Donnerstag, 11. Februar 2021

Was man wissen kann, II.


aus spektrum.de, 08. Feb 2021                                                                                                             

Nicht-reduktiver Materialismus, Physikalismus und Erklärungen von Alltagsphänomenen 
Im zweiten Teil der Serie über Bewusstsein, Philosophie, Religion und Natur-wissenschaft beschäftigen wir uns erst mit noch ein paar Definitionen und schauen uns dann wissenschaftliche Erklärungen von Alltagsphänomenen an: nämlich willentlichen Körperbewegungen und Glätte
 
 
Serie in vier Teilen
  1. Grundlagen: Materialismus, Reduktionismus, Ontologie & Epistemologie (3.2.2021)
  2. Zwischenbilanz & Erklärung von Alltagsphänomenen (8.2.2021)
  3. Naturalismus & Ost vs. West
  4. Rätselhafte Psyche & Schluss

 

(K)ein Zwischenweg

Vor diesem Exkurs zur sprachlichen Vermittlung und Erkenntnis waren wir gerade beim nicht-reduktiven Materialismus stehengeblieben. Inzwischen haben wir den Unterschied zwischen Beschreibung beziehungsweise Erklärung und Sein kennengelernt.

Bei dem schwächeren, also nicht-reduktiven Materialismus lässt man die Möglichkeit offen, dass aus materiellen Strukturen Eigenschaften oder Phänomene entstehen können, die selbst nicht materialistisch beschrieben (und in diesem Sinne nicht auf Materie reduziert) werden können. Psychische Vorgänge wie Gedanken, Wünsche, Pläne, Absichten, Eindrük-ke und Gefühle könnten hierfür Paradebeispiele sein.

Nun wissen wir, dass aus der Unmöglichkeit so einer Beschreibung nicht zwingend folgt, dass diese Vorgänge nicht-materialistisch sind: Wir können hier nicht von der Beschreibung auf die wirkliche Welt, vom Schein auf das Sein schließen.

Philosophen wie Jaegwon Kim (1934-2019) haben das Projekt des nicht-reduktiven Materi-alismus am Ende aber aus anderen Gründen fallengelassen: Es gelang nicht, psychische Vorgänge einerseits als so selbstständig aufzufassen, dass die Position nicht doch in einen reduktiven, also starken Materialismus kollabieren würde, ohne sie andererseits aus dem (natur-) wissenschaftlichen Gefüge ausbrechen zu lassen.

Entscheidend war hierfür auch die Frage der mentalen Verursachung, also ob psychische Vorgänge etwas in der Welt bewirken können. Unter der kausalen Lupe scheint die natür-liche Welt sich selbst zu genügen, auch ohne die Annahme von “etwas Geistigem”. Und wieso sollte man dessen Existenz sonst annehmen, wenn es nichts in der Welt bewirken kann?

Mit Begriffen wie Supervenienz oder Emergenz versuchte man, die Möglichkeit eines nicht-reduktiven Materialismus auszuloten. Deren Diskussion würde hier aber jetzt zu weit füh-ren. Ich nenne sie hier nur für diejenigen, die sich weiter in die Diskussion vertiefen möch-ten. Es ist Zeit für eine Zwischenbilanz.

Zwischenbilanz

Manche Leserinnen und Leser sitzen wohl schon seit einer Weile auf glühenden Kohlen und Fragen sich, warum es die ganze Zeit um Materie geht. Hat man die Vorstellung, dass Mate-rie das grundlegende Prinzip der Welt ist, nicht längst hinter sich gelassen? Vielleicht. Ich selbst arbeite eher auf dem Gebiet der Philosophie von Psychologie und Neurowissenschaf-ten als der Physik. Dennoch kommen mir hier die Begriffe Energie oder Information in den Sinn.

