Mittwoch, 17. Februar 2021

Begreifen und kontemplieren.

uschi dreiucker / pixelio.de;   aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Tätigkeit ist Agilität, innere Bewegung; der Geist reißt sich selbst über absolut Entgegen-gesetztes hinweg; – durch welche Beschreibung keinesweges etwa das Unbegreifliche be-greiflich gemacht, sondern nur an die in jedem notwendig vorhandene Anschauung leben-diger erinnert werden soll. – Aber diese Agilität lässt sich nicht anders anschauen und wird nicht anders angeschaut, denn als ein Losreißen der tätigen Kraft von einer Ruhe; und so hast du sie in der hat angeschaut, wenn du nur wirklich vollzogen, was wir von dir verlang-ten.

... Ich sagte dir: jetzt denke dich, und bemerke, dass dieses Denken ein Tun ist. Du muss-test, um das verlangte zu vollziehen, dich losreißen von jener Ruhe der Kontemplation, von jener Bestimmtheit deines Denkens, und dasselbe anders bestimmen; und nur inwiefern du dieses Losreißen und dieses Abändern der Bestimmtheit be- merktest, bemerktest du dich als tätig. ...

Das Resultat der gemachten Bemerkung wäre dieses: man / findet sich tätig, nur inwiefern man dieser Tätigkeit eine Ruhe (ein Anhalten und Fixirtsein der inneren Kraft) entgegen-setzt.
__________________________________________________________________
J. G. Fichte, Versuch einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre, SW I, S. 531f.


Nota I. - Das Ich sei schlechterdings Agilität, könnte man die Wissenschaftslehre resümie-ren. Doch nicht davon ist hier die Rede. Hier geht es darum, wie besagtes Ich zur Vorstel-lung von der Agilität kommt - und dies kann es nur durch Entgegensetzen. "Handeln ist gleicsam Agilität, Übergehen im geistigen Sinne, dieser Agilität wird im Bewusstsein ent-gegengesetzt ein Fixiertsein, ein Beruhen. Umgekehrt kann ich mir auch der Ruhe nicht bewusst werden, ohne dass ich mir der Tätigkeit bewusst bin. Man muss daher beide zu-gleich ansehen, um eine von beiden einzeln ansehen zu können." Nova methodo, S. 32

Übergehen zwischen zwei Entgegengesetzten ist Agilität. Ruhe ist nicht-Übergehen zwi-schen zwei Entgegengesetzten - die eo ipso nicht mehr als entgegen-, sondern lediglich als gesetzt erscheinen - einander gleichgültig, neben einander. 

So entsteht der Begriff. Er ist das Negativ der Tätigkeit. Doch ohne ihn ist Tätigkeit nicht als solche anschaubar. Reflektieren ist kontemplieren - ist Enthaltung vom Übergehen.
23. 11. 18

Nota II. - Vom Enthalten von der Reflexion ist anderswo die Rede - als einer 'Anschauung zweiten Grades', nämlich der Wahl des ästhetischen Zustands. Doch hier ist Betrachtung nur das 'Schweben' zwischen Begriffen - zwei (oder mehr) leblos Festgesetzten. Da gibts kein Übergehen, sondern nur ein stetes Hin und Her auf der Stelle. Man kann sich darein versenken und daran beschwipsen, es mag einen Rausch erzeugen, aber keinen Einfall.

JE

   

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen