Donnerstag, 25. Februar 2021

Notwendig ist der Zufall.

                                                                     zu Philosophierungen

Ein Reich der Notwendigkeit gibt es nur in Gedanken. 'So muss es sein und etwas anderes ist nicht möglich.' Im Reich des Faktischen ist im Vergleich dazu alles zufällig. 'Wäre die Welt anders eingerichtet, müsste ich etwas anderes von ihr denken.' (Das aber wäre notwen-dig.)

Das Mysterium: Die Welt der Gedanken spielt sich ab in einem Reich von Faktischem. Ist das nun zufällig?

(Ich denke nicht etwas, sondern von etwas, über etwas. Mein Gedanke ist nicht die Sache, sondern ein Bild.)


aus e. Notizbuch, 1. 4. 08

Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

 

Nur, was zufällig ist, braucht einen Grund.

hans bauten

Man sucht nur den Grund von zufälligen Dingen. Die Philosophie überhaupt sucht den Grund von notwendigen Vorstellungen; diese müssen also als zufällig gedacht werden. 

Es wäre Unsinn, nach dem Grund eines Dinges zu fragen, das ich nicht für zufällig hielte. Ich halte etwas für zufällig heißt: Ich könnte denken, dass es gar nicht oder dass es ganz anders wäre. So sind die Vorstellungen vom ganzen Weltsystem; wir denken uns die Erde füglich als anders sein könnend, und uns selbst können wir auf einen andren Planeten ver-setzt denken. Ob wir ohne solche Vorstellungen sein könnten, belehrt uns die Philosophie; aber dass wir das Weltsystem für zufällig halten, ist gewiss, denn nur darum können wir nach einem Grund fragen.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 13 


Nota. - Der gesunde Menschenverstand sieht das ganz anders. Was zufällig geschieht, scheint ihm nicht hinreichend begründet, und was hinreichend begründet ist, kann eigentlich gar nicht anders sein. - Doch der gesunde Menschenverstand ist ein Meta-physiker, für ihn sind logische Gründe und reelle Ursachen dasselbe. Aber notwendig ist nur das Logische, alles Faktische ist bloß mehr oder minder wahrscheinlich, und also mehr oder minder kontingent. Für das metaphysische Denken sind indessen beides 'Kräfte' aus einem 'Stoff', denen ein und dieselbe Substanz 'zu Grunde liegt'. Und die stellen sie sich unweigerlich als einen Schöpfer vor - der selber aber 'ganz anders' hätte schöpfen können!

Die kritische Philosophie macht es möglich und recht eigentlich notwendig, sich das bloß Seiende, das lediglich ist, weil es ist, als einen Zufall vorzustellen. Erst dann kann und muss man immer fragen: warum? Und keine Antwort kann je die letzte sein, man muss immer weiter fragen: warum nun aber dies? Einen Anfang wird man nie finden, man müsste ihn schon postulieren. Doch auch nur die Kritische Philosophie erlaubt, einen Akt der Frei-heit zu denken.
JE

 

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