychologie und Kognitionswissenschaft in eine Sprache über Nervenzellen und ihre Aktivitäten überführbar ist.

Es gibt dann noch unterschiedliche Meinungen darüber, ob man nach dieser Reduktion weiter das psychologische Vokabular verwenden kann, etwa aus rein pragmatischen Grün-den, oder dieses eigentlich als falsch aufgegeben werden müsste. Letzteres nennt man dar-um “eliminativen Materialismus”.

Als ich Philosophie studierte (2000-2005), war man in der Analytischen Philosophie des Geistes auf der Suche nach einem Zwischenweg: Gibt es zwischen einem starken Materi-alismus auf der einen Seite und einem Leib-Seele-Dualismus auf der anderen noch eine Position, die sowohl philosophisch als auch wissenschaftlich haltbar ist?

Der Dualismus unterteilt körperliche und psychische Prozesse in zwei unabhängige Seins-weisen. Dies schließt übrigens, anders als oft behauptet wird, nicht aus, dass es gesetzmä-ßige Zusammenhänge zwischen den Seinsweisen gibt. Schon René Descartes (1596-1650) ging davon aus, dass Leib und Seele – über die Zirbeldrüse – nach bestimmten Regeln in-teragieren. Darum betrieb er auch physiologische Forschung und sezierte beispielsweise Tiere.

Nicht-reduktiver Materialismus

Doch bleiben wir bei der Suche nach dem Zwischenweg: Solche Positionen nennt man in der Regel nicht-reduktiven Materialismus. Damit räumt man zwar der Materie eine Vorrang-stellung ein, will man aber auch zum Ausdruck bringen, dass – zumindest in einem bestimm-ten Sinn – nicht alles Materie ist. Hier sollte man zwei Ebenen unterscheiden: die der Erklä-rung (epistemisch) und die des Seins (ontologisch). Was bedeutet das?

Man muss sich bewusstmachen, dass unser Zugang zur Welt – sofern wir nicht direkt etwas sehen, hören, riechen, schmecken oder fühlen – vor allem sprachlicher Art ist. Wohlgemerkt: Es kann also einen Unterschied zwischen dem geben, was grundlegend und wirklich ist, und dem, was wir beschreiben und erklären können.

Auch Wissenschaftler bedienen sich nach wie vor der Sprache, um ihre Ergebnisse und Theorien zu formulieren und mit anderen auszutauschen, anstatt sie etwa zu tanzen oder zu malen. Natürlich können aber Illustrationen und Animationen eine Rolle spielen.

Beschreibung und Welt

Genau an dieser Stelle wird der genannte Unterschied zwischen der epistemischen und der ontologischen Ebene bedeutsam: Vielleicht können wir nicht alles beschreiben und erklä-ren, was ist. Dann könnte es sein, dass zwar alles in der Welt materiell ist, sich aber nicht so formulieren lässt, als ob es materiell wäre.

Das heißt nun im Umkehrschluss, dass es zwei Interpretationsweisen gibt, wenn sich etwas nicht materialistisch (will heißen: als ob es Materie ist) beschreiben lässt: Entweder ist das, was beschrieben werden soll, wirklich nicht materialistisch; oder es sieht, salopp gesagt, nur so aus.

Dieser Unterschied ist bedeutsam, weil er uns die Grenzen unseres Erkenntnismittels, unse-rer Sprache, vor Augen führt. Wir sollten nie vergessen, dass Beschreibung und Welt zwei verschiedene Ebenen sind, so wie ein Wort, ein Begriff, ein Name nicht dasselbe ist wie das Phänomen, das damit beschrieben werden soll.

Der junge Ludwig Wittgenstein (1889-1951) merkte an, dass die Grenze seiner Sprache die Grenze seiner Welt bedeutet (Tractatus, §5.6). Und Friedrich Nietzsche (1844-1900) kriti- sierte, dass wir – auch in der Wissenschaft – oftmals die Begriffe mit den Phänomenen ver-wechseln (Fröhliche Wissenschaft, §58).

Ich sehe das so wie Nietzsche und halte Diskussionen wie die um Materialismus und Re-duktionismus für gute (also kritikwürdige) Beispiele für seinen Punkt: Man streitet sich so sehr um Begriffe, dass man die Phänomene aus den Augen verliert. Wittgenstein würde ich widersprechen, dass uns jenseits der Sprache die direkte Erfahrung bleibt – nur können wir das so Erfahrene eben nicht oder nur eingeschränkt mit anderen teilen: mit-teilen.

Seit jeher bezeugen die Poeten aller Kulturen die Schwierigkeit der sprachlichen Vermitt-lung unserer Erfahrungen. Vergessen wir aber nicht, dass empirisch in “empirische Wissen-schaft” auf das verweist, was erfahren – und etwa nicht nur aufgrund von Überlieferung ge-glaubt – werden kann. Erfahrung steht also in der (Natur-) Wissenschaft im Mittelpunkt.