Für das vorliegende Problem ist es aber nachrangig, was genau das grundlegende Prinzip der Welt ist, so lange es physikalisch ist. Das nennt man mitunter auch Physikalismus. Hier muss man im Einzelfall aufpassen, ob man den Physikalismus aufs Sein oder aufs Erklären bezieht:

Ontologisch (wie die Welt wirklich ist) lässt er sich wohl nie beweisen; und epistemisch (wie man die Welt erklären kann) muss man einräumen, dass wir noch nicht einmal eine Vorstel-lung davon haben, wie eine vollständige physikalische Beschreibung von Gedanken, Über-zeugungen, Gefühlen und so weiter aussehen würde. Daran beißen sich schon die Neuro-wissenschaftler die Zähne aus. Erinnern wir uns daran, was 2004 elf führende Hirnforscher in dem viel zitierten Manifest hierzu schrieben:

“Nach welchen Regeln das Gehirn arbeitet; wie es die Welt so abbildet, dass unmittelbare Wahrnehmung und frühere Erfahrung miteinander verschmelzen; wie das innere Tun als 'seine' Tätigkeit erlebt wird und wie es zukünftige Akti-onen plant, all dies verstehen wir nach wie vor nicht einmal in Ansätzen. Mehr noch: Es ist überhaupt nicht klar, wie man dies mit den heutigen Mitteln erfor-schen könnte. In dieser Hinsicht befinden wir uns gewissermaßen noch auf dem Stand von Jägern und Sammlern.” Das Manifest führender Hirnforscher

Die amerikanische Metaphysikerin Barbara Montero merkte in einem Fachaufsatz (1999) an, dass es bei der Diskussion des Körper-Geist-Problems nicht nur eine Herausforderung ist, das Wesen des Psychischen zu definieren: Vergleichbare Schwierigkeiten gibt es auf der physikalischen Seite.

Aufgrund mangelnder Kenntnis kann ich hier nur sagen, dass die Philosophie der Physik sowie die Theoretische Physik voller faszinierender Herausforderungen steckt. Die Theo-retische Biologie (etwa: Was ist Leben?) kennt ebenso Herausforderungen. Es relativiert aber mitunter sehr vehement ausgefochtenen Diskussionen um den Reduktionismus, wenn man noch nicht einmal genau weiß, was die grundlegende Ebene der Reduktion sein soll. Betrachten aber wir nun erst einmal ein Alltagsbeispiel:

Körper und Geist im Alltag

Heben Sie innerhalb der nächsten Minute einmal den linken Arm. Damit haben Sie übri-gens schon den berühmten Versuch des Neurowissenschaftlers Benjamin Libet (1916-2007) so gut wie wiederholt.

Es geht hier nun nicht um die Frage der Willensfreiheit, die man Libet nach seinem Versuch aufgezwängt hat. (Er selbst wollte die zeitliche Dynamik von Bewusstseinsprozessen erfor-schen, war Dualist und ging von der Möglichkeit von Willensfreiheit aus.) Vielmehr will ich darauf hinaus, dass es beim heutigen Kenntnisstand keine vollständige, rein naturwissen-schaftliche Erklärung dafür gibt, was Sie gerade gemacht haben.

Sie haben meinen Text gelesen oder ihn sich vielleicht vorlesen lassen und angehört. Dann haben Sie die Bedeutung des Satzes, innerhalb der nächsten Minute den linken Arm zu he-ben, verstanden. Vielleicht haben Sie sich nach ein paar Sekunden dazu entschieden, es zu tun – und die Bewegung dann ausgeführt. (Wenn ja, dann dürfen Sie ihn jetzt wieder herun-ternehmen.)

Reise ins Gehirn

Die kursiven Wörter im vorherigen Absatz sind alle Beispiele für psychologisch-mentales Vokabular. Natürlich gibt es nun ansatzweise Erklärungsversuche dafür, wie es möglich ist, dass Sie die Anweisung verstehen, abwägen und schließlich entscheiden. Man konnte bei-spielsweise bestimmte Gehirnregionen identifizieren, die für das Verstehen und ausführen so einer Aufgabe notwendig sind, etwa im unteren Frontal- und oberen Temporallappen (Sprachverständnis) sowie in den prämotorischen und motorischen Gebieten im hinteren Frontallappen (Vorbereitung und Ausführung von Bewegungen).