Sein und Schein

Im Übrigen ist aber selbst die direkte Erfahrung leider kein Garant dafür, dass die Welt auch grundlegend und wirklich so ist; denn schließlich können wir ja nur das erfahren, was für uns erfahrbar ist, das heißt, wofür wir die nötigen Erkenntnismittel haben. Schon Immanuel Kant (1724-1804) nannte hier Kategorien unseres Verstandes – wie Einheit und Vielheit oder Ursache und Wirkung –, anhand derer wir die Welt erkennen. Und ich wüsste nicht, wie man an seiner Einsicht vorbeikäme, auch wenn ich die Kategorien vielleicht anders nennen würde.

Man stelle sich vor, dass man alles durch eine rote Folie sieht: Dann sieht alles rot aus, was aber an der Folie liegt und nicht an den Dingen. Um die Welt so wahrzunehmen, wie sie grundlegend und wirklich ist, müsste man sie ohne jegliche Folie sehen können. Wie soll das aber gehen?

In der Diskussion des Körper-Geist-Problems sagt man noch heute: “Wäre das Gehirn so einfach, dass wir es verstehen könnten, dann wären wir zu dumm, um es wirklich zu verste-hen.” Auch wenn dieser Satz vielleicht keine tiefe philosophische Wahrheit ausdrückt, erin-nert er uns daran, dass unsere Erkenntnis zwingend von unseren Erkenntnismöglichkeiten abhängt: Wir können uns, wenn überhaupt, nur von unserem Standpunkt aus und nicht jen-seits von uns selbst verstehen.

Im zweiten Teil ziehen wir eine Zwischenbilanz, beschäftigen wir uns ausführlicher mit dem nichtreduktiven Materialismus und der wissenschaftlichen Erklärung von Alltagsphänome-nen.

Literatur 
Bem, S. & de Jong, H. L. (2006). Theoretical Issues in Psychology: An Introduction. Sage.
 
 
Nota. - Da hat er sich ja was vorgenommen! Ein Resümee soll es werden: nicht nur eine sachliche Zusammenfassung der Problematik, sondern zugleich, zumindest als Skizze, deren Auflösung. Wie gut ihm das gelingt, wird man abwarten müssen, und ihm nicht voreilig in den Arm fallen.
 
Heute will ich nicht kommentieren; sondern lediglich eine klärende Anmerkung machen:
 
Als das Gegenteil des Materialismus gilt landläufig der Idealismus, und als dessen rück-sichtslosester Vertreter gilt der Transzendentalphilosoph J. G. Fichte. Er sagt, von der Welt wüssten wir gar nichts. Wir wüssten nur von dem, was in unserem Bewusstsein vorkommt, aber das seien keine Dinge, sondern immer nur Vorstellungen; Vorstellungen von Dingen allerdings, und die Philosophie könne lediglich darlegen, dass unsere Annahme, manchen dieser Vorstellungen entsprächen Dinge außerhalb unserer Vorstellungen "in Raum und Zeit" und wir könnten selbst beurteilen, welchen - dass diese Annahme begründet und darum vernünftig ist. 
 
Dieser Idealismus ist insofern kein Gegensatz zum Materialismus, als er nicht behauptet, das Wesen der Welt erschöpfe sich in Vorstellungen - und sei also geistiger Natur -, sondern diese Frage als "metaphysisch" rundweg von sich weist. Eine solche Auffassung wurde ver-treten von dem anglikanischen Bischof Berkeley, der glaubte(!), unsere Annahme von wirk-lichen Dingen in einer wirklichen Welt seien lediglich Ideen, die uns von Gott ins Gemüt gelegt werden, damit wir was draus machen und uns seiner Gnade wert erwiesen. Das nennt Fichte einen dogmatischen Idealismus, weil er keinen Anhaltspunkt in der Erfahrung habe. Reales Wissen beruhe laut Kant dagegen stets auf Erfahrung und nicht auf Hirngespinsten. Erfahrung wiederum würde an wirklichen Dingen gemacht, und die gibt es nur in Raum und Zeit - und bestehen eo ipso aus Materie. 
 
Fichte begründet kein materialistisches Weltbild - das wäre metaphysisch und läge jenseits aller möglichen Erfahrung; sondern setzt es voraus. Idealist bleibt er aber auch dann - denn die Erfahrungen, die wir an der Materie machen, entstünden nicht als deren Abdrücke in unserm Gemür, sondern aus den Absichten, die wir selber an die Dinge heran tragen. Er-fahrung machen wir nur, weil und sofern wir Wollende, und das heißt Handelnde sind.
JE

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