Aufmerksamkeit und Steuerung, sogenannte “exekutive Funktionen”, die mit anderen Bereichen des Frontal- und Parietallappens in Zusammenhang gebracht werden, dürften auch eine Rolle gespielt haben. Und wenn Sie den Text gelesen, also auch gesehen haben, kommt schließlich der Okzipitallappen mit seinen visuellen Arealen dazu und ist die Groß-hirnrinde komplett. Beim vorlesen Lassen und Hören sollte hingegen das Wernicke-Zen-trum im Temporallappen stärker aktiviert worden sein.

Fazit: Schon bei so einem einfachen Vorgang wie dem Heben des Arms auf Anweisung haben wir keine vollständige wissenschaftliche, geschweige denn naturwissenschaftliche Erklärung, sondern bestenfalls nur eine Blaupause dafür, wo man ansetzen könnte. Jeder von uns kann sich beliebig komplexere Beispiele ausdenken.

So las ich vor Kurzem etwa in einem Buch, dass kriegstraumatisierte Männer häufiger Po-tenzprobleme haben. Laut einer Studie in einer medizinischen Fachzeitschrift betrifft dies 85% der Veteranen mit einer diagnostizierten posttraumatischen Stressstörung, im Ver-gleich zu 22% ohne die Diagnose. Viel Erfolg dabei, dieses Phänomen vollständig wissen-schaftlich zu erklären!

Warum ist Eis glatt?

In der Physik kenne ich mich, wie gesagt, nicht so gut aus. Im Mai 2018 überraschte mich aber eine Meldung in Nature, Experimente und Simulationen von Physikern würden eine ältere Theorie darüber widerlegen, warum Eis glatt ist. Glätte ist ein schönes Beispiel für eine emergente Eigenschaft, weil kein Wassermolekül für sich selbst glatt ist, sondern sich das erst in einer größeren und komplexeren Anordnung von Molekülen ergibt.

Laut der Meldung dachte man vorher, wenn man beispielsweise mit Schlittschuhen auf Eis steht, würde wegen des Drucks etwas Eis schmelzen. Auf dem so entstehenden Wasserfilm könne man dann gleiten (oder auch ausrutschen). Ein passendes Beispiel zur derzeitigen Wetterlage.

Eine neue Erklärung

Das neue Modell von Forschern an der Universität von Amsterdam und dem Max-Planck-Institut für Polymerforschung in Mainz erklärt Glätte aber anders: Auf der obersten Eis-schicht seien die Wassermoleküle weniger verbunden und könne man über sie wie über Baumstämme rollen. Mit dem Modell könne man auch erklären, warum Eis bei -7°C am glattesten sei und die Glattheit bis -70°C abnehme.

Wer hätte das gedacht, dass man sich im 21. Jahrhundert noch darüber auseinandersetzt, warum Eis glatt ist? Ich will mich hier keinesfalls über Physiker lustig machen und habe die Gespräche mit Vertretern dieses Fachs oder auch der Physikochemie oft als bereichernd empfunden.

Mir geht es darum, dass man nicht so tun soll, als habe man die Welt im Wesentlichen schon verstanden und sei der Rest nur noch eine Frage der Zeit. Wer weiß übrigens, ob es nicht irgendwann ein noch besseres Modell geben wird, das Glätte wieder anders erklärt?

Nach einer Zwischenbilanz und einem Ausflug zum nicht-reduktiven Materialismus und Physikalismus haben wir uns im zweiten Teil mit Alltagsbeispielen und wissenschaftlichen Erklärungen beschäftigt. Im dritten Teil betrachten wir den Naturalismus näher.


Literatur

Montero, B. (1999). The Body Problem. Noûs, 33, 183-200.

 

Nota. - Auch heute nur eine erläuternde Anmerkung: Geist (Geistiges) und Materie (Physi-sches) lassen sich als solche an den wirklichen Erscheinungen nicht (auffinden und) isolie-ren. Denn sie sind nichts, was an einem Ding als seine Eigenschaft vorkommt, sondern blo-ße Abstraktionen. Die "gibt es" so wenig, wie es in oder an den Pferden eine Eigenschaft namens Pferdheit gibt. Es handelt sich, wie Kant sie nennt, um Noumena: bloße Denker-zeugnisse, die den tatsächlich vorfindlichen Dingen eine Bedeutung beimessen; nämlich eine Tauglichkeit für die eine oder andere Absicht.

JE 

 

 


Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE  

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